Die Epoche der Nationalstaaten (1850-1871)
Die Idee der Nation
Das 19. Jahrhundert wurde zum Jahrhundert der Nation. Auf sie berief sich, wer Forderungen nach politischer Gleichberechtigung und sozialer Gerechtigkeit stellte. Wenn Liberale und Demokraten um einen parlamentarischen Verfassungsstaat warben, appellierten sie ebenso an die Nation, wie es die Verfechter der Judenemanzipation, die sozialistischen Parteien oder die Frauenbewegungen taten. Sie verfolgten unterschiedliche Ziele oder bekämpften sich gar, doch alle begründeten ihre Ansprüche mit ihrer Zugehörigkeit zur Nation. Vor der Nation, davon war das 19. Jahrhundert überzeugt, sind alle Menschen gleich. Deshalb dulde sie keinerlei Vorrechte, sei es der Geburt, des Standes, der Konfession oder des Geschlechts.
Nation und Gleichheit
Den Begriff der Nation gab es seit langem, doch erst seit der Amerikanischen und der Französischen Revolution verband er sich mit der Forderung nach und dem Versprechen auf gleiches Recht für jedermann.
Zunächst richtete das Bürgertum Gleichheitsforderungen gegen die ständischen Vorrechte, vor allem des Adels; dann verlangten die Unterschichten Gleichheit als Staatsbürger; schließlich klagte es die im späten 19. Jahrhundert rasch wachsende Frauenbewegung ein. Erst sie weitete die Egalitätsverheißung der Nation auf alle Menschen aus.
Zuvor hatten die allermeisten Männer, die nach Gleichberechtigung riefen, nur sich selber gemeint. Den Frauen wollten sie kein Wahlrecht zugestehen, nicht die gleichen Möglichkeiten, sich zu bilden und einen Beruf auszuüben, und auch in der Ehe sollte die Frau vom Mann abhängig bleiben.
Eine solche Unterordnung vertrug sich jedoch nicht auf Dauer mit der Idee der Nation, wie sie im 18. Jahrhundert entstanden war und sich im 19. weltweit durchzusetzen begann. Sie wurde zur Leitidee einer Emanzipation, die grundsätzlich keine Grenze kannte.
Nation und Ausgrenzung
Die Kehrseite des hohen Anspruchs war während der Anfangseuphorie nach den Revolutionen des 18. Jahrhunderts kaum erkennbar. Bald aber zeigten sich die in der Nationen-Idee versteckten Tendenzen zur Abgrenzung gegen andere Nationen und zur Ausgrenzung von Gruppen im Innern. Nur wer als dazugehörig anerkannt wurde, sollte an den Segnungen des Fortschritts teilhaben, den die Nation kollektiv erarbeitete.
Erst nach der Entstehung der Nationalstaaten traten diese Tendenzen beherrschend in den Vordergrund. Die Erfahrung mit dem aggressiven Nationalismus, der zwei Weltkriege auslösen sollte, hat vor allem in Deutschland seit 1945 das Verständnis von Nation geprägt. Nationalbewusstsein und selbst vor Massenmord nicht zurückschreckender Nationalismus wurden nach dem Untergang der nationalsozialistischen Diktatur oft gleichgesetzt.
Chancen und Gefahren
Um begreifen zu können, warum auch heute noch Menschen nach der Nation und dem Nationalstaat rufen, wenn sie nach einer besseren Zukunft für sich und ihre Kinder suchen, muss man jedoch beides kennen: Die Geschichte der zerstörerischen Kräfte des Nationalismus, wie sie auch nach dem Zerfall der kommunistischen Staatenwelt erneut offenbar wurden, und die Geschichte der freiheitlichen Emanzipationsidee Nation, wie sie an der Neuordnung Europas seit Ende des Zweiten Weltkriegs maßgeblich mitgewirkt hat. Beides ging schon im 19. Jahrhundert oft ineinander über. Das macht es so außerordentlich schwer, Chancen und Gefahren nationaler Bewegungen klar zu trennen.
Die Nahtstelle zwischen diesen beiden Seiten der machtvollen Idee Nation bildet der Nationalstaat. Denn er stand und steht vor der Aufgabe, die gewaltigen Kräfte, die im Namen der Nation entfesselt werden können, zu verantwortungsbewusster Politik zu bändigen.
- Die Idee der Nation
- Nationalstaatsbewegung im 19. Jahrhundert
- Italienische Einigung
- Deutschland: Nationalstaat mit föderalistischer Tendenz
Bibliografie:
- Dieter Langewiesche: Nation, Nationalismus, Nationalstaat. In Deutschland und Europa, München 2000
- Freidrich Lenger, Industrielle Revolution und Nationalstaatsgründung, Stuttgart 2002
- Wolfgang J. Mommsen: Der autoritäre Nationalstaat. Verfassung, Gesellschaft und Kultur des deutschen Kaiserreichs, Frankfurt/M. 21992
- Klaus Pollmann: Nation und Nationalstaat in Deutschland, Stuttgart 1998
- Theodor Schieder: Das Deutsche Kaiserreich von 1871 als Nationalstaat, Göttingen 21992
- Hagen Schulze: Der Weg zum Nationalstaat. Die deutsche Nationalbewegung vom 18. Jahrhundert bis zur Reichsgründung, München 1997
- Wolfram Siemann: Vom Staatenbund zum Nationalstaat. Deutschland 1806-1871, München 1995









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