Der Erste Mai und die Arbeiterbewegung
Der Erste Mai

Aber auch die internationale Organisation der Arbeiterschaft machte Fortschritte. Dazu finden sich in der Chronik des 19. Jahrhunderts die folgenden Ausführungen: "Am 100. Jahrestag der Einnahme der Bastille beginnt in der französischen Hauptstadt der Gründungskongress der Zweiten Sozialistischen Internationale. Der lose Zusammenschluss von sozialistischen Parteien und Arbeiterparteien aus vorerst 20 Ländern wird zur anerkannten Organisation der internationalen Arbeiterbewegung. Die Initiative zur erneuten Durchführung eines internationalen Sozialistenkongresses ging von verschiedenen Gewerkschaften und Arbeiterparteien aus. Sie entsprach dem wachsenden Bedürfnis nach einer internationalen Organisation der Arbeiterschaft. Seit dem Ende der Internationalen Arbeiterassoziation, der Ersten Internationale, im Jahre 1876 hatten sich in der Arbeiterbewegung wesentliche Veränderungen ergeben. Der Anteil der Arbeiter war in den meisten Ländern Europas und Amerikas gestiegen, und die zunehmende Industrialisierung und wirtschaftliche Konzentration führte immer mehr Arbeiter in Großbetrieben zusammen, wodurch günstigere Voraussetzungen für die Solidarisierung und Organisierung der Arbeiterschaft entstanden. Selbständige Arbeiterparteien und -organisationen bildeten sich, die ihren Forderungen nun durch einen internationalen Zusammenschluss mehr Nachdruck verleihen wollten.
Die rund 400 Delegierten des Pariser Kongresses verabschiedeten am 20. Juli mehrere Resolutionen mit folgenden gemeinsamen Forderungen:
- 1. Verbesserte Lage der Werktätigen als eine Voraussetzung für die Übernahme der politischen Macht und die "gesellschaftliche Besitzergreifung der Produktionsmittel" (Achtstundentag, Verbot der Kinderarbeit, Verbot der Nachtarbeit von Frauen und Minderjährigen, Verkürzung des Arbeitstages für Minderjährige)
- 2. Erklärung des 1. Mai 1890 zum Kampftag zur Durchsetzung des Achtstundentags und der anderen Forderungen des Sozialistenkongresses
- 3. Abschaffung der stehenden Heere und Einführung einer allgemeinen Volksbewaffnung
- 4. Vorbereitung der nächsten internationalen Kongresse der Sozialisten.

Bereits 1888 hatte die US-Gewerkschaft "American Federation of Labor" (AFL) beschlossen, am 1. Mai 1890 landesweit eine Kampagne für den Achtstundentag durchzuführen. Auf Anregung des AFL-Führers Samuel Gompers übernimmt die Zweite Internationale diesen Termin. Daraufhin findet in Argentinien, den USA und 18 europäischen Ländern am 1. Mai 1890 die erste "Maimanifestation" der Arbeiterbewegung mit Demonstrationen und Streiks statt. Als allein in London etwa 300000 Menschen demonstrieren, meint Friedrich Engels: "... heute hält das Proletariat Heerschau über seine zum ersten Mal mobil gemachten Streitkräfte, mobil gemacht ... für ein nächstes Ziel, den gesetzlich festzustellenden, achtstündigen Normalarbeitstag ..."
Bis nach dem Ersten Weltkrieg gilt die Arbeitsruhe am 1. Mai meist als Streik. Später wird das Datum als 'Tag der Arbeit' in zahlreichen Ländern zum Feiertag erklärt. In den USA wird ab 1894 der erste Montag im September als 'Labor Day' begangen." In Deutschland nutzten die Nationalsozialisten den 1. Mai im Zusammenhang mit der Zerschlagung der Arbeiterbewegung für Propagandazwecke. Die Chronik 1933 berichtet dazu: "Am 10. April hatte die Reichsregierung den 1. Mai zum "Feiertag der nationalen Arbeit" erklärt. Erstmals ist damit der seit 1890 als Kampftag der Arbeiterbewegung begangene 1. Mai in Deutschland offizieller Feiertag, dessen Höhepunkt eine Großkundgebung auf dem Tempelhofer Feld in Berlin ist. Reichskanzler Adolf Hitler fordert hier u. a. die Überwindung von "Standesdünkel und Klassenwahnsinn" und kündigt Maßnahmen zur Arbeitsbeschaffung an. Der Bundesausschuss des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes hatte seine Mitglieder am 19. April zur Teilnahme an diesen Maifeiern aufgerufen. Bis zuletzt glaubten viele Gewerkschaftsführer, ihre Organisation in den NS-Staat hinüberretten zu können."

Doch dieser Glaube erwies sich als folgenschwerer Irrtum. Bereits am 2. Mai 1933, also einen Tag nach der Großkundgebung auf dem Tempelhofer Feld, besetzen SA und SS alle Einrichtungen der freien Gewerkschaften. Die führenden Funktionäre wurden verhaftet und die Gewerkschaftspresse verboten. An die Stelle der Gewerkschaften trat die vom NS-Regime gelenkte Deutsche Arbeitsfront. Auch das DDR-Regime vereinnahmte den 1. Mai für Propagandazwecke. Als "Internationaler Kampf- und Feiertag der Werktätigen" hatte er als einziger Feiertag neben dem 7. Oktober (Gründung der DDR) den Rang eines Staatsfeiertages. Heute wird der 1. Mai wahrscheinlich in weiten Teilen der Bevölkerung nur noch als willkommener zusätzlicher Urlaubstag angesehen. Doch es lohnt durchaus, sich gelegentlich mit den historischen Hintergründen dieses Tages auseinander zu setzen.
- Der Erste Mai
Bibliografie:
- Wolfgang Abendroth: Einführung in die Geschichte der Arbeiterbewegung. Von den Anfängen bis 1933, 1997
- Immanuel Geiss: Chronik des 19. Jahrhunderts, 1993
- Heinrich Pleticha (Hrsg.): Deutsche Geschichte. Band 10, 1998
- Gerhard A. Ritter: Arbeiter, Arbeiterbewegung und soziale Ideen in Deutschand, 1996









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