Die Lebenserwartung des Menschen
Die Lebenserwartung von Mann und Frau
Nach dem langfristigen Sterblichkeitstrend, wie er sich heute abzeichnet, kann ein neugeborener Junge in der Bundesrepublik Deutschland mit einer mittleren Lebenserwartung von 76,6 Jahren, ein gerade zur Welt gekommenes Mädchen mit 82,1 Jahren rechnen. Diese statistischen Zahlen belegen die höhere Lebenserwartung des weiblichen Geschlechts gegenüber dem männlichen. Dieser Sachverhalt trifft jedoch nur für die Industrieländer zu. Während z. B. in der Gesamtbevölkerung bei uns die Frauen mit einem Geschlechtsverhältnis zu den Männern mit 1,2:1,0 nur geringfügig überwiegen, nimmt ab 65 Jahren der Frauenüberschuss in der Gesamtbevölkerung zu. Die über 65-jährigen Männer haben eine eineinhalbmal höhere Sterblichkeitsrate als Frauen derselben Altersstufe.
Als Gründe, warum in den zivilisierten westlichen Ländern die Frauen länger leben als die Männer, werden neben biologischen vor allem äußere (exogene) Faktoren angeführt. Die höhere Lebenserwartung des weiblichen Geschlechts bei den meisten Säugetieren deutet auf eine mitbestimmende endogene Komponente hin; fast alle männlichen Tiere existieren eindeutig kürzer als die weiblichen. Die exogenen Faktoren dürften jedoch eine größere Rolle spielen. Bei älteren Männern ist im Vergleich zu gleichaltrigen Frauen eine vermehrte Anfälligkeit gegenüber lebensgefährdenden Krankheiten wissenschaftlich nachweisbar; so gibt es bei Männern eine höhere Sterblichkeit wegen koronarer Herzkrankheit, nikotinabhängigen Bronchialkarzinomen und alkoholischer Leberzirrhose; außerdem lassen sie eine erhöhte Rate an Selbsttötungen und Unfalltod erkennen. Umgekehrt hat derzeit das weibliche Geschlecht in den unterentwickelten Gebieten der Erde, in der sogenannten Dritten Welt, wegen der speziell für Frauen ungünstigen Bedingungen (größere Belastung im Alltagsleben, Vielzahl von Schwangerschaften) eine geringere Lebenserwartung als die Männer. Ein gewisser biologischer Ausgleich ergibt sich durch die höhere Zahl von Knabengeburten (106 Knaben auf 100 Mädchen).
Lebenserwartung in den Ländern der Erde
Nach den statistischen Untersuchungen der Vereinten Nationen von 1988 (World population prospects New York, United Nations Department of International Economic and Social Affairs) und nach dem Statistischen Jahrbuch für die Bundesrepublik Deutschland hängt die Lebenserwartung in den einzelnen Ländern der Erde sehr von geomedizinischen und sozialpolitischen Bedingungen ab. So weisen die reichen Industrieländer die höchste Lebenserwartung auf, allen voran Japan, aber auch die USA und die Bundesrepublik Deutschland. Hingegen ist die Lebenserwartung in den unterentwickelten Ländern Afrikas südlich der Sahara vor allem aufgrund der Aids-Epidemie dramatisch gesunken und liegt für jetzt Geborene unter 40 Jahren.
Betrachtet man die Verhältnisse in Europa, so kann man feststellen, dass es in den sozial hoch stehenden europäischen Ländern heute bereits mehr alte Leute gibt als je zuvor. Im Jahre 1960 waren 14,4 Prozent der europäischen Bevölkerung über 60 Jahre alt. 1980 war die Zahl auf 16,9 Prozent gestiegen und derzeit sind z. B. in Deutschland mehr als 24 Prozent der Bevölkerung über 60 Jahre alt. Die zukünftige Populationsentwicklung lässt aufgrund statistischer Hochrechnungen eine weitere beträchtliche Zunahme der älteren Bevölkerung in den europäischen Ländern erkennen. So erwartet man in Gesamteuropa im Jahre 2020 25,1 Prozent über 60-Jährige. Schätzungsweise gehören im Jahre 2025 unter den europäischen Ländern die Schweiz, die Niederlande, fernerhin Luxemburg und die Bundesrepublik Deutschland zu den Regionen mit dem größten Kontingent an über 60-Jährigen.
Bevölkerungsentwicklung und Altersstruktur
Die spezielle Bevölkerungsentwicklung im Deutschen Reich des Jahres 1900 bis zur gegenwärtigen Bundesrepublik lässt im Hinblick auf das Altenproblem höchst lehrreiche Einzelheiten erkennen. Dabei hat sich auf deutschem Gebiet der Altersaufbau der Bevölkerung, speziell das Zahlenverhältnis zwischen jungen und alten Menschen, auffällig verschoben. Kamen im Jahre 1900 auf einen über 65-Jährigen noch sieben unter 15-Jährige, waren es 1939 nur drei und 1980 nur noch ein Jugendlicher.
Der Grund liegt einerseits in dem Geburtenrückgang und andererseits in der gleichzeitig erhöhten Lebenserwartung der älteren Generation; so ist zwischen 1965 und 1975 die Zahl der Neugeborenen in der Bundesrepublik Deutschland von jährlich mehr als einer Million auf rund 600 000 zurückgegangen; demgegenüber hat sich z. B. von 1900 bis 1985 die Zahl der 70- bis 74-Jährigen vervierfacht, die der über 80-Jährigen sogar um das Zehnfache erhöht. Dieses Anwachsen der Anzahl der über 65-Jährigen und die gleichzeitige Abnahme der jüngeren Altersgruppen (der 15-64-Jährigen) spiegelt sich heute im so genannten Altenquotienten wider. Er wird von 20 Prozent des Jahres 1990 auf - hoch gerechnet - das Doppelte, also 40 Prozent im Jahre 2025 ansteigen.
Für das Jahr 1992 lässt der Altersaufbau der Bundesrepublik Deutschland infolge populationsstörender Einflüsse zweier Weltkriege und des so genannten "Pillenknicks" nach dem "Babyboom" beträchtliche Unregelmäßigkeiten erkennen. Nach demoskopischen Schätzungen wird sich aller Wahrscheinlichkeit nach erst 2030 der frühere ebenmäßige Lebensbaum des Jahres 1910 zum so genannten "Alterspilz" wandeln; wobei die dominierende Anzahl der über 60- bis 80-Jährigen den ausladenden "Pilzhut" darstellt. Eine ähnliche Bevölkerungsentwicklung zeichnet sich in fast allen westlichen Ländern ab.
Die Folgen der demographischen Wende
Die oben beschriebene demographische Wende im 20. Jahrhundert ist einzigartig in der Menschheitsgeschichte und durch drei Sachverhalte gekennzeichnet:
- einen Rückgang der Kinderzahl und der jugendlichen Generationen
- einen vergleichsweisen Populationszuwachs der mittleren Altersstufen
- eine langfristige Zunahme der Rentner bis zu den Hoch- und Höchstbetagten
Die jungen Alten, d. h. die unter 70-Jährigen mit relativ gutem Gesundheitszustand, werden nach besseren Möglichkeiten suchen, in der Gesellschaft weiterhin aktiv mitzuarbeiten. Bei den meisten alten Menschen ab dem 75. Lebensjahr sind typischerweise die Sinneswahrnehmungen geschwächt und die psychomotorischen und muskulären Funktionen beeinträchtigt. Deshalb ist der zahlenmäßige Populationsanstieg der über 75- bis 80-Jährigen mit einer Zunahme der Behinderungsquote dieser Hochbetagten verknüpft. Aus diesem Grund liegt das Hauptbetätigungsfeld der Geriatrie in der Betreuung der über 75-Jährigen. Gerosoziologen sind heute in der Lage, bestimmte gesundheitlich bedingte Tendenzen in der älteren Bevölkerung vorauszusagen.
Dieser Strukturwandel im Altersaufbau wird vielerlei sozialpolitische Gebiete stark belasten. Es sind dies u. a.: das gesellschaftliche Klima, die Konsumgewohnheiten, der Arbeitsmarkt, die Freizeitgestaltung und die Vermögens- und Kapitalbildung. Der aus der Zunahme der Betagten resultierende, oben erwähnte "Alterspilz" des demographischen "Lebensbaumes" beeinträchtigt auch den Finanzhaushalt eines geregelten Staatswesens. Für die Gruppe der über 85-Jährigen sind erfahrungsgemäß in größerem Umfang spezialisierte Gesundheitsleistungen und soziale Unterstützung notwendig. Weiterhin wird einer verhältnismäßig hohen Zahl von Rentnern eine immer geringere Zahl an Erwerbstätigen gegenüberstehen, die im Gesamten gesehen das aktive Sozialprodukt eines Staates erbringen. Inwieweit der Zuzug von jüngeren, in den bundesdeutschen Arbeitsprozess eingegliederten Einwanderern zur Linderung dieser Schwierigkeit beiträgt, ist heute noch nicht überschaubar.
Fernere Lebenserwartung
Bei der Erörterung der zukünftigen Bevölkerungsentwicklung spielt das Problem der sogenannten ferneren Lebenserwartung eine wichtige Rolle. Darunter versteht man die Anzahl der Jahre, die von einem bestimmten Alter an nach den Sterbetabellen der Lebensversicherungsgesellschaften bzw. der Statistischen Ämter noch zu erwarten ist. Die jüngeren Altersstufen haben hierbei eine bessere Aussicht als die Senioren: Während in den letzten Jahrzehnten junge Menschen bis 40 Jahre eine bedeutsame zusätzliche Lebensaussicht haben, ist im Vergleich hierzu der Zuwachs an Lebenserwartung bei den über 60-Jährigen bescheidener. Von 1910 bis 1984 hatten in der Bundesrepublik Deutschland die über 65-jährigen Frauen eine zukünftige Lebenserwartung von 18, die gleichaltrigen Männer jedoch nur noch von 14 Jahren. Für den Umgang mit Betagten ist die Kenntnis dieser Zahlen bedeutungsvoll. In der Gegenwart ist z. B. in der Bundesrepublik und in den USA das Hauptsterbealter auf die höheren Lebensaltersstufen von 70 bis 90 Jahre konzentriert. Ein Blick in das Sterberegister der Tagespresse bzw. der Totenämter bestätigt diesen Sachverhalt.
Maximale Lebenszeit
Unabhängig vom Anstieg der mittleren und der ferneren Lebensdauer ist die maximale Lebenszeit seit Jahrtausenden konstant geblieben. Die artspezifische maximal mögliche Lebenslänge der Tiere und des Menschen ist genetisch fixiert und variiert bei den einzelnen Spezies beträchtlich; sie schwankt von der zweijährigen Lebensdauer der Maus bis zu 130 Lebensjahren der Schildkröte. Das höchstmögliche Alter des Menschen liegt bei 115 bis maximal 117 Jahren. Der Unterschied zwischen der skizzierten Erhöhung der mittleren Lebensdauer und der ferneren Lebenserwartung und der Konstantheit der maximalen Lebensmöglichkeit erklärt sich folgendermaßen: Während es mittels gezielter Vorbeugungsmaßnahmen (Bekämpfung der Säuglingssterblichkeit, Behandlung der Infektionskrankheiten und der so genannten Risikofaktoren und soziale Verbesserung der Lebensbedingungen) durchaus gelingt, die mittlere Lebenserwartung des Menschen zu erhöhen, ist die potenziell maximale Lebenserwartung des Menschen genetisch bedingt und kann nicht weiter erhöht werden.
Die biologische Uhr, mit deren Ablauf das menschliche Leben erlischt, wird von dem genetischen Bauplan in den Chromosomen der Zellkerne gesteuert. Nach rund fünfzig Teilungsfolgen erlischt die Teilungspotenz der menschlichen Bindegewebszellen. Deshalb ist mit 110 bis 117 Jahren die "innere Lebensuhr" unwiderruflich abgelaufen. Nach dem derzeitigen Stand der gerontologischen Forschung böte nur der gezielte Eingriff in das Erbgut mittels Gentechnik ("genetic engineering") einen theoretisch gangbaren Weg, die artspezifische maximale Lebenslänge zu verändern.
Die heutige Gentechnik ist jedoch weit davon entfernt, dieses Ziel erreichen zu können. Warum? Die Eigenschaft der Langlebigkeit hängt, wie wir heute wissen, nicht von einem einzigen Gen, sondern von einem wahrscheinlich komplizierten molekularbiologischen Steuerungsapparat ab. Dafür sprechen gentechnische Experimente an Schimmelpilzen. Im genetischen Code der mitochondrialen DNS (=Desoxyribonucleinsäure) spezieller Pilze (Podospora anserina) ist anscheinend ein sogenanntes Seneszenz-Plasmid (Vergreisungsorganelle) vorhanden, das den Zelltod herbeiführt. Wird die Funktion dieses Seneszenz-Plasmides molekularbiologisch ausgeschaltet, verlängert sich die Lebensdauer dieses Pilzes von 25 Tagen um das Vielfache. Solche gentechnischen Manipulationen sind beim Menschen nicht realisierbar.
Die überdurchschnittliche Lebenserwartung
Seit den 1980er Jahren finden die überdurchschnittliche Lebenserwartung, die sogenannte spezifisch-individuelle höchste Lebensdauer und die Langlebigkeit von Höchstbetagten ein zunehmendes Interesse in der gesamten wissenschaftlichen Welt. Eine exakte Begriffsbestimmung trägt zum Verständnis dieser Thematik bei. Als relativ Langlebige werden jene Personen bezeichnet, die die durchschnittliche Lebenserwartung in einer Zeitperiode um zwanzig Jahre und mehr überschreiten. Das sind z. B. die 80-Jährigen im 19. Jh. oder die über 90-Jährigen der heutigen Generation. Neuzeitliche umfangreiche soziologische und physiologische Forschungen messen dem Begriff der relativen Langlebigkeit einen besonderen Stellenwert zu. In diese Gruppe gehören in den Längsschnittstudien der Psychologen an 60- bis 65-Jährigen solche Probanden, die bei späteren Nachprüfungen im Vergleich mit den Ausgeschiedenen ("Drop-out"-Fälle) um zwölf bis fünfzehn Jahre überleben. Nach der Definition der WHO gehören in die Gruppe der wahren oder absoluten Langlebigkeit die Hundertjährigen und Älteren, die sich an der obersten Schwelle der menschlichen Lebensmöglichkeit befinden.
Die Historie aller Zeiten berichtet über bewundernswerte körperliche und geistige Leistungen von Hochbetagten, die zur Gruppe der Langlebigen gerechnet werden. Viele Menschen haben den geheimen Wunsch, ebenfalls, wenn möglich, auf den Spuren dieser produktiven Senioren zu wandeln. Überblickt man vom gerontologischen Standpunkt die vielfältigen, bunten Biografien dieser hervorragenden betagten Persönlichkeiten des Geisteslebens und der Politik, kann man Folgendes feststellen: Es handelt sich bei diesen Menschen im Vergleich mit denen aus anderen Altersstufen um bemerkenswerte Sonderfälle. Fast alle zeichneten sich bis ins hohe Alter trotz mancher körperlicher Schwächen durch eine erstaunlich rege geistige Vitalität aus. Welche Schlussfolgerungen können gewöhnliche Sterbliche daraus ziehen? Natürlich kann der Mensch des praktischen Lebens nicht mit den erhabenen Geistesheroen in eine Art Bildungskonkurrenz treten; jedoch kann ein jeder sein Dasein im Alter befriedigend gestalten. Dabei sollte das Hauptbestreben in einer Schulung und in einem gezielten Training jener geistigen Kräfte bestehen, die mehr oder minder in jedem rüstigen Menschen schlummern. Die moderne Geriatrie vertritt die These: Je höher das intellektuelle Niveau eines Menschen ist, desto langsamer ist der Rückgang seiner geistigen Fähigkeiten im Alter.
Welche weiteren Ursachen sind für eine überdurchschnittliche Lebenserwartung erkennbar? Können aus diesen Forschungsergebnissen praktische Nutzen für die Allgemeinheit gezogen werden, um das Ziel zumindest einer relativen Langlebigkeit zu erreichen?
In den letzten Jahrzehnten haben ausländische und deutsche Mediziner, Biologen, Psychologen und Soziologen in umfangreichen Längsschnittuntersuchungen auf lehrreiche Zusammenhänge zwischen endogen und exogen mitbestimmenden medizinisch-biologischen, psychischen, psychologischen und sozioökonomischen Umständen sowie erhöhter Lebenserwartung hingewiesen. Dabei scheint nicht ein einziger mitbestimmender Umstand, sondern ein kompliziertes Wechselspiel verschiedener biologisch-medizinischer, psychologischer und sozialer Faktoren für eine überdurchschnittliche Lebenserwartung im Sinne einer relativen Langlebigkeit verantwortlich zu sein. Es sind genetische, soziale und ökonomische Momente, weiterhin der sozioökonomische Status wie Schulbildung und Beruf, die biologische Situation, die Einflüsse der Ernährung und Faktoren des persönlichen psychologischen Verhaltens wie körperliche und geistige Aktivität und der Grad der Intelligenz. Die genetischen Bedingungen einer überdurchschnittlichen Lebenserwartung gelten als unveränderlich. Hingegen sind soziale, psychologische und medizinische Faktoren durchaus im Hinblick auf eine längere Lebensspanne beeinflussbar.
Bibliografie:
- Ulrich Brameier, Eckhard Gaumitz, Henning Schöpke: Bevölkerungsentwicklung, Aulis, Deubner 1999
- Bernardius C. Lievegoed: Lebenskrisen - Lebenschancen. Die Entwicklung des Menschen zwischen Kindheit und Alter. Kösel. 2001
- Tilman Mayer: Die demographische Krise. Eine integrative Theorie der Bevölkerungsentwicklung, Campus 1999
- Stefan Pohlmann: Altern gestalten - konstruktive Antworten auf Fragen der Bevölkerungsentwicklung, Transfer Regensburg 2003
- Marc Stickdorn: Bevölkerungsentwicklung in Deutschland, GRIN Verlag, München 2007









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