Deutsche Literatur der Nachkriegszeit
"Stunde Null"
Für die deutsche Nachkriegszeit wird sowohl in Bezug auf die Politik als auch auf die Literatur von der "Stunde Null" bzw. von dem literarischen "Kahlschlag" oder der "Trümmerliteratur" gesprochen. In der Tat zeigte sich nach der "bedingungslosen Kapitulation", die von den Alliierten zur Beendigung des von Hitler-Deutschland angezettelten Zweiten Weltkriegs gefordert worden war, in Deutschland eine andere Situation als in anderen europäischen Ländern. Während die osteuropäischen Staaten durch den Stalinismus zu Satellitenstaaten der Sowjetunion degradiert wurden, waren die westeuropäischen Staaten (besonders Großbritannien und Frankreich) mit innen- und kolonialpolitischen Problemen beschäftigt.

Dagegen meinte man in der Ruinenlandschaft Deutschlands politisch, wirtschaftlich und kulturell völlig neu beginnen zu können. In der Literatur sprach dafür auch die Nachwirkung der vom Nationalsozialismus geforderten ideologischen Trennlinie. So hatten die jungen, teilweise aus der Kriegsgefangenschaft heimgekehrten Autoren (z.B. Alfred Andersch, Heinrich Böll, Günter Grass, Arno Schmidt) den Kontakt zu den älteren, emigrierten Schriftstellern der Weimarer Zeit verloren und konnten nur in respektvoller Distanz zu deren berühmten Werken verharren. Für die Autoren der so genannten "inneren Emigration", die während des "Dritten Reiches" idyllische Geschichten und Naturgedichte vorgelegt und damit die Unmenschlichkeit der Diktatur verdeckt hatten, empfanden sie nur Verachtung.
Nicht zuletzt war für die Traditionslosigkeit der deutschen Nachkriegsliteratur die nationalsozialistische Zensur- und Verbotspolitik verantwortlich, die nicht nur die so genannte "entartete Kunst" deutscher Autoren, sondern auch internationale Meisterwerke dem deutschen Leser entzogen hatte.
Erst nach 1945 konnten Publikum und Nachwuchsschriftsteller wichtige Weltautoren wie James Joyce, Marcel Proust, André Gide und Ernest Hemingway kennen lernen. Dazu kamen neben den erstmals in Deutschland publizierten Werken renommierter Schriftsteller der Weimarer Zeit (Thomas Mann, Stefan Zweig, Hermann Hesse, Bertolt Brecht, Rainer Maria Rilke, Gottfried Benn und Ernst Jünger) und neben der Exilliteratur, die allerdings häufig erst verspätet in den Sechzigerjahren gelesen wurde, die neuen internationalen Autoren des französischen Existenzialismus (Jean-Paul Sartre und Albert Camus), des Surrealismus und des "absurden Dramas" (Samuel Beckett und Eugène Ionesco).
Damit ist für die künstlerische Sphäre schon beschrieben, dass Vorgaben der Tradition auf dem Buchmarkt ein entscheidendes Gewicht hatten und von einem absoluten "Nullpunkt" nicht die Rede sein kann. Ebenso gilt für die Politik und die Wirtschaft, dass neben den alliierten Vorstellungen zur deutschen Zukunft als westlicher Macht die ehemaligen, von den Nazis verdrängten Führer den Ton angaben und dass auch die Währungsreform von 1948 keineswegs eine ökonomische Gleichheit schuf.
Für die jungen Autoren bedeutete diese wirtschaftliche, soziale und künstlerische Situation eine doppelte Schwierigkeit. Der Buchmarkt - wie auch das Publikum - war durch die verspätete Entdeckung der klassischen Moderne ausgelastet und bot so kaum Publikations- und Existenzmöglichkeiten. Außerdem hatte die Erfahrung der Diktatur, der Judenverfolgung und des Krieges sowie der ideologischen Sprachregelung zu großem Skeptizismus und Ideologiefeindlichkeit gegen den Faschismus geführt. Der nationalsozialistischen Propagandasprache und ihren Denkklischees spürten Dolf Sternberger, Gerhard Storz und Wilhelm Emanuel Süskind in der Zeitschrift "Die Wandlung" zwischen 1945 und 1949 in ihrer Rubrik "Aus dem Wörterbuch des Unmenschen" nach, das in der Buchfassung - im Jahre 1957 erstmals publiziert - auch heute noch lesenswert ist und zu einem reflektierten Umgang mit Sprache anregt.
Die sprachliche Skepsis aufgrund der korrumpierten Sprache der Ideologien führte zu der Forderung nach einem "Kahlschlag", nach einer Reinigung der deutschen Sprache. Die jungen Autoren waren auf der "Suche nach einer bewohnbaren Sprache in einem bewohnbaren Land" (Heinrich Böll). Die "Kahlschlag-Literatur" zeichnete sich inhaltlich durch präzise Beobachtungen, durch korrektes Benennen der Dinge und ihren Wahrheitsanspruch sowie sprachlich durch einen spröden, nüchternen und knappen Stil aus.
Die so genannte "Trümmerliteratur" sollte die Nachkriegswirklichkeit mit den Themen Ruinen, Tod, Untergang, Schuld, Gefangenschaft, Heimkehr und Not darstellen. Zu ihren wichtigsten Autoren gehörten die Mitarbeiter der Nachkriegszeitschrift "Der Ruf": Wolfgang Weyrauch, Günter Eich (mit seinem bekannten Gedicht "Inventur"), Wolfdietrich Schnurre, Heinrich Böll und Wolfgang Borchert (1921-1947), der mit der Anklage einer verratenen Jugend in seinem Gedichtband ("Laterne, Nacht und Sterne" 1946) und in seinen Erzählungen ("An diesem Dienstag" und "Die Hundeblume" 1947) sowie mit seinem expressionistischen Kriegsheimkehrer-Drama "Draußen vor der Tür" (1947) große Betroffenheit und Anteilnahme auslöste.
Literatur als Vergangenheitsbewältigung
In der verwirrten, aber hoffnungsvollen politischen und kulturellen Situation der Nachkriegszeit erschien seit August 1946 die Zeitschrift "Der Ruf", die aus der "Zeitung der deutschen Kriegsgefangenen in USA" hervorging. Diese so genannten "Unabhängigen Blätter für die junge Generation" wurden als politische und kulturelle Zeitschrift von Alfred Andersch und Hans Werner Richter herausgegeben und forderten einen sozialistischen Humanismus. Aber die Erneuerung durch einen demokratischen Sozialismus, den die jungen Autoren als Absage an Faschismus und Stalinismus und damit an jegliche Ideologie formulierten, widersprach sowohl der amerikanischen als auch der sowjetischen Besatzungsmacht. Das Verbot des "Ruf" im April 1947 verdeutlichte, wie klein der Spielraum für eine erneuerte deutsche Politik war und wie sehr der Mythos der "Stunde Null" der Realität entbehrte.
Zwar brachte es die neugegründete Zeitschrift "Der Skorpion" auch nur zu einer Probenummer, jedoch wurden die beiden Autorentreffen der Zeitschrift eine feste, zwanzig Jahre bestehende literarische und kulturpolitische Einrichtung, die als "Gruppe 47" bezeichnet wird.
Über den gesamten Zeitraum entschied Hans Werner Richter über die Einladung der Schriftsteller, später auch Kritiker und Verlagslektoren, die sich zunächst zweimal, später einmal im Jahr trafen, um - auch wegen des Mangels an Publikationsmitteln - ihre Texte zu lesen, gegenseitig zu kritisieren und um seit 1950 den "Preis der Gruppe 47" zu verleihen. Ihre Literaturkritik vermied ebenfalls Ideologisierungen und bemühte sich um einen handwerklich-technischen, am Text orientierten Stil literarischer Kritik.
Bis in die 1960er Jahre hinein ermöglichte dies die Diskussion von Autoren mit unterschiedlichen politischen Positionen. Erst der Bedeutungsgewinn der marxistischen Ideologie in den 1960er Jahren - im Zusammenhang mit der Studentenbewegung und der Außerparlamentarischen Opposition - erschwerte den literarischen Diskurs und führte letztendlich zur Auflösung des so genannten "Papiertigers" (R. Lettau) oder "Schoßhundes" (K. M. Michel), wie die "Gruppe 47" eingeschätzt wurde, im Jahre 1967.

Vorangegangen war eine nachhaltige Wirkung auf die öffentliche Meinung, besonders aufgrund der sicheren Entscheidungen für die ersten Preisträger Günter Eich (1950), Heinrich Böll (1951) und Ingeborg Bachmann (1953). Dieses führte für die späteren Preisträger zu Ende der 1950er Jahre zu besseren Chancen auf dem Buchmarkt, z. B. für Günter Grass, der 1958 für sein "Blechtrommel-Manuskript" den Preis der Gruppe 47 erhielt.
Sonst bot sich für die jungen Autoren als wirtschaftliche Chance vor allem das verhältnismäßig junge Medium des Rundfunks an, das besonders in der literarischen Gattung des Hörspiels interessante Experimente und Publikationsmöglichkeiten verwirklichte. Als bedeutende Beispiele sind "Träume" (1951) und "Die Mädchen aus Viterbo" (1953) von Günter Eich, "Prinzessin Turandot" (1954) von Wolfgang Hildesheimer und "Ein Geschäft mit Träumen" (1952) sowie "Der gute Gott von Manhattan" (1958) von Ingeborg Bachmann anzuführen. In seiner Funktion als Rundfunkredakteur förderte Alfred Andersch viele junge Autoren (z.B. Arno Schmidt). Heinrich Böll, Günter Grass und viele andere Autoren der "Gruppe 47" konnten ihre Existenz durch Einkünfte aus Rundfunkarbeiten (Essays, Kritiken oder Hörspiele) sichern.
Beispielhaft für die vielen interessanten Autoren der "Gruppe 47" werden im Folgenden die Schriftsteller Alfred Andersch, Heinrich Böll, Ingeborg Bachmann und Günter Grass vorgestellt, deren literarisches Werk nicht nur die Nachkriegsliteratur, sondern überhaupt die deutsche bzw. deutschsprachige Gegenwartsliteratur geprägt hat.
Alfred Andersch
- geboren am 4.2.1914 in München
- als Offizierssohn in einem nationalsozialistischen Elternhaus aufgewachsen
- 1932/33 Jugendfunktionär der KPD
- drei Monate im KZ Dachau und Bruch mit dem Kommunismus
- Einberufung in die Wehrmacht
- 6.6.1944 Fahnenflucht (Desertion) aus der deutschen Armee in Italien und zu den Amerikanern übergelaufen
- bis 1946 Kriegsgefangenschaft in Fort Ruston, Fort Getty und Fort Kearney bei New York, wo er die Lagerzeitung "Der Ruf" redigierte, die er seit 1946 als Nachkriegszeitschrift zusammen mit Hans Werner Richter herausgab
- Mitbegründer der "Gruppe 47"
- 1948-1958 Rundfunkredaktuer in Frankfurt a.M. und Stuttgart
- 1955-1957 Herausgeber der Zeitschrift "Texte und Zeichen"
- seit 1958 lebte Andersch als freier Schriftsteller in Berzona im Tessin
- 1965 Fernseh-Expedition in die Arktis
- 1972 schweizerische Staatsbürgerschaft und Reise nach Mexiko
- 1975 Reise nach Spanien und Portugal
- Andersch verfasste Romane, Kurzprosa und Features, Hörspiele, Reiseberichte, Essays und Literaturkritiken
- gestorben am 21.2.1980 in Berzona/Schweiz
In dem literarischen Werk von Alfred Andersch zeigt sich schon früh der für die Nachkriegsliteratur charakteristische Versuch, die faschistische und militaristische Vergangenheit aufzuarbeiten und sprachkritisch zu analysieren. Beeinflusst von der Existenzphilosophie Jean-Paul Sartres, der Stilistik von James Joyce, Gertrude Stein und Ernest Hemingway kritisiert Andersch den Faschismus, legt im Sprachlichen die gesellschaftliche und politische Realität bloß und ordnet der Literatur über die Sprachkritik eine politische Wirksamkeit zu. In seinem Bericht "Die Kirschen der Freiheit" (1952) und in seinen Romanen "Sansibar oder der letzte Grund" (1957), "Die Rote" (1960), "Efraim" (1967) und "Winterspelt" (1974) bearbeitet Andersch Themen wie Flucht, Identitätskrise, Auseinandersetzung mit der Vergangenheit und Spannung zwischen politischer und privater Existenz.
Heinrich Böll
Das Werk Heinrich Bölls (1917-1985) lässt sich ebenfalls durch seine Kommentarfunktion zur deutschen Geschichte kennzeichnen. Die jeweilige Gegenwart wird mit ihren historischen, sozialen, moralischen und ideellen Problemen kritisch durchleuchtet, so dass Böll früh den Rang eines wichtigen Mitstreiters in der nonkonformistischen und sozialkritischen Nachkriegsliteratur Westdeutschlands einnahm, die sich gegen die gesellschaftspolitische Restauration der Bundesrepublik in den 1950er Jahren wandte.
Anfangs waren Bölls Kurzgeschichten und kurze Prosastücke der "Trümmerliteratur" von amerikanischen Autoren wie Ernest Hemingway beeinflusst, so "Der Zug war pünktlich" (1949), "Wanderer, kommst du nach Spa..." (1950), "Wo warst du, Adam?" (1951) und "Das Brot der frühen Jahre" (1955). Seinen ersten Bucherfolg hatte er dann mit dem Roman "Und sagte kein einziges Wort" (1953) über eine Ehekrise.
Viele seiner Werke stellen sich als Vorgriff auf die von den Psychoanalytikern Alexander und Margarete Mitscherlich formulierte These von der "Unfähigkeit zu trauern" dar, die die Verdrängung der totalitären Vergangenheit sowie deren schnelles Vergessen und das Sich-Arrangieren in der neuen westdeutschen Wirtschaftsgesellschaft beschreibt. Böll verdeutlicht die Spannung von Gegenwart und Geschichte durch das Gegensatzpaar von Erinnern und Vergessen. In seinen Romanen "Haus ohne Hüter" (1954), "Billard um halbzehn" (1959) und "Ansichten eines Clowns" (1963) bilden die an ihrer Erinnerung und Schuld leidenden Helden und die erinnerungslosen Karrieristen die erzählerische Grundstruktur.
Zu einem außerordentlich bekannten Autor wurde Böll, der 1972 den Nobelpreis für Literatur erhielt, mit dem Roman "Gruppenbild mit Dame" (1971) über die Heldin Leni, die als utopische, hoffnungsvolle Wunschfigur deutsche Zeitgeschichte erlebbar macht. Seine Erzählung "Die verlorene Ehre der Katharina Blum: oder Wie Gewalt entstehen und wohin sie führen kann" (1974) war ein Appell gegen innenpolitische Unterdrückung sowie die Eskalation von Gewalt und Gegengewalt. Während sich Böll durch sein Eintreten für die Friedensbewegung und gegen die Aufrüstung politisch engagierte, zeichnen seine letzten Romane - "Fürsorgliche Belagerung" (1979) über den totalen Überwachungsstaat und "Frauen vor Flußlandschaft" (1986) über die umfassende Korruption der Bonner Politiker und der Machteliten - skeptische Visionen der zukünftigen politischen Entwicklung.
Ansichten eines Clowns; Roman von Heinrich Böll, erschienen 1963
Hans Schnier, ein Clown und Sohn eines Kölner Großindustriellen, berichtet in der Ich-Form über sein Leben und Scheitern. Er erzählt von seinem geschäftstüchtigen Vater, seiner dummen, als Präsidentin einer Gesellschaft zur Versöhnung rassischer Gegensätze tätigen Mutter, seinem Bruder Leo, der in einem Orden lebt, und von seiner geliebten Schwester Henriette, die in den letzten Kriegstagen, von der Mutter zur Flakhelferin verpflichtet, der Heimatverteidigung geopfert wurde. Hans Schnier hat das wohlhabende Elternhaus verlassen, lebte sechs Jahren mit Marie Derkum, der Tochter eines kommunistischen Papierwarenhändlers, zusammen und trat als Clown mit seinen Pantomimen auf. Da er sich aber weigerte, Marie zu heiraten und zukünftige Kinder katholisch zu erziehen, hat diese, durch Druck und Beeinflussungen gedrängt, ihn verlassen. Sie heiratet den einflussreichen Katholiken Züpfner, einen führenden Mann im "Dachverband für katholische Laien". Der Clown ist durch diesen Liebesverlust nicht nur psychisch gebrochen, sondern durch ein Auftrittsverbot auch beruflich gescheitert. Am Schluss sitzt er auf den Bahnhofsstufen von Bonn, ohne Hoffnung.
Der Roman wird durch eine Klammer aus Gesprächen und Telefonaten zusammengehalten, die in dem kurzen Zeitraum eines erzählten Tages geführt werden. Der Clown berichtet in einem Bewusstseinsmonolog, häufig von Selbstmitleid und Sentimentalität getragen, von Ereignissen während der Zeit des Zweiten Weltkriegs und des folgenden Wirtschaftswunders. Aufgewachsen in einer katholischen Umwelt, mit Verbindungen zu angesehenen Katholiken, gibt er seine dabei gewonnenen Eindrücke von der katholischen Gesellschaft wieder und legt deren Unehrlichkeit, Scheinheiligkeit und Heuchelei bloß.
Der Autor und Katholik Böll verdeutlicht durch zahlreiche Detailbeobachtungen und Diskussionen, aber auch durch eingeflochtene Überlegungen zu Literatur und Kino, seine beißend satirische Kritik am modernen Katholizismus, an der verdrängten nationalsozialistischen Vergangenheit und an der Kontinuität der politischen Führungsschicht und damit der deutschen Geschichte.
Der Roman wurde im Jahre 1976 von Vojtech Jasný mit Helmut Griem, Hanna Schygulla und Hans Christian Blech verfilmt.
Ingeborg Bachmann
- geboren am 25.6.1926 in Klagenfurt
- 1945-1950 Studium der Philosophie, Psychologie und Germanistik in Innsbruck, Graz und Wien
- 1950 Promotion über die Rezeption der Existenzialphilosophie Martin Heideggers
- 1951-1953 Redakteurin der Sendergruppe Rot-Weiß-Rot in Wien
- 1953 Preis der "Gruppe 47"
- 1955 Amerikareise und Teilnahme an einem internationalen Seminar der Harvard-Universität
- lebte seit 1953 als freie Schriftstellerin in Rom
- seit 1955 engere Beziehung und Zusammenarbeit mit dem Komponisten Hans Werner Henze, u.a. bei der Ballettpantomime "Der Idiot" (1955) und der Oper "Der Prinz von Homburg" (1960)
- 1958-1963 Beziehung zu Max Frisch und teilweise Wohnsitz in Zürich
- 1959/60 erste Gastdozentin für Poetik an der Universität Frankfurt mit der Vorlesungsreihe "Probleme zeitgenössischer Dichtung"
- 1963-1965 in Westberlin
- 1964 Reise nach Ägypten und in den Sudan
- schrieb Lyrik, Erzählungen, Romane sowie Hörspiele und übersetzte aus dem Italienischen
- gestorben am 17.10.1973 in Rom
Auch Ingeborg Bachmann geht von ihrer negativen Geschichtserfahrung in der Kriegs- und Nachkriegszeit aus. Sie kritisiert in ihren durch abstrakte Sprachartistik geprägten lyrischen Zyklen "Die gestundete Zeit" (1953) und "Anrufung des Großen Bären" (1956) die restaurativen Kräfte der Nachkriegsgesellschaft und ruft zum Widerstand auf. In ihren Prosawerken - vor allem in "Malina" (1971) - analysiert Ingeborg Bachmann den persönlichen Faschismus in den zwischenmenschlichen Beziehungen und die Zerstörung der Liebesfähigkeit und Selbstverwirklichung der Frau durch die Ichbezogenheit des Mannes, der das weibliche Ich zur Selbstaufgabe zwingt. Jedoch beschreibt sie auch, z.B. in ihrem Erzählband "Simultan" (1972), psychologische Gegenbilder und fordert das ständige Bemühen um das utopische Ziel eines gesellschaftlichen Gegenentwurfs.
Günter Grass
- geboren am 16.10.1927 in Danzig als Sohn polnisch-deutscher Eltern
- 1944/45 Flakhelfer und Soldat; nach Verwundung amerikanische Gefangenschaft bis Mai 1946
- 1949-1956 nach Steinmetzlehre (seit 1947) Bildhauerstudium in Düsseldorf und Berlin
- 1951-1955 Italien-, Frankreich-, Spanienreise
- 1955 Mitglied der "Gruppe 47"
- 1956-1960 Bildhauer, Grafiker und Schriftsteller in Paris
- 1958/59 Polenreisen
- lebte seit 1960 in Westberlin und später in Wewelsfleth/Holstein
- 1965, 1969, 1972 privater Wahlredner für die SPD im Bundestagswahlkampf
- 1983-1986 Präsident der Akademie der Künste in West-Berlin nach Mitgliedschaft seit 1963
- 1986 längerer Aufenthalt in Indien
- 1999 Nobelpreis für Literatur
- Grass engagiert sich stark in der politischen Diskussion in der Bundesrepublik Deutschland, auch in der Friedens- und Ökologiebewegung tätig
- schreibt neben Lyrik und Dramen Romane und Erzählungen; später vor allem um grafische Arbeiten bemüht
Günter Grass geht in seiner Kritik an den Ideologien und ihrem Verbrechenspotenzial von seiner katholischen Erziehung und seiner frühen Begeisterung für den Nationalsozialismus aus. Sowohl sein Werk als auch sein politisches Engagement sind von Skeptizismus getragen und der Vergegenwärtigung und Analyse der deutschen Schuld und Geschichte, d.h. der Aufklärung verpflichtet.
Die epischen Werke von Grass - "Die Blechtrommel" (1959), "Katz und Maus. Eine Novelle" (1961), "Hundejahre" (1963), "Der Butt" (1977), "Kopfgeburten oder Die Deutschen sterben aus" (1980), "Die Rättin" (1986), "Beim Häuten der Zwiebel" (2006) oder "Grimms Wörter. Eine Liebeserklärung" (2010) - untersuchen die historische und soziale Realität oder sind biografische Erinnerungen. Häufig, wie besonders in der "Blechtrommel", stellt eine Kunstfigur (hier der kleine Trommler Oskar Matzerath) detaillierte Erkundungen an und berichtet als Ich-Erzähler einer Künstlerbiografie aus der Rückschau. Der Held Oskar ist bereits bei der Geburt geistig voll entwickelt, stellt am dritten Geburtstag sein Wachstum ein und flüchtet sich in die Kunst des Trommelns, mit deren Hilfe er die Komplexität und Totalität der Wirklichkeit und der Geschichte vom Beginn des Jahrhunderts über das Dritte Reich bis in die Restauration des Wirtschaftswunders der 1950er Jahre durchleuchtet. In dieser Rückschau wird die Spannung zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart, die durch die in der Vergangenheit aufgeladene und nicht gebüßte Schuld belastet ist, gestaltet. Nur Oskars "vergegenwärtigende" Kunst birgt die Möglichkeit, die Verstrickung in die Schuld zu erkennen, zu beichten und Reue zu zeigen.
Weitere Werke
Neben den vorgestellten Werken der Autoren Andersch, Böll, Bachmann und Grass sind als weitere wichtige Publikationen, die sich mit der politischen Entwicklung Nachkriegsdeutschlands auseinander setzen, zu nennen: "Tauben im Gras" (1951), "Das Treibhaus" (1953) und "Der Tod in Rom" (1954) von Wolfgang Koeppen (1906-1996), "Es waren Habichte in der Luft" (1951) und später "Deutschstunde" (1968) von Siegfried Lenz (geb. 1926), "Ehen in Philippsburg" (1957) von Martin Walser (geb. 1927) sowie "Leviathan" (1949) und die Trilogie "Nobodaddy's Kinder" (1963) von Arno Schmidt (1914-1979), der sich der Gegenwart in einer artistisch-experimentellen Sprache und in komplexen inhaltlichen Verschachtelungen näherte. Außerdem hat der Lyriker Paul Celan (1920-1970), der vor allem in seiner "Todesfuge" das jüdische Schicksal ergreifend verbildlicht, mit seinen Gedichtbänden "Mohn und Gedächtnis" (1952), "Sprachgitter" (1959), "Die Niemandsrose" (1963), "Atemwende" (1967) und "Lichtzwang" (1970) ein engagiertes poetisches Werk in einer häufig verschlossenen (hermetischen) Sprache geschaffen.
Die Schweizer Autoren
Während sich der u.a. in die Schweiz emigrierte Carl Zuckmayer (1896-1977) in seinem in Zürich uraufgeführten antimilitaristischen Drama "Des Teufels General" (1946) ebenfalls mit der Schuldverstrickung in der Vergangenheit und der Problematik des aktiven Widerstandes beschäftigte, setzte das Werk des Schweizer Autors Max Frisch (1911-1991) früh mit der Thematisierung der aktuellen Nachkriegssituation ein.
Nach seinen zwischen 1945 und 1953 verfassten Dramen - u.a. "Nun singen sie wieder" (1946) und "Die Chinesische Mauer" (1947) - wurde er nach einem USA-Aufenthalt mit den Romanen "Stiller" (1954), "Homo Faber" (1957) und "Mein Name sei Gantenbein" (1964) bekannt. Diese Romane fragen nach der Identität ihrer Helden anhand der Aspekte der Selbstverleugnung und der Akzeptierung des eigenen Ich. Sie gehören mit ihren montierten Erzählreflexionen und zeitkritischen Einschüben zu den wichtigsten Dokumenten der deutschen Nachkriegsliteratur.
Großen Erfolg erlangte Frisch mit seinem zunächst (1955) als Hörspiel vorgestellten Stück "Herr Biedermann und die Brandstifter" (1958) und dem Drama "Andorra" (1961), das modellhaft die Ausgrenzung von Minderheiten und die daraus resultierende Sündenbockphilosophie analysiert.
Neben den für das Verständnis von Frischs Werk aufschlussreichen "Tagebücher 1946-1949" und "Tagebücher 1966-1971" (zusammen erschienen 1983) und seinen Prosastücken "Wilhelm Tell für die Schule" (1971) und "Dienstbüchlein" (1974), in denen der auch politisch engagierte Autor den Ursprungsmythos der Schweiz und deren Landesverteidigung im Zweiten Weltkrieg kritisch hinterfragt, erreichten Frischs letzte Prosabände "Montauk" (1975), "Der Mensch erscheint im Holozän" (1979) und "Blaubart" (1982) kaum Bedeutung für die literarische Diskussion. In diesen Rückzugsgeschichten wird die Einsamkeit rätselhafter Helden und deren Schuldverstrickung in einer immer komplexeren Welt geheimnisvoll gestaltet.
Homo Faber. Ein Bericht; Roman von Max Frisch, erschienen 1957
Der fünfzigjährige Ingenieur Walter Faber, den Frisch einen Homo Faber, einen Schmied bzw. Handwerker nennt, und der sein Leben durch sein rationales, mathematisch-technologisches Weltverständnis zu bestimmen glaubt, berichtet in Aufzeichnungen, die er auf einem Flug nach Caracas und kurz vor einer Operation in einem Athener Krankenhaus anfertigt, von seinem vergangenen Leben und dem Wendepunkt der letzten Monate. Er war in den Dreißigerjahren als Assistent an der Züricher Technischen Hochschule tätig und liebte die Münchner Kunststudentin Hanna Landsberg, die als Halbjüdin während der nationalsozialistischen Diktatur bedroht war. Sein kaltes Heiratsangebot aufgrund ihrer Schwangerschaft lehnt Hanna ab und entschließt sich, das Kind nicht zur Welt zu bringen. Wegen eines guten beruflichen Angebots verlässt Faber schließlich 1936 seine Freundin. Erst zwanzig Jahre später erfährt er, dass die von ihm für tot gehaltene Hanna als Archivarin in Athen mit ihrer Tochter zusammenlebt. Auf einer Schiffsreise nach Europa verliebt er sich in die zwanzigjährige Studentin Sabeth, die ihn an Hanna erinnert. Sie wird seine Geliebte und soll seine Ehefrau werden, obwohl er ahnt, dass sie Hannas Tochter ist. Auf der gemeinsamen Reise über Italien nach Griechenland findet seine junge Geliebte durch eine Verkettung unglücklicher Umstände, an denen Faber eine Mitschuld trägt, den Tod. In Athen erfährt Faber, was er trotz der Fakten nicht wahrhaben wollte, dass Sabeth seine eigene Tochter ist.
Max Frisch nennt seinen Roman im Untertitel einen "Bericht" und weist damit auf die Tagebuchform, aber auch auf die daraus erwachsende Spannung seines Werkes hin. So steht die scheinbare Objektivität des dokumentarisch erzählten Berichts der Subjektivität entgegen, die den Tagebuchschreiber auszeichnet. Die Dialektik der Tagebuchform entschlüsselt dem Leser die Diskrepanz zwischen den angeblich "wahren" Aufzeichnungen des modernen Ödipus Faber und seiner Selbsttäuschung, in der er ein falsches Bild der Realität dadurch zeichnet, dass er in seiner Technik- und Logikgläubigkeit die Irrationalität und Schicksalhaftigkeit des Lebens leugnet. Der Roman wurde im Jahre 1990 von Volker Schlöndorff mit Sam Shepard, Julie Delpy und Barbara Sukowa verfilmt.
Friedrich Dürrenmatt
Die tragikomischen Dramen des Schweizer Autors Friedrich Dürrenmatt (1921-1990) sind von zeitkritischen und moralistischen Tendenzen gekennzeichnet, die vornehmlich die bürgerliche Welt und die Doppelbödigkeit der menschlichen Beziehungen satirisch, zynisch-sarkastisch und surrealistisch-schockierend zur Diskussion stellen. Nach dem Wiedertäufer-Drama "Es steht geschrieben" (1949) wurde Dürrenmatt mit den Stücken "Die Ehe des Herrn Mississippi" (1952) und "Der Besuch der alten Dame" (1956) sowie der grotesken Anti-Atom-Komödie "Die Physiker" (1962) international bekannt. Darüber hinaus stellte Dürrenmatt Probleme der Zeit in seinen Kriminalromanen "Der Richter und sein Henker" (1952) und "Das Versprechen" (1958) sowie in seinen Hörspielen "Die Panne" (1956) und "Abendstunde im Spätherbst" (1959) dar.
Bibliografie:
- Heinz Ludwig Arnold: Die Gruppe 47. Rowohlt, Reinbek 2004
- Wolfgang Beutin: Der Fall Grass. Ein deutsches Debakel, Frankfurt am Main 2008
- Stephan Braese, Holger Gehle, Doron Kiesel, Hanno Loewy (Hrsg.): Deutsche Nachkriegsliteratur und der Holocaust, 1998
- Hannes Krauss: Vom Nullpunkt zur Wende. Interpretationen und Materialien zur deutschsprachigen Nachkriegsliteratur, 1998
- Johannes G. Pankau: Schwierige Rückkehr. Exil und Nachkriegsliteratur 1945-1950, 1995
- Horst Dieter Schlosser: dtv-Atlas Deutsche Literatur. dtv, München 2002
- Hans-Gerd Winter (Hrsg.): “Uns selbst mussten wir misstrauen.“ Die junge Generation in der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur, Ebenhausen 2002







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