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Der gewaltbereite Islamismus

Die Entstehung des Islamismus

Von den 1940er Jahren bis in die 1970er Jahre hat sich mit dem gewaltbereiten Islamismus (Dschihadismus) eine Ideologie herausgebildet, die ein rückwärtsgewandtes gesellschaftliches und politisches System im muslimischen Bereich mit Gewalt durchsetzen will. Die von dieser Ideologie beeinflusste Form des Terrorismus ist im Hinblick auf Relevanz, weltweite Verteilung und Opferzahlen seit Beginn der 1990er Jahre die mit Abstand bedeutendste zeitgenössische Form der politischen Gewaltanwendung. Dabei versteht man unter Islamismus eine politische Ideologie, die sich einer religiösen Sprache bedient und dabei den Anspruch erhebt, die einzig wahre Auslegung des Glaubens darzustellen. Sie ist ein Gegenentwurf zu westlichen Ordnungs- und Wertvorstellungen.

Der Islamismus entwickelte sich als totalitäre Ideologie im zeitgenössischen Islam. Vorläufer dieser Bewegungen traten zuerst Ende des 19. Jahrhunderts im Vorderen Orient auf. Muslimische Rechtsgelehrte stellten sich die Frage nach der Ursache der westlichen Überlegenheit und des eigenen Niedergangs. Sie sahen als Ursache an, dass sich der praktizierte Islam weit von seinen Ursprüngen und den im Koran geforderten Lebensweisen entfernt habe. Die Regierungen und Eliten der muslimischen Länder hätten sich vom Islam abgewandt und eine gottlose, an westlichen Mustern orientierte Gesellschaft begründet. Die Schlussfolgerung lautete, zu den "Fundamenten des Islams", d. h., zu einer Rechts- und Werteordnung zurückzukehren, die mit derjenigen zur Zeit des Propheten vergleichbar sei. Die Einführung eines derartigen islamischen Systems sei zudem die zentrale Voraussetzung für jede positive politische und gesellschaftliche Veränderung bzw. Entwicklung in der islamischen Welt.

Die Ideologie für eine islamische Weltordnung und den bewaffneten Verteidigungskampf (Dschihad), die eine sektenartige Minderheitenströmung im Islam darstellt, wurde insbesondere inspiriert durch die Arbeiten von zwei Gelehrten: Sayyid Qutb und Dr. Abdullah Azzam. Das Fundament der Ideologie findet sich in den Schriften des Ägypters Sayyid Qutb (1906-1966). Deren zentraler Inhalt ist ein Kampf gegen den Westen, die Ablehnung seiner Werte und der kulturellen Moderne, die er in dem Buch "Ma'alim fi-l Tariq" (dt. Wegzeichen bzw. Meilensteine) 1964 zusammenfasste.

Sayyid Qutb sah überall dekadente Zustände, die von Profitsucht, Gleichgültigkeit und dem "Geist des Liberalismus" geprägt seien. Den Grund für diesen Niedergang der Zivilisation sah er darin, dass die Gesellschaften ihre religiöse Orientierung verloren hätten. Was die islamischen Staaten vielmehr beachteten, seien Pseudo-Werte. Diesen Sachverhalt aber könne ein rechtgläubiger Muslim nach Qutbs Ansicht nicht dulden und müsse dagegen einschreiten. Der von Qutb verwendete Begriff "Dschihad" geht auf koranische Suren zurück und wird oft falsch als Heiliger Krieg übersetzt. In korrekter Bezeichnung steht dieser Begriff für "das Bemühen auf dem Weg Gottes" oder "das Bemühen um Gottes Willen", vermittelt also das Bedeutungsfeld "sich bemühen, streben, kämpfen".

Sayyid Qutbs ideologische Grundlagen wurden nach seiner Hinrichtung in Ägypten 1966 von zahlreichen Gelehrten in Richtung "gewaltsamer Dschihad" fortentwickelt und verfeinert. Einer der wichtigsten unter ihnen war Scheich Dr. Abdullah Azzam (19411989), ein Ideologe aus Palästina mit späterem Lehrstuhl in Saudi-Arabien. Seine radikal internationale Vision des Dschihad übte großen Einfluss auf viele extremistische Muslime aus. Abdullah Azzam skizzierte eine "Vorhut" bzw. "Elite", die ein "starkes Fundament" (al qaeda al-sul-bah) für die angestrebte Gesellschaft bilde. Innerhalb dieser Gruppe müsse es Aktivisten geben, die aus dem weltlichen Leben fliehen, um ihr Handeln auf die Glaubensziele auszurichten und ihr Leben dafür einsetzen, den wahren Prinzipien zum Sieg zu verhelfen. Dabei bilden die Begriffe "starkes Fundament" (al qaeda al-sul-bah) bzw. "kleine opferbereite Elite" die Grundlage für die Namensgebung und das Selbstverständnis der späteren Al Qaida-Terrororganisation.

  1. Die Entstehung des Islamismus
  2. Die Ideologie des Islamismus heute
  3. Die Umsetzung der islamistischen Gewaltideologie

Bibliografie:

  • Bundesministerium des Innern (Hrsg.), Islamismus. Berlin 2004
  • Wilhelm Dietl, Kai Hirschmann, Rolf Tophoven, Das Terrrorismus-Lexikon Frankfurt a. M. 2006
  • Marc Juergensmeyer, Terror im Namen Gottes. München 2004
  • Udo Ulfkotte, Der Krieg in unseren Städten Wie radikale Islamisten Deutschland unterwandern. Frankfurt a. M. 2003
  • Johannes Urban, Die Bekämpfung des internationalen islamistischen Terrorismus. Wiesbaden 2006
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