Die Geschichte des Films
Von den Anfängen bis zum ersten Weltkrieg
Die Vorgeschichte des Films beginnt um 1830 mit der Konstruktion der sogenannten Lebensräder, rotierender Bewegungsphasenbilder von Pferden, Tanzfiguren und anderen Motiven. Durch die gleichzeitige Entwicklung der Fotografie gelangen Edward Muybridge 1878 fotografische Reihenbilder von Tierbewegungen, die von Ottomar Anschütz auf der Basis des Lebensrades zum Tachyskop vervollkommnet wurden. Einen entscheidenden Fortschritt leistete Thomas Alva Edison 1889 mit seinem perforierten Filmband, seiner Aufnahmekamera, dem Kinematographen (1891) und einem Betrachtungsgerät (Kinetoskop). Mit dem Kinematographen (kombiniertes Aufnahme- und Vorführgerät) der Brüder Lumière konnten Filme in Großprojektion gezeigt werden.
Die Gebrüder Lumière und Georges Méliès

Als eigentliches Geburtsdatum des Films gilt der 28.12.1895. An diesem Tag veranstalteten die Brüder Lumière, Söhne eines vermögenden Lyoner Fabrikanten, die erste öffentliche Vorführung im Pariser "Grand Café". Filmgeschichte als Geschichte filmkünstlerischer Stile und Gattungen setzte erst ein, als die Hersteller lernten, über die bloße optische Reproduktion hinaus den dargestellten Gegenstand filmisch zu interpretieren: durch die Wahl des Bildausschnitts und der Aufnahmeperspektive, durch Beleuchtung, Bildschärfe, Bewegung der Objekte und der Kamera, durch den Schnitt. Die ersten Filme der Stummfilmzeit sind inhaltlich wie formal noch der Schaubudensensation verhaftet. In den Streifen der Brüder Lumière wird das Wunder der naturalistischen Wiedergabe an zahllosen Szenen aus dem Alltagsleben exemplifiziert. Der Franzose Georges Méliès schuf mit skurrilen Zaubertrickfilmen das Vorbild der filmischen Burleske. Zeitgleich mit Méliès wurden auch in England und den USA die Möglichkeiten der filmischen Inszenierung erkannt. In Deutschland dominierten zu dieser Zeit zum einen die Aktualitätenfilme, wie sie der Berliner Kinogerätehersteller Oskar Meßter drehte und bald zu "Meßter-Wochenschauen" bündelte, zum anderen die Nachstellungen berühmter Theater- und Opernszenen, die man mit einer Schallplattenaufnahme der betreffenden Arie koppelte.
Mack Sennett und Sergej Eisenstein
Aus den amerikanischen Slapstick-Komödien Mack Sennetts gingen die Komikerstars Charlie Chaplin und Buster Keaton hervor. Unter den amerikanischen Filmpionieren begann David W. Griffith eine künstlerische Sprache auszubilden. Seine dramatische Verwendung der Montage beeinflusste später den russischen Revolutionsfilm und wurde durch Regisseure wie Sergej Michailowitsch Eisenstein, Wsewolod Illarionowitsch Pudowkin und Dsiga Wertow zum künstlerisch-agitatorischen Prinzip entwickelt.
Die Entwicklung nach dem 1. Weltkrieg
Der Erste Weltkrieg brachte eine Neustrukturierung der europäischen Filmmärkte mit sich. Vor allem der Einfluss der französischen Produktions- und Verleihfirmen auf den deutschen Markt schwand durch die Einfuhrverbote, auch der Anteil der dänischen und der italienischen Produktionen ging zurück. Gleichzeitig erkannte man, dass der Film nicht nur unterhalten konnte, sondern auch als Propagandamittel militärisch nutzbar gemacht werden konnte. Diese Entwicklung führte schließlich zur Gründung der UFA, die mit ihren Filmen zwar auf den weiteren Kriegsverlauf keinen Einfluss mehr nehmen konnte, die jedoch die weitere deutsche Filmentwicklung bis 1945 entscheidend mitgestaltete. Auch in den USA wurde in den Kriegsjahren die Filmindustrie ausgebaut. Am Ende des Krieges standen die Vereinigten Staaten nicht nur als ökonomisch starke Filmmacht für den Export von Filmen in die ganze Welt bereit, sondern verfügten auch über zahlreiche Filmkünstler, die den weiteren Gang der Filmentwicklung entscheidend prägten.
Nach dem Ersten Weltkrieg begann in Frankreich eine Blütezeit des filmischen Experiments mit impressionistischen Montagen, raffinierten Stimmungsgemälden und tiefenpsychologischen Metaphern. Stilbildend wirkten hier Regisseure wie Abel Gance, Louis Delluc oder Jean Epstein. Die spätere Avantgarde tendierte zum Surrealismus, z.B. Luis Buñuel und Jean Cocteau, und zum "cinema pur", dem reinen Spiel der Formen, z.B. René Clair.
Stummfilm
Der deutsche Stummfilm trat nach dem Ersten Weltkrieg in eine künstlerisch bedeutsame Phase. Neben historischen Ausstattungsfilmen dominierte eine vom Expressionismus beeinflusste malerisch-architektonische Stilrichtung, die sich vor allem in der Darstellung dämonischer Triebe und Schicksalsmächte manifestierte. Hier sind die Regisseur Friedrich Wilhelm Murnau und Fritz Lang zu nennen. Die Filmkritik entstand als neues journalistisches Genre. Nach 1924 machte sich in Deutschland eine von der neuen Sachlichkeit beeinflusste, der Außenwelt zugewandte Tendenz bemerkbar (z.B. bei Walter Ruttmann). Modernität, Technikeuphorie und klare ästhetische Formen standen gegen expressionistisches Pathos und naturalistische Elendsmalerei. Eine kurze wirtschaftliche Blüte erlebte auch der skandinavische Film in Schweden durch die Regisseure Victor Sjöström und Mauritz Stiller, in Dänemark durch Carl Theodor Dreyer.
Eine kurze wirtschaftliche Blüte erlebte auch der skandinavische Film in Schweden durch die Regisseure Victor Sjöström und Mauritz Stiller, in Dänemark durch Carl Theodor Dreyer.
Tonfilm
Mit Aufkommen des Tonfilms gegen Ende der 1920er Jahre ("The Jazz Singer", 1927) bedurfte es nicht mehr der optischen Hilfsmittel des Stummfilms, um akustische Vorgänge auszudrücken; der Gewinn an Realismus führte oft zu einem Verlust an künstlerischer Qualität, da die Bildsprache vernachlässigt wurde. Der Wechsel vom Stumm- zum Tonfilm hatte auch weit reichende soziale Folgen. Die Kinomusiker wurden arbeitslos. Schon Ende 1930 hatte jeder zweite amerikanische Kinomusiker keine Arbeit mehr. In Deutschland hatten 1930 von 12000 Musikern, die bisher in Kinos tätig waren, bereits ein Drittel ihre Arbeit verloren. Auch bei den Schauspielern führte der Tonfilm zu einer Gefährdung ihrer Filmarbeit. Nicht alle Schauspieler, die im Stummfilm erfolgreich gewesen waren, hatten auch eine Filmstimme.
Realismus
Die Weltwirtschaftskrise verstärkte den Trend zu realistischer Sehweise. Der französische Film erreicht in den Werken von Jean Vigo, René Clair, Marcel Carné und Jean Renoir einen neuen Höhepunkt. In England entstand unter der Leitung von John Grierson eine Dokumentarfilmschule mit dem Ziel, "das Drama des Alltags" sichtbar zu machen. Auch der amerikanische Film brachte einen sozialkritisch orientierten Realismus hervor, der sich in einem neuen Typ des Gangsterfilms ebenso manifestieren konnte wie in den satirischen Filmen Frank Capras. Daneben entstanden neue Gattungen wie der Musicalfilm, der Zeichentrickfilm, dem vor allem Walt Disney zur Blüte verhalf, sowie der Western.
Hollywood in den 1930er und 1940er Jahren
Im Hollywood der dreißiger und vierziger Jahre vollendete sich die Professionalisierung und Kommerzialisierung des Kinofilms. Die filmische Ausdrucksweise wurde perfektioniert, indem Inszenierung und Kameraarbeit so aufeinander abgestimmt wurden, dass sich der Illusionscharakter für den Zuschauer verstärkte. Harte Schnitte wurden weitgehend vermieden, Kamerabewegungen psychologisch aus dem Handlungsgeschehen motiviert, Geschehen und Spielweise auf höchste Verständlichkeit ausgerichtet. Hintergrund für diese Entwicklung war der Aufbau des Studiosystems mit einer hochgradigen Arbeitsteilung. Die Drehbuchherstellung beteiligte in der Regel mehrere Autoren, Gag- und Dialogspezialisten wirkten mit, mehrfach wurden Drehbücher auf ihre Wirksamkeit hin umgearbeitet. Die einzelnen Produktionsphasen von der Drehbuchherstellung, den Dreharbeiten bis zum Schnitt blieben getrennt. Nicht der Regisseur wie im europäischen Film, sondern der Produzent führte alle Teilbereiche zusammen. Trotzdem gelang es einigen Regisseuren, eine eigene künstlerische Handschrift zu entwickeln, so etwa John Ford und Howard Hawks.
Der europäische Film im 2. Weltkrieg
Im Russland der Stalin-Ära erstarrte die Filmkunst unter der Doktrin des sozialistischen Realismus, in Deutschland und Italien durch den ideologischen Terror des Faschismus. In allen filmschaffenden Ländern stellte der Zweite Weltkrieg einen Einschnitt dar. Zum einen veränderten sich durch den Krieg die Interessen an Darstellung, Form und Inhalt der Filme. Zum anderen wurden in fast allen Ländern auch die bestehenden Strukturen der Filmproduktion grundlegend verändert. Der Sieg der Alliierten über den Faschismus führte in der Folgezeit zu einer verstärkten Dominanz der westlichen Filmländer, allen voran der USA. Aus dem Geiste des Widerstandes gegen den Faschismus erwuchs um 1945 in Italien der Neorealismus (Luchino Visconti, Roberto Rossellini, Vittorio De Sica, Cesare Zavattini), der ein unverstelltes Bild der alltäglichen sozialen Wirklichkeit zu geben suchte. Eine Ausnahmestellung erlangte in den Jahren 1944 bis 1948 der Schweizer Film mit einigen humanitär ausgerichteten Filmen von Leopold Lindtberg.
Die Entwicklung nach dem 2. Weltkrieg
Etwa ab 1950 hatte sich die Filmwirtschaft von den Auswirkungen des Zweiten Weltkriegs erholt. Trotz verstärkter restaurativer Tendenzen entstanden unter Ausnahmebedingungen oder in kleineren Ländern bedeutende Werke. Filme von Rang gelangen so unterschiedlichen Regisseuren wie Federico Fellini, Michelangelo Antonioni, Pier Paolo Pasolini, Bernardo Bertolucci, Robert Bresson, Ingmar Bergman, Alfred Hitchcock, Elia Kazan oder Stanley Kubrick.
Mit dem Einsetzen der so genannten Tauwetterperiode erhielt die Filmproduktion in den Ostblockstaaten neuen Auftrieb. Besonders der polnische Film entwickelte ein künstlerisch überragendes Niveau. Hier sei nur der Name Andrzej Wajda genannt. Die Tschechoslowakei und Jugoslawien verschafften sich durch ihre Puppen- und Zeichentrickfilme internationales Ansehen. Der japanische Film fand durch Regisseure wie Akira Kurosawa und Kenji Mizoguchi auch im westlichen Ausland Resonanz.
Der Siegeszug des Fernsehens in den 1950er Jahren brachte auch Hollywood in Schwierigkeiten. 1953 mussten 6000 von 26000 amerikanischen Kinos schließen. Aufgrund einer Entscheidung des Obersten Gerichtshofes hatten die Major Companies zudem ihre Filmtheaterketten abzustoßen und verloren damit einen direkten Einfluss auf die Kinoprogramme. Mitte der 1950er Jahre arrangierten sich die Konzerne mit dem Fernsehen, dem sie alte Filme überließen und für das sie nun verstärkt auch zu produzieren begannen. Anfang der 1960er Jahre hatte man den alten Stand der Einnahmen vor der Krise erreicht, und es waren die Voraussetzungen für den Übergang Hollywoods zu vielfältig operierenden Medienkonzernen geschaffen: Die Konzerne produzierten sowohl für das Kino als auch für das Fernsehen, stellten selbst Filme her und waren Dienstleistungsunternehmen für die unabhängigen Produzenten, denen sie Studios vermieteten. Sie verwerteten die eigenen Filmbestände neu und erschlossen sich weltweit immer wieder neue Absatzmärkte.
Von der Nouvelle Vague bis heute
Seit den späten 1950er Jahren machte sich in verschiedenen Ländern eine inhaltliche Erneuerung des Films bemerkbar. In Frankreich entstand aus den Kreisen junger Filmintellektueller die Nouvelle Vague. François Truffaut, Claude Chabrol, Louis Malle und Jean-Luc Godard prägten in dieser Phase das französische Kino. In Deutschland kam es zeitverzögert zu einer ähnlichen Entwicklung (Neuer Deutscher Film), die vor allem mit den Namen Volker Schlöndorff, Alexander Kluge und Rainer Werner Fassbinder verbunden ist. Die Befreiung von Marktzwängen forderten das englische Free Cinema sowie das New American Cinema mit seinen Undergroundfilmen. Deren scheinbare Verweigerung einer geplanten Ästhetik führte zu einem eigenen kargen, "armen" Kino, das zu innovativen Formen des Erzählens fand und in seinem Lakonismus ein völlig neues Menschenbild entwarf. Als Beispiel seien hier nur die Filme von Jim Jarmusch, Aki Kaurismäki und Lars von Trier erwähnt. Wenige Regisseure großer Studios ließen sich von dieser Tendenz anregen; die größte Breitenwirkung erzielten nach wie vor mit aufwändigen technischen Mitteln hergestellte Filmerzählungen wie sie etwa für Steven Spielberg charakteristisch sind.
In jüngster Zeit ist neben computeranimierten Trickfilmen ("Madagascar", "Ice Age") besonders das Fantasy-Genre populär. Hier sind vor allem Filmreihen wie "Der Herr der Ringe", "Harry Potter", "Star Wars" oder "Twilight" zu erwähnen. Auch 3-D-Filme erfreuen sich weltweit wachsender Beliebtheit wie etwa James Camerons monumentaler Sciencefiction-Film "Avatar - Aufbruch nach Pandora" aus dem Jahr 2009.
Das Internet und die unkontrollierte Verbreitung von Filmen in verschiedenen Netzwerken stellt die Filmindustrie heute vor große Herausforderungen.
Bibliografie:
- Chronik des Films, 2003
- Werner Faulstich, Helmut Korte: Fischer Filmgeschichte. 1990-1995, 5 Bände
- Werner Faulstich: Filmgeschichte, 2005
- Wolfgang Jacobsen, Anton Kaes, Hans H. Prinzler (Hrsg.): Geschichte des deutschen Films, 2004
- Corinna Müller: Vom Stummfilm zum Tonfilm, 2003
- Geoffrey Nowell-Smith: Geschichte des internationalen Films, 1998
- Jerzy Toeplitz: Geschichte des Films, 5 Bände, 1979-1991









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