Engelbert Humperdinck
Kindheit und Jugend

Engelbert Humperdinck wird am 1. September 1854 als erster Sohn des Lehrers Gustav Ferdinand Humperdinck und seiner Frau Gertrud Olivia in Siegburg (Rheinland) geboren. Obwohl die musikalischen Gene dem Kind von beiden Elternteilen in die Wiege gelegt wurden, sollte es doch vor allem Engelberts Mutter sein, die das außergewöhnliche künstlerische Talent ihres Sohnes nicht nur erkannte, sondern auch förderte.
Die Liebe zur Musik wird frühzeitig durch seine Mutter geweckt, die über eine gute Sopranstimme verfügt und allabendlich für ihre Kinder eine Art Hauskonzert veranstaltet, in dem sie u. a. Lieder von Beethoven und Schubert sowie Klaviersonaten zu Gehör bringt. Als Engelbert sieben Jahre alt ist, erhält er gemeinsam mit seiner zwei Jahre jüngeren Schwester Ernestine erstmals Klavierunterricht. Zunächst kann er diesem Unterricht aufgrund seines phantasielosen und pädagogisch wenig geschickten Lehrers nur wenig Begeisterung abgewinnen, doch diese Situation ändert sich schon bald, als ein Herr Hambach die musikalische Ausbildung der Geschwister übernimmt. Fortan beginnt sich Engelbert nicht nur mit Feuereifer in die Erarbeitung des pianistischen Repertoires zu stürzen, sondern er wird erstmals auch zu kleinen Kompositionen inspiriert, die - nach dem Vorbild der häuslichen Besetzung - für Singstimme und Klavier geschrieben sind und von Mutter und Schwester zur Uraufführung gebracht werden (Bahnwärters Abendlied bzw. Das Signalglöckchen). 1861 verarbeitet er Erlebnisse aus seiner kindlichen Umgebung zum Opus 1 Zu Mantua in Banden und widmet das Werk seiner Mutter zum Namenstag.
Einen entscheidenden Einfluss auf die weitere musikalische Laufbahn bedeutet im Jahr 1868 Engelberts erster Opernbesuch mit Albert Lortzings "Undine". Dies ist die Geburtsstunde des Bühnenkomponisten Engelbert Humperdinck. Zunächst setzt er sich noch eher theoretisch damit auseinander, indem er v. a. die Werke Mozarts im Klavierauszug studiert, Die Welt der Bühne sollte den zukünftigen Komponisten jedoch nie mehr loslassen.
Neben der Musik spielt die Religion eine elementare Rolle in Engelberts jungem Leben. Seine religiösen Erfahrungen sind von ähnlicher Intensität geprägt wie bei seinem österreichisch-ungarischen Zeitgenossen Franz Liszt und spiegeln sich vor allem in einer ausgeprägten Marienverehrung wider, der er sein Leben lang kompositorisch Ausdruck zu verleihen sucht.
Neben der musikalischen Ausbildung durch die Mutter treibt der Vater als Lehrer am Siegburger Gymnasium die intellektuelle Ausbildung seines Sohnes energisch voran. Engelbert ist jedoch bereits unheilbar vom Virus Musik befallen, eine Entwicklung, die der zwar musisch interessierte, jedoch eher praktisch orientierte Vater nicht gutheißen kann. Und so verfrachtet er seinen Filius für die letzten zwei Schuljahre kurzerhand nach Paderborn. Fern seiner gewohnten Umgebung und seiner musikalischen Freunde soll sein Blick auf eine akademische Laufbahn gerichtet werden.
Doch wie so oft im Leben geht auch diese Rechnung nicht auf: die väterliche Maßnahme hat genau den gegenteiligen Effekt und macht Engelbert umso deutlicher seine Bestimmung bewusst. Darüber hinaus hinterlassen die musikalischen Erlebnisse in der Domstadt mit einem regen Kulturleben nachhaltige Eindrücke. Zum Ende von Engelberts Schulzeit spitzt sich der Interessenkonflikt schließlich so zu, dass nicht nur die Eltern, sondern auch die Lehrer ernsthafte pädagogische Ermahnungen aussprechen, die nicht ohne Wirkung bleiben. Denn Engelbert fasst daraufhin einen drastischen Entschluss: er will der Musik gänzlich entsagen. Diese Entscheidung ist jedoch mit dem Verstand und nicht mit dem Herzen getroffen und so bricht sich die natürliche Begabung schon bald wieder Bahn. Kompositorische Zeugnisse dieser Zeit sind u.a. ein Ave Maria für Tenor und Streichquartett, die Klaviersonate d-Moll für seinen Freund Anton Winkel und die Ouvertüre zum Bühnenstück Claudine von Villa Bella (nach Goethe), die allerdings im Jahr 1874 wie viele andere seiner Frühwerke einem Brand im Siegburger Schulhaus zum Opfer fällt.
Architekturstudent
Nach dem erfolgreich bestandenen Abitur beginnt Engelbert zunächst ein Architekturstudium, das der Vater aufgrund seines künstlerisch-kreativen Anspruchs als geeignetes Äquivalent zu einem Beruf als Musiker betrachtet. Doch trotz ernsthaften Bemühens zieht es Engelbert immer mehr zur Musik, so dass der Vater sich schließlich mit einem Studienwechsel einverstanden erklärt - vorausgesetzt, dass Engelberts Begabung von berufener Seite bestätigt wird. "Schiedsrichter" in diesem Fall wird Ferdinand Hiller vom Kölner Konservatorium, dem zur Begutachtung u.a. die Ouvertüre "Claudine von Villa Bella" vorgelegt wird. Hiller ist von Engelberts offensichtlicher Begabung so überzeugt, dass er dem jungen Musiker ohne Vorbehalte zu einer professionellen Musikerlaufbahn rät.
Kölner Studienzeit
Überglücklich beginnt Engelbert Humperdinck am 27. Mai 1872 seine musikalischen Studien am Kölner Konservatorium. Auf dem Stundenplan stehen neben instrumentalpraktischen Studien in den Fächern Klavier, Cello und Orgel theoretische Inhalte wie Harmonielehre, Komposition - nach anfänglichem Unterricht bei Gustav Jensen ein halbes Jahr später bei Ferdinand Hiller persönlich - und Partiturspiel. Glücklicherweise beschert Engelberts außergewöhnliche Begabung dem jungen Studenten einen kostenlosen Studienplatz, was für den ohnehin nur mit einem schmalen Budget ausgestatteten Vater eine große Entlastung bedeutet, dem jungen Studenten jedoch eine entbehrungsreiche und arbeitsame Zeit beschert.
Von prägendem Einfluss in diesen Studienjahren ist die Freundschaft zu dem rund 30 Jahre älteren Richter und begabten Amateurgeiger Johannes Degen, der sich schon bald zu Engelberts künstlerischem Mentor entwickelt und dessen Hausmusikabende der junge Komponist in den nächsten Jahren regelmäßig mit neuen Werken bereichert. Pianistisch übt vor allem der renommierte Pianist Isidor Seiß (1840-1905, Schüler von Friedrich Wieck) einen bedeutenden Einfluss aus.
Das enorme nicht nur musikalische Arbeitspensum und die hohen - u.a. von seinem Klavierlehrer Isidor Seiß aufgestellten - künstlerischen Ansprüche ruinieren zunehmend die Gesundheit des eifrigen Studenten, worunter vor allem seine von Kindheit an anfälligen Atmungsorgane leiden. Dazu kommt am 30. August 1873 der Tod seiner erst siebzehnjährigen Schwester Ernestine, der er im zweiten Satz (Adagio) seines Streichquartetts e-Moll ("In memoriam defunctae") ein akustisches Denkmal setzt. Im August 1874 hat Engelberts Zustand ein Besorgnis erregendes Stadium erreicht, so dass seine Mutter rigoros durchgreift und den Sohn in ärztliche Obhut gibt. Nach kurzfristiger Besserung verschlechtert sich sein Zustand wieder und so tritt er im Sommer 1875 eine Kur in Bad Lippspringe an, wo erstmals ein Zusammenhang zwischen Engelberts physischer und psychischer Konstitution konstatiert wird.
Im Frühjahr 1876 beteiligt sich Engelbert auf Anregung Ferdinand Hillers mit seinem Streichquartett c-Moll an der Ausschreibung des Frankfurter Mozartpreises, den er prompt gewinnt. Wichtiger als die ideelle Anerkennung ist die damit verbundene finanzielle Unterstützung, die dem Musiker für weitere vier Jahre die Fortsetzung seiner Studien ermöglicht, zunächst noch in Köln, doch bereits wenige Monate später in München, wo ihn fortan zunächst der 74-jährige Franz Lachner unter seine musikalischen Fittiche nimmt.
München
München bedeutet nicht nur neue Impulse durch den Unterricht zunächst bei Franz Lachner (1803-1890) und dann Joseph Gabriel von Rheinberger (1839-1901), Inspiration durch die vielfältigen kulturellen Anregungen und Aktivitäten sowie einen wertvollen neuen Kontakt zum Generalintendanten der Münchner Oper, Baron Karl von Perfall. Obwohl die Zusammenarbeit mit Franz Lachner durch die nur wenige Wochen nach Studienbeginn ausgebrochene Krankheit Lachners nur äußerst kurz ausfällt, darf der Einfluss dieses Lehrers doch nicht unterschätzt werden, stellt er doch für Humperdinck eine lebendige Brücke zur Epoche der Klassik, zu Komponisten wie Schubert und Beethoven, die Lachner persönlich kannte, dar. Durch die zunehmende Wagner-Orientierung kühlt sich das Unterrichtsverhältnis zwar zunehmend ab, doch bleibt eine freundschaftliche Verbindung bis zu Franz Lachners Tod im Jahr 1890 bestehen. Joseph Rheinbergers Verdienst sollte es danach vor allem sein, dem Studenten auf der von Hiller gelegten Basis durch eine profunde technische Ausbildung im Fach Kontrapunkt das notwendige Rüstzeug zu vermitteln.
1878 entsteht im Auftrag der Königlichen Musikschule die Kantate für Soli, Chor und Orchester Die Wallfahrt nach Kevelaer auf einen Text Heinrich Heines für das Semester-Schlusskonzert, das am 15. Juli von begeisterten Musikern uraufgeführt und von Publikum und Presse gleichermaßen anerkennend gewürdigt wird. Ein Jahr später erlebt die von den Erinnerungen und musikalischen Reminiszenzen an einen mehrwöchigen Italienurlaub gespeiste Humoreske E-Dur für Orchester ebenfalls ihre Premiere mit dem Hochschulorchester.
Durch diese Erfolge ermutigt beschließt Humperdinck, sich an dem Mendelssohn-Wettbewerb zu beteiligen, für den eine Kantate für Soli, Chor und Orchester sowie ein symphonisches Werk eingereicht werden müssen. Als hätte es das Schicksal vorhergeahnt, hat er bereits für beide Kategorien ein fertiges Werk in der Schublade und so nehmen "Die Wallfahrt nach Kevelaer" und die "Humoreske" ihren Weg nach Berlin. Auch diesmal wird Engelbert Humperdinck der erste Preis zugesprochen, mit dem ein einjähriger Studienaufenthalt in Italien verbunden ist.
Italienische Impressionen
Am 5. Dezember 1879 bricht Engelbert Humperdinck mit Ziel Florenz nach Italien auf. Obwohl ihn das reiche kulturelle Erbe in den Museen und Galerien in seinen Bann zieht, muss er aus gesundheitlichen Gründen seinen Aufenthalt schon bald ins mildere Rom verlegen. Dort kann er sich zwar schon bald von seiner Bronchitis erholen, die erhoffte künstlerische Inspiration bleibt jedoch aus. Einzig der Kontakt mit dem germanophilen Pianisten, Komponisten und Dirigenten Giovanni Sgambatis (1841-1914) macht den römischen Aufenthalt für Humperdinck bedeutungsvoll. Daraus sollte sich eine enge Freundschaft entwickeln, die bis zu Sgambatis Tod bestehen bleibt. Im März 1880 reist Humperinck weiter nach Neapel, wo ihm eine der bedeutendsten musikalischen Begegnungen seines Lebens bevorstehen sollte.
Bereits überzeugter Jünger Wagners und seiner Musik ergreift Engelbert Humperdinck in Neapel die Gelegenheit, sich dem verehrten Tonkünstler, der zu dieser Zeit dort sein Bühnenweihfestpiel "Parsifal" vollendet, persönlich vorzustellen - eine Begegnung, die beider Wirken beeinflussen sollte und Humperdinck zu Wagners Assistenten in Bayreuth erhebt. Humperdinck bricht daraufhin seinen Italienaufenthalt im Juli 1880 vorzeitig ab - eine Entscheidung, die von Seiten seiner Freunde und Bekannten keineswegs befürwortet wird, befürchten diese doch eine zu starke Einflussnahme durch den dominanten Bayreuther sowie eine Vernachlässigung des eigenen künstlerischen Schaffens. Eine Ahnung, die Humperdincks musikalische Zukunft nur zu bald bestätigen sollte.
Während seines italienischen Intermezzos beschäftigt sich Engelbert Humperdinck vor allem mit der Bühnenmusik zu Aristophanes' Komödie Die Frösche, deren Auftrag er kurz vor seiner Abreise vom Intendanten des Münchner Hoftheaters erhalten hatte und zu der in Italien die Ouvertüre Der Zug des Dionysos entsteht.
Humperdinck und Wagner

Engelbert Humperdincks erste Begegnung mit Wagner und seiner Musik findet im Jahr 1873 während seiner Kölner Studienzeit statt. Am 24. April sitzt Humperdinck im Publikum, als der Maestro höchstpersönlich ein Konzert mit Ausschnitten aus verschiedenen seiner Opern sowie mit Beethovens Symphonie Nr. 3 dirigiert - eine angesichts der Anti-Wagner-Stimmung am Kölner Konservatorium sowie dem allgemein gespaltenen Verhältnis zu dem Komponisten fast revolutionäre Handlung des jungen Studenten. Im darauffolgenden Jahr erlebt Humperdinck mit den "Meistersingern von Nürnberg" erstmals eine Wagneroper live auf der Bühne. Mit dem Studienwechsel nach München im Jahr 1876 betritt er sozusagen den musikalischen Herrschaftsbereich Wagners. Mehr und mehr ergreift die künstlerische Persönlichkeit des Bayreuthers von ihm Besitz, was schließlich zu einer tiefen Schaffenskrise führt. "Wahrscheinlich ist es Wagner gewesen, der mich vollständig verwirrte, so dass ich mich ordentlich scheute, eine ehrliche Melodie zu erfinden und mich auf Motivarbeit beschränkte." Zum wagnerischen Schlüssel-Erlebnis wird für Humperdinck 1878 die Gesamtaufführung vom "Ring des Nibelungen" im Münchner Nationaltheater.
Humperdinck beginnt nun gezielt, Kontakte zu anderen Wagnerianern zu knüpfen, er verstrickt sich immer tiefer in die Wagnerische Ideologie und wird schließlich Mitglied im "Orden vom Gral", der sich für eine Verbreitung, für Verständnis und Akzeptanz von Wagners Gedankengut und künstlerischem Ideal einsetzt und seine Musik einem breiteren Publikum zugänglich machen will.
Nach der persönlichen Begegnung in Neapel im Jahr 1880 wird Humperdinck über Nacht nicht nur zum engsten künstlerischen Mitarbeiter Richard Wagners während der Vorbereitungen für die Uraufführung des "Parsifal", sondern erfährt eine für den launischen Maestro ungewöhnlich intensive emotionale Zuwendung. Wagners Tod nur drei Jahre später sollte Humperdinck sowohl persönlich als auch künstlerisch in einem luftleeren Raum zurücklassen. Dauerhaftes Zeugnis seiner Zusammenarbeit mit Wagner sind die Verwandlungsmusiken im ersten und zweiten Akt des "Parsifal", die Humperdinck auf eine für den Dekorationsumbau passende Zeit zur vollen Zufriedenheit Wagners erweiterte.
Als Meyerbeer-Stipendiat in Paris
Trotz des zeitweise schöpferischen Stillstandes während der Zusammenarbeit mit Richard Wagner entsteht 1880/81 mit der dramatischen Kantate Die Fischerin (wiederum auf einen Text von Goethe) eine neue Komposition Humperdincks, die er im März 1881 zusammen mit der Ouvertüre "Der Zug des Dionysos" für den Berliner Meyerbeer-Wettbewerb einreicht. Zum dritten Mal mit einem ersten Preis ausgezeichnet, erhält Humperdinck ein Stipendium für einen 18-monatigen Aufenthalt in Italien und Paris, wo der Komponist nach Abschluss des Parsifal-Projektes am 30. Oktober 1882 eintrifft. Doch das durch den Weggang von Bayreuth entstandene künstlerische Vakuum lässt sich in der Weltstadt, in der Humperdinck ein unbeschriebenes Blatt ist, nur schwer füllen. Darüber hinaus ist der schöpferische Brunnen ausgetrocknet und das musikalische Niveau der Seine-Metropole nicht gerade inspirierend.
In dieser Situation kommt eine Einladung Richard Wagners nach Venedig gerade recht: Engelbert Humperdinck soll dort die Stelle des Dirigenten am Konservatorium übernehmen. Als Humperdinck jedoch in Venedig eintrifft, löst sich das Angebot aufgrund aktueller politischer Verwicklungen zwischen Italien und Österreich sehr schnell in Luft auf. Im Januar 1883 reist Humperdinck nach Paris zurück, ohne zu ahnen, dass diesmal der Abschied von Richard Wagner ein endgültiger sein sollte. Denn nur wenige Wochen später, am 13. Februar, stirbt der Maestro in seinem venezianischen Palazzo, für Humperdinck ein unermessbarer Verlust: es ist nicht nur der Künstler, sondern auch der väterliche Freund, den er damit verliert: "Denn ich gehöre zu den wenigen Menschen, die nie etwas anderes als eine liebevolle, ja ehrende Behandlung von ihm erfahren haben (...)"
Obwohl sich nach seiner Rückkehr nach Paris u. a. durch ein Empfehlungsschreiben Franz Liszts zunehmend künstlerische Kontakte ergeben - zu dem französischen Komponisten Camille Saint-Saëns, dem russischen Dichter Iwan Turgenew oder der berühmten Sängerin Pauline Viardot-Garcia -, beschließt Humperdinck dennoch, sein Stipendium in südlicheren Gefilden fortzusetzen und reist im März 1883 nach Spanien ab. Es folgen drei mit kulturellen Erlebnissen prall gefüllte Monate, in denen Humperdinck im Intensivstudium Land und Leute nicht nur Spaniens, sondern nach einem Abstecher auf den afrikanischen Kontinent auch Marokkos kennen lernt. Kompositorisches Zeugnis davon legt später die Maurische Rhapsodie mit den drei Sätzen "Tarifa - Elegie bei Sonnenuntergang", "Tanger - Eine Nacht im Mohrencafe" und "Tetuan - Ritt in der Wüste" ab.
"Gastspiele" in Köln und Barcelona

In Köln wird Humperdinck zum 1. November 1883 die Stelle des 2. Kapellmeisters am Stadttheater angeboten. Doch wieder einmal währt die Freude nur kurz, denn nach dem Probemonat wird Humperdinck unter fragwürdigen Gründen entlassen. Auch der Posten des Stadt- und Universitätsmusikdirektors im benachbarten Bonn ist nur für kurze Zeit zum Greifen nah: in diesem Fall wird ihm sein Wagnerismus zum Verhängnis. Einen Lichtblick stellen in dieser Zeit die zunehmenden Aufführungen seiner Werke durch renommierte Dirigenten wie Hans von Bülow oder Hans Richter dar.
Als ein Wink des Schicksals erscheint Humperdinck in dieser Situation das durch den neuen Gürzenich-Kapellmeisters Franz Wüllner übermittelte Angebot für einen Lehrstuhl für Theorie und Komposition am Liceo Isabella II. in Barcelona. Nach reiflicher Überlegung nimmt Humperdinck an und reist im September 1885 nach Spanien. Wiederum ist das spanische Klima vor allem Balsam für seine angegriffene Gesundheit. Doch musikalisch wartet die nächste herbe Enttäuschung auf den mit ehrgeizigen Zielen und Hoffnungen erfüllten Lehrer, denn die nationale Musiktradition hatte seit Beginn des Jahrhunderts stagniert und statt dessen zeitgenössischen italienischen und französischen Entwicklungen Platz gemacht, so dass die trockene Beschäftigung mit Formenlehre, Kontrapunkt und Kompositionstechnik auf wenig Gegenliebe stößt. Die sprachlichen Hindernisse stellen darüber hinaus eine zusätzliche Barriere dar. Die Probleme türmen sich schon bald zu einem unüberwindlichen Berg, der Humperdinck enttäuscht resignieren lässt. Dies wird schließlich von gravierenden gesundheitlichen Rückschlägen begleitet. Liebevoll wieder aufgepäppelt von einem deutschen Ehepaar, erholt sich der Komponist zusehends und kann wiederhergestellt im Juli 1886 die Heimreise antreten.
Lektor in Mainz
Zurück in Deutschland fällt Humperdinck wieder in eine Schaffenskrise, in der er mit gnadenloser Selbstkritik sein bisheriges Schaffen als mittelmäßig verdammt. Eine Bestätigung bedeutet da die erfolgreiche Erstaufführung der überarbeiteten "Wallfahrt nach Kevelaer" am 18. Januar 1887 mit dem Gürzenich-Orchester unter der Leitung von Franz Wüllner. Noch enthusiastischer fällt die Rezeption des Werkes durch ein internationales Publikum während des 24. Tonkünstlerfestes des Allgemeinen Deutschen Musikvereins am 27. Juni aus. Doch auch diesmal ergibt sich aus seinem Kölner Wirken keine dauerhaft befriedigende Anstellung. In dieser Situation kommt ihm das Angebot vom Mainzer Musikverlag B. Schott's Söhne gerade recht, der ihm zum Sommer 1888 eine Lektorenstelle anbietet. Darüber hinaus arbeitet er als Musikrezensent für das "Mainzer Tagblatt" sowie später für die Frankfurter Zeitung. Zur Tätigkeit des Kritikers entwickelt Engelbert Humperdinck dabei einen ganz eigenen Ansatz: "Die Kritik, namentlich die musikalische, sollte endlich damit beginnen, ihre negative, nörgelnde Seite weniger zu betonen, als die positive hervorzuheben. Statt überall mit dem Finger in den wunden Stellen herumzufahren, sollte sie das Verständnis für die Einzelheiten vorbereiten und unterstützen (...). Ich gebe zwar zu, dass dies nicht so leicht durchzuführen ist; es ist weit interessanter zu lesen, wie einer nach allen Regeln der Kunst abgemurkst wird, als sich belehren zu lassen (...). Jedesmal, wenn ich einem eins versetzte, hieß es allenthalben: Bravo, ausgezeichnete Kritik! Wenn ich mich bemühte, mich in das, was der Betreffende dem Publikum sagen wollte, hineinzudenken, krähte kein Hahn danach. Auch beim Genesius, der von der ganzen Berliner Kritik heruntergerissen wurde, lag ja die Versuchung nahe, in dasselbe Horn zu stoßen; mir schien es jedoch würdier, das nicht zu tun."
Ehemann und Familienvater
Nach verschiedenen emotionalen Turbulenzen lernt Engelbert Humperdinck im Sommer 1889 die acht Jahre jüngere Hedwig Taxer kennen, mit der er sich wenig später an seinem 35. Geburtstag verlobt und die er am 19. Mai 1892 vor den Traualtar führt. Hedwig Humperdinck sollte in den gemeinsamen Ehejahren nicht nur Engelberts privates Leben bereichern und ihm fünf Kinder schenken - von denen die Tochter Olga jedoch gerade einjährig 1899 verstirbt -, sondern auch zu einer unentbehrlichen Beraterin werden, die u. a. das Libretto zu der komischen Oper Die Heirat wider Willen verfasst.
Hänsel und Gretel - der künstlerische Durchbruch

Den entscheidenden Anstoß für dieses heute vor allem mit dem Komponisten Engelbert Humperdinck assoziierte Bühnenwerk gibt seine Schwester Adelheid, verheiratete Wette, die ihren Bruder 1890 für einige musikalische Beiträge zu einem Theaterstück auf der Basis des Märchens "Hänsel und Gretel" von Ludwig Grimm bittet. Aus den 16 Nummern mit Klavierbegleitung, die Humperdinck wenig später seiner Verlobten Hedwig widmet, entsteht schließlich ein abendfüllendes Bühnenwerk, das am 23. Dezember 1893 in Weimar unter der Leitung von Richard Strauss im dortigen Hoftheater uraufgeführt wird. Dies bedeutet für Humperdinck nicht nur den künstlerischen Durchbruch, sondern vor allem auch finanzielle Sicherheit, die ihn fortan von seinen oft lähmenden existenziellen Sorgen befreien sollte. Gleichzeitig reißt der beruflich so lange umwölkte Himmel endlich auf, denn 1890 erhält Engelbert Humperdinck einen Lehrauftrag am Hochschen Konservatorium in Frankfurt für die Fächer Solfeggio, Partiturspiel und Chorleitung.
Weitere Bühnenwerke
Der grandiose Erfolg mit "Hänsel und Gretel" bedeutet für Humperdincks Kreativität eine regelrechte Energiespritze und sollte einen Kreativitätsschub auslösen. In den nächsten Jahren entstehen vermehrt Kompositionen für die Bühne, die mit unterschiedlichem Erfolg uraufgeführt werden und unter denen vor allem die "Königskinder" hervorzuheben sind.
| Titel | Libretto | Entstehungsjahr |
| Bübchens Weihnachtstraum (Melodramatisches Krippenspiel) | Gustav Falke | 1906 |
| Das Wunder (Das Mirakel; Pantomime) | Karl Vollmöller | 1911 |
| Die Heirat wider Willen (Komische Oper) | Hedwig Humperdinck nach Alexandre Dumas d.Ä. | 1899 |
| Die Marketenderin (Singspiel) | Robert Misch | 1914 |
| Die Sieben Geislein (Märchenspiel) | Adelheid Wette | 1895 |
| Dornröschen (Märchenoper) | Elisabeth Ebeling, B. Filhes | 1902 |
| Gaudeamus (Spieloper) | Robert Misch | 1919 |
| Königskinder (Traum-Pantomime bzw. Märchenoper) | Ernst Rosmer | 1896/97 |
Berlin und das Deutsche Theater
Im September 1900 erhält der inzwischen vielfach geehrte Humperdinck ein neues Angebot: das Berliner Kultusministerium bietet ihm die Übernahme der Meisterklasse für Komposition als Nachfolger von Max Bruch an. Schweren Herzens entschließt sich die mittlerweile in Boppard am Rhein heimisch gewordene Familie im Dezember 1900 zum Umzug nach Berlin. Dort kommt es neben der Lehrtätigkeit zu einer fruchtbaren Zusammenarbeit mit dem renommierten Theater-Regisseur Max Reinhardt (1905-1912), der ihn um Bühnenmusiken zu verschiedenen Shakespeare-Inszenierungen am Deutschen Theater bittet. Aus dieser Zeit stammen folgende Schauspielmusiken:
| Titel | Autor des literarischen Werkes | Entstehungsjahr |
| Das Wintermärchen | Gleichnamiges Werk von William Shakespeare | 1906/07 |
| Der Kaufmann von Venedig | Gleichnamiges Werk von William Shakespeare | 1905 |
| Der Sturm | Gleichnamiges Werk von William Shakespeare | 1906 |
| Lysistrata | Gleichnamiges Werk von Aristophanes | 1908 |
| Was ihr wollt | Gleichnamiges Werk von William Shakespeare | 1907 |
Die letzten Jahre
Am 5. Januar 1912 erleidet Engelbert Humperdinck einen schweren Schlaganfall. Obwohl er sich davon zunehmend erholt, bleibt seine linke Hand von diesem Zeitpunkt an gelähmt. Im Sommer 1915 beginnt er die Arbeit an seinem letzten Bühnenwerk "Gaudeamus", das er drei Jahre später - trotz einer inzwischen teilweisen Ertaubung - mit Unterstützung seines Sohnes Wolfram beenden kann. Die Jahre zwischen 1914 und 1918 sind kompositorisch von den Eindrücken des Ersten Weltkrieges gekennzeichnet. Als ein Sinnbild der Hoffnung für einen "baldigen Friedensschluss" entsteht zu Beginn des Jahres 1915 die Männerchorkomposition Benediktus. Ein patriotischer Grundton durchzieht vor allem das Auftragswerk Das Lied vom schwarzen Adler für gemischten Chor, Blechbläser, Pauken und Trommeln.
Als am 8. März 1916 Humperdincks treue Gefährtin und Ehefrau, die ihn nach seinem Schlaganfall aufopfernd gepflegt hatte, völlig unerwartet an den Folgen einer Lungenentzündung stirbt, bedeutet dies für Humperdinck einen Schlag, von dem er sich letztlich nicht mehr erholt. Einen letzten Höhepunkt bedeutet die Dirigenten-Premiere seines Sohnes Wolfram mit Webers Oper "Der Freischütz" am 25. September 1921. Doch während der zweiten Vorstellung am folgenden Tag erleidet Engelbert Humperdinck einen erneuten Schlaganfall, der sich durch eine hinzutretende Lungenentzündung als tödlich erweist. Engelbert Humperdinck stirbt am 27. September in Berlin und wird wenige Tage später auf dem Waldfriedhof in Berlin-Stahnsdorf beigesetzt. Ein paar Wochen später finder in der Berliner Staatsoper eine offizielle Gedenkfeier statt, bei der der Komponist mit einer Aufführung seines größten Erfolges "Hänsel und Gretel" gewürdigt wird.
Werk

Engelbert Humperdinck lebt heute vor allem durch seine Märchenoper "Hänsel und Gretel" weiter. Dass er jedoch nicht nur zu den bedeutendsten Komponisten der Jahrhundertwende zählt, sondern auch ein vielfältiges Œuvre hinterlassen hat, das es noch zu entdecken gilt, verrät ein Blick in sein Werkeverzeichnis.
Unter seinen insgesamt rund 200 Werken nehmen die Lieder und Werke für Chor eine zentrale Stellung ein. Die Wurzeln zu der Favorisierung dieser Gattung liegen sicherlich vor allem in Engelberts Kindheit, als er durch die singende Mutter erste Erfahrungen mit Musik überhaupt sammelte. Von seinen Liedern sind Titel wie Brüderchen, komm tanz mit mir oder Ein Männlein steht im Walde zu Klassikern der Volksliedliteratur geworden. Auch für sein Opern- bzw. bühnendramatisches Schaffen war das Lied von elementarer Bedeutung und bildete oft die Keimzelle seiner kompositorischen Arbeit.
Für die Geschichte der Gattung Oper kommt Engelbert Humperdinck eine nicht zu unterschätzende Bedeutung zu, stellt er doch ein Bindeglied zwischen der romantischen Oper und den Melodramen Arnold Schönbergs dar.
Ein weiterer Schwerpunkt von Humperdincks Arbeit lag in der Bearbeitung fremder Werke, darunter viele Kompositionen von dem hoch verehrten Richard Wagner sowie Werke von Bach, Beethoven, Liszt und Sgambati, die zumeist für Klavier für zwei oder vier Hände transkribiert wurden. Diese Arbeiten - zum Teil Auftragswerke - beanspruchten oft einen großen Teil seiner Zeit, der nicht nur rein rechnerisch, sondern auch schöpferisch zu Lasten seiner eigenen Kompositionen ging.
Bibliografie:
- Wolfram Humperdinck: Engelbert Humperdinck. Das Leben meines Vaters, Koblenz 1993
Institution(en):
- Engelbert-Humperdinck Gesellschaft 1991 e. V.Kreuzweg 6b, D-56154 Boppard06742/2858









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