Die Schweiz in der Zeit der Weltkriege
Der Erste Weltkrieg
Die Schüsse von Sarajevo auf den österreichisch-ungarischen Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand am 28. Juni 1914 und die einen Monat später erfolgte Kriegserklärung Wiens an das der Unterstützung der Mörder bezichtigte Serbien ließen in Europa nach einem Wort des britischen Außenministers Sir Edward Grey "die Lichter ausgehen". Die Schweiz war militärisch auf einen Krieg vorbereitet; am 31. Juli wurde die Armee auf Pikett gestellt, einen Tag später folgte die Mobilmachung von 220 000 Wehrmännern. Am ersten Mobilmachungstag, dem 3. August, trat in Bern die Vereinigte Bundesversammlung zusammen. Gegen den Widerstand der Mehrheit des Parlaments setzte der von Arthur Hoffmann präsidierte Bundesrat die Wahl des Oberstkorpskommandanten Ulrich Wille zum General durch. Zum Generalstabschef wurde Theophil Sprecher von Bernegg bestellt.
Der militärischen entsprach die wirtschaftliche Bereitschaft allerdings nicht. Der Abhängigkeit von ausländischen Einfuhren auf vielen Gebieten und einer spürbaren Versorgungsknappheit begegnete der Bundesrat erst relativ spät mit wirtschaftlichen Zwangsmaßnahmen wie Höchstpreisverordnungen und Bundesmonopolen für wichtige Nahrungsmittel und Versorgungsgüter. Die seit Kriegsbeginn feststellbare Entfremdung zwischen dem deutschen und dem welschen Landesteil motivierte den Dichter Carl Spitteler am 14. Dezember 1914 zu seiner Rede "Unser Schweizer Standpunkt", in der er zur Verständigung mit dem französischsprachigen Landesteil mahnte und davor warnte, aus falsch verstandener kultureller Verbundenheit zu Deutschland oder Frankreich die Neutralität aufzugeben.
Die neutrale Schweiz bot den Krieg Führenden nicht nur ihre guten Dienste zum Austausch und zur Pflege verwundeter und kranker Soldaten an, sie wurde auch Asylland für den Russen Wladimir I. Lenin und andere Revolutionäre. Jegliche Friedensvermittlung scheiterte indes; im Juni 1917 hatte eine missglückte Friedensmission den Rücktritt des freisinnigen Bundesrats Hoffmann zur Folge. Sein Nachfolger wurde der Genfer Gustave Ador, womit die Welschschweiz erstmals zwei Bundesräte stellte.
Innenpolitische Entwicklung bis 1933
Am 11. November 1918, dem Tag des Kriegsendes in Europa, erlebte die Schweiz ihre größte innenpolitische Belastungsprobe seit dem Sonderbundskrieg 1847. Um 24.00 Uhr begann der vom Oltener Aktionskomitee unter Führung von Robert Grimm ausgerufene Landesgeneralstreik zur Durchsetzung von politischen und sozialen Forderungen wie 48-Stunden-Woche, Alters- und Invalidenversicherung und Frauenwahlrecht. Rund 139 000 Mann, darunter auch die Eisenbahner, folgten dem Streikaufruf. Der Bundesrat zeigte sich jedoch nicht gewillt, den Forderungen nachzugeben, und erließ ein neues Truppenaufgebot. Auf Grund eines Ultimatums wurde der Streik am 14. November abgebrochen.
Das Jahr 1919 brachte mit der erstmaligen Proporzwahl des Nationalrats einen politischen Wandel: Die bisherigen Minderheitsparteien profitierten vom Verlust des Freisinns, der seine absolute Mehrheit einbüßte. Das Stärkeverhältnis der großen Parteien (Freisinnige, Katholisch-Konservative, Sozialdemokraten) blieb bis 1943 weitgehend stabil.
Die Sozialpolitik erfuhr u. a. Erweiterungen durch die Einbeziehung der Alters- und Hinterlassenenversicherung in die Verfassung (Volksabstimmung am 6.12.1925) sowie durch die Einführung des Achtstundentags für die Angehörigen der Verkehrsbetriebe 1920.
Die Ausdehnung der Wochenarbeitszeit auf 54 Stunden scheiterte ebenso am Referendum (17.02.1924) wie ein Gesetz zum Schutz der öffentlichen Ordnung ("Lex Häberlin", 24.09.1922). Einer Ausweitung wirtschaftlicher Kompetenzen standen die Stimmbürger ablehnend gegenüber: Die sozialdemokratische Vermögensabgabeninitiative (3.12.1922) wurde ebenso verworfen wie die Mitbestimmung beim Zolltarif (15.04.1923).
Zur einer der einflussreichsten innenpolitischen Personen dieser Jahre wurde Edmund Schulthess, freisinniger Bundesrat von 1912 bis zum April 1935. Schulthess organisierte als Leiter des Volkswirtschaftsdepartements während des Ersten Weltkrieges die Landesversorgung; auf die 1929 einsetzende Wirtschaftskrise reagierte er mit staatlichen Hilfsprogrammen wie Arbeitslosenentschädigung und Krisenhilfe - u. a. durch Kredite für Notstandsarbeiten, mit denen die Kassen des Bundes, der Kantone und Gemeinden belastet wurden -, lehnte jedoch die Kriseninitiative der Sozialdemokraten entschieden ab. Diese hatten Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen und eine aktive Ausgabenpolitik des Staates ("deficit spending") nach den Vorschlägen des Briten John Maynard Keynes gefordert, erlitten im Referendum vom 2. Juni 1935 bei einer Stimmbeteiligung von 84,4 % jedoch eine Niederlage.
Die Neutralitätspolitik der Schweiz
Am 16. Mai 1920 entschieden sich die Schweizer für den Beitritt zum Völkerbund. Mit diesem Rat der Nationen - einer Idee des langjährigen US-Präsidenten Woodrow Wilson - sollten die Lehren aus dem Weltkrieg gezogen und Konflikte friedlich aus der Welt geschafft werden. Zugleich vollzog die Schweiz den Übergang von der integralen zur differenzierten Neutralität und verpflichtete sich zur Teilnahme an wirtschaftlichen Sanktionen. Am 15. November 1920 eröffnete in Genf Bundespräsident Giuseppe Motta feierlich die erste Völkerbundsversammlung.

Giuseppe Motta, Chef des Politischen Departements in den Jahren 1920 bis 1940, wurde nicht nur zur Verkörperung des vor allem auf eine Stärkung der ideellen Anliegen gerichteten schweizerischen Engagements in der Völkergemeinschaft, sondern er prägte auch die schweizerische Außenpolitik dieser Jahre ganz entscheidend. Die Außenpolitik der Schweiz war bemüht, die Eigenständigkeit des Landes gegenüber den Großmächten zu bewahren und zugleich durch humanitäre Bemühungen und eine Politik der guten Dienste ihre Unentbehrlichkeit unter Beweis zu stellen.
Die Ermordung eines sowjetischen Diplomaten am 10. Mai 1923 und der Freispruch des Täters von einem waadtländischen Geschworenengericht trübten die Beziehungen zur Sowjetunion, zumal sich Motta eindringlich gegen eine Aufnahme der Sowjetunion in den Völkerbund wandte. Am 14. Mai 1938 entsprach der Völkerbund - dessen praktische Ohnmacht gegenüber dem Vorgehen diktatorisch regierter Staaten wie Italien und Deutschland sich längst herausgestellt hatte - dem Wunsch der Schweiz nach Rückkehr zur integralen Neutralität und entband sie von der Mitwirkung bei künftigen Sanktionen.
Bewährung gegenüber dem Faschismus
Durch die "Machtergreifung" Adolf Hitlers am 30. Januar 1933 in Deutschland und die schwierige wirtschaftliche Lage - Exportrückgang, Ansteigen der Arbeitslosen auf über 70 000 im Jahresmittel, wachsende Bundesverschuldung - formierten sich auch in der Schweiz die Anhänger einer nationalsozialistisch-autoritären Weltanschauung. Der "Frontenfrühling" - diese Bezeichnung kommt daher, weil sich diese Bewegungen überwiegend als "Fronten" bezeichneten - dauerte jedoch nur bis in das Jahr 1935: Am 8. September 1935 wurde die von den Frontenanhängern lancierte Initiative auf Totalrevision der Verfassung mit überwältigender Mehrheit verworfen.
Das Jahr 1936, in dem die Arbeitslosenzahl mit 93 000 ihren Höchststand erreichte und die Reallöhne gegenüber 1931 um bis zu 10 % zurückgegangen waren, wurde zur wirtschaftlichen Wende. Am 26. September beschloss der Bundesrat die Abwertung des Franken um 30 %. Diese längst überfällige Maßnahme machte Schweizer Erzeugnisse auf dem Weltmarkt wieder konkurrenzfähig und begehrt; zur wirtschaftlichen Erholung trug auch das am 19. Juli 1937 unterzeichnete "Friedensabkommen" in der Metallindustrie bei.

Gegenüber dem "Dritten Reich" bemühte sich der Bundesrat um korrekte Beziehungen, wenn auch einige Grenzzwischenfälle - wie die Entführung des deutschen Emigranten Berthold Jacob aus Basel im März 1935 - sowie eine antischweizerische Pressekampagne zu Protesten führte. Auf die Ermordung des Landesleiters, des deutschen Nationalsozialisten Wilhelm Gustloff am 4. Februar 1936 in Davos reagierte der Bundesrat mit einem Verbot der Landesleitung und der Kreisleitung der Partei.
Neben die wachsende militärische Bereitschaft trat die "geistige Landesverteidigung". Ihren künstlerischen Ausdruck fand diese Bewahrungshaltung vor allem in der Ausgestaltung des Armeepavillons und des Höhenwegs mit den Gemeindefahnen auf der Zürcher "Landi" 1939.
Nach der Besetzung Prags durch deutsche Truppen gab Bundesrat Hermann Obrecht am 16. März 1939 dem Behauptungswillen der Schweizer Ausdruck: "Wer uns ehrt und in Ruhe lässt, ist unser Freund. Wer dagegen unsere Unabhängigkeit und unsere politische Unversehrtheit angreifen sollte, dem wartet der Krieg! Wir Schweizer werden nicht zuerst ins Ausland wallfahren gehen!"
Der Zweite Weltkrieg
Am 30. August 1939, als die Gefahr eines neuerlichen europäischen Krieges immer deutlicher wurde, wählte die Vereinigte Bundesversammlung Oberstkorpskommandant Henri Guisan zum General und erteilte dem Bundesrat die Vollmacht, in Zusammenarbeit mit zwei Parlamentskommissionen die erforderlichen Maßnahmen zum Schutz des Landes zu treffen.
Am Tag des deutschen Einmarsches in Polen, am 1. September, wurde die allgemeine Kriegsmobilmachung verfügt. Zwischen dem 3. und dem 5. September rückten rund 430 000 Wehrmänner ein. Eine zweite Generalmobilmachung erfolgte am 10. Mai 1940 nach dem deutschen Angriff auf Frankreich und die Beneluxstaaten. Trotz der Mahnungen, Ruhe und Ordnung zu bewahren, verließen zahlreiche Einwohner die Nord- und Mittelschweiz.
Neben die militärische Bereitschaft nach außen trat die "innere Front": Zur Verhinderung von Spionage und Sabotage wurde eine eigene Spionageabwehr ins Leben gerufen. Zur Unterstützung der Wehrmänner und ihrer Familien schuf man mit der Lohn- und Verdienstersatzordnung vom 20. Dezember 1939 eine soziale Absicherung. Im Unterschied zu 1914 reagierte der Bundesrat auch rasch auf die Knappheit der für die Lebenshaltung notwendigen Güter und verhängte Rationierungen.
Nach dem Ende des Frankreichfeldzuges am 22. Juni 1940 bestand die Gefahr einer Krise dieser "inneren Front". Sie wurde verschärft durch eine Radioansprache des Bundespräsidenten Marcel Pilet-Golaz am 25. Juni, in der dieser von der Notwendigkeit einer autoritären Führung gesprochen hatte, und durch den Empfang dreier Nationalsozialisten beim Bundespräsidenten am 10. September.
Gegen alle Anpassungstendenzen - formuliert u. a. in der "Eingabe der Zweihundert" vom November 1940 - wandte sich ab September 1940 die "Aktion nationaler Widerstand". Auch die Ansprache des Generals beim Offiziersrapport auf dem Rütli am 25. Juli - hier wurde der Réduitplan vorgestellt, die Preisgabe des Mittellands bei einem Angriff und die Konzentration des Widerstands auf das Alpenmassiv - war geeignet, das Vertrauen der Bevölkerung in die Führung wiederherzustellen.

Im Juni 1940 waren rund 30 000 französische und 12 000 polnische Soldaten auf Schweizer Gebiet übergetreten. Nachdem der Flüchtlingsstrom auf Grund des deutschen Terrors im besetzten Europa anschwoll, ordnete am 13. August 1942 der Bundesrat verschärfte Maßnahmen gegen den illegalen Grenzübertritt an. Zu diesem Zeitpunkt befanden sich rund 12 000 zivile Flüchtlinge in der Schweiz. Die im Widerspruch zur bisherigen Asylpraxis stehende restriktive Flüchtlingspolitik unter dem Motto "Das Boot ist voll" verweigerte zahlreichen Verfolgten, vor allem Juden, den Zutritt in die Schweiz. Bereits im Jahr 1938 waren gegen jüdische Emigranten aus dem Deutschen Reich und Österreich Einwanderungsrestriktionen erlassen worden.
Nach dem Wahlerfolg der Sozialdemokraten am 31. Oktober 1943 war ihr Anspruch auf einen Bundesratssitz nicht mehr zu übergehen. Ernst Nobs wurde am 15. Dezember 1943 als erster Sozialdemokrat in die Regierung gewählt. Zugleich verlor die Partei durch Ausschluss einen Teil ihres linken Flügels, der sich im Oktober 1944 zur kommunistischen Partei der Arbeit konstituierte.
Einen Eindruck von den Realitäten des Krieges, der mit der Landung der Westalliierten in der Normandie am 6. Juni 1944 endgültig entschieden wurde, erhielt die Schweiz am 1. April 1944, als US-amerikanische Bomber ihre tödliche Last über Schaffhausen abwarfen, wobei 40 Menschen ums Leben kamen.
Bibliografie:
- Tom Bower: Das Gold der Juden, Die Schweiz und die verschwundenen Nazi-Milliarden, München, 1997
- Angelo M. Codevilla: Eidgenossenschaft in Bedrängnis, Novalis Media Verlag, 2002
- Peter Hug (Hrsg.): Aufstieg und Niedergang des Bilateralismus. Schweizerische Aussen- und Aussenwirtschaftspolitik, 1930-1960: Rahmenbedingungen, Entscheidungsstrukturen, Fallstudien, Zürich, 1999
- Unabhängigen Expertenkommission Schweiz (Hrsg.): Die Schweiz, der Nationalsozialismus und der Zweite Weltkrieg, Zürich, 2002









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