Die ältesten Universitäten der Welt
Universitäten
Die moderne Universität geht auf das 13. Jahrhundert zurück. Diese Hochschulform ist entstanden aus einem freiwilligen Zusammenschluss zwischen Schüler und Lehrkörper. Der Gemeinschaftsgedanke drückt sich auch in dem lateinischen Namen universitas aus, was soviel bedeutet wie Gesamtheit, verstanden als Gemeinschaft der Lehrenden und Lernenden. Diese Korporationen bildeten sich in den bereits hoch entwickelten Städten im Westen und Süden Europas aus, in denen schon berühmte Stadt- und Domschulen bestanden. Die Studenten fanden sich zu Lern- und Lebensgemeinschaften so genannten Bursen, Börsen, Kollegien zusammen. Diese Kollegien beschränkten sich bald nicht mehr nur auf die Unterbringung und Verpflegung der Studenten, sondern nahmen eigene wissenschaftliche Aufgaben war. Die Entstehung der berühmten Colleges von Oxford und Cambridge, die sich über England und später Amerika in der ganzen Welt verbreitet haben, fanden hier ihren Ursprung. Die Pariser Universität ist auch unter dem Namen eines solchen Kollegs bekannt: die Sorbonne. Die Universitäten mit ihren neuen Bildungs- und Karrierechancen übten starke Anziehungskraft aus. Es entstand eine regelrechte universitäre Bewegung in Europa. Studenten von überallher zogen als fahrende Scholaren oder Vaganten durch den ganzen Kontinent an die Universitäten.
Die zuständigen Bischöfe oder Kommunen sahen diese Entwicklung durchaus mit Skepsis. Sie befürchteten Machteinbußen durch den Verlust der Kontrolle über die hohen Schulen. Zudem sorgte sich die Kirche um ihr Lehrmonopol, da auch Laien hohe Positionen in diesen Schulen einnahmen. Das galt besonders für das Studium der Rechte und der Medizin. Wenn auch die Kirche und Kommunen der universitären Bewegung anfangs ablehnend gegenüberstanden, so fanden die frühen Universitäten bald Förderer in den Königen von Frankreich, England und Kastilien sowie dem Papsttum, das ihnen umfangreiche Privilegien zusprach. Für die Könige und die Kirche bot sich durch die Unterstützung der Universitäten die Möglichkeit, qualitativ hoch stehende Studiengänge zu fördern und so eine Elite gut ausgebildeter Personen für den Dienst in Kirche und Staat aufbauen.
Antike Vorläufer der Universitäten: Die hohen Schulen der Antike sind keine Universitäten im engeren Sinne, da sich deren spezifische Form erst im 13. Jahrhundert ausbildeten. Jedoch kann man in den Bildungszentren der alten Welt auch Vorläufer der modernen Universitäten erkennen. Der alte sumerisch-akkadische Kulturraum mit Babylon brachte bedeutende Leistungen in Recht, Medizin, Sprachwissenschaft, Mathematik und Astronomie hervor. Die Beobachtung von Gestirnen und Planeten und daraus abgeleitet auch die Zeitberechnung (babylonischer Kalender) war bereits Dreitausend vor Christus auf einem hohen Stand. Auch die Wissenschaft des alten Ägypten erreichte Fortschritt im Bereich der Medizin, Mathematik und Astronomie. Das überragende geistige Zentrum der hellenistischen Welt war Alexandria. Hier berührte sich das Wissen der antiken griechischen Kultur und des Orients. Die Alexandrinische Bibliothek, die bedeutendste Bibliothek der Antike, bestand seit dem dritten Jahrhundert vor Christus. Der Bestand umfasste 200 000 Titel im Tempel, dem Serapeion, und 700 000 im Museion, der Forschungsstätte, an der die Gelehrten zugleich auch lebten. Es wurde um 270 n. Chr. zerstört. Mit Hypatia, Synesios, Hierokles, Olympioros und Ammonios verfügte Alexandria über bedeutende Lehrer der platonischen Philosophie. Auch der Einfluss der Juden war in Alexandria groß, bis sie im fünften Jahrhundert nach Christus von dort vertrieben wurden. Die in Alexandria vermittelte Bildung war auch in der Spätantike überwiegend heidnisch; erst nach und nach spielte das Christentum hier eine Rolle. Es entstand eine christliche Katechetenschule mit Clemens und Origenes als bedeutendste Vertreter. Auch Areios, der Begründer des arianischen Christentums, stammte aus Alexandria. Der endgültige Niedergang Alexandrias wurde mit der arabischen Eroberung 642 besiegelt.
In Antiochia und Caesarea (Palästina) bestanden bedeutende Schulen für das Studium der Rhetorik. Athen und Alexandria waren die berühmten Lehrstätten der Philosophie. Athen nahm im fünften Jahrhundert noch einmal einen Aufschwung und vermittelte die Bildung der alten Welt an das neue christliche Zeitalter. Die von Plato gegründete Philosophenschule der athenischen Akademie 529 wurde zwar durch Kaiser Justinian geschlossen und verboten, blieb jedoch Modell aller Gelehrtenkreise. Alle seit der Aufklärungszeit in Europa und der ganzen Welt gegründeten Akademien beziehen sich auf dieses Urbild.
In Beirut bestand eine bedeutende Rechtsschule. Für die Spätantike wurde die Hauptstadt des Oströmischen und Byzantinischen Reiches, Konstantinopel, zum wichtigsten Bildungszentrum. Konstantinopel war eine staatliche Hochschule, die Errichtung der dortigen Professuren in Grammatik, Rhetorik, Philosophie und Jura erfolgte per kaiserlichem Dekret.
Bedeutend für die Entwicklung der Wissenschaften in Europa und seinen Universitäten wurde ein "Arabismus" genanntes Phänomen. Damit ist die Begegnung Europas mit der Übersetzung arabischer Wissenschaft gemeint, die ab dem Ende des 11. Jahrhunderts. im Süden Europas zu beobachten war. Der Anteil des über die arabische Kultur vermittelten Wissens ist sehr bedeutend und war vor allem für die Universitäten von großer Wichtigkeit. Man konnte dadurch nicht nur von der fortschrittlichen arabischen Medizin, Astronomie, Mathematik, Pharmazie, überhaupt den blühenden Naturwissenschaften profitieren, auch für die europäische Geistesgeschichte war dieser Wissenstransfer von größter Bedeutung. Man hatte bisher im christlichen Abendland bis auf einige wenige Stücke, die im Lateinunterricht gelehrt wurden, keine Kenntnis mehr von weiten Teilen der antiken Literatur und Wissenschaft. Sehr bedeutend war in dieser Hinsicht die Aristoteles-Rezeption. Über die arabische Kultur wurden diese Werke ins Lateinische übertragen und so der europäischen Kultur wieder zugänglich. Wichtige Übersetzerschulen bestanden an den Universitäten von Salerno, Montpellier und Paris.
Verfassung der Universitäten und Lehrinhalte: Da die Universitäten aufgrund königlicher, fürstlicher und päpstlicher Privilegierung Autonomie genossen und für die Ausgestaltung ihres Bildungsbetriebes selber verantwortlich waren, gab es keine festen und für alle Universitäten verbindlichen Vorschriften. Es lassen sich aber einige allgemeine Züge erkennen. Die Universitäten waren frei und selbstverwaltet; sie konnten sich ihre Doktoren und Magister sowie ihre Studenten selbst auswählen. Die Aufnahme erfolgte durch die Einschreibung in die Universitätsmatrikel, die heute als wichtige Geschichtsquellen dienen. An ihnen lässt sich ablesen, wie viele Studenten in welchem Halbjahr an einer Universität studierten und von woher sie kamen.
Die Universitäten legten ihre Studiengänge und ihre Examen selbst fest. Sie schufen Prüfungsformen und -kommissionen sowie akademische Grade und Titel. Die bekanntesten davon sind Magister und Doktor. Sie gaben sich eigene Statuten, um ihre inneren Angelegenheiten zu regeln. Die Universität wählte sich ihre Vertreter selbst und entschied frei über die Besetzung ihrer Ämter. An der Spitze stand ein Rektor. Der Kanzler der Universität repräsentierte die kirchliche Autorität, die sich auf diese Weise wie auch durch die notwendigen päpstlichen Bestätigungen ihren Einfluss zu sichern hoffte. Häufig handelte es sich dabei um den Bischof des Bistums, in dem die Universität lag.
Die Universitäten verfügten als eigener Stand auch über eine eigene Jurisdiktion. Über Angehörige der Universitäten wurde also an der Universität Recht gesprochen, nicht vor den weltlichen Gerichten. Trotz aller Freiheiten waren die Universitäten jedoch nicht vollkommen unabhängig, sondern blieben an diese Gewalten gebunden, die ihnen ihre Privilegien gewährten. Zudem waren sie auf Zuwendungen angewiesen, um den Lehrbetrieb finanzieren zu können. Diese bestanden nicht nur aus Geld, sondern auch aus Schenkungen von Land und Gebäuden, der Bereitstellung von Domherrenstellen und anderen Pfründen, mit deren Einkünften die Universitätslehrer versorgt wurden.
Die verschiedenen Disziplinen, die an den Universitäten gelehrt wurden, waren in der Regel in vier Fakultäten zusammengefasst. Die Erste davon war die Artes-Fakultät, an der die Sieben Freien Künste (lat. septem artes liberales) gelehrt wurden. Hier wurde das wichtigste akademische Rüstzeug, sozusagen das Grundwissen, vermittelt. Die höheren Fakultäten lehrten Medizin, Recht, unterschieden in das Gemeine oder Römische Recht und das Kirchenrecht, und schließlich Theologie. Den Fakultäten standen Dekane vor, wie das bis heute akademische Tradition geblieben ist.
Das Einzugsgebiet einer Universität konnte sehr groß sein; bei den großen Universitäten mit gutem Ruf, vor allem Paris und Bologna, kamen die Studenten aus ganz Europa. Am Ort fanden sie sich je nach ihrer landsmannschaftlichen Herkunft zu Universitätsnationen so genannten nationes zusammen. In Bologna beispielsweise unterschied man zwischen ’Citramontanen’ (Italiener, unterteilt in Lombarden für Norditalien, Toskaner für Mittelitalien und Römer für Süditalien) und ’Ultramontanen’ (’von jenseits der Alpen’, Engländer und Deutsche). Die Universität Paris kannte vier Nationen: Die französische für die Studenten aus Frankreich und allen Mittelmeerländern, die Nation der Normandie und Picardie und viertens die englische Nation für Studenten von den britischen Inseln, aber auch aus Deutschland, Skandinavien und den slawischen Ländern.
Die Universitätsnationen hatten die Aufgabe, die Studenten der jeweiligen Herkunftsländer aufzunehmen, in die Universitätsmatrikel einzutragen und nötigenfalls die Jurisdiktion über sie auszuüben. Sie boten ähnlich wie eine kirchliche Bruderschaft Zusammengehörigkeit und Halt. Sie kümmerten sich um das religiöse Leben der Studenten und die gegenseitige Unterstützung. Außerdem besetzten die Universitätsnationen wichtige Wahlgremien für universitäre Ämter.
Die ältesten Universitäten sind Paris und Bologna. Ihre Anfänge liegen noch vor 1200, wenn auch die ältesten Statuten für Paris von 1215 und für Bologna von 1252 erhalten sind. Noch vor 1220 entstanden in England Oxford und Cambridge sowie in Frankreich die auf das Medizinstudium spezialisierte Universität von Montpellier. Auf der Iberischen Halbinsel entstanden die Universitäten von Salamanca (1218), Lissabon (1288) und Lérida (1300). Sie waren ausnahmslos königliche Gründungen für die drei führenden spanischen Reiche Kastilien, Portugal und Aragón.
Das Modell für beinahe alle Universitäten des Mittelalters war Paris. Die Pariser Kathedralschule hatte Ende des elften Jahrhunderts bereits einen ausgezeichneten Ruf. Andere herausragende Schulen bestanden auch an den Abteien St. Viktor und Ste. Geneviève. Daneben bildeten sich zunehmend private Schulen. Der berühmteste Privatgelehrte von Paris dürfte wohl der ebenso geniale wie umstrittene Petrus Abaelardus gewesen sein. Andere berühmte Gelehrte waren Wilhelm von Champeaux und Petrus Lombardus. Nicht zuletzt durch die Wissenserweiterung durch aus dem Arabischen oder Griechischen übersetzten Texte, war das geistige Klima sehr lebendig. Zu dieser Zeit gab es einen Zuwachs an Wissen, an Möglichkeiten, auch an Studenten, dem die alten Schulformen der Kloster- und Kathedralschulen nicht mehr genügten. Noch vor 1200 schlossen sich daher die vielen Magister und Studenten der verschiedenen Pariser Schulen, zu einer Genossenschaft zusammen, der universitas magistrorum et scolarium Parisiensium, einer Gemeinschaft der Lehrer und Schüler von Paris. Man organisierte das akademische Leben nun selbst, durchaus in Konkurrenz zum Bischof und dem Kanzler von Notre-Dame, der als Leiter der Kathedralschule eine Art Oberaufsicht über das gesamte Pariser Schulwesen beanspruchte.
Die Pariser Universität fand bald Hilfe von oben, denn das Papsttum erkannte die Gemeinschaft an. Die ersten Statuten wurden 1215 schriftlich niedergelegt. Die Pariser Universität hatte sich ihre erste Verfassung gegeben. Das Papsttum und der französische König unterstützten die neue Gründung. In Paris fanden sich ab dem 13. Jahrhundert schon die vier Universitätsnationen, in denen die Universitätsangehörigen nach ihrer Herkunft zusammengefasst waren sowie, der von diesen Nationen gewählte Rektor der Universität und die vier Fakultäten der Artes (Sieben freie Künste), Theologie, Jura und Medizin.
Die Pariser Universität stand unter der Vorherrschaft der dort vornehmlich gelehrten Theologie. Dies war teilweise zum Schaden der übrigen Fakultäten. So unterlagen die Geisteswissenschaften teilweise kirchlich verordneten Denkverboten, und durfte sich bis 1255 beispielsweise nicht mit Aristoteles beschäftigen. Auch konnte in Paris nur das Kirchenrecht gelehrt werden, da das weltliche Römische Recht aus den Lehrplänen gestrichen werden musste. Dieses wurde stattdessen in Orléans gelehrt. Überhaupt fand das Rechtsstudium eher seine Heimat in Bologna und den übrigen italienischen Universitäten. Auch im Bereich der Medizin war Paris nicht führend; die Universität Montpellier war auf diesem Feld erfolgreicher. In der scholastischen Philosophie und Theologie dagegen blieb Paris unübertroffen.
Die Pariser Universität war die wichtigste Helferin des Papsttums in allen theologischen Fragen und hatte daher ungeheuren Einfluss. Erst das Große Abendländische Schisma des 14. Jahrhunderts, als sich die Christenheit zwischen dem Papst in Rom und dem in Avignon entscheiden musste, brachte eine Einbuße. Neue Universitätsgründungen in Mitteleuropa (Prag, Wien, Erfurt, Heidelberg, Köln, Krakau) machten Paris Konkurrenz. Als das Papsttum im 15. Jahrhundert nicht mehr die stärkste Macht war, lehnte sich die Pariser Universität enger an die französische Monarchie an und wurde in den folgenden Jahrhunderten zu einer nationalen Universität.
Bologna galt als die bedeutendste Universität für das Studium der Rechte. Dort wurde Anfang des 12. Jahrhunderts die Rechtswissenschaft, also die wissenschaftliche Erforschung des Rechts, eigentlich erst erfunden. In Bologna wurde sowohl das weltliche Römische Recht als auch das kirchliche Kanonische Recht gelehrt. Ähnlich wie Paris hatte auch die Universität Bologna eine große Ausstrahlung. Ihre Studenten kamen aus ganz Europa und verbreiteten ihr Wissen später über die nationalen Grenzen hinaus. Vielen der Studenten öffnete sich der Weg für eine erfolgreiche berufliche Laufbahn. Der Bologneser Rechtsgelehrte Roland Bandinelli beispielsweise ging als Papst Alexander III. in die Geschichtsbücher ein. Der Einfluss der Bologneser Rechtsschule erstreckte sich auf ganz Europa, da die Absolventen als hoch geschätzte Juristen in ihre Heimatländer zurückkehrten.

Nach dem Vorbild von Bologna bildete sich in Norditalien ein Kranz kleinerer Universitäten in Arezzo, Florenz, Pavia, Pisa, Reggio, Siena, Vercelli und Vicenza, die aber nur Sekundärgründungen zu Bologna blieben. Selbständiger zeigten sich die Universitäten von Padua (gegründet 1222) und Neapel (gegründet 1224). In Salerno entstand eine bedeutende medizinische Universität, die Europa vor allem die hoch stehende arabische Medizin nahe brachte.
In Deutschland und weiten Teilen Mittel-, Ost- und Nordeuropas gab es noch lange keine Universitäten. Studenten aus diesen Ländern wanderten also jahrhundertelang zum Studium nach Westen und Süden. Die erste Universität auf Reichsboden war die Prager Karlsuniversität, 1347 von Kaiser Karl IV. in seiner Haupt- und Residenzstadt nach Pariser Vorbild gegründet. Krakau wurde 1364 gegründet, die Universität Wien 1365 durch den habsburgischen Landesherrn Rudolf, der deswegen den Beinamen "der Stifter" erhielt. Deutsche Fürsten gründeten Universitäten in Erfurt (1379), Heidelberg (1385), Köln (1388), Leipzig (1409), Rostock (1419), Löwen (heute Belgien, 1425) und Trier (1454). Die Universität von Greifswald wurde 1456 gegründet, Freiburg im Breisgau 1457, Basel und Ingolstadt 1459, Tübingen und Mainz 1476, Frankfurt an der Oder 1498. Die alten Universitäten von Erfurt und Frankfurt an der Oder sind erst in jüngerer Zeit nach dem Fall des Eisernen Vorhangs wiederbelebt und neugegründet worden, Frankfurt an der Oder als Europauniversität "Viadrina".









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