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THEMEN

Die 50 großen Deutschen

Frühes und Hohes Mittelalter

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Heinrich I.

Als das im Grunde nationenübergreifende karolingische Kaisertum auf deutschem Boden erlosch, wechselte im deutschen Reichsteil die Dynastie. Zum König wurde Heinrich I. (um 875-936), der Herzog von Sachsen gewählt. Er musste sich zunächst gegen die Bayern und Schwaben durchsetzen. Das zwischen Deutschland und Frankreich umstrittene Herzogtum Lothringen konnte er 925 für das Reich gewinnen. Von ständigen Ungarneinfällen bedroht kaufte Heinrich das Reich 926 durch Tributzahlungen auf einige Jahre frei, die er zur Aufrüstung und zum Krieg gegen die verschiedenen slawischen Stämme jenseits der Saale und Elbe nutzte. Damals wurden die späteren Länder Sachsen und Brandenburg von den Slawen erobert und durch Burgen wie Merseburg und Meißen und die neuen Bistümer im Osten kontrolliert. Als Heinrich genügend aufgerüstet hatte, kündigte er den Ungarntribut und konnte 933 das ungarische Heer bei Riade schlagen. Die ständige Gefahr durch die Ungarnzüge war damit einstweilen gebannt.

Sein Sohn Otto I. (912-973) erhielt schon von den Zeitgenossen den Beinamen "der Große". Seine Krönungszeremonie 936 in Aachen war besonders prunkvoll und lehnte sich bewusst an die alte karolingische Tradition an. Otto musste sein Königtum zuerst gegen die mächtigen Herzöge von Franken, Lothringen und Bayern durchsetzen. Er setzte in den Herzogtümern bevorzugt Familienangehörige ein. Nachdem diese Familienpolitik aber nicht vor Aufständen schützte, bei denen sich vor allem sein jüngerer Bruder Heinrich, der Herzog von Bayern, hervortat, schuf Otto I. das so genannte "Ottonische Reichskirchensystem", indem er den Bischöfen reiche Privilegien verlieh und sich so eine Schicht staatstragender Geistlicher in führenden Positionen schuf. Ein Beispiel eines solchen verlässlichen Kirchenfürsten war vor allem sein Bruder Brun, der Erzbischof von Köln. Die deutsche Kirche war seit dieser Zeit aufs Engste mit dem König- und Kaisertum verbunden, was später im Kampf zwischen Kaiser und Papst zu Schwierigkeiten führte.

Otto I. führte die Ostpolitik seines Vaters fort und wie dieser Krieg gegen die Elbslawen. Er erreichte die Erhebung seiner Lieblingsstadt Magdeburg zum Erzbistum als Zentrum des eroberten Gebietes. 955 errang Otto I. in der Lechfeldschlacht bei Augsburg einen triumphalen Sieg über ein großes ungarisches Heer. Seither hatte er einen leuchtenden Ruf als Feldherr und Retter der Christenheit. Er war nun endgültig reif für die Kaiserkrone, für die er zwei Italienzüge unternahm. Auf dem ersten 951/952 befreite er die Witwe König Lothars von Italien, Adelheid. Durch seine Heirat mit ihr erwarb er auch die langobardische Königskrone, die für die Herrschaft in Italien stand. 962 erlangte er dann in Rom die Kaiserkrönung. Das byzantinische Kaisertum beobachtete den Aufstieg des Deutschen zum Kaisertum mit Argwohn. Otto I. verbesserte die Beziehungen, indem er seinen Sohn Otto II. mit der byzantinischen Prinzessin Theophanu vermählte.

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Königin Adelheid

Seine zweite Frau, die Kaiserin Adelheid (um 931-999), erwies sich nach Ottos I. Tod als eine fähige Politikerin. Sie sicherte im Verein mit ihrer Schwiegertochter Theophanu ihrem erst dreijährigen Enkel Otto III. die Krone. Als Theophanu überraschend im Jahr 991 starb, übernahm Adelheid sogar alleine die Regentschaft. Dabei konnte sie sich auf den Erzkanzler des Reiches, Erzbischof Willigis von Mainz, stützen. Die unsicheren Verhältnisse im Reich wurden inzwischen von den Elbslawen zu Aufständen genutzt, so dass zeitweise das ganze von den Ottonen eroberte Land im Osten wieder verloren ging. Adelheid hatte von Jugend an in Burgund, Italien und Deutschland immer mit hoher Politik zu tun gehabt und großen Einfluss ausgeübt. Dennoch zog sie sich, nachdem sie mit der Mündigkeit ihres Enkels auch ihre letzte Mission erfüllt hatte, von der Macht zurück. Sie trat in ihre Stiftung Kloster Selz im Elsass ein. Dort wurde ihr Grab verehrt. 1097 wurde sie heiliggesprochen.

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Friedrich I. Barbarossa

Von den mittelalterlichen Kaisern und Königen ist Friedrich I. Barbarossa (1122-1190) durch sein Fortleben in der Kyffhäusersage der bekannteste. Zudem gibt es in ganz Deutschland Spuren seines intensiv betriebenen Burgenbaus. Seine Regierungszeit war von zwei grundlegenden Auseinandersetzungen geprägt: dem staufisch-welfischen Gegensatz und dem Kampf des Kaisertums gegen die päpstlichen Vorherrschaftsansprüche.

Friedrich war Staufer, über seine Mutter Judith jedoch auch den Welfen verwandt. Mit der Rückgabe des Herzogtums Bayern an seinen welfischen Vetter Heinrich den Löwen gelang der Ausgleich zwischen den beiden rivalisierenden Geschlechtern. Nach dem Vertrag von Konstanz 1153 mit Papst Eugen III. konnte sich Friedrich auch 1155 in Rom zum Kaiser krönen lassen. Jedoch kam es 1157 zu einem Eklat, als der kaiserliche Kanzler das Papstwort "beneficium" (Wohltat) mit "Lehen" übersetzte. Lehensmann des Papstes wollte der Kaiser keinesfalls sein! Auf mehreren Italienzügen unterwarf Barbarossa die mit dem Papst verbündeten Städte der Lombardei und Rom, bis er 1168 wegen einer Malariaseuche im Heer zum Rückzug gezwungen wurde.

Zum Zerwürfnis mit Heinrich dem Löwen kam es, als dieser den Kaiser auf einem weiteren italienischen Feldzug nicht mehr unterstützte. Der Kaiser entzog Heinrich dem Löwen seine Lehen; Heinrich musste nach England ins Exil gehen. Auch mit dem Papsttum kam es zu neuem Streit: Entgegen dem Willen von Papst Alexander III. vermählte Barbarossa seinen Sohn Heinrich VI. mit Konstanze, der Erbin des Königreiches Sizilien. Damit wurde dem deutschen Königtum bei traditionell starkem Einfluss auf Norditalien auch die Kontrolle von ganz Süditalien möglich. Als Kaiser auch einer der Führer der Christenheit, nahm Barbarossa auch am 3. Kreuzzug teil. Er ertrank 1190 bei einem Bad im Fluss Saleph.

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Friedrich II., Enkel von Friedrich I. Barbarossa

Ein Europäer auf dem Kaiserthron war der Barbarossaenkel Friedrich II. (1194-1250). Er war von Geburt an deutscher und sizilischer König, zum Kaisertum berufen. Da er beim Tod seines Vaters Heinrichs VI. jedoch noch unmündig war, war er zunächst der Spielball fremder Mächte. Papst Innozenz III. als sein Vormund setzte ihn in Deutschland als Gegenkönig zum welfischen König Otto IV. ein, gegen den sich der jugendliche Staufer auch durchsetzen konnte, da viele deutsche Fürsten zu ihm überliefen.

1220 krönte ihn der Papst gegen ein Kreuzzugsversprechen zum Kaiser. Zunächst war ihm aber sein Lieblingsreich Sizilien wichtiger, das er zu einem modernen zentralistischen Staat mit gut funktionierender Verwaltung ausbaute. Süditalien, Schmelztiegel der europäischen und arabischen Kultur, erlebte eine Hochblüte. Friedrich war selbst hoch gebildet, beherrschte mehrere Sprachen und verfasste mit seinem Falkenbuch eine wissenschaftlich bedeutende Anleitung zur Falknerei. Auch Aufstände der lombardischen Städte unter Führung Mailands nahmen den Kaiser in Anspruch, so dass er den versprochenen Kreuzzug immer wieder verschob. Dem Papsttum bot das den Anlass, den Kaiser zu bannen. Als Friedrich 1228/29 dann wirklich ins Heilige Land zog, einigte er sich mit dem Sultan Al Kamil und gewann so die Stadt Jerusalem und die dortige Königskrone ohne Krieg. Wegen erneuten Kämpfen mit den traditionell dem Papst verbundenen lombardischen Städten wurde der Kaiser wieder gebannt.

Der Streit zwischen Kaiser und Papst um die Vorherrschaft in der Welt wurde unter Friedrich II. mit besonderer Schärfe geführt. Beiderseitige Propaganda verteufelte jeweils die Gegenseite. Bei seinem Tod verfiel das Reich. Der Glanz dieser staufischen Epoche wurde nicht wieder erreicht.

Während die meisten althochdeutschen Sprachzeugnisse anonym überliefert sind, kennen wir den Schöpfer einer großen deutschen Bibeldichtung. Es ist Otfrid von Weißenburg (ca. 800-871). Otfrid war Schüler des berühmten Hrabanus Maurus und lebte nach dieser sehr guten Ausbildung als Mönch und Lehrer im elsässischen Kloster Weißenburg. Sein Evangelienbuch "Krist" verbindet die vier Evangelien zu einer fünfteiligen Geschichte des Lebens Jesu Christi. In den Text schob Otfrid immer wieder Betrachtungen und Kommentare ein, mit denen er sich offenbar an ein Laienpublikum wandte, das er in christlichem Sinne bessern wollte. Das Besondere an Otfrids Werk ist zum einen die Tatsache, dass er es ganz in der deutschen und nicht der lateinischen Sprache schrieb, und dass er statt des alten germanischen Stabreimes erstmals den Endreim verwendete.

Meister Eckhart (um 1260-1328) gilt neben seinen Schülern Johannes Tauler und Heinrich Seuse als einer der bedeutendsten Mystiker. Als Seelsorger, Lehrer und Oberer des Dominikanerordens entfaltete er mit seinen Predigten große Wirkung, von denen über 200 erhalten sind. Die Ausstrahlung seiner Gedanken war auch deswegen so groß, weil Eckhart sie in deutscher Sprache formulierte. Seine ausdrucksstarken und wortgewaltigen Texte zählen zur Spitze der deutschsprachigen Mystik. Eckhart studierte in Paris Theologie und machte eine Karriere im Dominikanerorden. Er war Provinzial der neugegründeten Ordensprovinz Saxonia. Allerdings musste er sich nach 1326 gegen den Vorwurf der Häresie verteidigen, den der Erzbischof von Köln auf Grund seiner Schriften gegen Eckhart erhob. Der Häresieverdacht brachte Eckhart mehrere Inquisitionsverfahren ein, während dessen letztem an der päpstlichen Kurie in Avignon er starb.

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Hartmann von Aue

Der schwäbische Adlige Hartmann von Aue (ca. 1160-1210) übertrug die alte britische Artuslegende, wie sie in Frankreich modern geworden war, mit eigenen, auf französischen Vorlagen beruhenden Werken ins Deutsche. Diese ersten mittelhochdeutschen Artusromane sind "Erec" (um 1190) und "Iwein" (um 1200). Sie lehnen sich an die entsprechenden Romane des französischen Epikers Chrétien de Troyes an. Beide schildern den Weg der Helden über eine Fehlentwicklung hin zum richtigen Verhalten eines Artusritters. Ferner stammen von Hartmann die höfische Verslegende "Der arme Heinrich", in der ein Ritter von einer opferbereiten Jungfrau gerettet wird, sowie die Inzestlegende "Gregorius", zudem eine Minnelehre in Form eines Streitgespräches zwischen Seele und Körper und einige Minne- und Kreuzzugslieder. Hartmann war für die deutsche Literatur der Wegbereiter der höfischen Dichtung und des klassischen Ritterideals.

Neben Hartmann von Aue und Gottfried von Straßburg (ca. 1180-1215), dem Schöpfer des deutschen "Tristan", von dem nichts näheres bekannt ist, ist Wolfram von Eschenbach der dritte große Epiker der deutschen Literatur des hohen Mittelalters. Er stammte aus verarmtem fränkischen Kleinadel und zog daher als fahrender Sänger umher. Ähnlich wie bei Gottfried von Straßburg ist auch über sein Leben nur weniges, und das auch nur aus Einzelstellen in seiner Dichtung, bekannt. Demnach wissen wir, dass Wolfram über eine gute Kenntnis der französischen höfischen Literatur wie der Werke seiner deutschen Kollegen verfügte, und sich in höfischer ebenso wie in der Heldenepik auskannte. Zu seinem Wirkungsgebiet zählten Franken und Thüringen, das Main-Odenwald-Gebiet mit der Wildenburg ebenso wie der Hof des thüringischen Landgrafen Hermann I. Zeitweilig lebte Wolfram in der Steiermark und kehrte gegen Ende seines Lebens wohl wieder nach Eschenbach zurück. Wolframs Hauptwerk ist der riesige Versroman "Parzival" (ca. 1200-1210), in dem er in 16 Büchern die Entwicklung des "tumben Toren" Parzival beschreibt. Vorlage war auch hier ein unvollendeter französischer Gralsroman Chrétiens de Troyes. Ebenfalls auf ein französisches Vorbild geht das Heldenepos "Willehalm" (1212-1217) zurück. Wolfram bearbeitet darin den Gegensatz zwischen Christen- und Heidentum, den er aber zu Gunsten eines höheren Gottes- und Menschenbegriffes auflöst. Das Fragment "Titurel" greift die Geschichte zweier Nebenfiguren aus dem "Parzival" wieder auf und thematisiert an ihnen Konflikte von Ritterschaft und Minne. Wolfram verfasste auch Minne- und Tagelieder.

Spätes Mittelalter

Im Gegensatz zu den früh- und hochmittelalterlichen Dichtern wird der spätmittelalterliche Dichter Oswald von Wolkenstein (1377-1445) in seinen Liedern als Person deutlich fassbar. Den Südtiroler Adligen, dessen Familie nach der Burg Wolkenstein im Grödnertal genannt ist, zog es schon als jungen Mann hinaus in die Welt. Fast zwei Jahrzehnte lang zog er als Diener vieler Herren in ganz Europa umher und erwarb sich die Kenntnis zahlreicher Sprachen und einen großen Erfahrungsschatz. Das befähigte ihn zum diplomatischen Dienst. Von 1415 an bis 1432 führte er immer wieder Gesandtschaften für Kaiser Sigismund durch. Zurück in Südtirol, wurde Oswald in einen langwierigen Erbschaftsstreit verwickelt und 1421-23 im Zusammenhang damit sogar von Erzherzog Friedrich IV. von Österreich gefangen gehalten. Gegen Ende seines Lebens zog er sich auf seine Burg Hauenstein zurück. Sein bewegtes Leben fand auch in seinen 130 Liedern Ausdruck, zu denen Oswald auch die Musik schrieb. Sie handeln meist von Liebe und weltlichen Dingen und überwinden in ihrer farbigen Diesseitigkeit bereits die alten Muster des klassischen Minnegesangs.

Eine technische Revolution löste die Erfindung des Johannes Gutenberg (eigtl. Johannes Gensfleisch, um 1397-1468) aus. Er verbesserte die Technik des Buchdrucks dahingehend, dass er statt ganzer in Holz geschnittener Seiten nun den Buchdruck mit beweglichen Lettern erfand. Schon 1445 hatte er mit dem "Fragment vom Weltgericht" einen ersten Probedruck vorgelegt. Das erste große Buch war dann die berühmte "Gutenberg-Bibel" (bis 1455), von der noch 47 kostbare Exemplare erhalten sind. Die Drucker konnten nunmehr jeden beliebigen Text in Einzelbuchstaben setzen. Die neue schwarze Kunst wurde sehr bald begeistert aufgenommen, machte sie doch die Buchherstellung viel kostengünstiger. Dem geschriebenen Wort wurde dadurch eine viel breitere Wirkung erschlossen. Überall entlang des Rheins schossen Druckereien aus dem Boden. Früh gab es auch Offizinen in Italien. Bald zogen alle Länder nach. Gutenberg hatte allerdings für die Verwirklichung seiner Vorstellungen sein ganzes Vermögen aufgebraucht und war von dem Kreditgeber Johannes Fust abhängig geworden. Er musste ihn als Teilhaber in seine Firma aufnehmen, die Fust schließlich an sich brachte. Aus politischen Gründen wurde Gutenberg auch noch auf einige Jahre aus Mainz vertrieben. Als er 1463 wiederkehrte, war er ein armer und gebrochener Mann.

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Martin Luther

Ohne Gutenbergs Erfindung wären auch die Flugblätter und Schriften der Reformation und ihrer katholischen Gegner und somit eine große europäische religiöse Bewegung nicht möglich gewesen. Ausgelöst hatte sie Martin Luther (1483-1546). Er war der Sohn eines aufstrebenden Kleinunternehmers des Mansfelder Bergbaus. Er sollte eigentlich Jurist werden und studierte in Erfurt die Rechte. Jedoch brach er dieses Studium einem Gelübde gemäß ab und trat in den Orden der Augustinereremiten ein. Er machte nun eine Karriere als Theologe und war ab 1512 Professor an der Universität Wittenberg. Nun war Luther nicht der erste und letzte Reformer der katholischen Kirche. Vor ihm hatte der tschechische Reformator Jan Hus sein Leben gelassen, von dessen Gedankengut über das Elbtal einiges nach Sachsen eingesickert sein mag. Als jedoch Luther aus Sorge um die deutlich zu beobachtende Verweltlichung der Kirche seinen Kampf begann, löste er eine Revolution aus.

Luther wandte sich vor allem gegen den blühenden Ablasshandel zur Finanzierung des Neubaus der Peterskirche in Rom, der in Deutschland von dem Dominikaner Tetzel geführt wurde. Am 31. Oktober 1517 verfasste Luther 95 Thesen, die er zur theologischen Fachdiskussion stellte. Diese Glaubenssätze verbreiteten sich sehr rasch und lösten von Luther ungewollt die Reformation aus. In den Jahren bis 1519 legte Luther anderen Theologen, so etwa Eck, seine Positionen dar. 1520 schrieb Luther dann seine grundlegenden Werke "An den christlichen Adel deutscher Nation", "Von der babylonischen Gefangenschaft der Kirche" und "Von der Freiheit eines Christenmenschen". Er geriet in Ketzereiverdacht. Die ihm übersandte Bannbulle des Papstes verbrannte er öffentlich. 1521 wurde sein Fall auf dem Reichstag von Worms verhandelt. Als Luther daraufhin der Reichsacht verfiel, also rechtlos war, versteckte ihn sein Landesherr Friedrich der Weise von Sachsen als "Junker Jörg" auf der Wartburg. Dort übertrug Luther in zehn Monaten das Neue Testament ins Deutsche. Zwar gab es auch schon andere deutsche Fassungen der Bibel, Luthers moderne Übersetzung aber fand durch den Buchdruck sofort große Verbreitung. Sie hatte auch Einfluss auf die entstehende überregionale Sprache. Luther wandte sich gegen religiöse Schwärmer und Sekten und verurteilte auch scharf den Bauernaufstand von 1525. Später ging er in Zusammenarbeit mit anderen Reformatoren, vor allem Philipp Melanchthon, daran, eine neue landeskirchliche Organisation zu formen.

Die Reformation, von Anfang an politisch, war keine Revolution von unten, sondern eine Reform von oben geworden.

Deutsche hatten nicht unbedingt Anteil an den großen Entdeckungsfahrten der frühen Neuzeit. Eine Ausnahme bildet der deutsche Seefahrer und Kartograph Martin Behaim (1459-1506). Als Nürnberger Patrizierssohn kam er bei seiner Ausbildung zum Kaufmann in den Niederlanden und in Lissabon mit Seefahrerkreisen in Kontakt. Er war Teilnehmer an der 2. Expedition des Portugiesen Diego Cão zur Walfischbay 1485/86. Bei einem Aufenthalt in seiner Heimatstadt schuf er 1492 den ältesten erhaltenen Erdglobus, der im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg ausgestellt ist.

Barock und Klassik

Zu seinen Lebzeiten in seiner Wirkung auf den deutschen Raum beschränkt, unterschätzt und wegen seiner lutherisch-pietistischen Grundhaltung, die ihn Musik als Gottesdienst, nicht als ästhetischen Selbstzweck empfinden ließ, als unmodern eingestuft, fand Johann Sebastian Bach (1865-1750) erst Ende des 18. Jahrhunderts die verdiente Wertschätzung. Er begann seine Karriere als Organist, wurde dann Kapellmeister an mehreren Höfen. Ab 1717 stand er in Anhalt-Köthen in Diensten, ab 1723 bis zu seinem Tode war er schließlich Thomaskantor in Leipzig. Mit seinen Sonaten und Suiten erreichte Bach einen Höhepunkt der barocken Instrumentalmusik (6 "Brandenburgische Konzerte", 1721). Als Orgelvirtuose komponierte er auch Präludien, Tokkaten und Fugen für dieses Instrument, außerdem für Klavier, Cembalo und große Choralmusik. Als Thomaskantor komponierte er an die 200 geistliche Kantaten. Berühmt sind seine großen Passionen: "Johannespassion" (1724), "Matthäuspassion" (1729), die verschollene "Markuspassion" (1731) die h-Moll-Messe (1724-49) und das Weihnachtsoratorium (1734).

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Johann Wolfgang von Goethe

Vor dem Nationaltheater in Weimar stehen auf einem Denkmalsockel Arm in Arm Goethe und Schiller, als die deutschen Dichter schlechthin. Tatsächlich führte beider Lebensweg in das kleine thüringische Residenzstädtchen, das durch ihre, aber nicht nur durch ihre Anwesenheit "Weimar, ganz klein und groß" wurde, wie es in einem Goethe-Gedicht heißt. Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) stammte aus einem reichen Frankfurter Elternhaus und war studierter Jurist. Doch schon während des Studiums in Leipzig und Straßburg zog es ihn zur Literatur, wie die Gedichte seiner Sturm-und-Drang-Zeit erweisen. Herder weckte Goethes Interesse an der Volkspoesie. Als Praktikant am Reichskammergericht in Wetzlar verarbeitete er seine Liebe für Charlotte Buff zu dem Briefroman "Die Leiden des jungen Werthers", der zu einem ersten großen Erfolg wurde. Der junge Herzog Karl August von Weimar holte Goethe 1775 an seinen Hof, wo der Geheime Rat eine Reihe von Funktionen hatte. Neben seinen Aufgaben im Staatsdienst entstanden die großen klassischen Dramen "Iphigenie auf Tauris" (1779-87), "Egmont" (1788), "Faust I" (1808) und der Eheroman "Die Wahlverwandtschaften". Der langjährigen Beziehung zu Charlotte von Stein entfloh Goethe nach Italien. Seine Reise (1786-88) bedeutete vielfältige Anregungen zu Antike und Renaissance, aber auch für seine naturwissenschaftlichen Studien. Wieder in Weimar, lebte Goethe mit Christiane Vulpius zusammen. Von ihren fünf Kindern überlebte einzig August.

Von 1794 bis zu dessen Tod 1805 arbeitete Goethe eng mit Friedrich Schiller zusammen. Sie gaben die Zeitschriften "Propyläen" und "Horen" heraus und verfassten die literatur- und zeitkritischen "Xenien". Von 1795 stammen "Wilhelm Meisters Lehrjahre" und 1797 entstand "Hermann und Dorothea". Nach der Jahrhundertwende hatte sich auch Goethe zum Romantiker entwickelt. 1811-13 blickte Goethe in "Dichtung und Wahrheit" auf Stationen seines eigenen Lebens zurück. Altersweisheit erfüllt die von orientalischer Poesie beeinflussten Gedichte des "West-östlichen Divan" (1819), Alterssehnsucht die "Trilogie der Leidenschaft" mit der "Marienbader Elegie" (1823/24). Am Ende stehen "Wilhelm Meisters Wanderjahre" (1829) und "Faust II" (1831). Goethes riesiges Werk ist stets auf der Höhe der Zeit und von größtem Einfluss auf die folgenden Epochen.

Friedrich von Schiller (1759-1805) war in der Jugend auf einer Kadettenanstalt militärischem Drill ausgesetzt. Dem begegnete er mit Literatur. Als er sein Theaterstück "Die Räuber" 1780 an das Mannheimer Theater gab und sich zur Uraufführung unerlaubt dorthin entfernte, entstand ein Skandal, der den jungen Dichter mit einem Schlag berühmt machte. Der tyrranische Herzog von Württemberg belegte Schiller mit Schreibverbot und Arrest, dem er sich durch Flucht entzog. In ärmlichen Verhältnissen lebend, schrieb er "Fiesko" (1783), "Kabale und Liebe" (1784) und den Anfang von "Don Carlos". Ab 1789 Geschichtsprofessor in Jena, war Schiller materiell nun gesichert. Es entstanden philosophische Schriften. Ab 1794 begann die Zusammenarbeit mit Goethe, ab 1799 lebte Schiller in Weimar. 1797 entstanden Schillers berühmte Balladen, von 1800-1804 die großen Dramen "Wallenstein", "Maria Stuart", "Die Jungfrau von Orléans", "Die Braut von Messina" und "Wilhelm Tell". Schiller ging es bei allen historischen Stoffen, die er behandelte, letztlich stets um den einzelnen herausragenden Menschen, der sich in schweren Konflikten die Freiheit erkämpft. Schiller war ein kranker Mann, er litt an Lungentuberkulose. Er liegt in Weimar neben Goethe in einem Mausoleum begraben.

Das 19. Jahrhundert

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Bettina von Arnim

Als ein Wirbelwind der deutschen Romantik erscheint in ihren jungen Jahren Bettina von Arnim (Anna Elisabeth Brentano, 1785-1859). Die Schwester von Clemens Brentano wuchs bei ihrer Großmutter Sophie von La Roche auf, einer der ersten freien Schriftstellerinnen. Die liberale und künstlerische Atmosphäre in ihrem Haus prägte Bettina. 1811 heiratete sie den Freund ihres Bruders, den Dichter Ludwig Achim von Arnim. Sie hatten 7 Kinder zusammen, lebten aber meist getrennt. Während er viel auf seinem Gut Wiepersdorf weilte, zog sie es vor, in Berlin zu leben. Erst nach Arnims Tod 1831 begann Bettina ihre eigene literarische Tätigkeit. Sie veröffentlichte vor allem Briefsammlungen, etwa "Goethes Briefwechsel mit einem Kinde" über ihre große Schwärmerei für den Dichterfürsten, oder "Die Günderrode", ihr Denkmal für ihre Jugendfreundin, die unglückliche Dichterin Caroline von Günderrode. Aufsehen erregend waren ihr Engagement für die Gleichberechtigung der Frau und für soziale Verbesserungen. In "Dies Buch gehört dem König!" schafft sie den Sprung zur sozialen Berichterstattung und beschreibt das Elend in den Berliner Arbeiterquartieren. Sie widmete es, ebenso wie ein zweites "Königsbuch" dem preußischen König Friedrich Wilhelm IV. In ihrem "Armenbuch" von 1844 schildert sie das Elend der schlesischen Weber.

Karl Marx (1818-1883) studierte in Bonn und Berlin Jura, Geschichte und Philosophie. 1841 promoviert, sah er wegen des reaktionären politischen Klimas für sich aber keine Chance zu einer akademischen Laufbahn. Stattdessen wurde er Redakteur in Köln. Die durch ihn garantierte liberale Haltung des Blattes aber führte dazu, dass die Zeitung 1843 sogar verboten wurde. Im gleichen Jahr heiratete er Jenny von Westphalen und emigrierte mit ihr nach Paris. Dort verfasste Marx seine ersten sozialistischen Schriften und machte die Bekanntschaft von Friedrich Engels. Beide veröffentlichten 1848 zusammen das "Kommunistische Manifest". Als in Deutschland 1848 die Revolution ausbrach, wollte Marx zurückkehren. 1849 wurde er aber ausgewiesen und lebte fortan in London. Dort publizierte er hunderte Artikel und Abhandlungen. 1867 verfasste er den ersten Band seines Hauptwerks "Das Kapital". Der von Marx und Engels entworfene Kommunismus war im Grunde eine sozialistische Utopie. In der philosophischen Nachfolge Hegels konstruierte Marx eine von den materiellen Bedingungen ausgehende dialektische Entwicklung hin zu sozialem Fortschritt. Marx erkannte klar die Veränderung der Welt durch die einsetzende Industrialisierung und rief die Arbeiterschaft zum Kampf gegen das unsozial eingesetzte Privateigentum, das Kapital.

Friedrich Engels (1820-1895), Sohn eines reichen Industriellen, hatte nach dem Studium die schlimmen Lebens- und Arbeitsbedingungen der Textilarbeiter in einer Fabrik seines Vaters in Manchester kennen gelernt. Diese Erfahrung flossen, ebenso wie seine an Hegel und Feuerbach gewachsenen philosophischen Ansichten, in seine Schriften "Umrisse zu einer Kritik der Nationalökonomie" und "Die Lage der arbeitenden Klasse in England" (1845) ein. 1845/46 verfasste er mit Karl Marx gemeinsam die "Deutsche Ideologie". In London gründeten sie den "Bund der Kommunisten", für den sie das "Kommunistische Manifest" formulierten. Während der Deutschen Revolution von 1848 gründete Engels mit Marx zusammen die "Neue Rheinische Zeitung" und kämpfte dann 1849 bei den badischen und pfälzischen Freischaren. Engels unterstützte Marx finanziell. 1870 wurde er Sekretär der 1. Sozialistischen Internationale. Nach Marx' Tod gab er die Bände 2 und 3 von "Das Kapital" heraus und untermauerte in eigenen Schriften seine dialektische Geschichtsauffassung des historischen Materialismus. Engels trug in seiner Systematisierung von Marx' Ansichten stark zu einer Dogmatisierung des "Marxismus" bei.

"Knigge" ist im deutschen Sprachraum das Synonym für den guten Benimm oder Bücher, in denen man zu diesem Thema nachlesen kann. Dennoch gehen die Ausführungen des Adolf Freiherrn von Knigge (1752-1796) mit dem Titel "Über den Umgang mit Menschen", die er 1788 in zwei Bänden veröffentlichte, über ein bloßes Benimmbuch weit hinaus. Es sind eigentlich fein beobachtete Betrachtungen eines Philanthropen über die Gesellschaft seiner Zeit wie auch den Menschen an sich. Knigge hatte die Rechte studiert und arbeitete als Verwaltungsjurist in Kassel und Weimar. Er war Gutsbesitzer und ein führendes Mitglied des Illuminatenordens, eines Geheimbundes, der den Zielen der Aufklärung verpflichtet war. Knigge zählte seiner ganzen Einstellung nach auch zu den Anhängern der Französischen Revolution, die sich in deren Gefolge bessere Verhältnisse für alle Menschen versprachen. 1781 veröffentlichte er ein vierbändiges Werk "Roman meines Lebens".

Zahlreiche Menschen verdanken den Anwendungen des "Kräuterpfarrers" Sebastian Kneipp (1821-1897) Linderung ihrer Schmerzen. Als Pfarrer der Allgäuer Gemeinde Wörishofen entwickelte er seine auf der Heilkraft des Wassers beruhende Behandlungsmethode. Im Verein mit Empfehlungen zu einer gesunden Lebensführung wollte Kneipp mit seinen kalten Güssen, Wickeln, mit Bewegung an frischer Luft und Wassertreten den Menschen helfen, gleichermaßen Körper und Seele zu heilen und gesund zu erhalten. Pfarrer Kneipp legte seine Ansichten in den Schriften "Meine Wasserkur" (1866) und "So sollt ihr leben" (1889) allgemein verständlich nieder. Das Kneippsche Naturheilverfahren wurde allerdings von der Schulmedizin der Zeit bekämpft, zumal zu Kneipp nach Wörishofen regelrechte Wallfahrten einsetzten.

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Carl Friedrich Benz

Im wahrsten Sinne des Wortes weltbewegend war die Erfindung, die der deutsche Ingenieur Carl Friedrich Benz (1844-1929) 1884 machte: Er konstruierte ein selbstfahrendes Dreirad mit einem Einzylinder-Viertaktmotor. Dieses erste Automobil der Welt hatte gerade 1 PS und erregte anfangs eher Gelächter. Dennoch erwies sich die von Benz 1886 patentierte Erfindung als bahnbrechend. Die nächsten Jahrzehnte brachten dem Automobil den Durchbruch und Benz' Firma, ab 1926 mit der von Gottlieb Daimler zur Stuttgarter Daimler-Benz AG vereinigt, wurde eine Weltfirma.

Gottlieb Wilhelm Daimler (1834-1900) hatte zusammen mit Wilhelm Maybach 1882 eine Werkstatt zur Herstellung von Automobilen mit Ottomotoren gegründet. Mit dem dort entwickelten Fahrzeugmotor lief 1885 das erste Motorrad der Welt und 1886 ein vierrädriges Automobil. Außerdem arbeitete Daimler an Motorbooten und Lastkraftwagen. 1892 entwickelte er den Zweizylinder-Reihenmotor und 1899 den Vierzylindermotor. Die PS-Zahlen ließen sich mit der von Robert Bosch entwickelten Zündung steigern. Damit waren die wichtigsten Ingredienzen für den Welterfolg des Automobils zusammen. Die Daimler-Motoren-Gesellschaft, seit 1890 in Bad Cannstatt, wurde 1926 mit der Firma von Carl Friedrich Benz vereinigt.

Der Arzt und Bakteriologe Robert Koch (1843-1910) entdeckte 1876 bei der Untersuchung eines Infektes keimfähige Sporen im Milzbrandbazillus. Es war das erste Mal, das jemand lebende Mikroorganismen als Krankheitserreger nachweisen konnte. Am Berliner Gesundheitsamt fand er 1882 den Tuberkelbazillus und das Tuberkulin. Die Tuberkulose konnte damit geheilt werden. 1884 entdeckte er auch den Erreger der Cholera. Ab 1891 war er der erste Leiter des nach ihm benannten Institutes für Infektionskrankheiten. Seine Forschungen wurden 1905 mit dem Nobelpreis für Medizin belohnt.

Revolution und Weimarer Republik

Aus Polen kam die Politikerin Rosa Luxemburg (1870-1919) nach Berlin. Sie hatte sich in der Warschauer Arbeiterbewegung engagiert und musste als Neunzehnjährige emigrieren. Sie studierte in Zürich, wo dies Frauen bereits möglich war, Volkswirtschaft. 1893 trat sie erstmals als Rednerin beim internationalen Sozialistenkongress hervor. Ab 1898 war die durch eine Scheinehe zur deutschen Staatsbürgerin Gewordene für die SPD tätig. Ab 1907 unterrichtete sie auch als Lehrerin an der Parteischule. Der Ausbruch des Ersten Weltkriegs, den sie die meiste Zeit im Gefängnis verbrachte, veranlasste Luxemburg, sich mit Clara Zetkin, Walter Mehring und Karl Liebknecht (1871-1919) zu einer Gruppe zusammenzuschließen, aus der 1917 der Spartakusbund und 1918 die DKP hervorging. Liebknecht war ausgebildeter Jurist und hatte ebenfalls den Weg vom linken Flügel der SPD über den Spartakusbund in die DKP genommen. Als Antimilitarist war auch er während des Krieges inhaftiert. Der November 1918 brachte die von Luxemburg gewünschte Revolution. Karl Liebknecht rief am 9. November 1918 die "Freie sozialistische Republik" aus. Beide beteiligten sich intensiv an der Errichtung einer Räterepublik nach russischem Vorbild. Im Januar 1919 wurden Luxemburg und Liebknecht zusammen gefangen genommen und von rechtsradikalen Offizieren ermordet.

In München fand sich eine Gruppe junger Künstler zusammen, die sich in der "Neuen Künstlervereinigung" ein Forum schufen. 1911 gründete Franz Marc (1880-1916) zusammen mit Wassily Kandinsky, August Macke, Alfred Kubin und Gabriele Münter die Gruppe "Der Blaue Reiter". In einem gleichnamigen Kunstalmanach drückten sie ihre theoretischen Ansichten aus. Die Gruppe schuf Kontakte, organisierte Ausstellungen und wurde zu einem Zentrum des deutschen Expressionismus. Marc malte besonders gerne Tiere, deren Formen er geometrisch auflöste. Seine Lieblingstiere Pferde, Rehe und Kühe malte er in ungewöhnlichen Farben: rot, gelb und immer wieder blau. Marc fiel als Kriegsfreiwilliger 1916 in Verdun im Alter von 36 Jahren.

Kurz nach der Jahrhundertwende studierte der junge Maler Max Beckmann (1884-1950) Kunst. In Paris fand er über die primitive Malerei erste Anregungen für seinen späteren expressionistischen Malstil. In Berlin hatte er ersten Erfolg, als er im 1. Weltkrieg als Sanitäter eingezogen wurde. Den Schrecken des Krieges sollte er nie mehr loswerden. Seine Bilder aus der Weimarer Republik waren von diesem Grauen geprägt. Oft thematisierte er Gewalt und Gemeinheit. Biblische Stoffe wichen einer realistischen Betrachtungsweise. Das Leiden der Welt hielt Beckmann in großen, figurenreichen und in ihrer Aussage auch kritischen Gemälden fest. Hohe Kunst zeigte Beckmann als Porträtist, in seinen Selbstbildnissen ebenso wie in Gemälden seiner Frau. Ab 1933 galt Beckmann als entartet. 1937 ging er von Berlin über Amsterdam in die Emigration. 1947 kam er nach New York, wo er am Brooklyn Museum und der Washington University Kunst unterrichtete. Max Beckmann verfasste auch Theaterstücke, Briefwechsel und Tagebücher.

Ein scharfer Kritiker der Weimarer Republik war auch der Maler und Grafiker George Grosz (Georg Ehrenfried Grosz, 1893-1959). Seine Bilder zeigen entlarvend die Bourgeoisie der Zeit nach dem 1. Weltkrieg, den reaktionären und militaristischen Zeitgeist, sehr deutlich etwa in seinem bekanntesten Gemälde "Stützen der Gesellschaft". Grosz arbeitete auch als Bühnenbildner und Buchillustrator. 1933 emigrierte Grosz in die USA, wo er jedoch nicht so viel Anerkennung finden konnte wie in dem von ihm in Liebe und Hass betrachteten Deutschland.

Ein Kollege von George Grosz war der Künstler John Heartfield (eigentlich Helmut Herzfeld, 1891-1968), der seine Gesellschaftskritik in Fotomontagen ausdrückte. Er hatte seine künstlerische Prägung in der von ihm zusammen mit Grosz und seinem Bruder Wieland Herzfeld gegründeten Berliner Dada-Gruppe gefunden; seine Fotomontagen sind dadaistisch inspiriert. Heartfield ging es dabei zunehmend um die politische Aussage. Er arbeitete als Buchillustrator und schuf Plakate. Heartfield entwickelte die Fotomontage zum politischen Agitationsmittel weiter, mit dem er seinen Protest gegen den Nationalsozialismus artikulieren konnte. Bekannt ist etwa sein Bildnis Adolf Hitlers, bei dem ihm beim Deutschen Gruß die deutsche Großindustrie Geld in die nach hinten geschlagene Hand legt oder die Darstellung des Hakenkreuzes aus blutigen Äxten.

Der Kampf gegen Nationalismus und Militarismus, die er im Deutschen Kaiserreich und der Weimarer Republik verkörpert fand, prägte auch das Leben von Kurt Tucholsky (1890-1935). Schon während des Jurastudiums in Berlin begann er, für mehrere Zeitschriften zu schreiben. Bis 1933 war er der engste Mitarbeiter und auch Herausgeber der "Schaubühne", später "Weltbühne", die sich von einer Theaterzeitung in ein kritisches linksliberales Organ wandelte. 1912 stellte sich mit der heiteren Erzählung "Rheinsberg" der erst literarische Erfolg ein. Nach dem Ersten Weltkrieg, den er im Baltikum und Rumänien miterlebte, wurde er ein entschiedener Kriegsgegner und geißelte in seinen Artikeln die Schwächen der Weimarer Republik. So wies er zum Beispiel auf die Milde der Justiz gegenüber rechts hin. In zahlreichen Glossen, Kritiken, Gedichten und Couplets für die Berliner Kabaretts entstand ein facettenreiches Bild der deutschen Gesellschaft. Sein Werk war so vielseitig, dass Tucholsky vier Pseudonyme benutzte (Peter Panter, Theobald Tiger, Ignaz Wrobel und Kaspar Hauser). 1924 ging er als Korrespondent nach Paris. 1931 entstand in Schweden die sommerliche Liebesgeschichte "Schloss Gripsholm". Das sich verändernde politische Klima und die eigene Machtlosigkeit, schreibend nur wenig bewirken zu können, stürzten Tucholsky in tiefe Verzweiflung. Der kritische Journalist gehörte zu den Ersten, die nach 1933 ausgebürgert wurden. Auch konnte kein Artikel von ihm mehr in der deutschen Presse erscheinen. Wegen seiner sozialistischen Neigungen gewährte ihm aber auch sein Gastland Schweden nicht die Staatsbürgerschaft. Krankheit und Hoffnungslosigkeit führten ihn zum Selbstmord.

Eine schillernde Gestalt der ersten Jahrhunderthälfte und eine der größten deutschen Dichterinnen war Else Lasker-Schüler (1869-1945). Aus einem gebildeten jüdischen Elternhaus in Wuppertal stammend, war sie in erster Ehe mit einem Arzt, in zweiter mit Herwarth Walden, dem Herausgeber der expressionistischen Kunstzeitschrift "Der Sturm" in Berlin verheiratet. Max Reinhardt inszenierte ihr expressionistisches Arbeiterschauspiel "Die Wupper" (1919), doch ihre sehr fantasievollen, farbigen Gedichte machten ihre hauptsächliche Wirkung aus. Sie war auch eine große Briefschreiberin und verzierte ihre Schreiben mit zauberhaften Miniaturen. Von Berlin aus unternahm sie Reisen in alle großen europäischen Städte, in denen sie ihre vielen Künstlerfreunde besuchte. Sie pflegte sich für sie bizarre Namen auszudenken. Franz Marc z. B. war für sie der "Blaue Reiter", Karl Kraus der "Dalai Lama". Sich selbst titulierte sie als "Jussuf, Prinz von Theben". 1933 wurde sie als Jüdin mit Publikationsverbot belegt und floh über die Schweiz nach Palästina. Dort verbrachte sie elend die letzten acht Jahre ihres Lebens.

1918 reagierte der junge Sanitätssoldat Bertolt Brecht (1898-1956) auf schlimme Kriegserlebnisse mit seinem ersten expressionistischen Theaterstück "Baal". Es wurde 1922 an den Münchner Kammerspielen uraufgeführt, an denen Brecht als Dramaturg arbeitete. 1924 kam Brecht als Dramaturg zu Max Reinhardt nach Berlin. Dort hatte er 1928 einen großen Erfolg mit der "Dreigroschenoper", zu der Kurt Weill die Musik geschrieben hatte. In dieser Zeit entwickelte Brecht seine zukunftsweisenden Vorstellungen vom "epischen Theater", das den Zuschauern echte Konflikte zur Bewältigung anbieten sollte. Seine Stücke dieser Jahre waren bisweilen sozialistisch-lehrhaft. Bekannt ist "Die heilige Johanna der Schlachthöfe" (1929-31). 1933 flüchtete Brecht mit seiner Frau, der Schauspielerin Helene Weigel, und einer Geliebten über viele Staaten nach Amerika. 1935-39 versuchte er, in Moskau Fuß zu fassen. Im Exil entstanden "Das Leben des Galilei" (1938), "Mutter Courage und ihre Kinder" (1939) und "Der kaukasische Kreidekreis" (1944-45). Nach dem Krieg verweigerten die Westalliierten Brecht als Kommunisten die Einreise. So ging er in die sowjetische Besatzungszone und gründete 1949 mit Helene Weigel das "Berliner Ensemble", die wichtigste Experimentierbühne der Zeit. Wegen seiner linken Grundhaltung mit der Entwicklung in der DDR offiziell konform gehend, blieb Brecht doch ein kritischer Beobachter. Berühmt ist seine Aufforderung an die Regierung nach dem Aufstand vom 17. Juni 1956, sich doch ein anderes Volk zu suchen. Brecht war auch ein bedeutender Lyriker. Neben vielen politischen Gedichten stammen aus seiner Feder auch einige der schönsten Liebesgedichte in deutscher Sprache.

Ausgebildet von Engelbert Humperdinck und Ferruccio Busoni arbeitete Kurt Weill (1900-1950) als Korrepetitor an kleineren Theatern. Als Komponist spezialisierte er sich auf Opern zu den sozialkritischen Texten von Georg Kaiser und vor allem Bertolt Brecht. Vor allem die "Dreigroschenoper" (1928) und "Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny" (1930) wurden Klassiker des modernen Musiktheaters. Als deutscher Jude musste Weill 1933 das Land verlassen. Sein Weg führte ihn über Paris nach Amerika, wo er ebenfalls sehr erfolgreich als Komponist arbeitete. Er starb 1950 in New York.

Das Dritte Reich

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Heinrich und Thomas Mann

Heinrich Mann (1871-1950) wurde durch politische Essays und die Romane "Professor Unrat" (1905) und "Der Untertan" (1914) bekannt. 1929 wurde "Professor Unrat" als "Der blaue Engel" mit Marlene Dietrich in der Hauptrolle ein großer Filmerfolg. Heinrich Mann war Vorsitzender der Sektion Dichtkunst an der Preußischen Akademie der Künste. Von diesem Amt musste er nach der nationalsozialistischen Machtergreifung 1933 zurücktreten. Im französischen Exil schrieb er große historische Romane über den guten König Heinrich IV. Über Südfrankreich emigrierte Mann in die USA. 1945 erschien das autobiografische Werk "Ein Zeitalter wird besichtigt".

Bekannter wurde sein jüngerer Bruder Thomas Mann (1875-1955). Die Welt seiner Jugend in einem Lübecker Patrizierhaus verarbeitete er 1901 in den "Buddenbrooks", seinem ersten literarischen Erfolg. In München heiratete er 1905 Katja Pringsheim und hatte auch dort Zugang zu großbürgerlichen Kreisen. Zur Zeit des Ersten Weltkriegs entzweite er sich zeitweilig mit seinem politisch engagierten Bruder Heinrich (1918 "Betrachtungen eines Unpolitischen"). 1924 entstand der große Roman "Der Zauberberg". 1929 erhielt er den Nobelpreis für Literatur. Von einer Vortragsreise kehrte Mann 1933 nicht nach Deutschland zurück. Bis 1943 lebte er in der Schweiz, wo er an der Romantetralogie "Joseph und seine Brüder" arbeitete. 1938 emigrierte Thomas Mann in die USA und lebte von 1942-52 im kalifornischen Pacific Palisades. Er sprach über BBC zu den deutschen Hörern und schrieb unter dem Eindruck des Krieges den Künstlerroman "Doktor Faustus" (1947). Bekannt ist "Der Zauberer" auch für seine Erzählungen, z. B. "Tonio Kröger" und "Der Tod in Venedig".

In ihrer Jugend waren Sophie (1921-1943) und Hans (1918-1943) Scholl entgegen ihrer liberalen und christlichen Erziehung zunächst begeisterte Mitglieder der NS-Jugendorganisationen BDM und HJ. Im Verlauf der NS-Diktatur und in den Kriegsjahren entfremdeten sich die Geschwister Scholl dem Regime jedoch derart, dass sie ihm Widerstand entgegensetzten. Hans Scholl kehrte tief enttäuscht von einem Reichsparteitag in Nürnberg zurück und war seitdem dem Regime innerlich entfremdet. In seiner Studienzeit in München gründete er mit seinen Freunden Christoph Probst, Alexander Schmorell und Willi Graf die Widerstandsgruppe "Die Weiße Rose". Als Sophie Scholl ihr Studium der Biologie und Philosophie begann, schloss sie sich der Gruppe an. Sie gewannen auch den Münchener Professor für Volkskunde Dr. Kurt Huber zur Mitarbeit. Die "Weiße Rose" vervielfältigte und verteilte unter Lebensgefahr eine Reihe von Flugblättern, in denen sie an das Gewissen der Bevölkerung appellierten und zum aktiven Sturz des Regimes aufriefen. Bei einer Flugblattaktion im Lichthof der Münchener Universität wurden die Geschwister Scholl verhaftet, von dem eigens nach München angereisten Volksgerichtshof zum Tode verurteilt und am 22. Februar 1943 hingerichtet.

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Helmut von Moltke

Helmuth James Graf von Moltke (1907-1945) war studierter Jurist und ein sozial und politisch engagierter junger Mann. Von dem schlesischen Gut Kreisau stammend, das er gemeinsam mit seiner Frau Freya bewirtschaftete, arbeitete er 1939-1944 als Experte für Völkerrecht beim Oberkommando der Wehrmacht in Berlin. Zusammen mit seinem hoch gebildeten Freund Peter Graf Yorck von Wartenburg (1904-1944), der den Nationalsozialismus aus ethisch-religiösen Gründen ablehnte, sammelte er den nach seinem Gut benannten Kreisauer Kreis um sich, in dem sich Widerstandskämpfer aller gesellschaftlichen Gruppen um ein Deutschland nach dem Krieg Gedanken machten. Yorck war zudem Verbindungsmann zu anderen Widerstandsgruppen, so auch zum militärischen Widerstand über seinen Vetter Claus Graf Schenk von Stauffenberg. Nach dem gescheiterten Attentat auf Hitler vom 20. Juli 1944 wurde Yorck eines der ersten Opfer des Volksgerichtshofes. Moltke wurde im Januar 1945 hingerichtet.

Ein deutscher Physiker war so bedeutend, dass man ihn und seinen Stab bei Kriegsende sofort von Deutschland in die USA brachte: Wernher von Braun (1912-1977). Von Jugend an für Raketen begeistert, wurde er zum weltweit führenden Experten auf diesem Gebiet. Bereits 1934 flogen seine Zwillingsraketen A 1 von Borkum aus 2200 m hoch. Die deutsche Raketenforschung der 30er und 40er Jahre diente allerdings nicht zivilen Zwecken, sondern war als Ausgangspunkt zum Bau von Vernichtungswaffen gedacht. Wernher von Braun war somit tief in die nationalsozialistische Politik verstrickt. Als Leiter der Heeresversuchsanstalt in Peenemünde, wo er ab 1937 die Flüssigkeitsraketen V1 und die als "Wunderwaffe" gedachte V2 konstruierte, war er für das deutsche Raketenrüstungsprojekt verantwortlich. Seine Expertenschaft war so groß, dass man auch in den USA über seine zumindest moralische Mitverantwortung als führender Rüstungsfachmann hinwegsah. Von Braun bekam die Chance, Weltraumprogramme zu entwickeln. Im Space Flight Center entstanden unter von Brauns Leitung die Saturn-Trägerraketen des Apolloprogramms. Der Waffenkonstrukteur wurde zu einem Aushängeschild auch für die Raumfahrt.

Film

Marlene Dietrich (eigentlich Maria Magdalena von Losch, 1901-1991) wurde 1929 als Lola-Lola mit dem Chanson "Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt" bekannt, das sie in dem Film "Der blaue Engel" nach Heinrich Manns "Professor Unrat" sang. Sie folgte dem Regisseur Josef von Sternberg in die USA und hatte dort Erfolg in Filmen wie "Shanghai-Express" (1932) oder "Der große Bluff" (1939). 1934 lehnte sie das Angebot von Goebbels, nach Deutschland zurückzukehren, ab. Stattdessen nahm sie 1937 die amerikanische Staatsbürgerschaft an. Während des Krieges arbeitete sie unter anderem auch in der amerikanischen Truppenbetreuung. 1957 glänzte sie neben Charles Laughton in "Zeugin der Anklage". Neben ihrer Filmkarriere trat die Dietrich auch als Chansonsängerin hervor. Sie lebte schließlich zurückgezogen in Paris. Ihre Heimatstadt Berlin konnte den Nachlass der dort nicht unumstrittenen Diva erwerben. Sie liegt dort auch begraben.

Aus München stammt eine der bedeutendsten deutschen Charakterdarstellerinnen, Therese Giehse (eigentlich Therese Gift, 1898-1975). Vom Kabarett kam sie 1925 an die Münchner Kammerspiele. Mit ihrer Freundin und Geliebten Erika Mann und deren Kabarett "Die Pfeffermühle" emigrierte sie 1933 nach Zürich, wo sie ab 1937 am Schauspielhaus angestellt war. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges kehrte sie nach Deutschland zurück und spielte wieder in München und Berlin Theater. Ihre Hauptrollen hatte sie in "Der Biberpelz", "Die Ratten", "Der zerbrochene Krug" und "Mutter Courage". Sie arbeitete auch für Film und Fernsehen und hat ein Stück Schauspielgeschichte geschrieben, auch wenn sie ihre Erinnerungen "Ich habe nichts zum Sagen" (1973) nannte.

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Hans Albers

Hans Albers (1891-1960) spielte seit 1926 in Berlin und Hamburg Theater. Sein Ruhm beruht aber auf seiner Arbeit als Filmschauspieler, als er sich in den 30er und 40er Jahren einen Namen als Abenteurer und Draufgänger machte. Der "blonde Hans" mit seinen blauen Augen verkörperte kernige Männer und immer wieder Hamburger Typen. Um dem Berufsverbot zu entgehen, ließ er sich während des Dritten Reiches von seiner jüdischen Frau scheiden. Er konnte so den "Münchhausen"-Film von 1943 drehen. Käutners "Große Freiheit Nr. 7" (1944) wurde allerdings als "wehrkraftzersetzend" verboten. Seine Filmschlager "Fliegerlied", "Hoppla, jetzt komm ich!", "La Paloma" und "Auf der Reeperbahn nachts um halb eins" wurden Evergreens. Auch nach dem Krieg hatten Albers-Filme noch Erfolg, so dass er an seinem Lebensabend, den er nicht an der Küste, sondern am bayerischen Starnberger See verbrachte, auf eine 30-jährige höchst erfolgreiche Karriere zurückblicken konnte.

Direkt nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges hatte der deutsche Film ein neues Gesicht. Die junge Hildegard Knef (1925-2002) war in Berlin aufgewachsen und hatte dort das Elend und den Zusammenbruch des Dritten Reiches und die anschließende Hungerzeit erlebt. Als die deutsche Filmindustrie unter schwierigen Bedingungen einen neuen Start begann, war sie dabei, 1946 in "Die Mörder sind unter uns" oder mit Hans Söhnker in "Film ohne Titel" (1948). "Die Sünderin" erregte 1950 einen riesigen Skandal, weil die Knef dort in einer kurzen Sequenz als Malermodell nackt zu sehen war. 1954 versuchte sie ihr Glück am Broadway und in Hollywood, bekam aber als Deutsche dort Gegenwind zu spüren. Bekannt ist "Der Schnee am Kilimandscharo" (1952) nach Hemingway. In den 60er Jahren feierte sie als Sängerin von ihr selbst geschriebener Chansons große Erfolge. Sie veröffentlichte auch zwei in eigenwilligem, durchaus literarischen Stil geschriebene autobiografische Werke: "Der geschenkte Gaul" (1971) und "Das Urteil" (1975).

Aus einer Schauspielerfamilie stammte Romy Schneider (1938-1982), ihre Eltern Wolf Albach-Retty und Magda Schneider waren selbst bekannte Künstler. Schon als Jugendliche verkörperte Romy Schneider in den drei "Sissy"-Filmen (1955-57) an der Seite von Karlheinz Böhm die Kaiserin Elisabeth von Österreich, und dieses Sissy-Image sollte ihr ihr Leben lang anhaften. Sie folgte ihrer Jugendliebe Alain Delon nach Frankreich und dort konnte sie sich zu einer anspruchsvollen Schauspielerin entwickeln. Sie spielte in "Der Prozeß" von und mit Orson Welles, "Der Kardinal" (beide 1962), "Das Mädchen und der Kommisar" (1973), "Trio Infernal" (1974), "Gruppenbild mit Dame" (1977), "Die Liebe einer Frau" (1979) und "Der gekaufte Tod" (1980). Ihre Ehe mit ihrem Kollegen Harry Mayen verlief unglücklich. Romy Schneider litt immer wieder unter Depressionen und Alkoholproblemen. Vor allem nach dem Unfalltod ihres Sohnes verlor die begabte Schauspielerin den Lebensmut. Am 30. Mai 1982 starb sie an einer Überdosis Tabletten. In Erinnerung an sie wurde die dem amerikanischen Oscar nachempfundene Trophäe des Österreichischen Filmpreises "Romy" genannt.

Die Bundesrepublik Deutschland

Konrad Adenauer (1876-1967) band als erster Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland den jungen Weststaat in die westeuropäische Staatengemeinschaft ein und half, das im Dritten Reich und Zweiten Weltkrieg verwirkte Vertrauen in Deutschland wiederherzustellen. Bereits in der Weimarer Republik als Oberbürgermeister von Köln und Präsident des Preußischen Staatsrates war er schon vor dem Zweiten Weltkrieg politisch erfolgreich. Als Gegner des Nationalsozialismus verlor er 1933 seine Ämter und war 1934 und 1944 zeitweilig in Haft. Nach Kriegsende setzten die Allierten ihn wieder als Kölner Oberbürgermeister ein. Gründungs- und Vorstandsmitglied der CDU wurde er zu ihrem 1. Vorsitzenden gewählt. 1948 war er Präsident des Parlamentarischen Rates, in dem das Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland entwickelt wurde. 1949 wurde er mit nur einer einzigen Stimme Mehrheit zum 1. Bundeskanzler der BRD gewählt. Er setzte sich für Bonn als Bundeshauptstadt ein. Ein erster Erfolg für den jungen Staat war das Petersberger Abkommen 1949 mit den alliierten Hochkommissaren. Adenauer betrieb die Annäherung an Frankreich, als deren Ergebnis die BRD nach dem Schumann-Plan 1953 in die westeuropäische Staatengemeinschaft aufgenommen wurde. Bei sich gleichzeitig verschlechterndem Verhältnis zum Osten lehnte sich die BRD eng an den Westen an. 1955 wurde sie Natomitglied, 1957 Teilnehmerin an der EWG. Als seinerzeit größter Erfolg Adenauers galt aber 1955 seine in diplomatischen Verhandlungen mit der Sowjetunion erreichte Freilassung von über 10000 deutschen Kriegsgefangenen. Adenauers hohes Ansehen (Wiederwahl 1953, 1957 und 1961) litt unter seinem Verhalten beim Bau der Berliner Mauer und der Spiegelaffäre, so dass er 1963 als Bundeskanzler zurücktrat.

Der Betriebs- und Volkswirt Ludwig Erhard (1897-1977) stand nach dem Zweiten Weltkrieg den amerikanischen Besatzungsbehörden als Wirtschaftsberater zur Verfügung. Als Vorsitzender der "Sonderstelle Geld und Kredit" in Bad Homburg 1946-48 bereitete er die Währungsreform für die Trizone vor und schrieb mit der DM Währungsgeschichte. Für die CDU war Erhard ab 1949 bis 1963 Wirtschaftsminister. Seine Kanzlerschaft als Nachfolger Adenauers (1963-66) war demgegenüber weniger erfolgreich, weil sich Erhard auf anderen Gebieten als der Wirtschaft politisch eher passiv verhielt. 1966 trat er zurück. Sein Konzept der sozialen Marktwirtschaft setzte sich gegen Widerstände nicht zuletzt in der eigenen Partei durch. Ludwig Erhard, bekannt mit dicker Zigarre im Mund, wurde zum "Vater des Wirtschaftswunders".

Einer der bedeutendsten Politiker Deutschlands nach dem Zweiten Weltkrieg war Willy Brandt (eigentlich Herbert Ernst Karl Frahm, 1913-1992). Als Mitglied der SPD beziehungsweise der SAP gefährdet, emigrierte er schon 1933 nach Norwegen, das ihm nach seiner Ausbürgerung die Staatsbürgerschaft gewährte. 1940 musste er in das neutrale Schweden ausweichen. 1945 kehrte er nach Deutschland zurück, zunächst als Deutschlandkorrespondent skandinavischer Zeitungen. Als Mitglied des Bundestages und des Berliner Abgeordnetenhauses war er von Anfang an in der Bundesrepublik politisch engagiert. Von 1957-1966, also auch zur Zeit des Mauerbaus 1961, war Brandt Regierender Bürgermeister von Berlin. Dann ging er als Außenminister der Großen Koalition 1966-69 nach Bonn. Unter seiner Kanzlerschaft 1969-1974 bemühte sich die Bundesrepublik Deutschland in Abkehr ihrer bisherigen Politik um Versöhnung und ein verbessertes Verhältnis mit ihren östlichen Nachbarn. Nach der strikten Westbindung der Bundesrepublik erfolgte nun die vorsichtige Verständigung mit dem Osten. Vielen Deutschen ging sie dennoch zu weit; Brandt wurde auch persönlich heftig dafür angefeindet. 1970 wurden der Deutsch-Sowjetische und der Deutsch-Polnische Vertrag geschlossen, die Oder-Neiße-Grenze und die Unverrückbarkeit der Grenzen anerkannt. Der Aussöhnung diente auch Willy Brandts Kniefall vor dem Denkmal für die Opfer des Warschauer Gettos. 1970 brachte auch ein für das deutsch-deutsche Verhältnis aufschlussreiches Treffen mit dem DDR-Ministerpräsidenten Willy Stoph. 1971 erfolgte das Viermächteabkommen über Berlin. Für seine Ostpolitik wurde Willy Brandt 1971 der Friedensnobelpreis verliehen. 1974 trat er als Folge der Spionageaffäre um Guillaume als Kanzler zurück. Er war Vorsitzender der Sozialistischen Internationale und der Nord-Süd-Kommission und lange Vorsitzender sowie Ehrenvorsitzender der SPD. Den Fall der Berliner Mauer konnte Brandt noch miterleben und kommentierte ihn mit dem Satz: "Jetzt wächst wieder zusammen, was zusammengehört."

Die große Dame des deutschen Journalismus war Marion Gräfin Dönhoff (1909-2002). Aus einem ostpreußischen Adelsgeschlecht stammend, studierte sie in Berlin und Basel. Sie promovierte über die Geschichte der Entstehung des Familienbesitzes Friedrichstein, in dessen Verwaltung sie bis zur Flucht aus Ostpreußen auch arbeitete. Sie stand über ihre Verwandten, vor allem Heinrich Graf von Lehndorff, dem Widerstandskreis um den 20. Juli 1944 nahe. Ihrer ostpreußischen Heimat und ihren Freunden hat sie in mehreren Büchern gedacht, unter anderem "Namen, die keiner mehr nennt", "Kindheit in Ostpreußen" (1988), "Eine Frage der Ehre". 1946 wurde sie Redakteurin der Wochenzeitung "Die Zeit", seit 1973 auch Herausgeberin. Als Journalistin setzte sie sich sehr für die Ostpolitik ein, wie sie von Willy Brandt vertreten wurde. 1971 wurde sie dafür mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels geehrt. Ihr besonderes Interesse galt auch Südafrika und dem Kampf gegen die Apartheid. Die Gräfin war auch als über Neunzigjährige noch für die Zeit tätig.

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Titelblatt der ersten Ausgabe der Frauenzeitschrift "Emma", 2. von links auf dem Foto ist die Herausgeberin Alice Schwarzer.

Alice Schwarzer (geb. 1942) war in der westdeutschen Gesellschaft der 70er und 80er Jahre eine immer wieder lebhaft diskutierte und heftig angegriffene Erscheinung. Diese Polarität, aber auch Popularität verdankt sie ihrem jahrzehntelangen engagierten Eintreten für die Emanzipation der Frau. Bekannt wurde sie vor allem als Herausgeberin und Autorin der Zeitschrift "EMMA", die sie 1977 gründete und die in der bundesrepublikanischen Presselandschaft eine Institution ist. In dieser Zeitschrift, aber auch in Buchform, veröffentlichte Schwarzer zahlreiche Porträts bedeutender, aber auch völlig unbekannter Frauen. 1996 erschien eine Biografie über Marion Gräfin Dönhoff, 1998 ein Buch über Romy Schneider. Scharfsinnige Analysen über verschiedenste Themen des gesellschaftlichen Lebens zeigen sie als hervorragende Journalistin. Sie initiierte auch den "Deutschen Journalistinnenpreis" und wurde unlängst selbst Gegenstand zweier Biografien.

Hildegard Hamm-Brücher (geb. 1921) studierte 1940-1945 in München Chemie. Während dieser Zeit fand sie Zugang zur studentischen Widerstandsgruppe "Die weiße Rose" um die Geschwister Scholl. Nach dem Krieg begann sie als Wissenschaftsjournalistin für eine Münchener Zeitung zu schreiben. Theodor Heuss ermutigte sie, sich politisch zu engagieren. Als junge Frau zog sie für die FDP in den Münchener Stadtrat und den Bayerischen Landtag ein und erwarb sich einen Ruf als Bildungspolitikerin. Als solche wurde sie Staatssekretärin in Hessen und unter Hans-Dietrich Genscher Staatsministerin im Auswärtigen Amt. Bereits 1964 gründete sie die Theodor-Heuss-Stiftung zur Förderung der politischen Bildung und Kultur, als deren Vorsitzende sie noch tätig ist. Auch als Bundestagsabgeordnete von 1976-1990 setzte sie sich für eine Hebung der politischen Kultur in Parlament und Gesellschaft ein. Geprägt von der Kriegszeit und dem Versagen der Weimarer Republik, ging es ihr von Anfang ihrer politischen Karriere an darum, die Demokratie wirklich in der Bevölkerung zu verankern. Das Wort "Zerreißt den Mantel der Gleichgültigkeit!" aus dem letzten Flugblatt der Weißen Rose war ihr Auftrag auch für ihr politisches Leben. 1994 war sie Kandidatin für das Amt des Bundespräsidenten, blieb aber nicht zuletzt auf Grund mangelnder Unterstützung ihrer eigenen Partei chancenlos. 1996 erschienen ihre Erinnerungen "Freiheit ist mehr als ein Wort". 2002 trat Hildegard Hamm-Brücher aus der FDP aus. In einem Brief an Parteichef Guido Westerwelle begründete sie ihre Entscheidung vor allem mit den antiisraelischen Äußerungen Jürgen Möllemanns (1945-2003).

Bibliografie:

  • A. Andree: Die Knef, 2000
  • M. Gräfin Dönhoff: Die neue Mittwochsgesellschaft, 2000
  • R. Friedenthal: Goethe, 1999
  • R. Friedenthal: Luther, 2000
  • H. Hamm-Brücher: Erinnern für die Zukunft, 2001
  • H. Hamm-Brücher: Freiheit ist mehr als ein Wort, 1996
  • Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland: Ludwig Erhard und seine Politik, 1999
  • H. Knef: Der geschenkte Gaul, 2002
  • A. Schwarzer: Man wird nicht als als Frau geboren, 2000
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