Der Roman
Klassifizierungen
Prosagattung (erzählender Text) mit beträchtlicher, aber nicht genau bestimmbarer Länge. Je nach Fragestellung lässt sich der Roman nach zahlreichen Kriterien unterteilen:
Form der Romans: Briefroman, Dialogroman, Montageroman etc.
Erzählperspektive: Ich-Roman, auktorialer Roman, personaler Roman
Inhalt bzw. Sujet: Beispielsweise Abenteuerroman, Bildungsroman, Entwicklungsroman, erotischer Roman, Familienroman, Gesellschaftsroman, Heimatroman, historischer Roman, humoristischer Roman, Kolportageroman, Kriegsroman, Kriminalroman, Künstlerroman, Liebesroman, Räuberroman, Reiseroman, Ritterroman, Schäferroman, Schauerroman, Schelmenroman, Schlüsselroman, sentimentalischer Roman, utopischer Roman (Science fiction) und zahlreiche weitere Formen.
Die Blütezeit des Romans liegt zwischen 1800 und heute. Die Bezeichnung "Roman" ist in der deutschen Literatur erst seit dem 17. Jahrhundert geläufig. Das Wort "Roman" stammt vom altfranzösischen romanz für volkssprachliche Prosa der lingua romana - im Gegensatz zu den lateinischen Texten der lingua latina.
Historische Entwicklung
Schon die antiken Vorläufer des Romans in Griechenland waren recht populär - seien es erotische Abenteuer (Miles von Aristides von Milet) oder Liebesromane (Chaireas und Kallirrhoe von Chariton von Aphrodisias). Auch im römischen Reich standen Romane oben auf der Beliebtheitsskala, etwa Der Goldene Esel (170 n. Chr. ) von Apuleius.
Das mittelalterliche Versepos ab dem 12. Jahrhundert vereinte Liebesgeschichten (Minne) mit ritterlichen Abenteuern, z.B. Tristan und Isolde. Hier sind vor allem Chrétien de Troyes, Hartmann von Aue, Gottfried von Straßburg und Wolfram von Eschenbach zu nennen. Im 17. Jahrhundert trat der Schelmenroman in den Vordergrund. Herausragendes Beispiel ist Johann Jakob Christoffel von Grimmelshausens Simplizissimus (1668).
Blütezeit im 18. Jahrhundert
Im 18. Jahrhundert verband sich die Erzählform des Romans mit dem Aufstieg des Bürgertums. Psychologische Figurengestaltung, vereint mit unterhaltenden Aspekten, wurden mit immer raffinierterer Erzählkunst (Rückblenden, Einschübe, Rahmenhandlungen etc.) kombiniert. Die stilprägenden Werke dieser Epoche kamen aus England und Frankreich: Tristram Shandy (1759-1767) von Laurence Sterne, Jacques le fataliste (1773) von Denis Diderot. Da es in Deutschland noch keine ausgeprägte Romantradition gab, orientierte man sich weithin an diesen ausländischen Vorbildern.
Einer der ersten großen Romanerfolge war Johann Wolfgang von Goethes Briefroman Die Leiden des jungen Werther (1774), der eine wahre Massenhysterie auslöste. Im gleichen Jahr erschien ein erster Versuch einer Romantheorie von Christian Friedrich von Blankenburg (Versuch über den Roman).
Auch der Schauerroman angelsächsischer Prägung fand seinen festen Platz in der deutschen Literatur: Friedrich Schillers Erzählfragment Der Geisterseher (1788) war extrem beliebt (und wurde 1922 von Hanns Heinz Ewers fortgesetzt). In diesem Zusammenhang muss auch E. T. A. Hoffmanns Schauerroman Die Elixiere des Teufels (1815/16) genannt werden.
Sonderform Bildungsroman
Den größten Einfluss in der deutschen Literatur um 1800 gewann die Form des Bildungsromans. Zentrum des Bildungsromans ist die Frage, wie der Held den Zwiespalt zwischen Natur und Kunst, Sollen und Wollen, Ideal und Realität überwindet. Die wichtigsten Werke dieses Typs sind Anton Reiser (1787) von Karl Philip Moritz, Ardinghello oder Die glückseligen Inseln (1787) von Wilhelm Heinse, Wilhelm Meister (1795/96) von Johann Wolfgang von Goethe, Heinrich von Ofterdingen (1802) von Novalis, Lucinde (1799) von Friedrich Schlegel, Geschichte des Herrn William Lovell (1795-1796) von Ludwig Tieck und einige Romane von Jean Paul (Hesperus, 1795; Titan, 1800-1803; Flegeljahre, 1804-1805).
Der Roman im 19. Jahrhundert
Im 19. Jahrhundert stellte der Roman die Gesellschaftskritik ins Zentrum. Vorbild waren erneut Romane französischer und englischer Autoren wie Stendhal (Le rouge et le noir, 1830), Gustave Flaubert (Madame Bovary, 1857), Charles Dickens oder Walter Scott. Bedeutende deutschsprachige Realisten waren Theodor Fontane (Effi Briest, 1896), Wilhelm Raabe (Die Akten des Vogelsangs, 1895), Gottfried Keller (Der grüne Heinrich, 1854), Gustav Freytag (Soll und Haben, 1855) und Adalbert Stifter (Der Nachsommer, 1857). Besonders viel gelesen wurden die Abenteuerromane von Karl May (z. B. Winnetou oder Der Schut).
Die Moderne im 20. Jahrhundert
Der Roman des 20. Jahrhunderts beginnt mit Thomas Manns Bürgerroman Die Buddenbrooks (1901). Seine Romane Der Zauberberg (1924) und Doktor Faustus (1947) gehören zu den Höhepunkten des bildungsbürgerlichen Romans.
Die ersten zwei Jahrzehnte bringen eine Blüte des fantastischen Romans in Deutschland: Zu seinen Autoren zählen vor allem Gustav Meyrink (Der Golem, 1915; Das grüne Gesicht, 1916), Leo Perutz (Der Meister des Jüngsten Tages, 1923), Hanns Heinz Ewers (Alraune, 1911) und Alexander Lernet-Holenia (Der Mann im Hut, 1937).
Bedeutende Romanautoren des Zeitalters der Weltkriege waren u.a. Joseph Roth (Radetzkymarsch, 1932; Die Kapuzinergruft, 1938), Franz Kafka (Der Prozeß, 1925; Das Schloß, 1926) und Alfred Döblin (Berlin Alexanderplatz, 1929).
Nach dem Zweiten Weltkrieg
Die Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg waren von den moralischen Romanen Heinrich Bölls (Der Zug war pünktlich, 1949; Billard um halbzehn, 1959) und Günter Grass' (Blechtrommel, 1959) geprägt. Als innovativster Romanautor der Nachkriegszeit erwies sich Arno Schmidt (Zettels Traum, 1970; Abend mit Goldrand, 1975). Unterhaltsame Romane schrieben Johannes Mario Simmel (Es muss nicht immer Kaviar sein) und Herbert Rosendorfer (Der Ruinenbaumeister, 1969). In den letzten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts hatten einige deutsche Romanschriftsteller auch wieder internationalen Erfolg, darunter Patrick Süßkind (Das Parfüm, 1985), Christoph Ransmayr (Die letzte Welt, 1988) und Helmut Krausser (Melodien, 1993).
Fragen
1. Welche Schauerromane hatten in Deutschland besonderen Erfolg?
2. Nennen Sie einige Beispiele für den fantastischen Roman in Deutschland.
3. Nach welchen Kriterien kann man Romane unterscheiden?
Antworten
1. Schiller: Der Geisterseher; E. T. A. Hoffmann: Die Elixiere des Teufels.
2. Meyrink: Der Golem; Das grüne Gesicht; Perutz: Der Meister des Jüngsten Tages; Ewers: Alraune; Lernet-Holenia: Der Mann im Hut.
3. U.a. nach Form, Erzählperspektive und Inhalt/Sujet.









0 Kommentare