Eichhörnchen
Lexikon: Europäisches Eichhörnchen
Merkmale

Die auffälligsten Merkmale des Eichhörnchens sind sicherlich der bis zu 25 cm lange und damit fast Körperlänge erreichende buschige Schwanz und die nach oben stehenden Ohren, die im Winter nach oben gerichtete "Pinsel" tragen. Das dichte Fell ist in seiner Färbung variabel, jedoch herrschen Brauntöne vor. Sie reichen von einem hellen Rotbraun bis zum dunklen Schwarzbraun. Diese Färbung richtet sich als Anpassung meist nach dem angestammten Lebensraum. So sind die Eichhörnchen der Nadelwälder eher dunkel gefärbt. Auf diese Weise verschmelzen Eichhörnchen besser mit dem Hintergrund, sind für ihre natürlichen Feinde also schlechter auszumachen. Das Bauchfell ist dazu im Gegensatz immer hell, nahezu weiß. Das Fell besteht aus Leit- und Wollhaaren und wird zwei Mal jährlich gewechselt. Der Haarwechsel beginnt im Frühjahr am Kopf und schreitet bis zum unteren Rücken fort, während er im Herbst den gegenteiligen Verlauf nimmt. Im Winter ist das Fell deutlich dichter als im Sommer, aber auch die Färbung ist verschieden: Im Winter ist das Fell etwas heller als während der warmen Jahreszeit.
Typisch ist die Körperhaltung beim Fressen: Das Eichhörnchen sitzt auf den Hinterpfoten, der Körper ist aufgerichtet und die Nahrung wird mit den Vorderpfoten gehalten. Der Schwanz ist dabei meist nach oben gerichtet und am Ende nach hinten gebogen.
Die wichtigsten Sinne der Eichhörnchen sind der Geruchssinn und der Sehsinn. Die gut entwickelten Augen ermöglichen das Bewegungssehen. Nachgewiesen sind auch Farben- und Helligkeitsempfinden.
Verbreitung und Lebensraum
Die Verbreitung des Europäischen Eichhörnchens reicht von Nordspanien, Irland und Schottland im Westen bis zur russischen Pazifikküste im Osten. Portugal, Südspanien, der äußerste Norden Skandinaviens und die sibirische Tundra sind dabei als klimatisch extreme und/oder baumarme Bereiche ausgenommen.
Bevorzugter Lebensraum sind Wälder aller Art, die möglichst über Samen produzierende Bäume verfügen. Deshalb muss der Baumbestand ein gewisses Alter erreicht haben. Da Eichhörnchen sich auch sehr gerne in Parks und großen Gärten mit älterem Baumbestand aufhalten, können sie als Kulturfolger angesehen werden, zumal sie den Menschen gegenüber recht zutraulich werden können. Sie kommen in ihren Lebensräumen recht häufig vor. Die Bestandsdichte ist allerdings stark vom Nahrungsangebot abhängig.
Lebensweise
Im Gegensatz zu vielen anderen Nagetieren sind Eichhörnchen tagaktiv und lassen sich daher recht gut beobachten. Während sie im Winter, in dem sie keinen Winterschlaf halten, den ganzen Tag über aktiv sind, halten sie im Frühjahr und Sommer lange Mittagspausen, nachdem sie seit den frühen Morgenstunden aktiv waren. Eine kürzere Aktivitätsphase folgt dann am Nachmittag.
Kälte macht ihnen nichts aus; nur wenn es stark windig ist, heftig regnet oder die Äste schnee- oder eisbedeckt sind, bleiben sie in ihren Nestern, in denen sie auch die Nächte verbringen.

Die Nester (auch Kobel genannt) werden auf einzelnen hohen Bäumen - bevorzugt auf Fichten - gebaut. Sie liegen meist in einer Astgabel direkt am Hauptstamm. Sie haben ein oder zwei seitliche Eingangslöcher und bestehen aus zwei Hüllen. Die äußerste Schicht wird aus Zweigen gefertigt; die meist von dem Nistbaum direkt stammen. Das Nestinnere ist mit Federn, Moos, Bast und ähnlichen Materialien weich ausgepolstert. Den Bast schält das Eichhörnchen von dünnen Zweigen. Der äußere Durchmesser der Nester beträgt 30-40, der Innendurchmesser 11-15 cm. Oft wird ein verlassenes Nest von Habicht oder Elster verwendet. Auch Baumhöhlen werden schon mal zu Nestern ausgebaut. Neben dem Hauptnest baut das Eichhörnchen oft einige Reservekobel und so genannte Schattennester. Letztere sind einfach strukturiert und innen nicht weich ausgepolstert; sie dienen dem Eichhörnchen als Schutz bei der Nahrungsaufnahme.
Während der Aktivitätsphasen sind die Tiere meist in Bewegung und jagen mit atemberaubender Gewandtheit an den Stämmen hoch, über die Äste in die Baumkronen und dort von Baum zu Baum. Dabei springen sie mehr als dass sie klettern. Ihren Schwanz benutzen sie zum Balance halten und als Steuerruder im Fluge. Am Boden sind sie nicht weniger flink. Ihr Aktionsradius erstreckt sich durchschnittlich über eine Fläche von etwa 1000 ha. Über ihre Schnelligkeit sagt am Besten folgende Zeitungsmeldung etwas aus: "Tatsächlich schneller als die Polizei erlaubt: Ein Eichhörnchen in Glenrothes (Schottland). Mit 70 Stundenkilometern schoss der Baumbewohner über eine Straße, löste eine Verkehrs-Kamera aus. Geblitzt! Doch dieser Strafzettel bleibt ungeschrieben."
Eichhörnchen können auch Laute von sich geben. Bei Aufregung lassen sie ein schnelles, schnalzendes "tjuck-tjuck-tjuck" hören, das sie noch mit Krallenschlägen auf die Rinde verstärken. Ihr Schwanz ist dann S-förmig angelegt und zittert. Oft schließt dieses Verhalten ein lang gezogenes "nhhh" ab. Als Annäherungssignal wird schon von den Jungen ein leises "muck-muck-muck" ausgestoßen, in menschlicher Obhut wird es auch den Bezugspersonen gegenüber gemacht. Wichtig zu erwähnen ist schließlich noch der lang gezogene, klagende Notschrei, der von erwachsenen Tiere nur in Todesgefahr, von Jungtieren auch "aus Versehen" ausgestoßen wird.
Neben den Lauten nutzen Eichhörnchen optische Signale. Dabei spielen Schwanz und Ohren eine wichtige Rolle. Ein seitliches Schwanzwedeln beispielsweise bedeutet Nervosität und Erregung. Es soll Artgenossen aufmerksam machen und besitzt vermutlich Drohwirkung. Ähnlich wie bei Raubtieren werden beim Drohen die Ohren zurückgelegt und die Schneidezähne gewetzt. Hopst das Eichhörnchen mit allen Vieren gleichzeitig in die Höhe, ist das eine Art Aufforderung zum Spielen. Der Schwanz liegt fast dem Rücken an und die Ohren sind angelegt. Auch bei der so genannten Scheibenstellung, die als Paarungsaufforderung dient, ist die Schwanzhaltung ähnlich. Auch in Konfliktsituationen wird diese Stellung eingenommen.
Nahrung
Eichhörnchen sind im Prinzip Allesfresser; ihr Speisezettel richtet sich in erster Linie nach dem Angebot in ihrem Revier. Samentragende Bäume sind dabei unerlässlich. Fehlen sie, werden Eichhörnchen auch bei sonst reichem Angebot kaum sesshaft. Sie ernähren sich bevorzugt von Samen, Knospen und Trieben der Nadelbäume. Hauptsächlich sind Koniferensamen, Bucheckern, Eicheln und Haselnüsse, ferner Walnüsse, Hainbuchensamen, Ross- und Edelkastanien, verschiedene Beeren, Pilze, Gallen (z. B. Fichtengallen), Blüten und Knospen von Laub- und Nadelhölzern sowie junge Rinde auf der Speisekarte. Wegen der Rindenbeschädigung wird den Eichhörnchen oft ein negativer Einfluss auf junge Baumpflanzungen nachgesagt. Dies wird aber vor allem dann passieren, wenn der Verlust von früchtetragenden Altbäumen zum Ausweichen auf Knospen und Rinde zwingt.

Ansonsten frisst das Eichhörnchen Insekten und deren Larven, auch Blattläuse, Ameiseneier, Schnecken, und sogar Jungvögel. Samen, Knospen und andere Pflanzenteile, vor allem Gallen werden auch wegen der darin enthaltenen Einmieter oder Schädlinge befressen (Scheinfraß). Ein Eichhörnchen verzehrt täglich - in Abhängigkeit von Größe und Jahreszeit - 35-80 g Futter. Dabei kommen die Tiere im Frühjahr auf 80 g pro Tag, im Sommer auf 55, im Herbst auf 70 und im Winter auf nur 35 g pro Tag. Im Tageslauf fressen Eichhörnchen vor allem gegen Ende ihrer Tagesaktivität, obwohl sie bereits morgens emsig auf Futtersuche sind.
Berühmt ist das Eichhörnchen für seine Vorratshaltung. Da es keinen Winterschlaf hält, beginnt es zeitig im Herbst Depots anzulegen. Dazu sammelt es vor allem Samen, aber z. B. auch Pilze, die teils vergraben, in Baumhöhlen versteckt, bzw. in Rindenrissen oder Astgabeln festgeklemmt werden. Nüsse oder Eicheln werden bevorzugt so abgelegt, dass sie Wurzeln oder den Stamm eines Baumes berühren. Die Verstecke prägt sich das Eichhörnchen nicht ein, sondern sie werden durch Absuchen geeigneter Stellen nach vorgegebenen Suchmustern wiedergefunden, wobei der Geruchssinn eine wichtige Rolle spielt. Im Boden liegende Haselnusskerne riecht das Eichhörnchen aus 30 cm Entfernung. Oft kommt es vor, dass ein Eichhörnchen die Lage der Vorratskammer vergisst. Daher legt das einzelne Tier gleich mehrere an. Diese vergessenen Lager kann man manchmal im Frühjahr als Ansammlung von Eicheln, Haselnüssen oder Bucheckern entdecken.
Werden Eichhörnchen z. B. in Parks regelmäßig gefüttert, leben sie auch außerhalb der Paarungszeit relativ dicht beieinander. Im Wald ist die Bestandsdichte abhängig vom Nahrungsangebot. In den Mastjahren von Eiche, Buche oder Fichte, wenn massenhaft Samen vorhanden sind, nimmt die Zahl der Eichhörnchen deutlich zu. Die Populationen brechen außerhalb der Mastjahre allerdings wieder ein. Ein versetztes Auftreten der Mastjahre ermöglicht auch schon mal länger andauernde höhere Populationsdichten.
Einen nicht ganz so positiven Einfluss scheint das Füttern von Eichhörnchen in Stadtparks auf die Vogelwelt zu haben, da sie bei guter Fütterung nebenbei wohl besonders gerne Vogelnester plündern. Sonst hat das Ausnehmen von Nestern durch die Eichhörnchen kaum ernstliche Folgen für den Brutvogelbestand.
Fortpflanzung

Frühestens Ende Dezember, aber meist erst im Januar und Februar beginnt die Paarungszeit der Eichhörnchen. Zur Partnerfindung und Einstimmung gehören Paarungsspiele mit intensiven Verfolgungsjagden, an denen mehrere Männchen beteiligt sein können, und Lautäußerungen. Normalerweise gibt es zwei Würfe im Jahr nach einer jeweiligen Tragzeit von 38 Tagen. Der erste Wurf findet ab Ende Januar statt, der Letzte im August. Dabei werden jeweils 3-8 (durchschnittlich 5) Jungen geboren. Sie sind nackt und blind, haben noch einen geschlossenen Gehörgang und am Kopf anliegende Muscheln. Am 6. Lebenstag erscheinen die ersten Haare am Kopf, zwei Tage später am Rücken, bis nach knapp zwei Wochen die flaumige Behaarung den ganzen Körper bedeckt. Nach 20 Tagen ist die künftige Färbung erkennbar. Erst nach etwa 30 Tagen öffnen sie die Augen und verlassen um den 40. Lebenstag erstmals das Nest, in dem sie geboren wurden. Nun können sie auch schon feste Nahrung zu sich nehmen, werden aber noch weiter bis etwa zum 60. Tag gesäugt. Auch später saugen die Jungen noch gelegentlich, wobei sich die Mutter dann aber meist entzieht. Nur etwa jedes vierte oder fünfte Junge überlebt das erste Jahr. Die Geschlechtsreife der Weibchen kommt mit 1-3 Jahren. Das vermutliche Höchstalter von 12 Jahren wird bei den Eichhörnchen selten erreicht.
Feinde
Der wichtigste Feind des Eichhörnchens ist der Baummarder, der ebenso gewandt die Bäume erklettern kann. Zwar können sich Eichhörnchen oft auf die leichteren Äste retten, doch kann der Baummarder besser springen und erreicht sie auf diese Weise.
Aus der Luft droht Gefahr durch Greifvögel, insbesondere den Habicht. Wagen sich die Eichhörnchen zu weit in die Außenbereiche einer Baumkrone, können die Habichte in blitzschnellem Überraschungssturzflug zuschlagen.
In früheren Zeiten drohte auch vom Menschen viel Gefahr, da Eichhörnchen als Felllieferanten dienten und als Schädlinge angesehen wurden. Das Eichhörnchen schadet in der Forstwirtschaft durch Vernichten von Samen und Keimlingen der Waldbäume, durch Ausfressen von Knospen, Abbeißen junger Triebe und Abschälen von Baumrinde. Außerdem kann es Ameisennester sowie Gelege und Bruten nützlicher Vögel zerstören. In einem ökologisch intakten Wald kann das Eichhörnchen allerdings keinen Schaden anrichten; es ist vielmehr wichtiger Bestandteil des Ökosystems. Nachstellungen sind daher seltener geworden. In Parks und Gärten würde eine Jagd ohnehin an seiner Beliebtheit scheitern.
- Lexikon: Europäisches Eichhörnchen
- Steckbrief
- Hintergrund: Mastjahre von Buche und Eiche
- Strategien für den Winter
Bibliografie:
- Wolfgang Gewalt: Das Eichhörnchen, Die Neue Brehm-Bücherei Bd. 183, 2002
- Sybille Münch: Eichhörnchen im Bergmischwald. Populationsökologie, Aktivität, Raum- und Habitatnutzung, Münster 2000








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