Die Meistersinger von Nürnberg - Oper in drei Aufzügen von Richard Wagner
Hintergrund: Der Meistergesang
Der Meistergesang ist im 14. Jahrhundert das bürgerliche Pendant zum Minnesang des Rittertums und Adels und wird vor allem von den Handwerkern getragen. Sie organisieren sich in Singschulen, die besonders im 15. und 16. Jahrhundert bedeutend sind. Als begleitende Instrumente werden Fiedel, Laute oder Harfe eingesetzt. Der bekannteste Meistersänger war Hans Sachs aus Nürnberg. Die Kunst des Meistergesangs unterliegt strengen Regeln, die in der Tabulatur festgehalten wurden. Der Aufstieg zum Meistersinger geschieht über drei Stufen:
- Singer: jemand, der das bekannte Repertoire von Liedern beherrscht
- Dichter: jemand, der zu alten Tönen einen neuen Text erfindet
- Meister: jemand, der eine neue Melodie erfindet
Begriffe
- Merker: der, der die Fehler des Sängers aufschreibt; er sitzt als Kunstrichter im so genannten Gemerk, einem durch einen Vorhang verborgenen Richterstuhl
- Freiung: Aufnahme eines neues Mitgliedes in die Meistersinger-Zunft
- Tabulatur: Regeln der Meistersinger
- Töne: festgelegte Strophenformen mit zugehöriger Melodie
Die Oper "Die Meistersinger von Nürnberg"
Libretto: Richard Wagner
Uraufführung: 21. Juni 1868 Hof- und Nationaltheater, München
Ort und Zeit der Handlung: Nürnberg Mitte des 16. Jahrhunderts
Spieldauer: 5 Stunden
Personen: Hans Sachs, Schuster (Bass); Veit Pogner, Goldschmied (Bass); Kunz Vogelgesang, Kürschner (Tenor); Konrad Nachtigall, Spengler = Klempner (Bass); Sixtus Beckmesser, Schreiber (Bass); Fritz Kothner, Bäcker (Bass); Balthasar Zorn, Zinngießer (Tenor); Ulrich Eißlinger, Würzkrämer (Tenor); Augustin Moser, Schneider (Tenor); Hermann Ortel, Seifensieder (Bass); Hans Schwarz, Strumpfwirker (Bass); Hans Foltz, Kupferschmied (Bass); Walther von Stolzing, fränkischer Ritter (Tenor); David, Lehrjunge von Hans Sachs (Tenor); Eva, Pogners Tochter (Sopran); Magdalene, Evas Amme (Sopran); Nachtwächter (Bass)
Chöre: Bürger und Frauen der verschiedenen Zünfte, Gesellen, Lehrjungen, Mädchen, Volk
Handlung der Oper
1. Aufzug
In der Katharinenkirche
Der Gottesdienst zum Beginn des Johannisfestes geht mit einem Gemeindechoral zu Ende, während der Ritter von Stolzing mit stummen Gebärden und zärtlichen Blicken leidenschaftlich um Eva Pogner wirbt. Verschämt und doch beglückt erwidert Eva seine Blicke. Während die Gemeinde nach dem Schlusschoral dem Ausgang zustrebt, tritt der Ritter auf Eva zu und stellt ihr die alles entscheidende Frage: "Seid Ihr schon Braut?" Schließlich antwortet Magdalene an Evas Statt und teilt dem Ritter mit, dass Eva demjenigen versprochen sei, der am nächsten Tage den Meistersingertitel bei einem Wettstreit erringe. Eva ist zu diesem Zeitpunkt schon so für den fremden Ritter entflammt, dass sie ihm spontan zu einem Sieg in diesem Wettgesang verhelfen will.
Magdalene ist mehr als erstaunt über dieses Verhalten, hat Eva den jungen Mann doch gerade erst am Tag vorher kennen gelernt. Doch Eva versucht ihre Gefühle dadurch zu erklären, dass der Fremde eine so große Ähnlichkeit mit dem biblischen König David aufweise, dessen Bildnis mit Harfe als Sinnbild der Meistersingerzunft fungiert. Bei der Nennung dieses Namens fühlt sich David, Hans Sachsens Lehrjunge, angesprochen und nimmt nun an dem Gespräch teil. Er erklärt den Anwesenden, dass er die Kirche für eine Zusammenkunft der Meistersinger vorbereite, bei der neue Mitglieder aufgenommen werden. Bevor sie sich mit Eva auf den Heimweg macht, legt Magdalene die (sängerische) Zukunft Stolzings in Davids Hände und verspricht diesem - auf den sie insgeheim ein Auge geworfen hat - als Belohnung dafür nicht nur Leckerbissen aus ihrer Küche...
Inzwischen sind einige andere Lehrjungen hinzugetreten. David, bestrebt sein Magdalene gegebenes Versprechen einzulösen, delegiert die Arbeit an seine "Kollegen" und beschäftigt sich statt dessen intensiv mit seinem Schutzbefohlenen. Aber da scheint Hopfen und Malz verloren zu sein, denn Stolzing weiß weder, wer der "Merker" ist, noch kann er dichten oder singen. Er hat noch nie etwas von Reim und Bar gehört, er kennt nicht die Vorschriften der Tabulatur und keinen der Meistersinger-Töne. Vor so viel Unwissenheit kann David, der selbst bisher nur in die Anfänge des Meistergesangs vorgedrungen ist, nur hilf- und ratlos den Kopf schütteln. Wie soll er diesem Uneingeweihten nur in einem Tag das komplexe Wissen der Meistersingerzunft vermitteln, so dass er über alle anderen Bewerber den Sieg davontragen kann?
Stolzing schwirrt vor so viel Information und Begriffen schon der Kopf. Doch das Wichtigste hat David ihm bis jetzt noch nicht verraten: wie wird man denn nun "Meistersinger"? Worauf David ihm antwortet:
"Der Dichter, der aus eignem Fleiße
Zu Wort' und Reimen, die er erfand,
aus Tönen auch fügt eine neue Weise,
der wird als 'Meistersinger' erkannt."
Damit überlässt er den Ritter zunächst einmal sich selbst und wendet seine Aufmerksamkeit den laufenden Vorbereitungen für die Meistersinger-Versammlung zu, denn bei den anderen Lehrjungen geht alles drunter und drüber. Widerstrebend müssen sie Davids Autorität in diesen Dingen anerkennen, gleichzeitig verspotten sie ihn, den "Allergescheit'st", ob seiner Künste als "Singer". Doch David teilt ihnen mit, dass nicht er zum Wettbewerb antreten wird, sondern ein blutiger Amateur - "nicht Schüler ..., nicht Sänger, (nicht) Dichter". Das sorglose Treiben wird jäh unterbrochen, als Pogner und Beckmesser würdevoll die Sakristei betreten.
Letzterer hofft bereits seit Längerem auf die Hand Evas. Pogner hat diesbezüglich auch keinen Zweifel, denn Beckmesser gilt als ungekrönter König der Meistersingerzunft. Doch selbst ein Sieg im Sangeswettbewerb wäre ihm von keinem Nutzen, wenn Eva ihn am Ende nicht als Gemahl akzeptierte. Als da Ritter Stolzing auf der Bildfläche erscheint und sich Pogner als neuer Anwärter für die Meistersingerzunft vorstellt, sieht Beckmesser bereits seine Chancen schwinden. Inzwischen sind die Meistersinger alle in der Kirche eingetroffen, doch bevor sie zur Merkerwahl schreiten, bittet Veit Pogner ums Wort und teilt den Anwesenden mit, dass er sich entschlossen habe, dem Sieger des am nächsten Tag stattfindenden Wettbewerbs seine Tochter zur Frau zu geben. Aus diesem Grunde soll letztendlich auch nicht der Meister, sondern seine Tochter Eva die Entscheidung treffen. Diese Klausel versetzt die Meistersinger jedoch in helle Aufregung, hat damit doch das künstlerische Urteil des Meisters letztendlich kein Gewicht mehr. Warum lässt Pogner seine Tochter nicht gleich "nach Herzens Ziel" entscheiden und trennt Kunst und Liebe voneinander? Pogner versucht seine Zunftbrüder jedoch zu beschwichtigen: Eva könne zwar dem Sieger ihre Hand verweigern, dürfe dann aber auch keinen anderen heiraten.

Nun schaltet sich Hans Sachs als ungekrönte Meistersinger-Autorität ein: Wenn man ein wankelmütiges Mädchenherz über die Sangeskunst entscheiden lassen solle, könne man ebenso gut dem Volk den Schiedsspruch überlassen. Auf diese Weise könne man auch feststellen, ob der Meistergesang auch dem einfachen Mann aus dem Volke etwas bedeute. Unter den Meistersingern regt sich heftiger Tumult, denn an diesem Punkte entscheidet sich letztendlich der ästhetische Anspruch an die Musik: konservativ-starre Lehre oder lebendig-wandelbare Kunst. Hierzu wendet Kothner zu bedenken ein: "Der Kunst droht allweil Fall und Schmach, läuft sie der Gunst des Volkes nach."
Schließlich einigen sich die Meistersinger auf Pogners ursprünglichen Vorschlag. Nun geht es darum, die Kandidaten für den Wettbewerb aufzustellen. Damit kehren die Meistersinger zur Tagesordnung zurück und Kothner fragt nun an, ob jemand "Freiung" (Aufnahme in die Zunft) begehre. Da empfiehlt Veit Pogner seinen Zunftbrüdern den Ritter Stolzing. Da er sich für dessen Herkunft verbürgt, erübrigt sich dieser Teil der Prüfung. Nun kommt es mit der Frage nach Stolzings Meister zum entscheidenden Punkt. Darauf antwortet der Ritter, dass er seine Kunst aus einem Buch von Walther von der Vogelweide bezogen habe. Die Meistersinger reagieren ob dieser Auskunft skeptisch: Was für eine Kunst kann man schon aus toten Büchern lernen? Doch sie geben Stolzing die Möglichkeit, sein Können unter Beweis zu stellen.
Beckmesser wird zum Merker bestimmt und zieht sich hinter den Vorhang des Gemerks zurück. Kothner verliest nun aus der Tabulatur die Richtlinien für den Meistergesang, wobei dem Prüfling ganz schwindlig vor lauter Begriffen wird. Anschließend wird Stolzing aufgefordert, im Singestuhl Platz zu nehmen und erhält von dem Merker die Aufforderung "Fanget an!" Walther Stolzing nimmt diese zwei Worte auf und spinnt daraus ein Frühlings- und Liebeslied, das jedoch zunehmend von dem Geräusch kratzender Kreide auf der Urteilstafel begleitet wird. Schließlich hält es der Merker nicht mehr aus: Er zieht den Vorhang zurück, unterbricht den Vortragenden, präsentiert den anderen Meistersingern empört die mit Strichen übersäte Tafel - jeder Strich einen Fehler des Prüflings symbolisierend - und weist den Ritter zornig hinaus. Pogner versucht ihn zu beschwichtigen, aber Beckmesser zählt die vielfältigen Verfehlungen des Sängers auf und findet bei seinen Sangesbrüdern rege Zustimmung. Nur Hans Sachs ist anderer Meinung: Zwar müsse auch er zugeben, dass der Vortrag nicht nach ihren Regeln geschehen sei, wohl aber fand er die Weise erfrischend neu und eigenen Gesetzmäßigkeiten folgend und will daher auch das Ende des Vortrags hören. Beckmesser muss sich schweren Herzens fügen, denn Meister Sachsens Wort hat so etwas wie Gesetzeskraft.
Hans Sachs nimmt diesen Vorwurf auf und greift nun seinerseits den Merker persönlich an: Wandle er nicht auf Freiersfüßen und trachte daher danach, den Nebenbuhler durch sein Urteil unschädlich zu machen? Beckmesser kontert, indem er des Meistersingers berufliche Unfähigkeit anprangert: Anstatt gewissenhaft sein Schusterhandwerk auszuüben, sei er so mit dem Meistergesang beschäftigt, dass er darüber seine Kunden vernachlässige. Hans Sachs bereitet dem Geplänkel kurzerhand ein Ende, indem er den Ritter zur Fortführung seines Vortrags auffordert. Während des Gesangs hält der Merker demonstrativ die Tafel mit den Fehlerstrichen in die Luft, so dass jeder der anwesenden Meistersinger sie abwechselnd sehen kann. Als Stolzing schließlich geendet hat, zählt Beckmesser die Flut von Fehlern auf; acht hätten bereits genügt, um ihn durchfallen zu lassen, in seinem Fall sind es mehr als fünfzig und damit verweisen die Meister ihn - entgegen Hans Sachsens Ansicht - aus ihrer Singschule. Veit Pogner ist enttäuscht über die Entscheidung, wäre ihm der Ritter doch als zukünftiger Schwiegersohn willkommen gewesen, und ist voller Zweifel über den Ausgang des Wettsingens am nächsten Tag. Wird der Sieger auch seiner Tochter als Ehemann willkommen sein?
2. Aufzug
In einer Straße Nürnbergs, wo Veit Pogner und Hans Sachs wohnen
Es ist Abend geworden, alle Meistersinger sind in ihre Häuser zurückgekehrt und die Lehrjungen schließen die Fensterläden. Magdalene nähert sich David wie versprochen mit einem Korb Esswaren und erkundigt sich nach dem Verlauf des Vorsingens. Als sie erfährt, dass der Ritter durchgefallen ist, verweigert sie jedoch die versprochene Belohnung und kehrt betrübt ins Haus zurück. Die anderen Lehrjungen hänseln David daraufhin, doch bevor die Situation eskalieren kann, schreitet Hans Sachs ein und holt seinen Lehrbuben ins Haus.
Veit Pogner und Eva kehren von einem Spaziergang zurück, während dem der Goldschmied seiner Tochter schonend das negative Ergebnis des Vorsingens mitzuteilen und sie auf den morgigen Tag vorzubereiten versucht, denn sie muss ihr Wort halten und den Meistersinger ihrer Wahl zum Gatten nehmen. Bevor er jedoch so weit kommt, hat Magdalene die schlechte Nachricht bereits weitergegeben. Eva ist tief verzweifelt und will sehen, ob Hans Sachs einen Ausweg weiß. Doch Magdalene hält sie zurück: Sie solle erst zu Abend essen und sich dann den Vorschlag Beckmessers anhören.
Hans Sachs sitzt inzwischen, nachdem er seinen Lehrbuben zu Bett geschickt hat, in seiner Schneider-Werkstatt und sinniert über den Verlauf des Tages. Zwischendurch versucht er, sich seiner Arbeit zuzuwenden, versinkt jedoch gleich wieder in Gedanken: Des Ritters Gesang hat ihn berührt:
"Doch wie auch wollt' ich's messen,
was unermesslich mir schien?
Kein' Regel wollte da passen,
und war doch kein Fehler drin.
Es klang so alt und war doch so neu
Wie Vogelsang im süßen Mai!"
Unerwartet erscheint da Eva auf seiner Türschwelle und umgarnt den väterlichen Freund aus Jugendtagen: Nun, da seine Frau gestorben ist und seine Kinder aus dem Haus seien, könne sie ihm doch Frau und Kind zugleich sein. Meister Sachs fühlt sich durch dieses Angebot zwar geschmeichelt, ist jedoch Realist genug, um den Altersunterschied als zu großes Hindernis zu betrachten. Aber für Eva war dieser Teil der Unterhaltung eher taktisches Manöver, um den Freund umso argloser über die Vorfälle des vergangenen Tages auszuhorchen. Als sie erfährt, dass der Ritter durchgefallen ist, ist sie verzweifelt. Ob er denn gar keinen der Meister zum Freund habe gewinnen können? Auf diese Frage hin poltert Hans Sachs los: Ein solcher Kunstbanause solle sein Glück nur anderswo versuchen. Zornig stürmt Eva daraufhin von dannen, hatte sie doch gehofft, zumindest in Hans Sachs einen Verbündeten zu haben. Magdalene wartet inzwischen auch schon ungeduldig vor dem Haus, denn Vater Pogner hat schon mehrmals nach seiner Tochter gerufen und außerdem will Beckmesser ihr zur Nacht ein Ständchen bringen, mit dem er am kommenden Tag nicht nur das Wettsingen, sondern auch Evas Herz gewinnen will.
Eva ist jedoch voller Unruhe und späht nach dem geliebten Ritter aus. Als sie schon fast im Haus verschwunden ist, erscheint er in der Gasse. Sie läuft auf ihn zu und versichert ihn ihrer Freundschaft. Doch Stolzing weiß sehr wohl, dass ihrem Glück aufgrund von Pogners Bekanntmachung seine mangelnden sängerischen Fähigkeiten im Wege stehen. Plötzlich ändert sich sein Sinn: Mit den Gedanken bei an all die Kandidaten, die am nächsten Tag um die Hand seiner Geliebten wettsingen werden, steigert er sich immer mehr in Rage, bis auch Eva davon überzeugt ist, dass der einzige Ausweg aus dieser Situation in einer Flucht besteht.
Hans Sachs hat indes die ganze Szene beobachtet und lässt plötzlich, um die Flucht zu verhindern, einen breiten Lichtschein aus seinem Haus auf die Straße scheinen. Walther bleibt nichts anderes übrig, als sich in einer dunklen Ecke zu verstecken. Während beide noch nach einem anderen Fluchtweg suchen, nähert sich Beckmesser und stimmt mit seiner Laute ein Lied vor Evas Fenster an, so dass die Geliebten wieder in der Falle sitzen. Mitten in den künstlerischen Vortrag fällt da Hans Sachs mit einem derben Lied ein - Spottgesang auf Eva und Verballhornung von Beckmessers Liebeswerben gleichermaßen. Der Schreiber gerät über die brutale Verunglimpfung seines musikalischen Werbens mehr und mehr in Wut. Da erscheint unerwartet die Umworbene am Fenster. Was Beckmesser aus der Entfernung und in der Dunkelheit jedoch nicht erkennen kann, ist, dass es sich dabei um Magdalene in Evas Kleidern handelt. Nun kommt der liebeskranke Meistersinger erst richtig in Fahrt und gegen die Einwürfe des Schusters versucht er sein Ständchen vorzutragen. Aber es ist zwecklos: Sachsens Gassenhauer ist so durchdringend, dass Beckmessers Gesang völlig untergeht. Noch einmal bittet der Werber inständig den Schuster um Einhalt. Hans Sachs geht schließlich darauf ein, allerdings unter der Bedingung, dass er den Gesang als Merker bewerten darf und anstelle der Kreide dazu seinen Schusterhammer verwendet, mit dem er bei jedem Fehler auf die Leisten schlägt.

Eva und Walther beobachten die Szene amüsiert aus ihrem Versteck. Beckmesser setzt erneut voller Hoffnung zu seinem Liebeslied an, doch die immer schneller aufeinander folgenden Schläge des Schusters - Hans Sachs repariert währenddessen Beckmessers Schuhe - zerstören nicht nur die romantische Idylle, sondern zerren auch an seinen Nerven. Sein Gesang wird immer lauter und unmusikalischer, so dass sich schließlich die Läden der Nachbarhäuser öffnen und deren Bewohner empört ihre Ruhe fordern. Auch David hat neugierig seinen Kopf zum Fenster rausgestreckt und dabei hinter der Verkleidung seine geliebte Magdalene erkannt. Eifersüchtig und voller Rachegelüste eilt er mit einem Knüppel bewaffnet auf die Straße. Er stürzt sich auf den vermeintlichen Rivalen Beckmesser und will ihn verprügeln. Kurzerhand mischen sich einige Nachbarn ein, zunächst, um die beiden Raufbolde voneinander zu trennen, schon bald aber gibt es eine allgemeine Schlägerei. Als wenig später auch noch die Lehrjungen und die Gesellen auftauchen, gerät die Situation vollends außer Kontrolle.
Die Meister und die Ehefrauen versuchen, dem Tumult ein Ende zu bereiten. Da erscheint Pogner am Fenster und bringt "Eva" ins Haus zurück. Walther und Eva wollen den allgemeinen Trubel endlich zu ihrer Flucht nutzen. Auf halbem Wege jedoch zieht Hans Sachs den Ritter gewaltsam fort, während er Eva ins elterliche Haus stößt. Die Frauen haben die Raufbolde mit Wassergüssen rigoros zur Vernunft gebracht und das Signal des Nachtwächters lässt schließlich alle fluchtartig von der Bildfläche verschwinden.
3. Aufzug
Früh am nächsten Morgen in der Werkstatt von Hans Sachs
David hat sich in die Werkstatt geschlichen, um in aller Ruhe die Köstlichkeiten aus einem von Magdalene zusammengestellten Korb zu genießen. Meister Sachs tut, als bemerke er den Lehrjungen überhaupt nicht und liest in aller Ruhe in einem dicken Buch. David fürchtet nun, dass der Meister ihm aus irgend einem Grunde zürnt und versucht, ihn mit einem Schwall von Worten gesprächig zu machen. Schließlich bricht Hans Sachs sein Schweigen. Er spielt auf den Lärm der vergangenen Nacht an ("'s war Polterabend...?") und kommt dann auf den besonderen Tag des Johannisfestes zu sprechen. David soll sich fein machen und ihn dann als Herold auf das Fest begleiten. Vielleicht will er selber als Freier an dem Sangeswettstreit teilnehmen?
Während der Lehrjunge sich umzieht, sinniert Hans Sachs über den Lauf der Welt: Wahn regiert die Welt und führt zu Unfrieden, Streitigkeiten und Raufereien. Und oft ist es nur ein kleiner Stein, der die Ereignisse ins Rollen bringt - so wie am Vorabend sein kleiner Streich, den er Beckmesser spielte und aus dem sich eine wilde Schlägerei entwickelte. Nun will er die Dinge jedoch wieder ins Lot bringen. Da erscheint Walther von Stolzing auf der Schwelle. Irritiert über Sachsens Verhalten sowohl bei der Freiung als auch während der verunglückten Flucht, weiß er nicht, wie er den Meistersinger einschätzen und ob er ihm von seinem seltsamen nächtlichen Traume erzählen soll. Hans Sachs fordert ihn auf, die Ereignisse des vergangenen Tages ruhen zu lassen und sich statt dessen auf den Wettbewerb zu konzentrieren. Doch das ist leichter gesagt als getan:
"Ein schönes Lied, ein Meisterlied,
wie fass ich da den Unterschied?"
Und so nehmen sie die Angelegenheit gemeinsam in Angriff: Walther fasst seinen morgendlichen Traum in ein Lied, dessen Worte Hans Sachs mit der Feder festhält und nach den Meistersinger-Regeln vollendet. Stolzings Traum weist dem Ritter den Weg zur Meisterschaft, denn was am Vortag noch unkundig und unbeholfen, erfüllt nun die Regeln der Tabulatur und mit Stollen, Abgesang und Bar hat er ein vollendetes Preislied geschaffen.
Während Sachs und Stolzing in der Kammer verschwinden, um sich für den Wettbewerb festlich anzukleiden, betritt Beckmesser die Werkstatt. Er ist von der Schlägerei der vergangenen Nacht in einem erbärmlichen Zustand, sowohl körperlich als auch seelisch, denn die Eifersucht zerfrisst ihn förmlich. Da fällt sein Blick auf das von Hans Sachs notierte Preislied und voller Wut darüber, dass der Schuster selber als Werber auftreten will, steckt er das Blatt in die Tasche, als dieser das Zimmer betritt. Beckmesser geht sogleich zum Angriff über: Er wisse nun auch, welchem Zweck der nächtliche Schabernack gedient habe, denn Sachs wolle offensichtlich selbst um die Jungfer werben. Und zum Beweis zieht er das entwendete Blatt hervor. Sachs lässt den Schreiber in dem Glauben, dass es sein neuestes Gedicht sei und überlässt es Beckmesser sogar als Beitrag für den Wettbewerb. Dieser kann sein Glück kaum fassen, ist sich des Sieges schon gewiss und bereit, den Streit mit Sachs zu begraben. Aber der Schuster warnt den Übermütigen: Das Lied sei nicht leicht vorzutragen und bedürfe eines intensiven Studiums. Für Beckmesser ist das jedoch das kleinste Problem, war er doch im Singen immer schon allen anderen haushoch überlegen.
Nachdem Beckmesser davongeeilt ist, betritt Eva Meister Sachsens Werkstatt. Sie weiß nicht so recht, wie sie beginnen und dem alten Freund von ihren Sorgen berichten soll und so wählt sie eine Metapher, um sich mitzuteilen: Es drücke sie der Schuh. Meister Sachs tut, als ob er nicht die Doppeldeutigkeit dieser Worte verstanden habe und bearbeitet Evas Schuh. Während dessen erscheint Walther, festlich gekleidet, in der Tür. Beide sind vor Freude und Überraschung reglos und starren einander wortlos an. Der Schuster hantiert betont beschäftigt an seinem Schemel während Walther die dritte Strophe seines Preisliedes anstimmt. Nachdem er geendet hat, überreicht Hans Sachs Eva den geweiteten Schuh. Übermannt von der Intensität der Gefühle wirft sie sich dem Schuster überglücklich in die Arme, der sie sanft an Stolzing weiterreicht. Ein wenig bitter resümiert Sachs nun das Geschehene: Nicht nur als Schuster habe er nie seine Ruhe, auch als Poet sei er Tag und Nacht gefragt. Darüber hinaus machten sich junge Mädchen noch einen Scherz und ermutigten den Witwer, um ihre Hand anzuhalten. Wie er auch reagiere, er mache es nicht recht und gelte am Ende als "dumm, tückisch und frech". Eva, die die Anspielung verstanden hat, nimmt Sachs in die Arme und bittet ihn um Verzeihung; der Schuster war ihr Erzieher und Freund und sie hätte ihn auch zum Gemahl genommen, wäre ihr nicht an der Seite des Ritters ein anderes Schicksal bestimmt. Doch auch Hans Sachs hat schweren Herzens eingesehen, dass er auf Eva verzichten muss. Bevor sie nun alle zur Festwiese aufbrechen, wird Stolzings Preislied auf den Namen "Morgentraumdeut-Weise" feierlich getauft. Dazu wird David kurzerhand zum Gesellen befördert, damit er als Taufpate würdiger ist.
Festwiese an der Pegnitz vor den Toren Nürnbergs
Dort hat sich bereits eine festlich gekleidete Menschenmenge versammelt; ganz Nürnberg ist auf den Beinen. Eine Zunft nach der anderen zieht Fahnen schwingend mit Gesang auf, während die Lehrjungen übermütig bereits das Tanzbein schwingen. Das gesellige Treiben wird unterbrochen, als die Meistersinger am Ufer anlegen. Feierlich bilden die Lehrjungen für sie ein Spalier. Der Zug schreitet durch die Menschenmenge auf die "Singerbühne", wo die Meistersinger ein Lied anstimmen. Hans Sachs wird von der Menge wie ein Volksheld gefeiert. Bescheiden und beinahe peinlich berührt wehrt er die Gunstbezeugungen ab und erklärt dem Volk nun die Regeln des Wettbewerbs.
Beckmesser trägt als Erster sein Lied vor. Doch er findet keinen rechten Zugang zu dieser ungewöhnlichen Komposition und so gerät sein Vortrag zu einem einzigen, vom gesamten Volk verhöhnten Desaster. Verzweifelt, gedemütigt und wütend verlässt der Schreiber die Bühne und stürzt auf Hans Sachs zu, den er für diesen Misserfolg als Autor verantwortlich macht. Da eröffnet der Schuster Beckmesser und den Zuhörern, dass das Lied tatsächlich nicht von dem Vortragenden selbst stamme, jedoch auch nicht von ihm. Als Beweis dafür und zugleich als Beweis für die Kunstfertigkeit des verunglimpften Liedes sucht er nun einen Zeugen, der die Komposition so vortragen kann, dass sie sinn- und kunstvoll gleichermaßen erscheint. Da tritt Walther von Stolzing aus der Menge hervor und überzeugt das Volk und Preisrichter gleichermaßen von der Meisterschaft seines Liedes:
"'S ist kühn und seltsam, das ist wahr;
doch wohlgereimt und singebar."
Einstimmig verleihen die Meistersinger dem Ritter den Meisterpreis und Eva krönt Walther mit einem Kranz aus Lorbeer und Myrthen. Daraufhin schreiten beide zu Veit Pogner, der segnend die Hände über sie hebt. Feierlich nimmt Pogner den Ritter in die Meisterzunft auf, doch dieser wehrt ab: Ihm ist das Glück mit Eva genug. Noch einmal schaltet sich da Hans Sachs ein: Durch die Kunst des Meistergesangs hatte Stolzing die Hand Evas gewonnen, nun ermahnt ihn Sachs zur zukünftigen Verantwortung dieser Kunst gegenüber:
"Drum sag ich Euch:
ehrt Eure deutschen Meister,
dann bannt Ihr gute Geister!
Und gebt Ihr ihrem Wirken Gunst,
zerging' in Dunst
das Heil'ge Röm'sche Reich,
uns bliebe gleich
die heil'ge deutsche Kunst!"
Libretto
Wieder einmal zeichnet Richard Wagner bei dieser Oper in Personalunion als Dichter und Komponist gleichermaßen verantwortlich. Sein Libretto ist unter der Verwendung folgender Quellen entstanden:
- Jacob Grimm (1785-1863): Über den altdeutschen Meistergesang
- Johann Christoph Wagenseil (1633-1705): Nürnberger Chronik (1572-1583)
- Johann Christoph Wagenseil: Von der Meister-Singer Holdseligen Kunst
- E. T. A. Hoffmann (1776-1822): Meister Martin der Küfer und seine Gesellen (Novelle)
- Johann W. von Goethe (1749-1832): Erklärung eines alten Holzschnitzes, vorstellend Hans Sachs (Gedicht)
- Albert Lortzing (1801-1851): Hans Sachs (Oper)
- Wilhelm H. Wackenroder (1773-1798) und Ludwig Tieck (1773-1853): Herzensergießungen eines kunstliebenden Klosterbruders
- Gottfried Keller (1819-1890): Fähnlein der sieben Aufrechten
- Georg Gottfried Gervinius (1805-1871): Geschichte der deutschen Dichtung
Erste Skizzen zu den "Meistersingern" entstehen bereits in den 1830er Jahren, als Wagner sich zu Besuchen in Nürnberg aufhält und erste Eindrücke sozusagen "am Tatort des Geschehens" sammelt; insbesondere eine handfeste reale Prügelei hat zum Ende des zweiten Aktes Eingang in die Oper gefunden. In den folgenden Jahren entsteht nach drei verschiedenen Entwürfen das Libretto, das am 25. Januar 1862 vollendet wird. Wichtigste Quelle für die handelnden Personen in Wagners Oper ist Wagenseils Werk über die Kunst der Meistersinger. Wagner selbst hat zwei seiner Hauptfiguren folgendermaßen charakterisiert: Ich faßte Hans Sachs als die letzte Erscheinung des künstlerisch produktiven Volksgeistes auf, und stellte ihn ... der meistersingerlichen Spießbürgerschaft entgegen, deren ... Pedantismus ich in der Figur des "Merkers" eine ganz persönlichen Ausdruck gab. Dieser "Merker" war bekanntlich (oder unseren Kritikern vielleicht auch nicht bekanntlich) der von der Singerzunft bestellte Aufpasser.
Die Meistersinger von Nürnberg oder Kunst überwindet Grenzen
In Richard Wagners Oper werden in verschiedener Hinsicht Grenzen gesprengt: Da ist zunächst Evas Liebe zu Ritter Walther von Stolzing - eine Liebe zwischen einer Bürgerlichen und einem Adeligen, bis ins 20. Jahrhundert hinein ein Skandal und in der Mitte des 16. Jahrhunderts, rund zwei Jahrhunderte vor der Französischen Revolution und ihren Idealen der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, erst recht. In diesem Zusammenhang wird auch wieder Wagners bereits in seinen früheren Opern (Lohengrin, Fliegender Holländer) thematisiertes Motiv der Treue relevant, denn indem Eva von Anbeginn an und durch alle Schwierigkeiten hindurch fest zu Ritter von Stolzing und ihrer gemeinsamen Liebe steht, verlässt sie am Schluss die Bühne als dessen Verlobte.
Der Ritter selbst erringt die Hand seiner Geliebten durch das Medium der Kunst und sprengt dabei nicht nur die Standes-, sondern auch die ästhetischen Grenzen. Als musikalischer Dilettant Aufnahme in die Meistersingerzunft begehrend, trägt er am Wettbewerbstag schließlich den Sieg davon, nicht indem er alle Regeln der Kunst studiert und angewandt hat, sondern indem er, auf den Konventionen aufbauend, dieselben durchbrochen und zu neuer Blüte geführt hat.
In diesem Zusammenhang versäumt Wagner es nicht, auch auf die Analogie zu seinem eigenen Schicksal als Künstler hinzuweisen: "Mein Kind, für den ist alles verloren, und Meister wird der in keinem Land; denn wer als Meister geboren, der hat unter Meistern den schlimmsten Stand" (2. Aufzug, 4. Szene). Gerade zu der Zeit, als Wagner intensiv an den Meistersingern arbeitet, eskaliert die Situation zwischen König Ludwig II. und seinen Ministern, die des Königs "Wagner-Manie" und die damit verbundenen Ausgaben in astronomischen Höhen einzudämmen versuchen. Als Folge davon muss Richard Wagner 1865 Bayern verlassen und zieht nach Tribschen am Genfer See, wo in den nächsten Jahren die musikalische Hauptarbeit an der Oper geleistet wird.
Wagners Kritik gilt darüber hinaus in der Figur des geistlosen und engstirnigen Theoretikers Beckmesser dem gefürchteten zeitgenössischen Musikkritiker Eduard Hanslick (1825-1904). In Wagners ersten Prosaentwürfen wird dieser Bezug noch deutlicher, denn die Figur heißt dort noch Veit Hanslich. Hanslick war - nach anfänglicher Bewunderung - ein erklärter Gegner von Wagners Musik. Seine Rezension über die Meistersinger nach der Uraufführung fällt denn auch katastrophal aus und die Fronten sind nun endgültig verhärtet.
Wagners Hauptplädoyer gilt der Kunst - einer Kunst jedoch, die nicht pedantisch an Traditionen und überkommenen Regeln festhält, sondern sich immer wieder erneuert. Verkörpert wird dieser Konservatismus in der Oper durch die Figur des Sixtus Beckmesser, überwunden und mit neuem Leben erfüllt wird die Kunst der Meistersinger durch den Außenseiter Walther von Stolzing. Gleichwohl liegt die Wahrheit - und die Kunstauffassung Wagners - in der Mitte zwischen diesen beiden Extremen: Basierend auf den Regeln und Traditionen muss die Kunst sich aus dem Leben heraus immer wieder erneuern.
Kunst in diesem Verständnis ist für Wagner jedoch vor allem deutsche Kunst:
"Zerging' das heil'ge römische Reich in Dunst,
Uns bliebe doch die heil'ge deutsche Kunst."
Kunst ist in diesem Sinne nationalitätsstiftend, und zwar über die Wechselfälle der Geschichte hinaus - auch unter diesem Aspekt Grenzen sprengend. Unter den Nationalsozialisten, die Wagner und seine Ideologie bewusst für ihre Ziele (miss)brauchten, wurden insbesondere die "Meistersinger" zu einem Symbol für Deutschtum und Nationalismus: "Unter all seinen Musikdramen ragen die 'Meistersinger' als das deutscheste immerdar hervor. Sie sind die Inkarnation unseres Volkstums schlechthin. In ihnen ist alles enthalten, was die deutsche Kulturseele bedingt und erfüllt." (Joseph Goebbels)
Bibliografie:
- Attila Csampai, Dietmar Holland (Hrsg.): Richard Wagner: Die Meistersinger von Nürnberg. Texte, Materialien, Kommentare, Reinbek 1987
- Joachim Kaiser: Richard Wagner: Die Meistersinger von Nürnberg. Werkinterpretation und Musikbeispiele. 1 CD, München 1997
- Richard Wagner: Die Meistersinger von Nürnberg. Handlung in drei Aufzügen. Vollständiges Textbuch, Ditzingen 1999.







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