Der Realismus - Rückzug aufs Bürgerliche
Das realistische Weltbild
Im Verlauf der Literaturgeschichte machte sich eine realistische Haltung häufig gegen Ende klassischer Epochen bemerkbar. Der mögliche Grund für diesen Zyklus ist eine auf hochgespannte Ziele und glänzende Leistungen folgende Ernüchterung, die die alten religiösen Bindungen lockerte und die Ideale in den innerweltlichen Bereich verlegte. So traten in der altgriechischen Klassik bereits bei Euripides realistische Wesensmerkmale auf, und im Mittelalter folgte auf die Blütezeit des höfischen Epos und des Minnesanges eine Dichtung, die die niedere Minne als ausschließliche Realität anerkannte und volkstümliche Töne anschlug. Eine unverblümte Derbheit setzte sich dann fort bis in die Barockliteratur hinein, die mit Grimmelshausens "Simplicissimus" ihr eindrucksvollstes Zeugnis realistischer Lebensechtheit hervorbrachte.

Als eigentliches Zeitalter des literarischen Realismus wird aber die Epoche bezeichnet, die zwischen Romantik und Naturalismus die Zeitspanne etwa von 1850 bis 1890 umfasst. Scharf begrenzen lassen sich die Jahre seiner Wirksamkeit nicht, denn die Romantik leitete z. B. mit Tiecks Altersnovellen zum Realismus über, und am Ende der Epoche erschienen Wilhelm Raabes realistische Alterswerke, als längst der Naturalismus seine Herrschaft angetreten hatte. Der deutsche Realismus schloss sich am engsten der Bewegung des Jungen Deutschland an, das zwischen 1830 und 1880 die literarische Gestaltung der neuen politischen, gesellschaftlichen und religiösen Wirklichkeit erstrebte. Während aber die Jungdeutschen sich im Kampf um aktuelle Tagesprobleme aufrieben, kehrte sich der dichterische Realismus von der revolutionären Haltung der Jungdeutschen und der daraus erwachsenen Tendenzliteratur weitgehend ab. Wo persönliches Schicksal im Zusammenhang mit Zeitfragen dargestellt wurde, geschah es vor dem Hintergrund zeitlos gültiger Menschlichkeit. Hauptsächlich beschäftigte den Realismus das allgemeine Problem der Einordnung des Individuums in die durch Umwelt und menschliche Gemeinschaft gegebenen Bindungen. In dieser Hinsicht bedeutete er eine Weiterführung der Klassik und ihres Ordnungsgedankens, nunmehr allerdings in einer der Zeit entsprechenden bürgerlichen Haltung. Der Lebenskreis der Bauern, Handwerker, Kaufleute, Lehrer und Pfarrer wurde der künstlerischen Darstellung für würdig befunden. Wichtige Themen des Realismus waren auch die soziale Frage und der Gemeinschaftsgedanke.
Daneben hatte der Realismus auch für Natur und Landschaft, Geschichte und Volkstum einen offenen Sinn. Zur Romantik standen die Realisten in keinem streitbaren Gegensatz, zeichneten sie sich doch selbst durch Fantasie und Stimmungsweite aus. Nur die subjektiven, transzendenten und abenteuerlich-fantastischen Seiten der Romantik entsprachen nicht mehr dem auf Objektivität gerichteten neuen Lebensgefühl. Wirklichkeitsnah, einfach und anschaulich war die Sprache des Realismus, aber nicht kunstlos, sondern voller gestaltender Kraft und handwerklicher Meisterschaft.
Für das neue Weltbild waren die Fortschritte der Naturwissenschaften sowie die rasante Entwicklung der Technik von großer Bedeutung. Die damit zusammenhängende Industrialisierung und der wachsende Kapitalismus führten zu einer Proletarisierung breiter Kreise der Bevölkerung. Klassengegensätze sowie der Gegensatz zwischen Stadt und Land traten immer deutlicher hervor. In gleicher Weise trugen der philosophische Materialismus und Pessimismus dazu bei, das Diesseits als einzige erfahrbare Wirklichkeit anzuerkennen. Eine Verzichtstimmung, Glaubens- und Illusionslosigkeit machten sich breit, noch aber wirkte die Tradition europäischer Christlichkeit und Humanität als starkes Gegengewicht. Die Dichter des Realismus sahen häufig noch Möglichkeiten, die Menschlichkeit im irdischen Bereich zu verwirklichen. Gegen die spürbare Bedrohung des Daseins führten sie den Humor als Waffe ins Feld.
Der Realismus des 19. Jahrhunderts war eine gesamteuropäische Erscheinung, deren Hauptleistungen auf dem Gebiet des Romans und der Novelle lagen.
Die großen Vorbilder realistischer Erzählkunst des Auslands, die den deutschen Realismus stark beeinflussten, waren in Frankreich Stendhal, Honoré de Balzac und Gustave Flaubert, in England Charles Dickens, William M. Thackeray und George Meredith, in Russland Alexander Puschkin, Nikolai Gogol, Iwan Turgenjew, Fjodor M. Dostojewskij und Leo N. Tolstoj.
- Das realistische Weltbild
- Der Realismus im deutschsprachigen Raum
- Meisterwerke des Realismus
Bibliografie:
- Hugo Aust: Realismus. Lehrbuch Germanistik, Stuttgart, 2006
- Hugo Aust: Literatur des Realismus, Stuttgart 2000
- Sabina Becker: Bürgerlicher Realismus. Literatur und Kultur im bürgerlichen Zeitalter, Tübingen, Basel, 2003
- Marianne Wünsch: Realismus, 2007









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