Die Rhetorik der Römer
Einleitung
In der Antike gab es verschiedenste Definitionen der Rhetorik. Im Wesentlichen erscheinen drei konstituierende Merkmale immer wieder:
1. Rhetorik als Überredungskunst: Sie ist Ausdruck des Optimismus der Antike, die glaubte, mit dem gesprochenen Wort "pragmatische" Wirkung erzielen zu können;
2. Rhetorik als Kunst: die Auffassung, dass das gesprochene Wort ganz besonders dann wirkt, wenn es überlegt eingesetzt, treffend und "schön" ist;
3. Rhetorik als lern- und machbare handwerkliche Fertigkeit.
Die erste Auffassung kann zu Skrupellosigkeit im Einsatz rhetorischer Mittel führen, die zweite bloßes formales Wortgeklingel bewirken, die dritte kann in Sterilität und Stagnation abflachen. Diese Gefahren waren schon den Griechen bekannt; sie sollten auch in der Geschichte der römischen Rhetorik sichtbar werden.
Die Rhetorik der römischen Republik bis auf Cicero
In Rom gab es eine lange Tradition öffentlicher Rede, der republikanischen Staatsverfassung entsprechend. Ihre Grundformen waren die politische Rede und die Leichenrede, weniger zunächst die Gerichtsrede. Die Leichenrede feiert den Verstorbenen als seines Geschlechts und des römischen Volks würdig und begegnet uns schon im 5. vorchristlichen Jahrhundert. Die politische "beratende" Rede ist zuerst im frühen 3. Jahrhundert v. Chr. nachweisbar.
Der erste Römer, der seine Reden veröffentlichte und damit zur Literatur machte, war Cato Censorius zu Beginn des 2. Jahrhunderts v. Chr. Für seine angeblich 150 Reden - nur Bruchstücke sind erhalten - ist wohl das Stilideal der Einfachheit anzunehmen, das sich in seinem Satz "rem tene, verba sequentur" manifestiert ("behalte die Sache im Auge, die Worte stellen sich dann von selber ein").
Die Rhetorik war also bei den Römern vorwiegend praktische Redekunst, als sie in der l. Hälfte des 2. Jahrhunderts v. Chr. mit der hoch entwickelten griechischen Theorie Bekanntschaft machte. Die Rezeption des Systems der griechischen Rhetorik vollzog sich nicht bruchlos: 161 v. Chr. wurden die griechischen Rhetoriklehrer aus Rom ausgewiesen. Wenn man Catos Definition des Redners als "vir bonus dicendi peritus" ("ein guter Mann - des Redens kundig") zugrunde legt, waren die griechischen Redner den Römern vielleicht zu wenig schlicht und zu bedenkenlos in der Wahl ihrer rhetorischen Mittel. Neben Cato sind im 2. Jahrhundert v. Chr. für uns nur wenige Rhetoriker greifbar. Glänzende Redner waren die beiden Gracchen, vor allem Gaius Gracchus, berühmt für seine leidenschaftliche Sprache. Das Pathos seiner Rede habe sogar seine Feinde zu Tränen gerührt. Zwei andere bekannte Redner der Zeit unmittelbar vor Cicero waren Licinius Crassus, ein Meister des Witzes, und Antonius Rufus, der die Wirkung seiner Rede vor allem auf der Gestik aufbaute und deshalb seine eigenen Reden nicht veröffentlichte. Unmittelbarer Zeitgenosse von Cicero und nur wenig älter war schließlich Hortensius Hortalus, der Cicero im Prozess gegen Verres unterlag.
Insgesamt führte die Entwicklung der römischen Redekunst von Cato bis Cicero zu immer größerer sprachlich-stilistischer Glätte, zu größerer Kunstfertigkeit und Raffinesse. Dies dürfte dem allmählich dominierenden Einfluss der griechischen Rhetorenschulen zuzuschreiben sein. 92 v. Chr. wurde zwar noch einmal ein Edikt gegen die Rhetoren erlassen, weil "junge Männer bei ihnen ganze Tage im Müßiggang zubringen", doch es half wenig. Die Jugend schien fasziniert von den Möglichkeiten, mittels rhetorischer Kunstgriffe Wirkungen zu erzielen. So erschien schon zur Zeit des Marius das erste erhaltene rhetorische Handbuch eines unbekannten Autors, die Rhetorik "Ad Herennium" - Zeichen für die Stellung, die sich die theoretische Rhetorik griechischer Provenienz in Rom erworben hatte. "Ad Herennium" ist ein Kompendium, das ein vereinfachtes theoretisches System wieder gibt, so wie es der durchschnittliche Rhetor in Rom lehrte: ein nüchternes Lehrbuch, trocken, streng gegliedert, ohne jeden rhetorischen Aufputz.
Cicero

Fast gleichzeitig mit der Rhetorik "Ad Herennium" entstand Ciceros Jugendschrift "De inventione" ("Über die Stoff-Findung"), die weniger schematisch angelegt ist und größere Selbstständigkeit erkennen lässt. Wichtiger noch sind die rhetorischen Schriften des reifen Cicero, hauptsächlich: "De oratore" ("Vom Redner"), "Brutus" und "Orator". Sie sind nicht systematisch, sondern locker in Form und Komposition angelegt. "De oratore" ist ein Dialog über die Redekunst allgemein; "Brutus" enthält eine Geschichte der römischen Redekunst, und "Orator" beschreibt den vollkommenen Redner. Sosehr Ciceros Werk auch auf griechischen Quellen fußt, so reichert er es doch stets mit eigener Erfahrung, mit Lektüre und mit Reflexion an, sodass die griechischen Elemente mit der römischen Tradition zu einer neuen Einheit verschmelzen, die noch durch die Eleganz der stilistischen Kunst des Autors verstärkt wird. Kern seiner Auffassung und Ideal Ciceros ist die Synthese von Philosoph und Redner: Der gebildete Redner ist der Beste. Während die vor Cicero lebenden Rhetoriker sich mit formaler Vervollkommnung zufrieden gaben, leistete er die philosophische Vertiefung, die zum Ideal des universal gebildeten Redners führte. Aus seiner Sicht muss der Redner neben der Philosophie auch auf den Gebieten der Geschichte, des Rechts und der Literatur zu Hause sein, wie auch Cicero selber sich in seinen Reden immer wieder als ein so Gebildeter zu erkennen gibt.
Weiter verlangt Cicero vom Redner, er müsse souverän über die Emotionen seiner Zuhörer verfügen; denn es gehörte zu den Grundlagen antiker Rhetorik, dass der Redner nicht nur durch sachliche Argumentation überzeugen, sondern auch durch Pathos und Ethos bewegen und rühren wollte. Voraussetzung war für Cicero allerdings, dass der Redner selbst die Affekte echt empfinde, die er beim Zuhörer hervorrufen wolle. In der Tat scheint Ciceros Fähigkeit, seine Zuhörer zu erschüttern, mit darauf zurückzuführen zu sein, dass er selbst von seinen Empfindungen mitgerissen wurde, wenn er sie in Worte fasste. Nach einer Sterbeszene, die er in einer Rede schilderte, musste er sich kurz unterbrechen, ehe er sich wieder gefangen hatte.
Ein weiteres Mittel, über das der Redner verfügen müsse, sei der Witz. Auch darin war Cicero selbst Meister.
Neben diesen Möglichkeiten der Beeinflussung der Hörer stehen natürlich auch für Cicero die stilistischen. Vor allem der Einsatz des "Redeschmucks" dient diesem Zweck: Damit vermag man am meisten zu faszinieren. Cicero schuf durch äußerst wirkungsvoll komponierte Sätze in harmonisch ausgewogenen Perioden Muster klassischer lateinischer Prosa. Auch hier legte er aber Wert darauf, dass der Redeschmuck nicht bloße rhetorische Form war, sondern dem Redner half, etwas deutlicher zum Ausdruck zu bringen. Die philosophisch fundierte Rhetorik durfte nicht zur bloßen formalen Kunstfertigkeit werden.
Alle diese theoretischen Überlegungen finden sich in den Reden Ciceros angewendet. Viele von ihnen sind erhalten geblieben, und zwar sowohl Gerichtsreden - er war Advokat - als auch politische Reden vor Senat und Volksversammlung. Die bekanntesten sind die Reden gegen Verres, einen korrupten Provinzstatthalter, gegen Catilina, dessen Putsch Cicero aufdeckte, und die "philippischen" gegen Antonius.
Rhetorik der Kaiserzeit
Mit Ciceros Tod endet die große Tradition der römischen Rede. Cicero wird bald zum Ideal, an dem man sich orientiert, zur Autorität. Die Hauptursache für den jetzt einsetzenden Verfallsprozess der angewandten Rhetorik sind die politischen Veränderungen: Die Monarchie verringerte die Bedeutung der Rhetorik für das öffentliche Leben; die relativ ruhigen Zeitläufe unter dem Prinzipat boten wenig Stoff für große Auseinandersetzungen; die zunehmende Abhängigkeit vom Kaiser führte zur Vorsicht bei allen öffentlichen Äußerungen; der Opportunismus, der sich breit machte, empfahl Schweigen statt Reden. Nüchtern und scharf diagnostiziert Tacitus in seinem "Dialogus de oratoribus" um 100 n. Chr. die Tatsache des Verfalls der Redekunst und ihre Ursachen.
Das Hauptgewicht der Rhetorik verlagerte sich nun vom öffentlichen Leben in die Schulstube, ins unverbindliche und ungefährliche Spiel. An die Stelle der Rede trat die Deklamation, d. h. die mit allen rhetorischen Finessen aufgeputzte Darbietung eines fiktiven Schulthemas vor einem größeren Publikum. Der Besuch solcher deklamatorischer Shows bildete bald den Zeitvertreib der gebildeten Schichten; Augustus war häufiger Zuhörer, Nero deklamierte gar selbst. Die Aufmerksamkeit richtete sich dabei einzig und allein auf die formale Behandlung der oft schon bekannten Themen, die meist geschichtliche Ereignisse, oft aber auch fantasievoll konstruierte Fragestellungen zum Gegenstand hatten.
Die fingierten Schulreden beratender Art nannte man Suasoriae, die fingierten Gerichtsreden Controversiae. Suasorien waren also "Etüden" im Überreden, Controversien solche im Anklagen und Verteidigen. Je ein Beispiel aus der Sammlung des Rhetors Seneca zeigt die Lebensferne solcher Themen: "Cicero, von den Häschern des Antonius gestellt, kann sein Leben dadurch retten, dass er alle seine Bücher verbrennt". Die Suasorie hatte nun Cicero zu einer der zwei Möglichkeiten zu raten.
Ein bekanntes Beispiel für eine Controversia: "Das Gesetz bestimmt, dass im Fall einer Vergewaltigung die Frau entweder den Tod ihres Verführers oder ihre Heirat ohne Mitgift fordern kann. Ein Mann vergewaltigte zwei Frauen in einer Nacht. Die eine verlangte seinen Tod, die andere die Heirat. "Dieser juristische Streitfall war nun kontrovers zu behandeln. Typische Themen waren im Übrigen Ehebruch, Enterbung, Schiffbruch, Brandstiftung u. Ä. Es konnte durchaus vorkommen, dass diese beifall- und effekthaschenden Redner nacheinander beide Lösungen eines solchen Streitfalls zum Ergötzen des Publikums vorführten.
Auf diesem Hintergrund verfasste im l. Jahrhundert der Rhetoriklehrer und Anwalt Quintilian noch einmal ein großes, mehrbändiges Lehrbuch der Redekunst, die "Institutio oratoria". Erstellt auf der Grundlage vorhandener Handbücher und ganz der Autorität Ciceros verpflichtet, hebt dieses Werk sich von einer bloßen Regelsammlung wohltuend dadurch ab, dass Quintilian Urteilsvermögen und gesunden Menschenverstand des Redners als wichtige Instanzen gelten lässt, auch in stilistischen Fragen. Der Redner soll sich zwar in der Theorie auskennen - das ist selbstverständlich - aber er muss vor allem belesen sein: Buch X des Werkes bringt deshalb einen kritischen Abriss der griechischen und römischen Literatur. Und schließlich muss der Redner bei Quintilian guten Charakter haben, "denn nur der gute Mensch kann gut reden". Hier schimmert noch einmal die Definition Catos vom Redner durch, Zeichen der konservativen Grundhaltung Quintilians. Andererseits war er wohl nicht souverän genug, das Übel an der Wurzel zu packen: So bezog er z. B. nur gegen gewisse Auswüchse, nicht aber gegen die Deklamationen an sich Stellung.
Gingen nun die "beratende" politische Rede und die frühere Gerichtsrede ganz im Schulbetrieb unter, so erfuhr die dritte Art jetzt eine zeittypische Wiederbelebung: Die Lobrede der republikanischen Zeit erscheint wieder in Form des Panegyricus, d. h. der Preisrede auf den Kaiser. Der erste erhaltene Panegyricus ist der des jüngeren Plinius auf Kaiser Trajan aus dem Jahr 100. Diese Rede eröffnet eine Sammlung von zwölf blumenreichen und schwülstigen Panegyrici aus dem 4. Jahrhundert, auch wenn sie selber noch nicht ganz den Typ der späteren Prunkrede repräsentiert.

Meister dieser panegyrischen Rede war Cornelius Fronto (2. Jahrhundert), der gefeiertste Redner seiner Zeit. Er versuchte, den jungen Marc Aurel zum vollkommenen Redner, wie er ihn verstand, zu erziehen. Dabei legte er größten Wert auf schönen Stil; Inhalte und Themen waren Nebensache. Die Rhetorik hatte weitgehend die Verbindung zu den Fragen der Zeit verloren. Marc Aurel wandte sich von dieser manierierten Auffassung Frontos ab und der Philosophie zu. So ist es kein Wunder, dass die Rhetorik immer mehr zur Bedeutungslosigkeit absank; man war zufrieden damit, das überlieferte formale System zu variieren und im Übrigen zu tradieren. Neues wurde nicht mehr geschaffen. Auch war Rom bald nicht mehr der einzige Mittelpunkt des geistigen Lebens. In den romanisierten Provinzen wurde die Rhetorik intensiv gepflegt; sehr viele berühmte Rhetoren der folgenden Jahrhunderte waren Gallier ( z. B. Ausonius) oder Afrikaner (z. B. Apuleius), allesamt gebildete Männer, aber bei aller Gelehrsamkeit steril. Die Einbrüche der Völkerwanderungszeit brachten dann auch das verfeinerte Gebäude der Rhetorik zum Einsturz.
System der Rhetorik
Die Römer übernahmen das von den Griechen entwickelte, bis ins kleinste Detail ausgeklügelte System der Rhetorik, das großenteils auf Aristoteles zurückgeht. Danach unterschied man grundsätzlich drei genera dicendi (Arten der Rede): die Gerichtsrede (genus iudiciale), die Anklage und Verteidigung umfasste; die beratende Rede (genus deliberativum), die bestimmtes Vorgehen in politischen Versammlungen empfahl; und die Gelegenheitsrede (genus demonstrativum), die Lob und Tadel bei bestimmten feierlichen Anlässen zum Ausdruck brachte. Für die Ausarbeitung der Rede gab es - bei aller gattungsbedingten Verschiedenheit - eine genau vorgeschriebene Abfolge von fünf Arbeitsgängen, den "officia oratoris" (Pflichten des Redners). Zunächst musste der Redner in der inventio ("Erfindung") die Hauptgesichtspunkte seiner Rede herausfinden, also das entscheidende Material sammeln und bereitstellen. Danach war der Stoff zu gliedern und sinnvoll zu ordnen; das geschah in der dispositio ("Anordnung"). Nun konnte der Redner freilich nicht eine Gliederung nach seinem Gutdünken wählen, sondern der große Rahmen einer Rede war schon innerhalb der Vorschriften für die "inventio" durch die Lehre von den Teilen einer Rede festgelegt. Diese Redeteile waren z. B. bei der Gerichtsrede:
- a) exordium (Einleitung); in ihr sollten Interesse und Wohlwollen der Zuhörer auf verschiedene Weise gewonnen werden;
- b) die narratio (Darstellung der Tatbestände), ebenfalls mit bis ins Kleinste reichenden Vorschriften;
- c) die divisio oder partitio (Feststellung der Streitpunkte);
- d) die confirmatio, die Darlegung der Beweisgründe. Dieser zentrale Teil wurde nochmals mehrfach
- e) die confutatio (die Widerlegung der Beweisgründe des Gegners);
- f) die conclusio, der Epilog. Allein für eine ganz bestimmte Möglichkeit des Schlusses, den Appell an das Mitleid, waren 16 verschiedene Formen geläufig.
Anhand dieses sechsteiligen Schemas vollzog sich also die Auffindung der Hauptgesichtspunkte, während es in der "dispositio" um wirkungsvolle Anordnung des Stoffes innerhalb des oben gesteckten Rahmens ging; so konnte der Redner die stärksten Argumente jeweils an den Anfang oder an den Schluss platzieren, oder er hatte den Gesichtspunkt genügender Abwechslung zu berücksichtigen u. a. m.
Auf "inventio" und "dispositio" folgte ein besonders wichtiger Arbeitsgang, die elocutio ("Formulierung"). Darunter verstand man die stilistische und sprachliche Durchformung des gegliederten Rohmaterials. Dabei hatte der Redner zunächst zu überlegen, in welcher Stilart ("genus elocutionis") seine Rede oder ihre Teile abzufassen waren. Grundsätzlich gab es je nach Stoff und Redezweck drei solcher Stilarten: das "genus subtile", den schlichten, das "genus medium", den mittleren, und das "genus grande", den erhabenen Stil. Sie waren grundsätzlich den Redezwecken zugeordnet: Mit dem "genus subtile" konnte man belehren (docere), mit dem "genus medium" ergötzen (delectare) und mit dem "genus grande" Rührung hervorrufen (movere). Außerdem hatte man in jedem Fall auf die Stilqualitäten (virtutes dicendi) zu achten, wie z. B. auf sprachliche Richtigkeit (latinitas), Deutlichkeit (perspicuitas), Angemessenheit des Ausdrucks (aptum) oder Abwechslung in der Wortwahl (variatio).
Die sprachliche Ausarbeitung im Einzelnen umfasste den eigentlichen Redeschmuck (ornatus) durch Tropen und Figuren.
Mit dem griechischen Wort Trope bezeichnete man den Redeschmuck, der das einzelne Wort verändert und verfremdet: Dazu gehören z. B. die Metapher (translatio), d. h. die Verwendung einer übertragenen Bezeichnung für etwas (z. B. "Hase" statt Feigling); die Allegorie ("Staatsschiff" statt Staat); die Personifikation; die Übertreibung; die Ironie (als Benennung einer Sache mit ihrem Gegenteil) usw.
Unter Figuren verstand man - noch zusätzlich aufgegliedert in Rede- und Gedankenfiguren - den Schmuck der Rede, der sich auf mehrere Wörter oder ganze Sätze bezieht. Wichtige Figuren sind z. B.: die rhetorische Frage, d. h. die in Frageform verkleidete Behauptung; die Alliteration (z. B. im Deutschen "mit Mann und Maus"); die Anapher, d. h. die Wiederholung gleicher Wörter an syntaktisch gleicher Stelle ("Hic Rhodus, hic salta"); die Antithese, schließlich das Zeugma, die Verbindung mehrerer Substantive mit einem Verbum, das nur zu dem einen von ihnen passt ("Er nahm sich eine Frau und bald darauf das Leben").
Besonderes Augenmerk war auch noch der Rhythmisierung und Periodisierung der Sätze zuzuwenden. Man spricht daher von "rhythmischer Prosa", die durch Ausgewogenheit und Harmonie der einzelnen Teile eines Satzes charakterisiert ist. Ihr Rhythmus sollte dem der Dichtung ähnlich sein, jedoch nicht gleichen. Ihren Höhepunkt fand diese Art Kunstprosa bei Cicero, der vor allein bei den Satzschlüssen auf eine geregelte Abfolge von langen und kurzen Silben achtete, die so genannten Klauseln, die freilich keine Vers-Takte sein durften. Diese Grenzüberschreitung zur Poesie war nicht erlaubt. Wie sehr das Publikum geschult war, auf solche Feinheiten zu achten, zeigt eine Äußerung Ciceros: "Ich habe oft bemerkt, dass eine öffentliche Versammlung bei einem rhythmischen Satzende in Schreie (der Begeisterung) ausbrach."
Die der Elocutio folgenden beiden letzten Arbeitsphasen lassen sich kurz abhandeln. Auf die Ausformung folgte das Auswendiglernen (memoria) der Rede, auf das größter Wert gelegt wurde. Es musste nicht notwendig ein Lernen des Wortlauts sein; die Abfolge der Gedanken fest im Kopf zu haben, genügte schon vollauf. Als letzter Arbeitsgang schloss sich der Vortrag selber an; er hieß actio oder pronuntiatio. Dieser Vortrag war tatsächlich oft eine Vorführung, bei der man mit Stimme, Mimik, Gestik und Körperhaltung Wirkung zu erzielen versuchte. Nach Cicero hat der Redner z. B. bei einer bestimmten erregten Redesituation den Arm schnell nach vorn zu stoßen, mit dem Fuß aufzustampfen, hin- und herzugehen und sich auf die Schenkel oder an den Kopf zu schlagen.
Die Fertigkeit, eine Rede zu verfassen, nannte man insgesamt "ars" (Rede-Kunst). Sie basierte auf "natura" und "doctrina" (Unterweisung) und musste ständig durch "exercitatio" (Training) verbessert werden, "durch Schreiben ..., Lesen ..., Reden", wie Quintilian sagt.
Bedeutung der Rhetorik
Der Rhetorik verdankt die lateinische Sprache ihre staunenswerte Entwicklung zu einem hohen Grad von Elastizität und Gewandtheit ebenso wie zu Reinheit und Zucht, die dem frühen Latein noch fremd waren. Statt des schlichten Schreibens lernt man in Rom nun angemessen und auf bestimmtem sprachlichem Niveau zu formulieren, mag das auch zu Lasten von Lebendigkeit und sprachlicher Spontaneität gehen.
Nach und nach drückte damit die Rhetorik auch der Literatur insgesamt ihren Stempel auf, wie z. B. in der Geschichtsschreibung. Sie verwischte die Grenzen zwischen Poesie und Prosa und betonte die Kunst der Komposition usw. Man kann zu Recht von einer Rhetorisierung der römischen Literatur sprechen, besonders in der Kaiserzeit. Ebenso dominierend ist der Einfluss der Rhetorik und des Schulbetriebs auf die Erziehung überhaupt.
Das römische Erziehungssystem stand auf zwei Säulen: auf der Lehre der Grammatik und Rhetorik. Der Unterricht in der Rhetorenschule löste die ursprüngliche Unterweisung durch die imitatio (Nachahmung) eines persönlichen Vorbilds ab und ergänzte bzw. ersetzte sie durch die Vermittlung von technischem Können (ars) und Training (exercitatio). Da sich das alles nicht ohne Inhalte vollziehen konnte, wurde die Rhetorenschule auch zur Vermittlerin von relevanten Stoffen. Der Schüler lernte einen schon bald kanonisierten (anerkannten) Kreis von Musterautoren und Mustertexten kennen, beschäftigte sieh mit deren Stil und Sprache, paraphrasierte sie, verfasste Deklamationen über ihre Themen usw. Das führte zu einer relativ einheitlichen Bildung, freilich mit der Gefahr der geistigen Nivellierung und sprachlichen Verarmung; andererseits ergab sich aber die Möglichkeit, sich auf diesem allgemein bekannten Bildungsplateau einigermaßen sicher zu bewegen. Die Rhetorik vermittelte also nicht nur formale Bildung feinsten Schliffs, sondern auch einen Fundus von mehr oder weniger allgemeinverbindlichen Texten. Darin liegt ihre pädagogische Bedeutung.
Von der Erstarrung, die im Lauf der Kaiserzeit die Rhetorik ergriff, blieb freilich der Schulbetrieb am allerwenigsten verschont; die unter Quintilians Namen gehenden "Declamationes maiores" und "Declamationes minores" vermitteln davon ein ebenso beredtes Bild wie die zahlreichen Lehrbücher der spätrömischen Rhetoren.
Es liegt in der Konsequenz dieser Tendenzen, wenn Martianus Capella (5. Jahrhundert) die Unterrichtsgegenstände systematisiert und das Gebäude der sieben artes liberales (sieben freien Künste) errichtet. Ein Lehrgebäude, das, aufgegliedert in trivium (mit Grammatik, Rhetorik, Dialektik) und quadrivium (mit Geometrie, Arithmetik, Astronomie, Musik), auch für das Mittelalter verbindlich blieb.
Bibliografie:
- Oeivind Andersen: Im Garten der Rhetorik. Die Kunst der Rede in der Antike, Darmstadt 2001
- Werner Eisenhut: Einführung in die antike Rhetorik und ihre Geschichte, Darmstadt 51996
- Manfred Fuhrmann: Die antike Rhetorik. Eine Einführung, Düsseldorf 41995
- Gert Ueding: Klassische Rhetorik, München 2000
- Ueding, Gert/ Steinbrink, Bernd, Grundriss der Rhetorik, 4. Aufl. Stuttgart/Weimar 2005
- Brian Vickers, Sabine Köllmann: Mächtige Worte - Antike Rhetorik und europäische Literatur, Berlin 2008









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