Die Sahara
Die Sahara als Naturraum
Ein arabisches Sprichwort sagt: »Die Sahara ist der Garten Allahs, aus dem er alles überflüssige menschliche und tierische Leben entfernt hat, damit es einen Ort gebe, wo er in Frieden wandeln könne.« Abgesehen von einigen wenigen Stellen, wo die Menschen inzwischen das Bild dieses »Gartens« verändert haben, und wo es zu kriegerischen Auseinandersetzungen kommt, ist diese größte Wüste der Erde auch heute noch eine Landschaft, die diesem Bild entspricht. Von den Arabern hat die Sahara seit dem Mittelalter auch ihren Namen »es-sahhara«, was so viel wie »wüste Ebene« bedeutet.
Die Sahara dehnt sich auf einer Länge von rund 6000 km entlang des nördlichen Wendekreises vom Atlantik bis zum Roten Meer aus und umfasst mit ca. 8 Millionen km2 fast ein Viertel Afrikas. Im Norden wird sie nur durch das Atlasgebirge vom Mittelmeer getrennt. Im Südosten wird die Grenze der Sahara vom äthiopischen Bergland gebildet, ansonsten ist der Übergang zur Sahelzone eher fließend. Als klimatische Grenze wird die etwa von Nouakchott über Timbuktu nach Khartoum verlaufende Linie mit einem durchschnittlichen Jahresniederschlag von 150 mm angesehen.
Die charakteristische Oberflächenform der Sahara ist die Ebene, die nur durch die zwei Hochgebirge Hoggar (Ahaggar) und Tibesti und deren südliche Ausläufer im Zentrum unterbrochen wird. Sie sind vulkanischen Ursprungs und bestehen aus Basalten und Graniten, die zum Teil unter Einfluss von Wind und Sand über Jahrmillionen bizarre Formen entwickelt haben. Hoggar und Tibesti erscheinen mit ihren Nebengebirgen, als so genannte Mittelsaharische Schwelle, auf der Karte als nach Süden hin offener Bogen, der die Ebenen, wie das als besonders unwirtlich berüchtigte Ténéré, sowie das Aïr-Gebirge umschließt. Außerhalb dieses Bogens liegen die großen Ebenen der libysch-ägyptischen Wüste und der westlichen Sahara mit den isoliertesten Siedlungen Taoudenni und Kufrah.
Die Ebenen sind im Gegensatz zur verbreiteten Vorstellung nur zu einem kleineren Teil von Sanddünen bedeckt. Doch der Eindruck, der von dem Zusammenspiel von Wind und Sand mit all seinen harmonisch gebildeten Formen, den sanft gerundeten Höhenzügen der Sanddünen, ausgeht, hat das Bild der Wüste am nachhaltigsten geprägt. Der größere Teil der Sahara, rund vier Fünftel, besteht aber aus Stein- und Geröllwüsten, wie z.B. Hammada, Reg und Serir. Der Sand der Sahara ist im Wesentlichen das Ergebnis von Verwitterung und Erosion, die im Laufe langer Zeiträume mächtige Gebirge und Felsen in wahre Trümmerlandschaften verwandelt haben, bis diese am Ende zu Sand und Staub zerfallen sind. Dieser Prozess dauert an und verändert noch heute ständig das Landschaftsbild. Der Grund liegt in dem extremen Kontinentalklima mit starken Temperaturschwankungen zwischen den kalten Nächten und der hohen Sonneneinstrahlung am Tag. Auch Regenfälle kommen in der Sahara vor, aber oft dauert es mehrere Jahre, bis ein Wolkenbruch für ein paar Stunden niedergeht und Trockentäler in reißende Ströme und die Wüste in einen blühenden Garten verwandelt.
In vorgeschichtlicher Zeit war die Sahara eine grüne Landschaft, und selbst in der Feuchtperiode nach der letzten Eiszeit gab es in den Gebirgen der zentralen Sahara noch Wälder mit Bäumen. Erst vor rund 5000 Jahren begann durch die allgemeine Erwärmung die Trockenzeit mit dem bis heute vorherrschenden Wüstenklima. Im Rahmen der jüngeren Klimaveränderungen nimmt die Trockenheit der Sahara zwar nicht zu, aber die Wüste breitet sich immer weiter aus. Das Vordringen der Sahara in die ihr vorgelagerte Sahelzone wurde schon in den 1930er Jahren als Folge der menschlichen Zivilisation erkannt.
»Die Wüste lebt«
Typisch für die Vegetation außerhalb der Oasen sind Dornbüsche und andere kleine Bäume wie Akazien und Tamarisken. Sie kommen vor allem in Niederungen und Tälern vor, in denen die seltenen Regenfälle eine erstaunliche Blütenpracht hervorbringen. In den Gebirgen wachsen zwischen den Steinen und Felsen fast ständig kleinere Pflanzen, deren Blüten durch den Kontrast zur Umgebung umso schöner erscheinen. Alle Pflanzen haben sich den extremen Klimaverhältnissen der Wüste angepasst und verschiedene Methoden entwickelt, die ihre Existenz in der lebensfeindlichen Umwelt ermöglichen. So erreichen einige Pflanzen durch lange Wurzelbildung noch das spärliche Grundwasser, andere richten ihre Wachstumsperiode nach der Regenzeit aus oder sichern sich durch besondere Blattgestaltung vor der hohen Verdunstung. Absolut vegetationslos sind nur die ebenen Geröllwüsten.
Ebenso wie bei den Pflanzen gilt auch in der Tierwelt das Prinzip der Anpassungsfähigkeit an den Wassermangel, die Hitze, die Temperaturschwankungen und die spärlich vorhandene Nahrung. Neben den als Wüstentiere bekannten Gazellen, Mäusen und Schlangen gibt es auch verschiedenste Arten von Insekten, Vögeln und kleineren Nagetieren. Löwen und andere Großtierarten traf man noch bis zum letzten Jahrhundert in der Sahara an.
Vom Wildreichtum in früheren Zeiten zeugen unter anderem die Felsmalereien im Tassili-Gebirge, die zudem in einer hoch entwickelten Darstellungskunst Szenen aus dem Alltagsleben der Steinzeitvölker zeigen.
Die Oasen und ihre Umgebung sind die Gärten der Wüste. Hier sind die Bedingungen für die Vegetation durch den leicht erreichbaren Grundwasserspiegel günstig. Vor allem die grünen Palmenhaine bestimmen das Bild der menschlichen Siedlungen in der Sahara.
Die Sahara als Lebensraum
Die für Außenstehende so lebensfeindlich erscheinende Sahara ist für etwa zwei Millionen Menschen der Lebensraum. Nur eine kleine Minderheit von ihnen kann jedoch heute noch das traditionelle Nomadenleben führen und ungehindert die Staatsgrenzen überschreiten.
Die ersten Einwohner
Spuren menschlicher Besiedlung gibt es in der Sahara seit der mittleren Steinzeit. In der Jungsteinzeit war sie sogar so dicht besiedelt wie heute die Savannen südlich der Sahelzone. Die einheimische Bevölkerung der Sahara besteht aus Völkern verschiedenster Herkunft und Stämme aus Schwarzafrika, dem Orient und dem Mittelmeerraum. Die Tuareg werden zu der Volksgruppe der Berber gezählt und stellen auch heute den Hauptanteil der Bevölkerung in der Wüste. Seit dem 7. Jahrhundert sind zunehmend Araber in die Region eingedrungen. Sie haben sich vor allem in den Oasen der nördlichen Sahara niedergelassen und zum Teil auch mit den Nomadenvölkern vermischt, wie z.B. die Mauren in Mauretanien.
Feste Siedlungen sind immer bei ausreichenden Wasservorkommen entstanden, an den Kreuzungen von Karawanenwegen entwickelten sich dann kleinere Städte wie Agadèz, Ghat und Kufrah. Zwischen den Landwirtschaft und Handwerk betreibenden Bewohnern dieser Oasen und den Nomaden der Wüste bestand bis ins 20. Jahrhundert eine gegenseitige Abhängigkeit. Die Nomadenvölker lebten außer von ihren Kamelen und Ziegen vor allem vom Handel und Warentransport zwischen den Oasen, den Salzlagerstätten und den Marktstädten südlich der Sahara und versorgten sich von den Sesshaften mit Waren, die sie selbst nicht hatten oder herstellen konnten. Durch die Dürreperioden der letzten Jahre sowie politische und technische Veränderungen, wie dem Warentransport mit Lastwagen, geben viele Nomaden ihre bisherige Lebensweise auf und werden mehr oder weniger unfreiwillig in den Oasenstädten und in der Sahelzone sesshaft.
Doch gerade diese von verschiedenen Wüstenstaaten forcierte »Sesshaftmachung« gefährdet das ohnehin labile Ökosystem der Sahelzone. Dort, wo die Versorgung mit Nahrungsmitteln noch am ehesten gesichert scheint und der Bau von Brunnenanlagen die Wasserversorgung sichern soll, drängen sich immer mehr Menschen. Die dringend notwendigen Brachzeiten der Ackerflächen werden nicht mehr eingehalten. Zusammen mit der Überweidung durch den Viehbestand und dem zunehmenden Bedarf an Brennmaterial kommt es zu Veränderungen, die den Prozess der fortschreitenden Verwüstung der Sahelzone stetig vorantreiben.
In manchen Jahren treten Hungerkatastrophen auf, denen Tausende von Menschen zum Opfer fallen und die spontan nur durch Lebensmittelhilfen aus dem Ausland gemildert werden können.
Europäer erforschen die Wüste
Die Erforschung der Sahara durch Europäer begann in der Mitte des letzten Jahrhunderts zunächst aus idealistischen Motiven. Den Abenteurern und Entdec kern folgten dann Missionare. Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts wurde die Sahara auch militärisch unterworfen, vor allem von Franzosen und Briten.
Die Erschließung der Sahara mit modernen Verkehrswegen erfolgte seit dem Zweiten Weltkrieg aus militär-strategischen und ökonomischen Interessen, um so die großen Territorien besser kontrollieren zu können und um die Bodenschätze abzubauen und zu den Häfen zu transportieren. Von den in der Wüste reichlich vorhandenen Bodenschätzen wurde nur das Salz schon seit Jahrtausenden genutzt und ist auch heute noch für den westafrikanischen Markt ein wichtiges Wirtschaftsgut. Die Ersten in der Sahara abgebauten Bodenschätze waren Phosphat, Kohle und verschiedene Erze im Süden der Maghreb-Länder.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde in der nördlichen Sahara, vor allem in Algerien und Libyen, gezielt nach Erdöl und Erdgas gesucht. In beiden Ländern wurden in den 1950er Jahren große Vorkommen entdeckt, die bald deren Hauptexportgut wurden. Die Erdölförderung in der Wüste hat den umliegenden Regionen tief greifende Veränderungen gebracht: Nomaden finden Arbeit in einer Welt, die ihnen vorher völlig fremd war, und mit der reichlich vorhandenen Energie können Brunnen betrieben werden, die, wie in Libyen, landwirtschaftlichen Anbau auf riesigen Flächen ermöglichen.
Für viele Touristen, die mit Geländewagen, Campingbussen oder gar Motorrädern in die Sahara fahren, ist sie nur ein Durchgangsland. Was suchen aber die anderen, für die das Ziel der Reise in der Wüste liegt? Es ist zunächst das Abenteuer. Touristen, die neben ihren defekten Fahrzeugen verdursten, zeigen das Risiko, das heute noch mit einer solchen Reise verbunden ist. Andere besichtigen mit einheimischen Führern Zeugnisse früherer Kulturen wie die zahlreichen prähistorischen Felsbilder und -inschriften. Und schließlich gibt es Touristen, die in die Sahara kommen, um in einer großartigen Landschaft, weit entfernt vom Alltag der Industrieländer, in meditativer Einsamkeit und Ruhe zu sich selbst zu finden.
Die Tuareg
Einst beherrschte die Adelsschicht des stolzen Volkes der Tuareg die riesige Sahara. Die Tuareg zogen mit ihren Kamel-, Ziegen-, Schaf- und Rinderherden von einer Weidefläche zur Nächsten. Auf Grund seiner Wirtschaftsweise war dieses nomadische Hirtenvolk sehr beweglich. Die hellhäutigen Tuareg sind berberischer Abstammung und bilden auch heute noch eine Gemeinschaft mit einzigartigen kulturellen Traditionen. Ihre auf einer starren Klassenstruktur beruhende politische und wirtschaftliche Ordnung wird jedoch zunehmend bedroht.
Auf ihrer Suche nach Weideland befinden sich die Tuareg ständig auf Wanderschaft und versuchen auf diese Weise, die knappen Reserven, die die Wüste zu bieten hat, optimal zu nutzen. Sie bewohnen ein Gebiet, das sich vom Süden Algeriens und Libyens über die Zentralsahara bis nach Niger, in den Norden Malis und in Teile des Tschad erstreckt. In dieser ariden Landschaft heben sich die Hochlandgebiete als relativ fruchtbare, ausreichend mit Wasser versorgte »Inseln« ab. Dennoch kann man sich in Zeiten großer Trockenheit nicht darauf verlassen, dass hier in diesen Regionen ausreichend Weideland verfügbar ist. In solchen Zeiten sterben dann Tausende von Tieren, und ihren menschlichen Begleitern ergeht es oftmals nur unwesentlich besser.
Die Periode der französischen Herrschaft im späten 19. und 20. Jahrhundert markiert den beginnenden Untergang der traditionellen Lebensweise der Tuareg. Die Franzosen, die Algerien besetzt hielten, versuchten, den gewohnheitsmäßigen Raubzügen und dem Sklavenhandel der Tuareg Einhalt zu gebieten. Ihre überlegene Motorisierung, sie verfügten über wüstentaugliche Kettenfahrzeuge, trug zum Gelingen dieses Vorhabens bei. Die politischen Grenzen, die die Franzosen auf den Landkarten dieser Region festlegten, haben das Leben der Tuareg für immer verändert.
Die Gesellschaftsstruktur
Die traditionelle Gesellschaft der Tuareg bestand aus drei Klassen: Adelige, Vasallen und Sklaven. Heute sind die noch verbliebenen 300000 Tuareg in sieben Gruppen oder Bündnissen zusammengeschlossen. Ein Oberhaupt, der Amenukal, ist der Sprecher aller Stammesgruppen. Jede dieser Gruppen setzt sich aus Adeligen, Vasallen und Sklaven (den so genannten Haratin) zusammen. Früher nahm die Adelsschicht der Tuareg eine privilegierte Stellung ein und betrachtete körperliche Arbeit, insbesondere den Ackerbau, als unter ihrer Würde. Von den übrigen Klassen unterschieden sich ihre Mitglieder in vielerlei Hinsicht - auch in Bezug auf Feinheiten ihrer Sprache, Gestik und Körperhaltung (letzteres wurde besonders deutlich, wenn sie auf ihrem bevorzugten Reittier, dem Kamel, saßen). Ehemals kontrollierten sie als Furcht erregende Krieger und Räuber die durch die Wüsten führenden Karawanenstraßen. Die meisten Karawanen transportierten Salz nach Süden, und Gold aus Westafrika wurde häufig auf der gleichen Route nach Norden gebracht. Dahingegen beaufsichtigten die Vasallen, die überwiegend negroider Abstammung waren, die Ziegenherden. Sie werden noch heute von den Adeligen Kel Ulli (das Ziegenvolk) genannt. Außerdem bewachten die Vasallen die Zeltlager, die üblicherweise aus kleinen, mit rot gefärbten Tierhäuten oder Matten gedeckten Zeltgruppen bestanden.
Die dritte Klasse, die der Haratin, verrichtete die niedrigsten Arbeiten. In den Oasen kultivierten sie kleine Gärten und lebten in Dauersiedlungen. Die Adeligen beanspruchten drei Viertel der Ernte. Ihre Sklaven mussten sich selbst in Zeiten des Überflusses mit dem Wenigen begnügen, das ihre Herren übrig ließen, und während Dürreperioden kam es zu unüberbrückbaren Versorgungsengpässen. Die Folgen für die in großem Elend lebenden Haratin waren Unterernährung und hohe Sterblichkeit.
Zur traditionellen Kleidung der männlichen Tuareg gehört der Tagilmust (eine Kombination aus Turban und Schleier). Er besteht aus einem häufig mit Indigo, einem blauen Farbstoff, gefärbten Baumwollgewebe. Der Farbstoff hinterlässt zuweilen Spuren auf der Haut des Trägers. Auf Grund ihrer Indigo-Kleidung werden die Tuareg auch »Blaue Reiter der Wüste« genannt. Allerdings bezeichnen die Tuareg sich selbst als »Kel Tagelmoust« (Schleierträger). Der Schleier dient nicht nur dem Schutz vor dem scharfen Wüstenwind, sondern soll auch verhindern, dass böse Geister in den Mund eindringen. In Gegenwart Fremder und auch der Schwiegereltern ist es Pflicht, den Schleier anzulegen. Auch Frauen tragen solche Tücher. Diese sind aber kleiner und bedecken nur den Mund.
Die Zukunft
1962, nach dem Ende der französischen Kolonialherrschaft, bekam das unabhängige Algerien eine sozialistische Regierung. Von der neuen Regierung wurden Prinzipien wie Gleichheit und Aufhebung von Klassenunterschieden vertreten, die mit den fundamentalen Grundsätzen der Tuareg-Gemeinschaft unvereinbar waren. Die neuen politischen Führer zwangen viele Tuareg dazu, sesshaft zu werden. Sie verboten die Raubzüge und behinderten durch Grenzkontrollen die nomadische Lebensweise. Die Befreiung der Haratin hatte für die Adelsschicht zur Folge, dass sie sich selbst um ihre Nahrungsmittelversorgung kümmern musste.
In den 1960er und 1970er Jahren hatten die Tuareg besonders stark unter den Auswirkungen der Dürreperioden in der Sahelzone zu leiden, die zu einer drastischen Reduzierung des verfügbaren Weidelandes führten. Der Tod eines Großteils ihrer Herden bedeutete den wirtschaftlichen Ruin der Tuareg. Ihrer sozialen, ökonomischen und politischen Grundlagen beraubt, wurden viele Tuareg zu sesshaften Ackerbauern.









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