Die Suite
Definition
Ursprünglich ist die Suite eine Zusammenstellung von verschiedenen Tänzen. Der Tanz, anfangs aus dem kultischen Bereich kommend, war immer schon von Musik begleitet. Zunehmend löste er sich jedoch aus diesem Bereich und wurde ein Ausdruck des geselligen und gesellschaftlichen Miteinanders. So, wie sich die Tänze änderten, änderte sich auch die Musik.
Der Name "Suite" taucht zuerst 1557 in den Tanzdrucken von Attaignant 1557 in Paris auf. Die suytte de bransles bezeichnet dort unterschiedlich rasche Wiegeschritte. Im 16. Jahrhunder umfasst diese französische Suite meist vier Bransles, die an Tempo zunehmen:
- bransles double (langsam)
- bransles simple (ruhig)
- bransles gay (rasch)
- bransles de Bourgogne (schnell)
Die ersten beiden haben einen geraden, die beiden letzten einen ungeraden Takt. Die Suite ist also eine Zusammenstellung von getanzten oder stilisierten Tänzen und tanzfreien Sätzen, besonders im Barock.
Ausgangspunkt für die Suite ist die Paarbildung von Tänzen: auf einen langsamen geschrittenen Tanz folgt ein schneller gesprungener Nachtanz. Der erste Tanz steht in gerader Taktart, der zweite in ungerader. Volkstümlich nannte man diese Tänze Dantz und Hupfauf, höfisch später dann Pavane und Galliarde, auch Pavane und Saltarello, bis sie im 17. Jahrhundert von Allemande (langsam, 4/4-Takt) und Courante (rasch, 3/4-Takt) abgelöst wurden. Nach und nach wurde die Abfolge der Tänze einer Suite erweitert. So kamen im 17. Jahrhundert die spanische Sarabande (langsam, gravitätisch, 3/2-Takt) und die englische Gigue (bzw. Jig, schnell, 6/8- oder 12/8-Takt) hinzu, die dann zu den festliegenden Teilen der Suite gehörten.
Andere Bezeichnungen für die Suite sind:
- Partita: ital. partire - teilen; die Teile, Sätze oder Tänze in der Reihung.
- Ordre: frz. ordre - Reihung, Ordnung; also die Reihe der Stücke.
- Ouvertüre: frz. ouverture - Eröffnung; Satzfolge, die nach dem Einleitungsstück benannt wird.
- Freie Titel: oft blumenreich, z.B. banchetto musicale (Schein 1617, darin 20 Orchestersuiten), Lustgarten neuer teutscher Gesänge, Balletti, Galliarden und Intraden (Hassler 1601).
Geschichtliche Entwicklung
Italien entwickelt im 17. Jahrhundert die Sonata da camera als instrumentale Folge von Tanzsätzen, vermischt mit einigen wenigen anderen Sätzen. Die Satzfolge liegt hier nicht fest, meist wechseln jedoch auch hier langsame und schnelle Sätze. Vielfach blieb es den Spielern auch selbst überlassen, die Reihenfolge der einzelnen Sätze festzulegen. Corelli beginnt seine Suiten mit einem freien Präludium. Jede seiner Sonaten bildet musikalisch einen Zyklus in gleicher Tonart und mit motivischer Verwandtschaft.
In Frankreich fördert besonders die Ballettproduktion für die Oper die Ballett- und Orchestersuite (Lully, Rameau). Auch hier ist die Satzfolge frei. Die französische Klavier- und Lautensuite bevorzugt jedoch die vier Kernsätze Allemande - Courante - Sarabande - Gigue, erweitert um die neuen Tänze des französischen Hofes wie Gavotte, Bourrée und Menuett (Chambonières, Gaultier), während Couperins Ordres freie Folgen von Charakterstücken sind.
In Deutschland entwickelt sich im 17. Jahrhundert die Variationssuite mit gleichem motivischen Material in allen Sätzen (musikalischer Zyklus), oft für Orchester, mit einer Intrada als Einleitungssatz. In der Klaviersuite bildet sich nach französischem Muster der viersätzige Kern heraus mit. Bach greift diese Form der Solosuite auf und führt sie zum Höhepunkt. Die meisten Tänze waren damals bereits unmodern und wurden musikalisch stilisiert (Allemande, Gigue), andere wurden noch getanzt (Gavotte, Polonaise, Menuett etc.). In den französischen Suiten für Klavier solo schiebt Bach zwischen die vier Kernsätze zwei bis vier weitere Sätze ein, in den englischen Suiten stellt er jeweils ein Prélude voran und reichert ebenfalls die vier Kernsätze an, ebenso bei den Cellosuiten. Die Gestaltung der Violinpartiten erfolgt freier, ebenso die der vier Orchestersuiten nach französischem Vorbild mit vorangestellter französischer Ouvertüre.
Die Suite blieb etwa bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts beliebt, dann traten Divertimento, Serenade, Sonate und Symphonie an ihre Stelle. In der Tanzpraxis verdrängten Ländler, Walzer, Polka etc. die alten Hoftänze bis auf das Menuett, das auch in den neuen Gattungen der Kunstmusik auftaucht.
Trotz des Niederganges der Suite am Ende der Barockzeit hat die Gattung sich in vielfacher Form erhalten. So finden sich im 19. Jahrhundert einzelne Stücke aus Balletten oder Opern im Konzertrepertoire als Suiten wieder (Tschaikowsky: Nussknackersuite, Bizet: L'Arlesienne-Suite). Darüber hinaus entstehen neue Kompositionen, die auf die Tradition der Tanzsuite zurückgreifen (Bartók: Tanzsuite für Orchester, Suite op. 14) sowie historisierende "alte" Suiten, die jedoch in Gehalt und Charakter neu sind (Grieg: Holbergsuite; Schönberg: Suite für Streicher, Klaviersuite op. 25, Suite op. 29).
Kurzbeschreibung einzelner Suiten-Sätze
Pavane (von span. "Pfau" oder nach der italienischen Stadt Padua): feierlicher höfischer Schreittanz, Anfang des 16. Jahrhunderts anstelle der Basse danse, meist mit dem Tanz Saltarello bzw. Galliarde als Nachtanz. Häufig Einleitungstanz der deutschen Orchestersuite im 17. Jahrhundert.
Galliarde (ital. gagliarda - rasch, schneller): französisch-italienischer Tanz im Tripeltakt, ab etwa 1600 höfischer Nachtanz zur Pavane.
Allemande (frz.: deutscher Tanz): ruhiger Schreittanz, auftaktig, höfisch im 17. Jahrhundert, stilisiert als Kopfsatz der Suite.
Courante (frz.: eiliger Tanz): im Dreiertakt, höfisch ab dem 17. Jahrhundert. Die italienischen Corrente ab 1650 ist schneller und glatter, häufig zweiter Satz der Suite.
Chaconne: ursprünglich spanisches Tanzlied, später dann Variationssatz ähnlich der Passacaglia.
Bourrée: französischer Reigentanz aus der Auvergne, ab dem 17. Jahrhundert höfischer Tanz.
Sarabande: spanischer Schreittanz, wurde in Spanien so ausgelassen und wild getanzt, dass Philipp II. ihn wegen Gefährdung der öffentlichen Sicherheit verbieten ließ; ab dem 17. Jahrhundert auch am französischen Hof; Tanz im Dreiertakt ohne Auftakt, feierlich und gravitätisch, häufig dritter Satz der Suite.
Gavotte: französischer Reigentanz, ab dem 17. Jahrhundert höfisch, auftaktig und nicht zu schnell.
Siciliana: kein eigener Tanz, sondern eine typische Pastoralmusik.
Gigue (frz. bzw. engl. Jig): Bezeichnung eines ab dem 17. Jahrhundert höfischen Tanzes nach einem schottischen oder irischen Trinklied; geprägt von punktiertem Rhythmus; rasch, häufig Schlusssatz der Suite.
Menuett (von frz. menu - zierlicher Schritt): ursprünglich ein Volkstanz im Dreivierteltakt, ab 1650 Lieblingstanz Ludwigs XIV. Zu Mozarts Zeiten war das Menuett so beliebt, dass es bei Orchesterkonzerten zwischen den Auftritten der Solisten als Verbindungsstück gespielt wurde. Als dritter Satz wurde das Menuett fester Bestandteil der Symphonie, in der Romantik entwickelte sich daraus das Scherzo.
Polonaise: polnischer Schreittanz; ursprünglich in geradem Takt, ab dem 18. Jahrhundert im Dreivierteltakt, langsam, häufig schwermütig.
Zeitgenössische Äußerungen zu einigen Tänzen
Praetorius in seinen Syntagma Musicum (1619) zur Allemande: "Allemande heist so viel, als ein deutsches Liedlein oder Täntzlein: Denn Allemagna heist Germania, und un Alemand ein Deutscher. Es ist aber dieser Tantz nicht so fertig und hurtig, sondern etwas schwehrmütiger und langsamer, als der Galliard, sintemaln keine extraordinariae motiones darinn gebraucht werden."
Praetorius zur Courante: "Sie sind Täntze, die meistentheils mit gewissen abgemessenen Sprüngen auff und nieder, gleich als mit lauffen im Tantz gebraucht werden."
Johann Gottfried Walther in seinem Musikalischen Lexicon oder Musicalischer Bibliothec zur Sarabande: "Die Sarabande ist eine gravitätische, den Spaniern insonderheit sehr beliebte und gebräuchliche etwas kurtze Melodie, welche allezeit zum Tantzen den 3/4, zum Spielen aber bisweilen den 3/2 Tact, langsam geschlagen, und zwey Reprisen hat."
Johann Mattheson in seinem Vollkommenen Kapellmeister zur Gigue: "Die gewöhnlichen oder engländischen Giguen haben zu ihrem eigentlichen Abzeichen einen hitzigen und flüchtigen Eifer, einen Zorn, der bald vergehet.... Die welschen Gige endlich, welche nicht zum Tantzen, sondern zum Geigen (wovon auch ihre Benennung herrühren mag) gebraucht werden, zwingen sich gleichsam zur äussersten Schnelligkeit oder Flüchtigkeit; doch mehrentheils auf eine fliessende und keine ungestüme Art; etwa wie der glattfortschiessende Strom-Pfeil eines Bachs."
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Welche Form der Suite entwickelt sich im 17. Jahrhundert in Italien?
die Ballett-Suite
die Sonata da camera
die Solosuite
Welcher Komponist leistete einen wichtigen Beitrag zur Entwicklung der Solosuite ?
François Couperin
Arcangelo Corelli
Johann Sebastian Bach
Weitere Fragen
| 1. | Was ist eine Suite? |
| 2. | Warum stellte man Tänze in einer bestimmten, mehr oder weniger festgelegten Reihenfolge zusammen, anstatt die Abfolge beliebig zu lassen? |
| 3. | Wie heißen die vier Kernsätze der Suite, die sich im 18. Jahrhundert etabliert haben? |
| 4. | Was sind die Kennzeichen der deutschen Orchestersuite im 17. Jahrhundert? |
| 5. | Nenne eine bekannte Ballettsuite des 19. Jahrhunderts! |
Antworten
| 1. | Eine Suite ist ursprünglich eine Zusammenstellung von einzelnen Tänzen. |
| 2. | Ausgangspunkt für die Suite ist die Paarbildung von Tänzen: auf einen langsamen geschrittenen Tanz folgt ein schneller gesprungener Nachtanz. |
| 3. | Allemande - Courante - Sarabande - Gigue |
| 4. | a) die häufig vorangestellte Intrada, b) gleiches thematisches Material in allen Sätzen. |
| 5. | Nussknacker-Suite von Tschaikowsky oder L'Arlesienne-Suite von Bizet |
Bibliografie:
- Die Musik in Geschichte und Gegenwart, Sachteil Bd. 8, Kassel u.a. 1998
- Karl Nef: Geschichte der Sinfonie und Suite, Sändig Reprint, Vaduz (Liechtenstein) o. J
- Norbert Weiss: Übersichtstafeln zur Suite, Verlag der Maßstäbe, Duisburg 1992









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