Film: Mehr als 100 Jahre
Entstehungsgeschichte und Weiterentwicklung der Filmkunst in mehr als 100 Jahren

Ohne diese entscheidende Frühgeschichte der Filmkunst, in der schon viele Darstellungsformen und experimentelle Möglichkeiten des Mediums anklingen, würden die heutigen Filmströmungen und Genres nicht nur ihre über 100 Jahre zurückliegende Entstehungsgeschichte verlieren, sondern auch ihre technischen und ästhetischen Voraussetzungen und damit ihre Vorbilder und Tradition. Der Filmpublizist Georg Seeßlen kommentiert die filmhistorische Tradition folgendermaßen: "Kaum etwas, das sich in der Geschichte des Kinos entwickeln sollte, war nicht schon in seiner Vorgeschichte geahnt; das Kino schritt nie einfach nach vorn, seine Geschichte ist kreisförmig, es versucht beständig, sich selbst einzuholen und ist mit jedem neuen Schritt unter anderem auch wieder dort, wo es angefangen hat" (G. Seeßlen in der Filmzeitschrift "epd Film" vom Februar 1995). Der US-amerikanische Filmexperte James Monaco macht auf eine seit Beginn der Filmgeschichte im Jahre 1895 angelegte Zweiteilung (Dichotomie) der Filmkunst aufmerksam: die realistische Wiedergabe (das Dokument) und die dramaturgisch gesteigerte Fantasie (Illusion).
Die Gebrüder Lumière nutzten den Film als Dokument, als Möglichkeit der Realitätsabbildung. So fährt ein Zug in einen Bahnhof ein oder Arbeiter verlassen die fotografische Fabrik der Lumières.
In dieser Darstellung des Selbstverständlichen besteht der qualitative Umschlag des Mediums Film, der ihn von den anderen, älteren Kunstformen (Musik, Theater) abhebt und das Einmalige seiner Tradition ausmacht: "Eine vollständig neue Perspektive eröffnete sich nicht nur durch die Platzierung der Kamera, sondern auch durch ihre Fähigkeit, alles gleich fremd, alles gleich vertraut erscheinen zu lassen" (G. Seeßlen).
Gegen diese reizvolle Wiedergabe von schon bekannten Wirklichkeitsbildern ergriff Georges Méliès die Chance, den Film zur spannenden Veränderung der Realität, als dramatische Illusionsmaschine einzusetzen. So produzierte er - neben der wohl ersten Nacktszene im Film ("Nach dem Ball unter die Dusche") - Fantasien wie das Werk die "Die Reise zum Mond" (1902), das außerdem das Genre des Sciencefictionfilms begründete und in dem eine Rakete direkt im rechten Auge des von Méliès selbst dargestellten "Mondgesichtes" landet.
Edwin S. Porter gelang es 1903 in zwei frühen Klassikern der Filmgeschichte nicht nur eine flüssige Parallelmontage ("Das Leben eines amerikanischen Feuerwehrmannes"), sondern auch den ersten Gangsterfilm und eine Verfolgungsjagd zu zeigen ("Der große Eisenbahnraub"). Allerdings ist es müßig eine Rekordliste von filmtechnischen Entdeckungen zu erstellen. Entscheidender ist, dass diese Mittel technisch nutzbar waren, wie sie künstlerisch eingesetzt wurden und was sie für die ästhetische Entwicklung des Films bedeuteten und bedeuten. Daher ist das Beispiel der Parallelmontage und der damit dramatisch gesteigerten Möglichkeit, eine Verfolgungsjagd durch den Rhythmus des Blickwechsels zu inszenieren, typisch. Denn diese Darstellung gestaltet bis heute das dramatische "Parademodell für den Kampf zwischen Held und Bösewicht" (J. Monaco), zwischen Gut und Böse.
Eine weitere, bis heute gültige Polarisierung zeigte sich im Schaffen von D. W. Griffith und seinem Schüler Mack Sennett. Erstgenannter kam vom Theater und machte seine Kenntnisse theatralischer Effekte (Beleuchtung) und der Schauspielerführung fruchtbar. Obwohl Griffith die Gegensätzlichkeit von Sex & Crime und tugendhafter Lebensweise in der bis heute aktuelle Erzählform des Melodrams verschmolz, blieb er doch der Theatralik und Steifheit der viktorianischen Sentimentalität verhaftet. Aber gerade der Ruf der "Unseriosität", der dem Film seit seiner Entstehung als Jahrmarktattraktion bis heute anhängt, macht auch das expressive Potenzial und seine sprühende Lebendigkeit aus. Folgerichtig drehte Mack Sennett tempo- und gagreiche Komödien ("Slapstick") und ließ sich von modernen künstlerischen Gestaltungsformen, wie Dadaismus und Surrealismus, anregen. So vermittelt der surrealistische, von Salvador Dalí und Luis Buñuel montierte Film "Ein andalusischer Hund" (1928) einen frühen Eindruck der verstörenden Macht und fesselnden Suggestivkraft, die der Wirklichkeit enthobene Bilder auslösen können, und weist damit weit in die Moderne.
Der deutsche Film nach dem Ersten Weltkrieg wurde einmal durch realistische und sozialkritische Arbeiten geprägt ("Die freudlose Gasse", 1925 von G.W. Papst; "Mutter Krausen"s Fahrt ins Glück", 1929 von Piel Jutzi; "Kuhle Wampe oder: Wem gehört die Welt?", 1932 von Slatan Dudow nach B. Brecht). Dagegen wurde der zeitgleiche deutsche expressionistische Film (Fritz Lang, Robert Wiene, F.W. Murnau) durch die expressive Fantasie der Ausstattung, der künstlichen Dekorationen, der sog. "Mise en Scène", weltberühmt. Die sowjetischen Filmemacher nach der Revolution 1917 (Sergej Eisenstein: "Panzerkreuzer Potemkin", 1925; W.I. Pudowkin: "Die Mutter", 1926; Dziga Vertov: "Der Mann mit der Kamera", 1929) forcierten die Macht der Montage, die Assoziationen weckt und Kontraste herausstellt.
Mit der Machtübernahme der Nazis in Deutschland (1933) und der folgenden Emigration vieler (Film-) Künstler, aber auch aufgrund der mächtigen US-amerikanischen Studios und der von ihnen geprägten Genres, die den einzelnen Filmemacher ("Auteur") zurückdrängten, ist die Geschichte des Films bis nach dem Zweiten Weltkrieg die Geschichte Hollywoods. Seine ästhetische wie ökonomische "goldene Ära" fand durch den Starkult (z. B. um Greta Garbo), die sog. "Schwarze Serie" und durch Arbeiten von John Huston ("Der Schatz der Sierra Madre", 1947), John Ford, Howard Hawks (z. B. "Scarface", 1932; "Red River", 1948), Raoul Walsh, Orson Welles und des Briten Alfred Hitchcock ihre Ausprägung.
In einer umfangreicheren als der vorliegenden Darstellung der Filmkunst müsste auch die Bedeutung der nationalen Kinematographien während des und nach dem Zweiten Weltkrieg unterstrichen werden, so z. B. des "Film noir" in Frankreich und des "Neorealismus" in Italien, vor allem aber die seit Beginn der 1960er Jahre einsetzende Entwicklung. Wir müssen uns hier aber mit der Nennung der verschiedenen Bewegungen und Gruppen begnügen, die bis 1980 als "Neue Wellen" - ausgehend von der französischen "Nouvelle Vague" - in Ost- und Westeuropa, Lateinamerika, Afrika, Asien und später auch in den USA reüssierten. Die Filmemacher der "Nouvelle Vague" arbeiteten zunächst als Kritiker der Filmzeitschrift "Cahiers du Cinéma" und forderten ein "Kino der Autoren"; zu ihnen gehörten u. a. J.-L. Godard, F. Truffaut, C. Chabrol, E. Rohmer und J. Rivette.
Der "Neue Deutsche Film" erneuerte ebenfalls - wie der französische seit 1959 - sowohl durch neue technische Mittel (z. B. Handkamera), alternative und teilweise autonome Produktions- und Verleihwege als auch durch die Abkehr vom Drama und eine ästhetische Aufwertung der Sprache des Films und seiner politischen und sozialen Aussagemöglichkeiten (und Implikationen) die Filmkunst. Seine wichtigsten Vertreter waren R.W. Fassbinder, A. Kluge, der französischstämmige J.-M. Straub, Wim Wenders, Werner Herzog, V. Schlöndorff, W. Schroeter und R. Thome.
Die Filmgeschichte nach dem Zweiten Weltkrieg war und ist durch die Konfrontation zwischen Fernsehen und Film und dessen Internationalisierung gekennzeichnet. Ein gewandeltes Freizeit- und Konsumverhalten, vor allem aber der enorme Siegeszug des billigeren und bequemeren Fernsehens (und später des Videos) führten seit Ende der 1950er Jahre in allen entwickelten Ländern zu einem drastischen Rückgang der Besucherzahlen. In Deutschland war 1957 mit 7000 Lichtspieltheatern und 2,3 Millionen Sitzplätzen ein Höhepunkt erreicht; Ende der 1980er Jahre bestand nur noch die halbe Anzahl an Kinos mit weniger als einem Drittel der Sitzplätze. Konkret reduzierte sich der Filmbesuch von 818 Millionen (1956) auf um die 100 Millionen in den späten 80er-Jahren.
Durch das US-amerikanische Konzept der sog. "Multiplex-Kinos", seit 1985 in Europa, seit 1990 in Deutschland (Köln) wurde dieser Trend aufgehalten. Diese als Konsumtempel angelegten "Vielfach-Kinos" bieten nicht nur Zentren mit zahlreichen, mehrere tausend Zuschauer fassenden Filmtheatern, sondern ergänzen sie durch eine Vielzahl von Unterhaltungseinrichtungen, wie Restaurants, Bars, Cafés und Souvenir-Shops. Ihre konzeptionelle Absicht besteht neben Ablenkung und Amüsement darin, das Kino in seiner Funktion als wichtigsten Vertriebskanal für Filme sowie als Promotion-Instrument für die Vertriebswege Video und Fernsehen zu stärken.
Seit den frühen 1980er Jahren tritt der Film in eine neue Periode, in der die fiktionale Welt des Kinos durch weitere Angebote an "virtuellen", also künstlichen Welten, z. B. des Computers, vervielfacht wird. Wie wir schon bei den "Multiplex-Kinos" gesehen haben, wird der Film von einem weitgefächerten Angebot der Unterhaltungs- und Kommunikationsmedien sowie des Konsums umfasst und erhält daher eine veränderte Funktion im Mediensystem. Ungebrochen ist im Weltkino die Dominanz Hollywoods. Diese zeigte sich zuletzt in den kommerziellen Erfolgen der Trilogien "Matrix" und "Der Herr der Ringe" (2003 abgeschlossen).
- Entstehungsgeschichte und Weiterentwicklung der Filmkunst in mehr als 100 Jahren
- Filmklassiker (Auswahl)
Bibliografie:
- Hans-Michael Bock (Hrsg.): Cinegraph. Lexikon zum deutschsprachigen Film (Loseblattsammlung), München 1984 ff
- Die Chronik des Films, Gütersloh/München
- Wolfgang Jacobsen u.a. (Hrsg.): Geschichte des deutschen Films, Stuttgart 2004
- Dieter Krusche: Reclams Filmführer, Stuttgart 2008
- Silvio Neubauer: VideoLEX. Die Geschichte des Films von 1907 bis 2007 auf VHs und DVD, Wien 2007









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