Die Philosophie des deutschen Idealismus: Fichte, Hegel und Schelling
Der deutsche Idealismus im philosophiehistorischen Kontext
Wie bei vielen anderen Epochenbezeichnungen verbirgt sich hinter der Bezeichnung „deutscher Idealismus“ ebenfalls eine kaum oder gar nicht von ihrer historischen und philosophischen Umgebung abzugrenzende Strömung innerhalb der deutschen Philosophie. Vorausgegangen war die zu Ende des 18. Jahrhunderts alle anderen philosophischen Strömungen beinflussende Denkrichtung Immanuel Kants (1724-1804), dessen vornehmliche Aussage darin bestand, dass eine objektive Erkenntnis der Dinge durch den Menschen nicht möglich sei (1781 Kritik der reinen Vernunft; 1788 Kritik der praktischen Vernunft; 1790 Kritik der Urteilskraft). Vielmehr spielt sich nach Kant im scheinbaren Erkennen des so genannten „Seins“ (also der den Menschen umgebenden Welt) immer nur das „Selbst“ (also derjenige, der das Sein wahrzunehmen versucht) wider. Demnach ist erkenntnistheoretisch jedoch eine objektive Beurteilung des uns umgebenden Seins nicht mehr möglich.

Diese Denkart führt jedoch vor allem in den Hauptdisziplinen der Philosophie und Theologie in große Probleme, denn was Kant damit formuliert, ist nichts anderes als ein negativer Gottesbeweis. Denn aus sich heraus, als Grundbedingung von Welt oder als gegebene Wahrheit verliert Gott und der Glaube endgültig seine unhinterfragte Daseinsberechtigung in der Welt.
Kant geht zudem noch auf weitere Problemstellungen ein. So z. B. auf die Frage, ob und in welcher Form der Mensch seine Umwelt organisiert und einteilt. Er erkennt, dass es keine Eigenschaft der Dinge ist, in welcher Form der Mensch sie kategorisiert und hierarchisiert. Die Erkenntnis, dass eine Kirsche und eine andere Kirsche der gleichen „Art“ angehören, ist eine menschliche Interpretation (wieso ist nicht jede Kirsche individuell und wieso tragen beide den gleichen Namen?), genauso die Tatsache, dass die uns umgebende Welt sich in Teile aufgliedern lässt wie z. B. in Bäume und in Erdreich. Wo hört der Baum auf und wo beginnt das Erdreich? Und kann ein Baum überhaupt ein Baum sein, wenn er keine Erde hat und kein Wasser und keine Sonne? Über diese erkenntnistheoretische Fragen hinweg entsteht durch die neu gewonnene Freiheit des Menschen im Denken und Selbstverständnis jedoch auch eine moralische Verantwortung.
Die Errungenschaft der Freiheit (im menschlichen Denken und Handeln) wird in vielen Bereichen zunächst also mit dem Verlust von „Sein“ beklagt, mit dem Wegfall der Gewissheit der den Menschen umgebenden Dinge und Ordnungen. Die Verantwortung, die damit dem Einzelnen auferlegt wird, und die Ausweglosigkeit darin, dass es kein Zurück geben kann in eine unmündige und unfreie Sicht auf die Welt, stellt große Anforderungen an die Menschen des ausgehenden 18. Jahrhunderts.
Auf dieser Grundlage beginnt sich gegen Ende des 18. Jahrhunderts die Strömung des deutschen Idealismus zu entwickeln, deren Hauptvertreter die Philosophen Johann Gottlieb Fichte (1762-1814), Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770-1831) und Friedrich Wilhelm Joseph von Schelling (1775-1854) sind. Obwohl diese drei Autoren in vielen Punkten nicht die gleichen Ideen und Gedanken teilen, so lassen sich dennoch einige Gemeinsamkeiten zusammenfassen. Da die Grundideen Kants viele Bereiche des alltäglichen Lebens betreffen, wird diese Strömung sehr bald in vielen Teilen der damaligen Bevölkerung mit Interesse aufgegriffen. In den Vorlesungen der wichtigsten Vertreter des deutschen Idealismus finden sich demnach nicht nur Studenten, sondern auch Zuhörer aus vielen anderen Bevölkerungsschichten. Die Autoren des deutschen Idealismus entwickeln vor allem Erkenntniskritik Kants weiter. Zwar bleibt die von Kant eröffnete Theorie erhalten, dass alle Erkenntnis immer nur ein Abbild des Erkennenden darstellt, eine Überwindung dieses Problems kann aber durch das so genannte „reflexive Wissen“ erreicht werden. Nur wenn jede Form des erworbenen „Wissens“ an der Welt rückgeprüft wird und in den Zusammenhängen anderer Betrachtungen und Situationen seine Wahrhaftigkeit unter Beweis stellt, wird wirkliches Wissen möglich.
Mit diesem Verfahren lässt sich demnach erkennen, dass ein Stuhl, der einmal das Körpergewicht eines Menschen gehalten hat und nicht zusammengebrochen ist, auch beim nächsten Mal noch das Gewicht tragen kann, dass er vor allem überhaupt vorhanden ist (da er z. B. auch von anderen gesehen und gebraucht wird), dass er als Gegenstand „Stuhl“ in der Benennung „Stuhl“ aufgeht und dass diese Benennung von anderen überhaupt als solche verstanden wird. Es lässt sich aber nicht herleiten, dass Gott existiert - denn hier fehlt es in jeder Hinsicht an einer reflexiven Rückprüfung. Und auch die Reflexion über den Stuhl hat ihre Tücken: Denn wann kann eine Einigkeit darüber erreicht werden, ob sich in der Reflexion nun genügend Indizien angesammelt haben, dass der Stuhl auch ein Stuhl ist, eine Sitzgelegenheit wie viele andere auch? Eigentlich nie, und hierin findet sich auch die Ausweglosigkeit der Philosophie des deutschen Idealismus: Das Ende der Reflexion über das „Sein“ wird durch das „Selbst“ nie abschließend vollzogen sein.
Der erkenntnistheoretische Ansatz des deutschen Idealismus ist, wenn man es genau nimmt, jedoch bereits viel früher entwickelt worden, es war demnach viel weniger die Erkenntnis als solche, sondern vielmehr die gesellschaftliche Situation, die es ermöglichte, die Gedanken auch umzusetzen, vor allem in Bezug auf die seit dem Ende des 18. Jahrhundert immer stärker werdende Diskussion um die Rolle des Menschen in der Hinblick auf Gott. Wurde bis dahin der Mensch immer nur als unfreies und Gott zugewiesenes Lebewesen angesehen, so gelingt es in dieser Zeit, sich gedanklich (zumindest auf spekulativer Ebene) von Gott zu befreien. Die dadurch erstandene Freiheit aber setzt den Menschen in neue moralische Zwänge, denn nun ist er derjenige, der die Verantwortung für sich und seine Umwelt trägt, und nicht mehr ein Gott.
- Der deutsche Idealismus im philosophiehistorischen Kontext
- Die wichtigsten Vertreter des deutschen Idealismus
- Die Bedeutung des deutschen Idealismus
Bibliografie:
- Gerhard Gamm: Der Deutsche Idealismus. Eine Einführung in die Philosophie von Fichte, Hegel und Schelling. Stuttgart 1997. Reclam [9655]
- Richard Kroner: Von Kant bis Hegel, 2. Auflage, Tübingen 1961









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