Total votes: 56
  • Send to friend
  • Diese Seite drucken
THEMEN

Die Oper geht zum Publikum - Der Einsatz von Medien

Kurzeinführung

Als die Oper im Jahre 1637 erstmals aus den Gärten und Palästen des geistlichen und weltlichen Adels in das venezianische Teatro di San Cassiano gelangte und der erste Schritt zu einer "Kunst für das Volk" getan war, begannen die Bestrebungen, sie einem möglichst weiten, über den Zuschauerraum des Theaters hinausreichenden Personenkreis zugänglich zu machen. Dazu bediente man sich verschiedener, im Lauf der Zeit naturgemäß wechselnder Medien. Wenn unter einem "Medium" ein zeitgemäßes Mittel verstanden wird, einen Inhalt oder ein Erlebnis weiterzugeben, dann waren die seit dem 17. Jahrhundert bestehenden wandernden Operntruppen die ersten Medien der Opernkunst im weitesten Sinne. Sie brachten das Genre einem Publikum nahe, das vorerst kaum gewillt war und auch vielfach aus rein geographischen Gründen keine Möglichkeit hatte, ein festes Opernhaus zu besuchen.

Die ersten Medien: Reisende Ensembles

Vorläufer der reisenden Ensembles waren die englischen Komödianten, die schon im 16. Jahrhundert das europäische Festland durchzogen. Doch erst ab dem 17. Jahrhundert bildeten sich konstante Truppen unter der Leitung eines Prinzipals, die zunächst mit musikalischen Theaterstücken und Singspielen, später mit Opern auf Märkten oder in öffentlichen Räumen auftraten. Emanuel Schikaneder (1751-1812) ist einer der prominentesten Vertreter dieser Gattung. Er war zunächst Schauspieler und Sänger, später Direktor einer jener Wandertruppen, die insgesamt ein viel größeres Publikum erreichten, als dies ein festes Opernhaus vermochte. In Italien, wo kurze "stagioni" an den ständigen Theatern bis heute üblich sind, waren in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts die Brüder Angelo und Pietro Mingotti als Direktoren reisender Operntruppen mit hervorragenden Sängern von großer Bedeutung. Sie unternahmen Tourneen durch den ganzen deutschen Raum mit den wichtigsten Stationen in Graz, Brünn, Prag, Frankfurt, Leipzig, Dresden und Hamburg bis nach Kopenhagen und verbreiteten die italienische Oper von Süd nach Nord. In die umgekehrte Richtung reiste in den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts der legendäre Theaterdirektor Angelo Neumann (1838-1910) mit seinem Wagner-Ensemble. Er gelangte über Deutschland und die Schweiz bis nach Italien und verhalf so Richard Wagners Musikdramen in diesem Kulturraum zu großer Popularität. Mit dem Aufkommen des Verismo reiste das prominente Sängerehepaar Gemma Bellincioni (1864-1950) und Roberto Stagno (1836-1897) durch die ganze Welt, um diese neue Stilrichtung bekannt zu machen. 1886 zog eine italienische Operntruppe mit einem Repertoire von zwölf Werken verschiedener Komponisten durch Südamerika. Dass Operntruppen bis in die Gegenwart fähig sind, ein Werk bei einem riesigen Publikumskreis populär zu machen, bewies um 1960 die US-amerikanische "Everyman Opera Incorporated", der George Gershwins "Porgy and Bess" weltweite Verbreitung verdankt.

Hausmusik: "Kleine Oper" am Klavier

Eine andere Form der Popularisierung von Opernmusik vor der Zeit der elektronischen Medien wurde insbesondere durch Franz Liszt (1811-1886) vorangetrieben. Der Komponist postulierte einen engen Zusammenhang zwischen künstlerischer und gesellschaftlicher Ebene. Vor diesem Hintergrund bearbeitete er populäre Opern in Kurzfassung oder markanten Auszügen effektvoll für das Klavier. Die Oper fand damit Eingang in die Hausmusik, die vor der Erfindung von Schallplatte und Radio am meisten zur Verbreitung musikalischer Werke beitrug. Liszts "Rigoletto"-Paraphrase, seine Transkriptionen aus "Tannhäuser" und seine Bearbeitung von Isoldes Liebestod sind bis heute als virtuose Klavierstücke beliebt. In einer Zeit, der Radio und Fernsehen als Verbreitungsmedien fehlten, sollten sie Ausübende und Zuhörer mit der Oper vertraut machen und zum Theaterbesuch anregen.

Die Welt des Musiktheaters zwischen Buchdeckeln

Die achtziger Jahre des 19. Jahrhunderts brachten als weiteres Mittel zur Weitergabe von Kenntnissen über die Oper das Buch in Form von Opernführern. Als sich etwa ab 1880 im Repertoire der Theater typische "Standardwerke" herausbildeten, gewannen diese Bücher an Bedeutung: Neben den bekannten wurden darin auch weniger populäre Werke beschrieben, die Handlungen nacherzählt und vielfach Hinweise auf Musik und Komponisten geboten. Die besten Opernführer der Frühzeit erschienen in England, wo Popularität, gute Lesbarkeit und musikwissenschaftlicher Anspruch eine glückliche Synthese eingingen. Ein gutes Beispiel hierfür ist "The Standard Opera Glass" von Charles Annesley (London 1888), ein Buch, das bis 1921 auch in Deutschland und den USA immer wieder aufgelegt wurde.

Während Opernführer bis in die jüngste Zeit hinein im Allgemeinen in wenig attraktiver, weil allzu nüchterner Aufmachung erschienen, macht sich heute der Trend bemerkbar, dem Publikum durch aufwendige Illustrationen einen zusätzlichen Anreiz zum Kennenlernen der Oper zu bieten. Dass im 20. Jahrhundert eine immer breiter werdende Palette spezifischer und monographischer Opernliteratur angeboten wird, sei hier nur am Rande bemerkt.

Gezähmte Schallwellen bringen Musik ins Haus

Ein entscheidender Wandel bei der Verbreitung von Musik und damit auch der Oper trat mit der Erfindung der Schallplattenaufzeichnung ein. Bereits 1688 hatte Günter Christoph Schellhammer entdeckt, dass sich der Schall wellenförmig in der Luft ausbreitet. Wilhelm Eduard Weber konstruierte 1830 einen Apparat zur Aufzeichnung dieser Wellen. Um 1840 gelang es Félix Savart und Jean-Marie Constant Duhamel, diese Schwingungen auf einer mit Ruß bestrichenen Walze festzuhalten, und 1877 wurde es möglich, die aufgezeichneten Schwingungen akustisch wiederzugeben: In Paris erfand Charles Cros das "Parléophone". Unabhängig davon konstruierte in den USA Thomas Alva Edison den Phonographen. Sein System, eine drehbare Stahlwalze mit Stanniolauflage, in die durch einen mit einer Membran verbundenen Stift die Schallwellen in unterschiedlicher Tiefe eingeritzt werden, setzte sich schließlich durch. Diese Erfindung wurde bald weltweit für Unterhaltungs- und auch Forschungszwecke verwendet, bis 1887 Emil Berliner die Schallplatte entwickelte, die zum leicht herstellbaren, billigen Massenartikel wurde und alle Eigenschaften eines echten "Mediums" aufwies. 1893 gründete Emil Berliner die United States Gramophone Company mit Tochtergesellschaften in London ("Gramophone Company") und Hannover ("Deutsche Grammophon Gesellschaft"), die um die Jahrhundertwende bereits ein Repertoire von etwa 5000 verschiedenen Titeln anbot.

Entscheidendes für die Opernschallplatte leistete der italienische Tenor Enrico Caruso, der 1902 für den britischen Produzenten Fred Gaisberg zehn Arien aufnahm und sich als Pionier des neuen Mediums erwies. Binnen 20 Jahren (bis zu seinem frühen Tod) spielte Caruso eine Vielzahl von Einzelaufnahmen ein, von denen 266 Titel überliefert sind. Nicht zuletzt diese Schallplattenaufnahmen machten Caruso auch außerhalb der Opernbühne bekannt.

Schon in der Zeit der Schellackplatte gab es Gesamtaufnahmen von Opern, doch waren wegen der Kürze der Spielzeit pro Einzelplatte anfangs die Einzeltitel viel erfolgreicher. 1906 wurden allein in Deutschland 1,5 Millionen Platten umgesetzt; bis 1930 stieg die Zahl auf 30 Millionen. 1951 erschien die Kunststoff-Langspielplatte mit 33 1/3 Umdrehungen pro Minute; 1958 wurde der Stereoklang entwickelt. Die neuen Vertriebsmethoden (Platten-Clubs, Versand) und die differenzierte Preisbildung (Low-Price-Angebote) sowie eine ständige Verbesserung der Aufnahme- und Wiedergabequalität erfassten auch das Angebot an ernster Musik.

Es "funkt": Opernübertragungen im Radio

Am 8. Juni 1921 fand die erste Radioübertragung einer Oper statt: Aus der Berliner Staatsoper wurde Giacomo Puccinis "Madame Butterfly" direkt gesendet. Zu diesem Zeitpunkt konnte von regelmäßigen Radiosendungen noch nicht die Rede sein. 1924 begann die "Sendespielbühne des Berliner Funkhauses" mit Wolfgang Amadeus Mozarts "Figaro" ihre Opernproduktion. Anfangs war man sehr darauf bedacht, die Aufnahmefähigkeit der Hörer nicht über die Maße zu strapazieren und erstellte daher gekürzte "Funk-Fassungen". Am 25. Dezember 1931 wurde aus der Metropolitan Opera New York Engelbert Humperdincks "Hänsel und Gretel" mit Queena Mario und Editha Fleischer übertragen. Daneben entwickelte sich mit der steigenden Beliebtheit solcher Übertragungen der Typus der eigens für das neue Medium geschaffenen "Funkoper". Hier sind Gian Carlo Menottis "Die alte Jungfer und der Dieb" (NBC 1939) und Hans Werner Henzes Kafka-Vertonung "Der Landarzt" (NWDR 1951) als besonders markante Beispiele zu nennen. In Italien gibt es seit 1948 den "Premio Italia", der für spezielle Rundfunk-Kompositionen verliehen wird. Mit diesem Preis wurden 1949 Ildebrando Pizzettis "Ifigenia" und Arthur Honeggers "Saint François d'Assise" ausgezeichnet. Inzwischen kommt es auch immer wieder vor, dass Opern zunächst im Rundfunk aufgeführt werden, bevor sie zur szenischen Darstellung gelangen; so etwa Roman Vlads "Der gläserne Doktor" durch den Sender Freies Berlin 1961.

Filmemacher erliegen dem Reiz exotischer Bühnenbilder

Wie stark - abgesehen von der Musik - die optischen Verlockungen der Oper sind, belegt die Tatsache, dass sich der Kinofilm ihrer schon zu einer Zeit angenommen hat, als es noch gar keinen Tonfilm gab. So wurde in den USA Georges Bizets "Carmen" 1915 als Stummfilm herausgebracht, wobei die mitwirkende Geraldine Farrar - eine der ersten Operndiven im Film überhaupt - ihrer eigentlichen künstlerischen Funktion beraubt war. Die Faszination und Publikumswirksamkeit des neuen Mediums Film verführte selbst Künstler vom Rang eines Richard Strauss und eines Hugo von Hofmannsthal, ein seltsames Machwerk, nämlich den am 10. Januar 1926 in Dresden (im Opernhaus!) uraufgeführten "Rosenkavalier"-Stummfilm zu produzieren. In diesem Fall sollen allerdings vorwiegend materielle, nicht so sehr künstlerische Gründe maßgeblich gewesen sein. Hofmannsthal verfasste ein vom Original abweichendes Drehbuch, in dem sogar neue Figuren, wie etwa der Feldmarschall (dargestellt von Paul Hartmann), vorkamen. Richard Strauss stellte eine "Begleitmusik" zusammen, die er bei der Uraufführung und später auch anderen Ortes (z. B. in London) selbst dirigierte.

Später ging der Film ähnliche Wege wie seine jüngere Schwester, das Fernsehen: Es gibt Verfilmungen an Originalschauplätzen oder in romantischer Naturkulisse mit Playback-Tonspur, freie Bearbeitungen wie etwa "Carmen Jones" (1955), bei denen die Musik eine untergeordnete Rolle spielt, sowie Sängerfilme mit Stars wie Jan Kiepura, Maria Cebotari, Beniamino Gigli und zuletzt Luciano Pavarotti.

Opernfilme von romantischer Ästhetik in leuchtend goldenen Farben drehte Franco Zeffirelli: "La Bohème" (mit Gianni Raimondi und Mirella Freni) als Filmversion seiner in aller Welt mit geringen Modifikationen gezeigten Modellinszenierung; "La Traviata" (1982) mit Teresa Stratas und Placido Domingo, ein Film, der zum Kassenschlager wurde, sowie "Otello" (1986) mit Placido Domingo, Katia Ricciarelli und Justino Diaz.

Oper im Fernsehen: Erfolge mit speziellen Problemen

Mit dem Aufkommen des Fernsehens ging die Beliebtheit des Opernfilms zurück. Dass die Oper auch das neue Medium rasch erobern würde, war vorherzusehen. Die Anfänge des Fernsehens liegen in der Vorkriegszeit. 1928 hatte das Bell-Laboratorium in den Vereinigten Staaten erste Versuche mit dem Medium unternommen, während die Deutsche Reichspost ab 1935 auf diesem Feld zu experimentieren begann. 1936 strahlte die BBC London Ausschnitte aus "Mister Pickwick" von Albert Coates aus. Damit begann die Geschichte der Oper im Fernsehen.

Die nächsten Meilensteine waren bereits Übertragungen aus der Metropolitan Opera New York von Giuseppe Verdis "Othello" (1948) und Richard Strauss' "Rosenkavalier" (1949). Mit der regelmäßigen weltweiten Ausstrahlung von Fernsehprogrammen ab Mitte der fünfziger Jahre wurde auch die Oper allmählich zum festen Programmbestandteil. Dabei ging man zunächst davon aus, direkt aus Opernhäusern zu übertragen, bevor es zu eigens für das Fernsehen eingerichteten Playbackproduktionen kam. Als Mangel stellte sich heraus, dass die Synchronität zwischen Musik und Aktion nur schwer zu erzielen war und dass selbst die Gesichter ausdrucksvoller Sängerdarsteller, z. B. Jon Vickers als Canio oder Othello, im Playback leblos blieben.

Diese Probleme versuchte Regisseur Otto Schenk zu meistern: Noch in der Frühzeit des Fernsehens verfilmte er Giuseppe Verdis "Othello" zwar im Studio, aber dennoch sangen die Darsteller live im Moment der Aufnahme, während der Orchesterpart gleichzeitig aus einem Tonstudio übertragen wurde. Trotz mancher mit der Live-Aufnahme notwendigerweise verbundener musikalischer Ungenauigkeit wirkte diese in Schwarz-weiß aufgenommene Aufführung mit Wolfgang Windgassen und Sena Jurinac wesentlich lebendiger und bühnengerechter als etwa die Playbackverfilmungen, die Herbert von Karajan anfangs bevorzugte. Einen Mittelweg gingen die Bayreuther Festspiele, die ihre Aufführung zwar live für das Fernsehen, aber ohne Publikum aufnahmen und auf diese Weise Fehler durch Wiederholungen korrigieren konnten.

Mit Rücksicht auf die Gegebenheiten des Fernsehens - kleiner Bildschirm, weniger Bewegungsmöglichkeiten - entstanden eigene "Fernsehopern". Hier lassen sich Gian Carlo Menottis "Amahl and the Night Visitors" (1951), Bohuslav Martinus' "Hochzeit" (1953) und Heinrich Sutermeisters "Gespenst von Canterville" (1964) nennen.

Klangrevolution durch Compact Disc

Die achtziger Jahre brachten mit der Einführung der digitalen Aufnahmetechnik und Tonwiedergabe mittels Laserstrahl eine revolutionäre Verbesserung der Klangqualität und der Haltbarkeit der Platten. Die schon beim konventionellen Aufnahmeverfahren geübte Praxis der technischen Aufbereitung älterer Aufnahmen erfährt bei der CD-Produktion ebenfalls eine Verbesserung, so dass nun selbst historische Aufnahmen aus der Frühzeit der Schallplatte von Nebengeräuschen weitgehend gereinigt auf den Platz sparenden silberfarbenen Scheiben erscheinen. Wegen ihrer Klangqualität greifen auch Musikliebhaber auf die CD zurück, die bisherigen Wiedergabemöglichkeiten sehr zurückhaltend gegenüberstanden.

DVD - Besser als live?

Die Kombination höchster Tonqualität auf CD-Niveau mit einer der herkömmlichen Television weit überlegenen Bildqualität stellt die neueste Entwicklung in der Medienlandschaft dar: Die von verschiedenen Herstellern entwickelte Bildplatte (Video-DVD). Auch hier gibt es voraussichtlich sowohl Live-Aufnahmen als auch Studioproduktionen. Ihr Vorgänger, die Bildplatte, durch den Technik-Fan Herbert von Karajan forciert und als Nonplusultra gepriesen, hat dagegen kaum Bedeutung erlangt. Doch darf behauptet werden, dass keines der elektronischen Medien das unmittelbare Opernerlebnis im Theater mit all seinen spontanen Zufälligkeiten ersetzen wird.

Total votes: 56
  • Send to friend
  • Diese Seite drucken

Post new comment


0 Kommentare

Filtered HTML

  • Internet- und E-Mail-Adressen werden automatisch umgewandelt.
  • Zulässige HTML-Tags: <a> <em> <strong> <cite> <blockquote> <code> <ul> <ol> <li> <dl> <dt> <dd>
  • HTML - Zeilenumbrüche und Absätze werden automatisch erzeugt.

Plain text

  • Keine HTML-Tags erlaubt.
  • Internet- und E-Mail-Adressen werden automatisch umgewandelt.
  • HTML - Zeilenumbrüche und Absätze werden automatisch erzeugt.
CAPTCHA
This question is for testing whether you are a human visitor and to prevent automated spam submissions.