Total votes: 11
  • Send to friend
  • Diese Seite drucken
THEMEN

Die Entwicklung der Schrift

Einleitung

Die Schrift stellt noch vor der mündlichen Überlieferung und der malerischen sowie bildhauerischen Darstellung die wichtigste Möglichkeit der modernen Gesellschaft dar, Wissen von einer Generation zur anderen weiterzugeben. Soziales Verhalten lernt der heutige Mensch zwar eher aus einer mündlichen Lernumgebung und aus der Beobachtung, aber jede Form von Information oder Wissen ist sehr stark an die Schrift gebunden. Eine Verbreitung dieses Wissens ohne eine schriftliche Fixierung ist heute ebenso undenkbar wie eine Ausdifferenzierung von Handel und Staatsführung, Rechtsprechung und technischem Fortschritt in der Geschichte. Aus diesem Grund zählt die Entwicklung der Schrift zu den wichtigsten kulturellen Errungenschaften der Menschheit überhaupt.

Zwar sprechen wir im heutigen Europa immer noch sehr viele verschiedene Sprachen, doch haben sich die Staaten im Umgang miteinander auf die gleichen Schriftzeichen (der lateinischen Schrift) geeinigt, auch wenn einige Länder traditionell andere (nämlich die kyrillischen oder griechischen) Schriftzeichen benutzen, um ihre Sprache zu verschriftlichen. Uns völlig fremde Schriften wie das Arabische oder das Chinesische erschweren uns aber das Erschließen eines Textes noch einmal deutlich. Die Vorreiterstellung der lateinischen Schrift vor allem in der westlichen Welt ist geschichtlich bedingt und kann von der Forschung mittlerweile sehr gut nachvollzogen werden.

Um zu ermitteln, wann und wo sich die Schrift zuerst entwickelt hat, ist die Wissenschaft auf möglichst gut erhaltene Funde angewiesen. Es ist aber davon auszugehen, dass sehr viele frühe Schriftstücke für immer verloren gegangen sind. Für die Forschung ist die Geschichte der Schrift daher wie ein spannendes Puzzle, dem immer neue Teile zugefügt werden. So gingen frühe wissenschaftliche Untersuchungen aus dem Europa des 19. Jahrhunderts noch von einer europazentrierten Entstehung der Schrift aus. Diese mehr ideologisch bedingte Sichtweise wurde durch die Ergebnisse der später entwickelten so genannten C-14-Messmethode in Frage gestellt. Anhand der Datierung, die durch diese Methode möglich wurde, nahm man vielmehr an, dass die Schrift eine Erfindung des Morgenlands sei, weil aus Mesopotamien (einem Land zwischen den asiatischen Flüssen Euphrat und Tigris) die frühesten archäologischen Schriftfunde stammten.

Erst neueste Erkenntnisse zeigen, dass Sprache wohl wirklich zuerst in Europa in schriftliche Formen gegossen worden ist. Das heißt aber nicht, dass sich von hier aus die Schrift über die Welt verbreitet hat. Vielmehr geht man heutzutage von einer dezentralen Bildung und Entfaltung aus und stellt fest, dass es in verschiedenen Kulturen Ansätze zur Schriftentwicklung gegeben hat (so genannte Polygenese der Schrift), die unabhängig voneinander auftraten - auch wenn sich viele Prozesse gegenseitig bedingt haben.

Am Ende der jahrtausendelangen Entwicklung steht unsere moderne Schrift. Diese funktioniert letztlich nur symbolisch, d. h. die verwendeten Zeichen stehen in keiner unmittelbaren Beziehung zum Bezeichneten. Ohne das erlernte Wissen, dass wir durch die Zeichen "B-a-u-m" auf den Gegenstand "Baum" verweisen, lässt sich eine moderne Schrift nicht entziffern. Darin unterscheidet sie sich von den frühesten gefundenen Schriften, den Bildschriften, in denen sich noch ein direktes Verhältnis zwischen dem Bildsymbol und dem Bedeutungsinhalt herstellen ließ. Wann sich dieser Wechsel in der von der bildlichen zur symbolischen Schriftlichkeit vollzogen hat, ist bislang nicht genau geklärt - auch deshalb, weil sich oft nicht entscheiden lässt, wann sich bildhafte Darstellungen bereits als Schrift und nicht mehr nur als Bild verstehen ließen.

In der Entwicklung der Schrift lassen sich unterschiedliche Stadien aufzeigen, die aufeinander aufbauen. Die frühen Schriften waren so genannte Wortzeichenschriften, in denen ein Zeichen für ein Wort stand. Diese Schreibweise ist uns heute vor allem noch aus dem Chinesischen bekannt. In der nächsten Entwicklungsstufe konnten Zeichen bereits für eine Sprechsilbe stehen, ein Wort aus zwei Silben wurde somit durch zwei Zeichen ausgedrückt. Eine Buchstabenschrift, in der im Idealfall jeder Laut mit einem eigenen Zeichen abgebildet wird, entwickelte sich erst im letzten Jahrtausend v. Chr. Ihr ging zunächst eine Schrift voraus, in der lediglich die Konsonanten, nicht aber die Vokale dargestellt wurden. In der Entfaltung der Schrifttechnik lässt sich zeigen, dass viele Schriftarten aus einer Kombination dieser drei Typen gebildet wurden. Auch unsere heutige Schrift ist keine eindeutige Zuordnung von Laut und Buchstabe, wie z. B. die beiden Ausspracheweisen des Buchstabens "n" im Wort "Zuordnung" zeigen.

  1. Einleitung
  2. Die Entstehung von Schriftzentren
  3. Das Alphabet setzt sich durch
  4. Die Entwicklung der Schrift im deutschen Sprachraum
  5. Schrifttypen
  6. Worauf wurde geschrieben?
  7. Handschrift - Druck
  8. Die Schreibrichtung
  9. Die Schrift heute

Bibliografie:

  • Harald Haarmann: Geschichte der Schrift, 22004
  • Andrew Robinson: Die Geschichte der Schrift, 2004
Total votes: 11
  • Send to friend
  • Diese Seite drucken

Post new comment


1 Kommentar

Filtered HTML

  • Internet- und E-Mail-Adressen werden automatisch umgewandelt.
  • Zulässige HTML-Tags: <a> <em> <strong> <cite> <blockquote> <code> <ul> <ol> <li> <dl> <dt> <dd>
  • HTML - Zeilenumbrüche und Absätze werden automatisch erzeugt.

Plain text

  • Keine HTML-Tags erlaubt.
  • Internet- und E-Mail-Adressen werden automatisch umgewandelt.
  • HTML - Zeilenumbrüche und Absätze werden automatisch erzeugt.
CAPTCHA
This question is for testing whether you are a human visitor and to prevent automated spam submissions.

Das älteste Kurzalphabet war nicht das phönizische, sondern das ugaritische. Zwar ist auch dieses ein semitisches (von dem her stimmt die weitere Ausführung). Auch wenn das ugaritische Kurzalphabet ein keilschriftliches Kurzalphabet war, so war es doch die Idee der Ugariter (zumindest im semitischen Raum), jedem Schriftzeichen einen Laut zuzuordnen (wie in semitischen Sprachen so üblich lediglich konsonantische Laute).
Wer das ugaritische keilschriftliche Kurzalphabet mit den in der Folge entstehenden semitischen Alphabeten vergleicht, sieht bei einigen der Buchstaben noch eine gewisse Ähnlichkeit.
Ganz deutlich wird diese Ähnlichkeit dann aber vor allem im Vergleich der ersten nicht-keilschriftlichen semitischen Kurzalphabeten (z. B. phönizische Alphabete) mit den ersten griechischen Alphabeten und in deren Folge über die ersten lateinischen Alphabete auch in unser heutiges Alphabet eingegangen. Die Weiterentwicklung vom konsonantischen Kurzalphabet hin zu einem Alphabet, das auch Schriftzeichen für Vokale zur Verfügung stellt, gelang dann wohl in der griechischen Alphabet-Entwicklung, da in den griechischen Dialekten nicht so viele konsonantische Laute vorkamen wie in den semitischen. Dadurch wurden Schriftzeichen frei, die dann den Vokalen zur Verfügung gestellt werden konnten.