Total votes: 33
  • Send to friend
  • Diese Seite drucken
THEMEN

Der erste Europäer

Der erste Europäer

Die beiden spanischen Anthropologen Antonio Rosas und J.M. Bermudez de Castro haben in den Jahren 1995 bis 1997 bei Burgos in Nordspanien die versteinerten Überreste mehrerer Urmenschen ausgegraben. Dabei war ihnen der technische Fortschritt zu Hilfe gekommen. Der Bau einer Eisenbahntrasse hatte die gesamte Sedimentabfolge der Karsthöhle von Gran Dolina freigelegt und damit die Entdeckung der Fossilfunde ermöglicht. Das Alter der versteinerten Knochenfragmente ist dabei die erste Sensation: die beiden Forscher geben es mit 780 000 Jahren an.

Die zweite Sensation der nordspanischen Ausgrabungsfunde ist die Anatomie der insgesamt 80 Fundstücke. Sie setzen sich aus versteinerten Zähnen und Knochen der Extremitäten, des Kopfes und der Brust von sechs Individuen im Alter unter 20 Jahren zusammen. Vor allem die anatomische Beschaffenheit der Nasenpartie überraschte die spanischen Anthropologen. Der Bereich der Nase ist kaum von der des wesentlich jüngeren Homo sapiens ("der kluge oder verständige Mensch") zu unterscheiden. Andererseits weisen sowohl die Zahnfunde als auch die Partien oberhalb des Auges (stärker hervortretende Knochenwülste über der Augenhöhle) sehr deutlich die ursprünglicheren Merkmale auf, wie sie noch für den Homo erectus ("der aufrecht gehende Mensch") typisch sind. Die Übergangszeit vom Homo erectus zum archaischen Homo sapiens wird von den Anthropologen heute vor rund 400 000 Jahren in Europa und Afrika und vor 300 000 bis 200 000 Jahren in Asien angesetzt, also erst 300 000 bis 400 000 Jahre später als es nun die neuen spanischen Fossilfunde nahe legen.

Rosas und Bermudez de Castro halten die von ihnen gefundene anatomische Kombination ursprünglicher und moderner Merkmale für einzigartig. Sie sind davon überzeugt, eine neue Art Mensch entdeckt zu haben und sie nennen diesen jüngsten Fund aus der Hominidenfamilie Homo antecessor ("Vorläufer"). Aufgrund ihrer anatomischen Vergleichsstudien wollen die beiden Forscher den Stammbaum des Menschen neu zeichnen. Sie halten ihren Menschen von Gran Dolina für den letzten gemeinsamen Vorfahren des modernen Menschen (Homo sapiens sapiens) und des Neandertalers (Homo sapiens neanderthalensis), der heute als ein an Kälte angepasster Seitenzweig der Menschheit gilt.

Bild
Stammbaum der Hominiden.

Als Ursprungsgebiet aller Hominiden wird inzwischen von der anthropologischen Wissenschaft Ostafrika als gesichert angesehen. Belegt durch Fossilfunde und Steinwerkzeuge in 1,9 Millionen Jahre alten Sedimentschichten unter anderem in Südafrika und Tansania gilt der Homo habilis ("der geschickte Mensch") als Stammvater aller Homo-Arten. Aus ihm soll rund 100 000 Jahre später der Homo erectus hervorgegangen sein. Bislang wurde angenommen, dass dieser Homo erectus sich schon wenig später von Afrika aus nach Ostasien und Europa ausgebreitet hat. Bedeutende Fossilfunde belegen dies: 1891 und um 1930 Schädelfunde auf Java ("Java-Mensch"), 1907 ein Unterkiefer bei Heidelberg in Deutschland ("Heidelberg-Mensch") sowie um 1930 Schädel und Unterkiefer in Zhoukoudian bei Beijing ("Peking- Mensch").

Bislang ist noch nicht geklärt, ob der Homo sapiens nur in Afrika entstanden ist und sich von dort über den europäischen und asiatischen Kontinent verbreitet hat (Modell: "Out-of-Africa") oder ob sich in verschiedenen Teilen der Welt mehrfach diese Weiterentwicklung vom ausgewanderten Homo erectus oder einer archaischen Urform des Homo sapiens zum Homo sapiens vollzogen hat (multiregionales Modell). Die beiden spanischen Forscher glauben nun, mit ihrem Fund des Homo antecessor diese Lücke geschlossen zu haben. Ihr Homo antecessor soll das fehlende Übergangsstadium ("missing link") im Stammbaum der menschlichen Entwicklung sein. Bislang hat der Homo erectus den zentralen Platz in der Besiedelung Europas eingenommen. Rosas und Bermudez de Castro sehen nun im Homo antecessor den Ursprung aller europäischen Hominiden. Sie gehen davon aus, dass sich auch der Heidelberg-Mensch aus dem Menschen von Gran Dolina entwickelt hat. Ihrer Theorie nach hat der Homo erectus niemals europäischen Boden betreten und konnte sich ausschließlich nach Asien ausbreiten.

Die gewagte Neuordnung des menschlichen Stammbaumes stößt jedoch bei vielen Anthropologen auf Widerstand und Skepsis. Sie halten das Wissen von der so genannten mittleren Phase der Menschwerdung für insgesamt sehr vage. Probleme und Verwirrungen entstehen beispielsweise immer wieder in der zeitlichen Rangfolge der menschlichen Fossilfunde bei der Altersdatierung der Knochenfunde. So wurden 1994 die Schädelfragmente des Java-Menschen mit neuester wissenschaftlicher Technik neu datiert. Demnach müssten die Knochen 1,6 bis 1,8 Millionen Jahre alt sein, mehr als 600 000 Jahre älter, als bis dahin angenommen. Daher seien nach Meinung kritischer Forscher immer mehrere Entwicklungsszenarien der Menschheit denkbar. Ob es sich beim Menschen von Gran Dolina wirklich um eine neue Art Mensch handelt oder lediglich um die Relikte eines späten Homo erectus, werden erst weitere anthropologische Forschungen mit Sicherheit belegen können.

  1. Der erste Europäer
Total votes: 33
  • Send to friend
  • Diese Seite drucken

Post new comment


0 Kommentare

Filtered HTML

  • Internet- und E-Mail-Adressen werden automatisch umgewandelt.
  • Zulässige HTML-Tags: <a> <em> <strong> <cite> <blockquote> <code> <ul> <ol> <li> <dl> <dt> <dd>
  • HTML - Zeilenumbrüche und Absätze werden automatisch erzeugt.

Plain text

  • Keine HTML-Tags erlaubt.
  • Internet- und E-Mail-Adressen werden automatisch umgewandelt.
  • HTML - Zeilenumbrüche und Absätze werden automatisch erzeugt.
CAPTCHA
This question is for testing whether you are a human visitor and to prevent automated spam submissions.