Geschichte Europas: Erster Weltkrieg
Erster Weltkrieg
Mit dem Ersten Weltkrieg (1914-1918) weitete sich erstmals ein Krieg vom europäischen Schauplatz zu einem weltweit geführten Kampf aus. Gegenüber standen sich die Mittelmächte - Deutsches Reich, Österreich-Ungarn, das Osmanische Reich, und Bulgarien sowie Italien (das 1915 die Seiten wechselte) - und die Entente aus Großbritannien, Frankreich und Russland. Ihr schlossen sich die USA und zahlreiche europäische Verbündete an.
Es gab im Vorfeld des Krieges verschiedene internationale Problemfelder sowie Interessensgegensätze und Spannungen zwischen den europäischen Mächten. Dazu gehörten die Flottenrivalität zwischen Großbritannien und dem Deutschen Reich, die Marokkokrisen von 1905/06 und 1911 zwischen dem Deutschen Reich und Frankreich, die bosnische Annexionskrise von 1908/09 während der Expansion Österreich-Ungarns auf den Balkan und die beiden Balkankriege von 1912 und 1913. Die Spannungen zwischen den europäischen Mächten bewirkten den Abschluss einer Reihe von Defensivbündnissen, die schließlich - nachdem das Attentat von Sarajevo auf den österreichischen Thronfolger Franz Ferdinand am 28. Juni 1914 und das österreichisch-ungarische Ultimatum an Serbien den Stein erstmals ins Rollen gebracht hatten - den Krieg unausweichlich werden ließen.
Der erste technisierte Krieg erreichte mit dem Einsatz neuer Waffen wie Panzer und bombenbestückten Flugzeugen sowie dem chemischen Kampfstoff Giftgas nie gekannte Dimensionen. Er bezog die Zivilbevölkerung durch Lebensmittelrationierungen, Frauenarbeit und Bombardierung von Städten aus der Luft in verstärktem Ausmaß ein.
In den ersten Kriegswochen ging die strategische Initiative zunächst von den Mittelmächten aus, später lag sie zunehmend bei den Alliierten. An der Ost- und Südostfront gelangen den Mittelmächten immer wieder Durchbrüche, im Westen erstarrte die Front in einem verlustreichen Stellungskrieg. Der uneingeschränkte U-Boot-Krieg des Deutschen Reiches, der die Seeblockade Großbritanniens beenden sollte, bewirkte den Eintritt der USA in den Krieg. Die Revolution in Russland und der Friede von Brest-Litowsk (1918) brachten den Mittelmächten zwar eine Entlastung an der Ostfront, konnten die militärische Niederlage jedoch nicht aufhalten.
Während des Krieges vollzogen sich vor allem in den Monarchien des Deutschen Reiches, Österreich-Ungarns und Russlands sowie im Osmanischen Reich politische Umwälzungen. Die Oktoberrevolution in Russland 1917 setzte erstmals sozialistische Ideen in die Praxis um. Im Deutschen Reich und in den Nachfolgestaaten der Habsburger Monarchie erfolgte der Übergang zu demokratisch-republikanischen Staatsformen. Das Osmanische Reich verlor seine Rolle als Großmacht. Der Eintritt der USA in den Krieg (1917) verschob das Schwergewicht der Weltpolitik. Europa verlor seine Hegemonialstellung. Die USA stiegen zur führenden Weltmacht auf. Im Fernen Osten konnte sich Japan während des Krieges als dominierende Macht etablieren. In den Kolonialländern begann der Kampf um Unabhängigkeit.
Die militärische Niederlage, die katastrophale Ernährungssituation, die diktatorische Regierungsweise, die in der Arbeiterschaft seit den ersten Kriegsverlusten wachsende Opposition gegen die herrschenden Schichten und ihre imperialistische Politik, die Forderung nach politischer Gleichberechtigung und das Beispiel der russischen Revolution von 1917 führten im Deutschen Reich und in Österreich-Ungarn zu revolutionären Unruhen. Die Monarchien wurden gestürzt und Republiken ausgerufen. Sozialdemokratische Parteien trugen diese neuen Staaten, neben ihnen gründeten sich während des Krieges zuerst in Russland, dann auch im Westen kommunistische Parteien. Traditionelle Werte waren durch Krieg und Revolution zerfallen, Zweifel an der Politik und althergebrachten Grundsätzen prägten die Jugend in Europa. In dieser Situation versuchten die Sieger eine Neuordnung des Kontinents.
Versailler Vertrag von 1919
Das Ende des Krieges und die Kapitulation im Wald von Compiègne in der Nähe von Paris hinterließ vor allem auf Seiten der Militärs, aber auch in den konservativ-bürgerlichen Schichten des Deutschen Reiches eine Stimmung, die bereits den Sprengstoff für die kommenden Jahrzehnte lieferte. Den Trägern der neuen Republik warfen sie vor, den "im Felde" unbesiegten deutschen Truppen mit der Annahme des Waffenstillstands in den Rücken gefallen zu sein.
Der 1919 geschlossene Friedensvertrag von Versailles sollte sich für die weitere politische Entwicklung in Europa als schwere Hypothek erweisen.
Die deutsche Delegation hatte die Bedingungen am 7. 5. 1919 in Versailles entgegengenommen, konnte sich jedoch nur schriftlich zu diesem Friedensdiktat äußern. Die Bekanntgabe der Friedensbedingungen rief in Deutschland Empörung hervor
Am 28. 6. 1919 unterzeichneten die Vertreter des Deutschen Reiches und der Alliierten im Spiegelsaal des Schlosses von Versailles den Vertrag. Der Reichstag hatte sich trotz Protest zur Annahme entschlossen, um einem Einmarsch der alliierten Truppen zu entgehen. Nach den Bestimmungen des Friedensvertrages verlor das Deutsche Reich rund 70 000 Quadratkilometer seines Staatsgebietes. Außerdem musste es sämtliche Kolonien abtreten. Dem Deutschen Reich wurde die Alleinverantwortung für den Ausbruch des Krieges angelastet. Danzig kam als Freie Stadt unter die Hoheit des Völkerbundes; das Saargebiet wurde für 15 Jahre der Verwaltung des Völkerbundes unterstellt. Die Stärke des deutschen Heeres wurde auf 100 000 Mann, die der Marine auf 15 000 Mann beschränkt; der Besitz von Militärflugzeugen, Panzern und schwerer Artillerie wurde Deutschland verboten. Auf linksrheinischem Gebiet und in einer 50-km-Zone rechts des Rheins durfte Deutschland keine Truppen stationieren; das linksrheinische Gebiet wurde zeitweilig von alliierten Truppen besetzt. Deutschland wurde der Ersatz aller verschuldeten Kriegsschäden (Reparationen) aufgebürdet. Der Versailler Vertrag trat am 10. 1. 1920 in Kraft. Der amerikanische Kongress ratifizierte den Frieden nicht. Er schloss 1921 einen Sonderfrieden ohne Kriegsschuldklausel.
Pariser Vorortverträge
Nachdem der zentrale Vertrag mit dem Deutschen Reich, der Vertrag von Versailles, im Juni 1919 abgeschlossen war, folgten die Verträge mit den übrigen Besiegten.

Die Pariser Vorortverträge wurden nach den Orten an denen sie ausgehandelt wurden bezeichnet. Der Friedensvertrag von Saint-Germain-en-Laye besiegelte am 10. 9. 1919 das Ende der österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie und begrenzte Österreich auf die Umgebung Wiens und einige Alpenländer. Der Anschluss an Deutschland wurde verboten. Österreich musste die Unabhängigkeit des wiedererstandenen Polen und der aus dem ehemaligen Vielvölkerreich entstandenen Tschechoslowakei und des südslawischen Königreiches der Serben, Kroaten und Slowenen anerkennen. Andere Gebiete gingen an benachbarte Staaten: Südtirol, Triest, Istrien, Dalmatien, sowie Teile von Krain und Kärnten. Das Burgenland wurde Österreich zugesprochen.
Ungarn schloss seinen Friedensvertrag, am 4. 6. 1920 im Schloss Grand Trianon im Park von Versailles. Die Slowakei und weitere Gebiete gingen im neuen Staat Tschechoslowakei auf, Kroatien und Slawonien wurden Teil des neuentstandenen südslawischen Königreiches, die Bukowina, Siebenbürgen und ein Großteil des Banats kamen an Rumänien.
Bulgarien verlor in Neuilly-sur-Seine am 27. 11. 1919 die südwestthrakischen Küstengebieten an Griechenland und makedonische Gebiete an das südslawische Königreich. Außerdem musste Bulgarien Entschädigungen zahlen.
Der Friede von Sèvres bestimmte u. a. am 10. 8. 1920, dass die aus dem untergegangenen Osmanischen Reich entstandene Türkei Ostthrakien und die ägäischen Inseln an Griechenland abtreten und in die Internationalisierung der Meerengen einwilligen müsse. Dieser Frieden wurde von der revolutionären Bewegung unter Mustafa Kemal Pascha nicht akzeptiert. Der Versuch, die Bestimmungen dennoch durchzusetzen, führte zum griechisch-türkischen Krieg, in dem Griechenland unterlag. Im Friedensvertrag von Lausanne im Jahr 1923 wurden die Bestimmungen von Sèvres teilweise revidiert. Eine Umsiedelung griechischer und türkischer Bevölkerungsgruppen in ihr jeweiliges Mutterland beendete die direkten Auseinandersetzungen.
Bibliografie:
- Chronik-Handbuch Europa. Gütersloh/München 1998
- Die große Chronik Weltgeschichte. Bd. 15: Der Erste Weltkrieg und seine Folgen. Gütersloh/München 2008
- G. Hirschfeld u. a. Enzyklopädie Erster Weltkrieg. Taschenbuchausgabe. Stuttgart 2008









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