Fanny Hensel
Zeit und Welt
Geschichtlich-kultureller Hintergrund
Vier Koalitionskriege und der Expansionsdrang des französischen Kaisers Napoleon haben nicht nur auf den Schlachtfeldern, sondern auch in den Seelen der Menschen ihre Spuren hinterlassen. Nach den ersten Revolutionsbemühungen und einer von Unstetigkeit geprägten Zeit gewinnt daher in den Jahren nach dem Wiener Kongress die Suche nach stabilen inneren und äußeren Werten zentrale Bedeutung. Dies spiegelt sich im alltäglichen Leben und der Kultur dieser als "Biedermeier" bekannten Jahre zwischen 1815 und 1848 wider.
Die Kultur des Biedermeier ist daher von der Suche nach einem friedlich-beschaulichen, kleinbürgerlichen Leben gekennzeichnet. In der Malerei herrschen idyllische Landschaftsbilder und Porträts von unpathetischen, einfachen Menschen vor.
Der Beginn des 19. Jahrhunderts erlebt auch die letzte dichterische Blüte der Klassik: Johann Wolfgang von Goethe und Friedrich Schiller schreiben einige ihrer Meisterwerke wie den "Faust I und II", die "Wahlverwandtschaften", den "Westöstlichen Divan" oder die "Marienbader Elegien" sowie die "Wallenstein"-Trilogie, "Maria Stuart", "Die Jungfrau von Orleans" und einige der bedeutendsten Balladen wie "Die Kraniche des Ibykus" und "Das Lied von der Glocke".
Gleichzeitig beginnt sich mit der Epoche der Romantik ein vollkommen anderes Lebensgefühl auszubreiten, das seine ersten literarischen Niederschläge in den Werken eines Novalis, in den Novellen Ludwig Tiecks, den Kunstmärchen E. T. A. Hoffmanns oder der Volksliedsammlung Clemens von Brentanos und Achim von Arnims findet.
Diese vielfältigen geistig-kulturellen Eindrücke und Einflüsse haben Fanny Hensel ebenso geprägt wie die Traditionen und Lebensphilosophie in ihrem Elternhaus. Dabei wird sie künstlerisch allerdings mehr auf die Traditionen denn auf die neue musikalische Sprache der Romantik ausgerichtet sein, das Bodenständige dem flirrenden Sentiment vorziehen.
Familiärer Hintergrund
War Fannys Urgroßvater Mendel Mendelssohn noch ein einfacher, aber gebildeter rabbinischer Lehrer an einer jüdischen Grundschule, so katapultierte sich ihr Großvater Moses Mendelssohn mit Fleiß, Ausdauer und Zähigkeit bereits in jungen Jahren zu einem angesehenen und einflussreichen Berliner Bürger, dessen geschäftlicher Erfolg mit einem unstillbaren Durst nach Wissen und Bildung einherging und der bald zu einem der Hauptvertreter der Berliner Aufklärung avancierte: "Ein von der Natur in eine primitive Horde geworfener, völlig mittellos geborener Mann ist unter die größten Schriftsteller aufgestiegen, die das Jahrhundert in Deutschland erlebt hat." (Mirabeau) Gleichzeitig war er einer der wichtigsten Befürworter der deutschen Judenemanzipation, der den jüdischen Glauben innerhalb der deutschen Gesellschaft zu etablieren suchte. Für Fanny und ihre Geschwister ist der Großvater von klein auf ein menschliches, intellektuelles und religiöses Vorbild.
Bibliografie:
- Ute Büchter-Römer: Fanny Mendelssohn-Hensel, rororo, 2001
- Thea Derado: Fanny Mendelssohn Hensel, 2005
- Roswitha Fröhlich: Wer war Fanny Hensel? Auf den Spuren von Fanny Mendelssohn. Verlag H. Ellermann, Hamburg 1997
- Martina Helmig (Hrsg.): Fanny Hensel, geborene Mendelssohn-Bartholdy. Das Werk. Edition Text & Kritik, München 1997
- Paul A. Koch: Fanny Hensel geb. Mendelssohn: Kompositionen. Eine Zusammenstellung der Werke, Literatur und Schallplatten. Zimmermann Musikverlag, Frankfurt 1993
- Antje Olivier: Mendelssohns Schwester. Fanny Hensel, Musikern Komponistin Dirigentin. Droste Verlag, Düsseldorf 1997








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