Die anglikanische Kirche, Kirche von England (Church of England) | http://www.wissen.de/thema/die-anglikanische-kirche-kirche-von-england-church-england
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THEMEN

Die anglikanische Kirche, Kirche von England (Church of England)

Geschichte

"Die Kirche von England ist Teil der Einen, Heiligen, Katholischen und Apostolischen Kirche, die den einen wahren Gott, Vater, Sohn und Heiligen Geist anbetet. Sie bekennt den allein in der Heiligen Schrift geoffenbarten und im katholischen Glaubensbekenntnis festgehaltenen Glauben, den in jeder Generation neu zu verkünden die Kirche aufgerufen ist. Geleitet vom Heiligen Geist, hat sie die christliche Wahrheit bezeugt, wie sie in ihren geschichtlichen Bekenntnisformeln dargelegt ist, den 39 Artikeln des Glaubens, dem Book of Common Prayer und der Ordnung für die Weihe von Bischöfen, Priestern und Diakonen."

Wurzeln einer christlichen Gemeinschaft auf englischem Boden lassen sich erstmals im 4. Jahrhundert nachweisen. Damals trifft man englische Bischöfe auf kirchlichen Synoden, und es entstehen die ersten Klöster. Gleichwohl ist die christliche Kirche noch weit davon entfernt, allgemeine Anerkennung zu geniessen, denn auch von Märtyrern aus dieser Zeit wie dem Heiligen Alban wird berichtet. Erst Ende des 6. Jahrhunderts sollte die von dem römischen Mönch Augustin im Auftrag Papst Gregors durchgeführte Mission auf der Insel bleibende Früchte tragen. König Ethelbert ist einer der Ersten, der den christlichen Glauben annimmt und später zum Erzbischof von Canterbury geweiht wird. In den folgenden Jahrhunderten stabilisiert sich in Britannien die sich mit Rom und dem Papst einig wissende anglo-römische Kirche.

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König Heinrich VIII.; Porträt von Hans Holbein d.J.

1521 veröffentlicht er eine Schrift gegen den deutschen Reformator Martin Luther, was ihm von Papst Leo X. den Titel "Fidei defensor" ("Verteidiger des Glaubens") einträgt. Der Grund für eine Loslösung von der römisch-katholischen Kirche ist 13 Jahre später ein eher profan-weltlicher und sehr persönlicher Grund. Heinrich VIII. hatte sich bereits 1533 von seiner ersten Frau, Katharina von Arágon, getrennt, die Ehe annullieren lassen und anschließend Anna Boleyn, die Mutter seiner Tochter Elisabeth, geheiratet. Als Papst Paul III. seinem Wunsch nach einer offiziellen Anerkennung dieser Scheidung nicht nachkommt, trennt sich der eigensinnige König von Rom und begründet die anglikanische Staatskirche. Neben der nun erzielten religiösen Unabhängigkeit bringt dieser Schritt durch Unterstützung seitens des Parlaments dem König auch erweiterte Machtbefugnisse. 1535 setzt sich Heinrich VIII. zum Oberhaupt der Kirche ein und von 1538-1540 führt er eine weit reichende Säkularisierung der Klöster durch. Gleichwohl bleibt die Reformation in England zunächst ein rein äußerlicher Akt, der keine Veränderungen in der religiösen Praxis nach sich zieht. Nur wenige Jahre später setzt jedoch bereits die Umwandlung der anglikanischen Staatskirche in eine echte Volkskirche ein. Der erste Schritt dazu ist ein Beschluss aus dem Jahr 1539, der verfügt, dass künftig in jeder Gemeinde eine Bibel in englischer Sprache vorhanden sein soll. Entscheidenden Anteil an den religiösen Reformen hat Thomas Cranmer (1489-1556), der 1533 von Heinrich VIII. zum ersten Erzbischof der neuen Kirche ernannt worden ist. Durch Cranmer kommt erstmals vermehrt protestantisch-clavinistisches Gedankengut in die Kirche. Unter der von Edward Seymour in Vertretung für den inzwischen neuen, jedoch noch minderjährigen König Eduard VI. ausgeübten Regentschaft erarbeitet Cranmer das bis heute gültige Book of Common Prayer, das sowohl überlieferte als auch zeitgenössische Liturgien zu einer harmonischen Einheit verarbeitet und auf dessen Basis eine Reform des Gottesdienstes durchgeführt wird. Als Eduard VI. 1553 stirbt, besteigt seine Schwester als Maria I. den Thron. Ihre Beinamen "Maria die Katholische" und "Maria die Blutige" kommen nicht von ungefähr und signalisieren einen kompletten Bruch mit den bisherigen reformatorischen Bestrebungen. Maria I. ist nicht nur bestrebt, das Land wieder vollkommen zu rekatholisieren, sondern sie verfolgt Andersgläubige auch mit aller Konsequenz und lässt u. a. 300 Protestanten auf dem Scheiterhaufen verbrennen. Doch weder die Regierungszeit Marias I. noch ihre re-reformerischen religiösen Absichten sollten von langer Dauer sein. 1558 folgt ihr die Halbschwester Elisabeth auf den Thron, die ganz im Gegensatz dazu nicht nur eine Politik, sondern auch eine Religion der "via media" vertritt. Durch die Parlamentsgesetze von 1559, den "Act of Supremacy" und den "Act of Uniformity", erhält die anglikanische Kirche ihre Selbstständigkeit zurück und kann sich auf dieser Basis in den folgenden Jahrzehnten zu einer eigenständigen Gemeinschaft entwickeln, die zwar immer noch katholische Wurzeln hat, aber deutlich reformatorische Züge trägt. Ausserdem werden die 39 Glaubensartikel veröffentlicht, die vom Parlament zum "Statute Law", zum feststehenden und gültigen Recht erklärt werden. In der Atmosphäre religiöser Freiheit während des 50 Jahre andauernden Elisabethanischen Zeitalters kann sich die anglikanische Kirche zu einem festen Bestandteil des religiösen Lebens entwickeln.

17. Jahrhundert

Im 17. Jahrhundert wird die noch junge Staatskirche durch häufig wechselnde Regenten mit zum Teil gegensätzlichen religiösen Einstellungen zum Spielball der Interessen. Von der Persönlichkeit her in keinster Weise mit der sowohl weisen als auch intelligenten Vorgängerin vergleichbar, wird das Bemühen um religiöse Einigkeit im Keime erstickt. Besonders zwischen den Puritanern und Anglikanern entbrennen heftige Dispute, die sich in Form von unzähligen Streitschriften auf die Bevölkerung ergiessen. Gleichzeitig sind von katholischer Seite wieder Bemühungen um eine Rekatholisierung des Landes zu erkennen. Die Synode von 1604 macht diesen Streitigkeiten zumindest offiziell ein Ende, indem sie alle Geistlichen zur Ausübung des anglikanischen Gottesdienstes verpflichtet. Gleichzeitig sind landesweit Repressalien gegen Katholiken zu verzeichnen. Infolgedessen kommt es 1605 zur so genannten Pulververschwörung, mit der eine Gruppe von Katholiken um Guy Fawkes gewaltsam einen Ausweg aus der Situation durch einen Anschlag aufden König und das gesamte Oberhaus zu erzwingen sucht. Die rechtzeitige Aufdeckung des Anschlags führt jedoch nicht nur zur Hinrichtung der Beteiligten, sondern auch zu einer weiteren Verschärfung der antikatholischen Gesetze. Die für die anglikanische Kirche wichtigste Hinterlassenschaft der Regierungszeit Jakobs (James') I. ist die Veröffentlichung der noch von Königin Elisabeth I. im Jahr 1603 in Auftrag gegebenen, einheitlichen anglikanischen Bibelübersetzung, die bis heute als King James Bible bekannt ist.

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König Jakob I. von England

Gleichzeitig etabliert sich die anglikanische Kirche nun als wirkliche Staatskirche und steht als solche fortan unter dem Schutz der Krone. Trotzdem bleibt der Einfluss der Katholiken in Politik und Gesellschaft vorherrschend. Auch William Laud, seit 1633 neuer Erzbischof von Canterbury, ist stark vom Katholizismus geprägt. Während seiner Amtszeit verfolgt er vor allem die Puritaner, die im Bewusstsein ihrer Erwählung und Erlösung nach einer weitestmöglichen Vereinfachung des Lebens streben und für eine Reinigung (englisch to purify) der Kirchenordnung von allen katholischen Riten und Gedanken eintreten. Nach Karls Tod gewinnen zwischen 1650 und 1660 die Puritaner die Oberhand und etablieren eine presbyterianisch-republikanische Herrschaftsform. Gestützt werden sie von Oliver Cromwell, der selbst überzeugter Puritaner ist. 1653 setzt er sich selbst als Lord Protector ein und führt in dieser Funktion in den kommenden Jahren weit reichende Reformen durch. Seine Religionspolitik ist gekennzeichnet von einem Bemühen um Einigkeit, die allen religiösen Gruppen geistige Toleranz zusichert. Ausgenommen davon bleiben jedoch Anglikaner und Katholiken, die vielfach nicht nur an der Ausübung ihrer Religion gehindert werden, sondern sich auch im Alltag zahlreichen Diskriminierungen gegenübersehen.

So werden 1662 und 1672 zwei Indulgenzerklärungen verabschiedet, die den Katholiken religiöse Bekenntnisfreiheit sichern sollen. Bereits 1673 werden dieselben vom Parlament wieder ausser Kraft gesetzt und darüber hinaus weitere Gesetze zur Unterdrückung Andersgläubiger erlassen: 1661 die "Korporationsakte" und 1673 die "Testakte". Karls Verdienst bleibt es jedoch, die Einheit von Kirche und Monarchie wieder hergestellt zu haben. Jakob II., der 1685 als Nachfolger seines Bruders Karls II. die Regentschaft übernimmt, ist auf dem Weg zur religiösen Freiheit zwar toleranter, tritt aber gleichzeitig auch nachhaltig für eine Rekatholisierung des Landes ein.

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König Jakob II. von England

Er erlässt 1687 und 1688 zwei weitere Indulgenzerklärungen, protegiert Katholiken in sämtlichen hohen Staats- und Kirchenämtern und proklamiert 1687 die allgemeine Religionsfreiheit. Um weitere gegenreformatorische Massnahmen zu unterbinden, wird 1688 Wilhelm III. von Oranien, Jakobs Schwiegersohn, als Wilhelm II. zum König von England ernannt. Im Kampf gegen die wieder erstarkten katholischen Kräfte erlässt Wilhelm 1689 die Toleranzakte, die allen Nichtanglikanern (Dissenters) mit Ausnahme der Katholiken und Gottesleugner weit reichende Freiheiten zusichert.

18. Jahrhundert

Im 18. Jahrhundert bleiben die antikatholischen Gesetze weiter in Kraft, die Anhängern dieses Glaubens weit reichende Beschränkungen in ihrem privaten, gesellschaftlichen und beruflichen Leben auferlegen. Eine Verbesserung dieser Situation schafft erst 1778 der "Relief Act" (Akte zur Erleichterung der Lage der Katholiken). Daneben blüht unter dem Schutz der Toleranzgesetze eine Vielzahl von religiösen Sekten und Gemeinschaften. Unter ihnen erfreuen sich im Laufe der Jahre die Methodisten, eine von John und Charles Wesley und George Whitefield aus dem Anglikanismus heraus begründete Erweckungsbewegung, immer grösseren Zulaufs, was schliesslich zu einer Trennung der Methodistischen von der anglikanischen Kirche führt.

19. Jahrhundert

Erst das 19. Jahrhundert sollte die Position der anglikanischen Kirche festigen. Besonderen Einfluss übt die von John Keble eingeleitete Oxford-Bewegung aus, die weit reichende Änderungen in Theorie und Praxis bewirkt. Die 1830 entstandene Bewegung ist aus der High Church, der Hochkirche, hervorgegangen, deren Anhänger sich in Fragen des Gottesdienstes und Kirchenrechts eine grössere Nähe zu den katholischen Überlieferungen bewahren. Die High Church wurzelt in dem von Elisabeth I. begründeten Staatskirchentum und hält an der apostolischen Sukzession der Bischöfe fest. Besondere Bedeutung kommt der Bewegung auch in der Gründung von Ordensgemeinschaften zu: Im Jahr 1845 wird das erste Nonnen- und 1863 das erste Mönchskloster gegründet. Parallel zur High Church bilden sich die zwei anderen Zweige der anglikanischen Kirche, die Low Church und die Broad Church aus. Die Low Church (niederkirchliche Gruppe) zeigt methodistische Einflüsse und legt besonderes Gewicht auf tätige Frömmigkeit. Die Broad Church (breitkirchliche Gruppe), die eine liberale Theologie vertritt und sich besonders in der kritischen Bibelforschung und sozialethischen Fragen engagiert.

20. Jahrhundert

Mit dem Anspruch der comprehensiveness, d. h. der Offenheit gegenüber jeder Art von Lehre, hat die anglikanische Kirche bereits von Anbeginn an einen Weg der goldenen Mitte, der Via Media zu beschreiten versucht. Diese religiöse Weitherzigkeit birgt in den letzten Jahrzehnten allerdings mehr und mehr Zündstoff in sich und beginnt den jahrhundertelangen, weltweiten Zusammenhalt auszuhöhlen. Mehr und mehr haben sich auch in den von der anglikanischen Kirche missionierten Ländern so eigenständige religiöse Praktiken und Verständnisse entwickelt, dass eine gemeinsame Basis kaum noch existiert und ein Konsens in religiösen Meinungsverschiedenheiten nicht immer gefunden werden kann. Kontroverse Debatten werden vor allem in den Fragen der seit 1992 offiziell genehmigten Frauenordination oder auch der Ehescheidung geführt. Dennoch hat sich die anglikanische Kirche bis heute in England den Status nicht nur einer Staats-, sondern auch Volkskirche bewahrt, der die Mehrheit der Bevölkerung angehört. Staatskirchlichen Charakter hat anglikanische Kirche auch in Irland und Wales, ohne jedoch die offizielle Bindung an das englische Königshaus zu besitzen. In Schottland dagegen hat sich ein reformierter Presbyterianismus durchgesetzt.

  1. Geschichte
  2. Religiöse Grundlagen
  3. Gottesdienst
  4. Mission
  5. Verwaltung und Hierarchie
  6. Praktizierter Glaube
  7. Lambeth-Konferenzen
  8. Verbreitung

Bibliografie:

  • Marc Chapman: Anglicanism: A Very Short Introduction, Oxford University Press, 2006
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