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Der Wolf - das böse Tier aus dem Märchen

Lexikon: Wolf

Der Wolf (wissenschaftlicher Name: Canis lupus) gehört zur Familie der Hundeartigen, Ordnung Raubtiere, Klasse Säugetiere und ist wohl jedem von Kindesbeinen an vertraut als die Verkörperung des Bösen in den Märchen der Gebrüder Grimm. Er gehört damit aber sicherlich auch zu den meist verkannten Tieren.
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Wolf

Merkmale: Die Gestalt ist typisch hundeartig mit einer Schulterhöhe von 50-100 cm, wobei die Männchen in der Regel größer werden als die Weibchen. Die Fellfärbung variiert von Weiß bis zu reinem Schwarz. Der "normale" Grauwolf erhält seine Farbe durch ein mehr oder weniger homogenes Gemisch aus weißen, schwarzen und braunen Grannenhaaren. Häufig treten auch zimt- bzw. sandfarbene Formen auf. Die Unterseite einschließlich der Kehle ist stets heller als die übrige Körperfärbung. Der schlanke Rumpf sitzt auf langen Gliedmaßen und endet in einem ca. 1/3 der Körperlänge messenden Schwanz.

Verbreitung und Lebensraum: Innerhalb der Familie der Hundeartigen treffen wir wohl kaum auf einen Vertreter, der eine größere Anpassungsfähigkeit in Bezug auf seinen Lebensraum und die Lebensbedingungen zeigt als der Wolf. Schon aus seinem ursprünglich riesigen Verbreitungsgebiet auf der Nordhalbkugel der Alten und Neuen Welt von der Arktis bis in die gemäßigten und trockenen, teilweise auch tropischen Gebiete geht seine bemerkenswerte innerartliche Variabilität hervor, die dazu geführt hat, dass etliche Unterarten - bis zu 44 - beschrieben wurden, wobei die konkrete Zahl allerdings umstritten ist.

Aus seinem ursprünglich unermesslichen Verbreitungsgebiet wurde der Wolf bis auf letzte kleine Refugien weitgehend vertrieben, wobei etliche Unterarten für immer ausgerottet wurden. So finden wir heute nur noch in Russland, Alaska und Kanada in menschenarmen, unkultivierten Landschaften nennenswerte Wolfsbestände. Reste mit wenigen Einzeltieren befinden sich in den Pyrenäen, den Abruzzen und in Skandinavien. Einige etwas größere Rudel leben noch in Osteuropa und den USA.

Lebensweise: Vielleicht das Faszinierendste an den Wölfen ist ihr Gemeinschaftsleben. Die Lebenseinheit des Wolfes, das Rudel, ist eine der im Tierreich am höchsten entwickelten sozialen Organisationsformen, die wir kennen. Die Größe eines derartigen Rudels ist abhängig von der Beutetierdichte und -größe sowie von der Jahreszeit. Da von einem Rudel als soziale Versorgungseinheit alle Mitglieder, auch die nicht selbst jagenden, versorgt werden, wird eine maximale Mitgliederzahl von 10 Tieren in der Regel nur sehr selten überschritten. Normalerweise bestehen die Sommerrudel aber im Durchschnitt aus höchstens 5-8 Mitgliedern. Im Winter vereinigen sich häufig mehrere kleinere Rudel zu einem großen, das sich im Frühjahr wieder auflöst. Diese Sommer- und Winterrudelbildung bestimmt auch den Zeitpunkt der Wiederherstellung des sozialen Verbandes, d. h. die neuerliche Bildung der sozialen Rangordnung.

Im Wolfsrudel, gleich welche Kopfzahl es enthält, existieren zwei getrennte soziale Rangordnungen, eine für die Männchen und eine für die Weibchen. Diese werden in teilweise heftigen Rangordnungskämpfen ausgefochten und bleiben dann in der Regel für das nächste Halbjahr stabil. Erster Auslesefaktor für die Erlangung eines bestimmten Platzes innerhalb der Sozialordnung ist die körperliche Stärke des Individuums. Weiterhin spielen aber auch "Freundschaften" zu ranghohen Tieren oder die Tatsache, ob man Junge führt oder nicht, eine Rolle. In den Rangordnungskämpfen geht es oft nicht so ritterlich zu, wie es vielfach beschrieben wird, und häufig bleibt einem Unterlegenen nur die Flucht, um sein Leben zu retten. Nach vollzogenen Rangauseinandersetzungen können diese Individuen jedoch meist in das Rudel zurückkehren, müssen sich aber mit den niedrigsten Rangplätzen zufrieden geben.

Keinerlei Schonung gewähren sich kämpfende Wölfe, die unterschiedlichen Rudeln angehören. Hier gilt die Devise "Sieg oder Flucht", eine Schonung des Gegners in Form einer angeborenen Beißhemmung ist in derlei Auseinandersetzungen nicht vorhanden. Nach dem bisher Gesagten erhält man nun den Eindruck, eine Wolfsgemeinschaft sei ein überwiegend durch Auseinandersetzungen geprägtes Sozialgefüge. Dies ist aber bei weitem nicht so. Derartige für alle Mitglieder mehr oder weniger gefährliche Kämpfe bilden die Ausnahme des normalen Rudellebens, denn oftmals bleibt der Kern einer Gemeinschaft über Jahre zusammen. In diesem Falle bleiben die Rangauseinandersetzungen auf das Notwendigste beschränkt. Jetzt herrscht ein friedlich-freundliches Miteinanderleben, in dem Meinungsverschiedenheiten durch die unterschiedlichsten Zeremonielle auf friedlichem Wege beiseite geräumt werden.

Wichtigster Ordnungsfaktor sind die beiden ranghöchsten Tiere, die man auch als Alpha-Tiere bezeichnet. Alpha-Männchen und Alpha-Weibchen bilden das Kernpaar des Rudels. Sie zeigen das umweltsicherste Verhalten mit aufrechtem Gang, hochgestelltem oder sogar über die Rückenlehne erhobenem Schwanz. Vor ihnen zeigen sich bei Unstimmigkeiten die anderen Tiere in Defensiv- oder gar Demutshaltung. Dabei ist ihr Körper je nach dem Grad der Unterlegenheit leicht bis tief geduckt, die Ohren seitwärts oder gar nach hinten gelegt, und der Schwanz hängt nach unten, ist zwischen die Beine geklemmt oder gar unter den Bauch gezogen. Bei tätlichen Übergriffen des ranghöheren Tieres wirft sich der Rangniedere meist auf den Rücken, uriniert häufig ein wenig und gestattet dem Überlegenen Harn- und Genitalkontrolle. In der Regel wird der Ranghohe keine aggressiven Übergriffe auf den Unterlegenen unternehmen, sondern sich abwenden, das Bein heben und seine Urinmarke gegen einen Baum oder ähnliches spritzen. Ähnlich verläuft eine Auseinandersetzung zwischen zwei Weibchen, wenngleich hier häufiger kleinere Beißereien an der Tagesordnung sind. Mitunter flüchtet sich dann ein unterlegenes Weibchen zu einem ranghohen Rüden und findet dort Schutz.

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Wolfsgebiss

Jagd und Ernährung: Auch die Jagd, die vornehmlich auf größere Huftiere wie Elch, Ren, Hirsch und Wildschaf ausgerichtet ist, findet im sozialen Verband statt. Bei Beutetieren dieser Größe wäre dem körperlich teilweise sehr viel kleineren Wolf in einer Einzeljagd auch kein Erfolg beschieden. In nahezu genialer Arbeitsteilung jagen die Wölfe als reine Hetzjäger abwechselnd ihre Beute, die sie zuerst aus dem Herdenverband abzusprengen trachten. Ist ein Wolf mit seiner Kraft am Ende, ersetzt ihn sofort der nächste in der Führungsposition, der sich bisher im Nachfeld geschont hat und nun mit voller Kraft die Verfolgung fortsetzen kann. Wenn möglich treiben sich die Hunde die Beute gegenseitig zu. Schließlich springt einer oder mehrere das Beutetier von der Seite an und versucht es durch einen Kehlbiss zu töten. Die unheimlich kraftvollen Brechscheren des Wolfsgebisses können dabei einen Druck von über 15 kg/cm2 ausüben und sind so ohne weiteres in der Lage, den Oberschenkel eines erwachsenen Elchs glatt durchzubeißen. Normalerweise fallen den Wölfen bei ihrer Jagd kranke oder alte Tiere zum Opfer, da diese zuerst aus dem Herdenverband ausscheren. Damit trägt der Wolf seinen Teil zur natürlichen Gesunderhaltung der Paarhuferbestände bei.

Bei der Jagd wie auch im normalen Rudelleben bleibt festzustellen, dass in einem Wolfsrudel ein so genannter "Leitwolf" nicht existiert. Wölfe rennen nicht blind wie eine Schaf- oder Rinderherde hinter einem "Leittier" oder "Führer" her, sondern sie besitzen eine angeborene "Einsicht" für die Notwendigkeit dieser oder jener Handlungsweise. Ihr Handeln innerhalb des Sozialverbandes wird also nicht durch ein "Leittier" bestimmt, sondern liegt völlig bei jedem einzelnen Individuum und seinem angeborenen oder erlernten Verhaltensrepertoire. Aus diesem Grund sollte man in Bezug auf Wölfe den Begriff "Leittier" durch "Alphatier" ersetzen und sich über die Aufgaben dieses Alphatieres, das lediglich das umweltsicherste Mitglied des Verbandes ist, klar werden. Die Aufgaben dieses Tieres liegen sehr viel mehr im Bereich der Sicherung des Rudels nach außen, als in der Reglementierung der Mitglieder innerhalb der Gruppe.

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Wolfsrüde und Weibchen

Fortpflanzung:Im Frühjahr nach der Sommerrudelbildung und der Rangordnungsstabilisierung beginnt die Brunst- oder Ranzzeit der Wölfe. Innerhalb des Rudels gelangen nur die ranghohen Tiere in die Stimmung und wahrscheinlich auch physiologische Lage, brünstig zu werden. Jetzt bemüht sich der Rüde in besonderem Maße um sein Weibchen und behandelt es geradezu zärtlich. Ständiger Körperkontakt vertieft die Bindung zum Partner, bis das Weibchen schließlich Anfang April für etwa eine Woche deckwillig wird. Jetzt umtänzeln sich die Geschlechtspartner und richten sich häufig aneinander auf, indem sie sich auf die Hinterbeine stellen und dem Partner die Vorderbeine auf die Schultern legen. Dieser so genannte "Hochzeitstanz" ist ganz besonders wichtig, denn ohne ihn kommen bei weitem weniger Paarungen zustande als mit ihm. Nach diesem "Hochzeitstanz" und nach ständigem Beriechen und Belecken der weiblichen Anogenitalregion durch den Rüden nimmt das Weibchen seinen Schwanz beiseite und fordert so den Rüden zum Besteigen auf. Nach der Kopulation und dem bei den Hunden üblichen "Hängen" laufen die Partner freudig-freundlich umeinander und suchen ständigen Kontakt. Während der einen Woche der Hochranz wiederholt sich dieses Paarungsspiel mehrere Male pro Tag. Früher nahm man an, dass sich innerhalb eines Rudels nur das Alpha-Weibchen mit dem Alpha-Rüden verpaaren darf. Nach vielen neueren Beobachtungen ist diese Ansicht heute nicht mehr haltbar, sondern es scheinen sich in der Tat mehrere Rüden mit einer Fähe zu paaren. Auch wird nicht grundsätzlich nur das Alpha-Weibchen heiß, sondern man beobachtet durchaus mehrere führende Weibchen innerhalb einer Gruppe, die auch deutlich ein Gesäuge ausgebildet haben.

Nach etwa 62 Tagen Tragzeit bringen die Weibchen 4-7 Junge zur Welt, nachdem sie sich sorgsam einen Bau ausgesucht oder selbst gegraben haben. Die Jungen werden blind und mit spärlichem Babyhaar geboren. Nach 10-15 Tagen öffnen sie die Augen und werden etwa 10 Wochen lang gesäugt. Von Geburt an beteiligt sich der Vater an der Aufzucht der Jungen und der Nahrungsbeschaffung für die Mutter. Oft bewohnt er dieselbe Höhle, in der auch das Weibchen mit den Jungtieren lebt. Sobald die Jungen auch feste Nahrung zu sich nehmen, beteiligt sich das ganze Rudel an der Beschaffung der Beute. Das Fleisch wird dann in der Regel leicht vorverdaut vor den Jungen ausgewürgt. Nach der Entwöhnung der Welpen geht die Mutter mit der übrigen Meute auf die Jagd und überlässt ihre Kinder einem jüngeren Weibchen, das als "Tante" eventuell auch noch von anderen Weibchen vorhandene Jungen betreut. Dafür wird sie, wie auch die Jungen, vom Rudel mit Nahrung versorgt. Futterneid ist (im Gegensatz zu den Schakalen) im Wolfsrudel eine seltene Randerscheinung. Jungtiere besitzen ohnehin eine Art "Narrenfreiheit", so dass sie und ihre Mütter, aber auch schwache Tiere, als Erste zum Futter gelassen werden.

  1. Lexikon: Wolf
  2. "Mit den Wölfen heulen"
  3. Wer hat Angst vorm bösen Wolf?
  4. Steckbrief: Wolf

Bibliografie:

  • Heike Carl: Die Wölfe kehren zurück, 1994
  • David L. Mech: Auf der Fährte der Wölfe. Leben im Rudel, Jagd und Beute, Aufzucht der Welpen, Artenschutz, 1992
  • Erik Zimen: Wölfe, 1997
  • Erik Zimen: Der Wolf. Verhalten, Ökologie und Mythos, 1997
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