Große Börsen- und Finanzkatastrophen
Lexikon: Spekulation und Börsencrash
Die aus Innerasien stammende Tulpe versetzte zu Beginn des 17. Jahrhunderts ganz Holland in einen Spekulationstaumel, der bald jeglichen Realitätsbezug vermissen ließ. Immer mehr Menschen investierten in Tulpenzwiebeln, jede Preissteigerung zog neue Glücksritter an, die schnellen Reichtum witterten. Seltene Exemplare der Pflanze erzielten Preise, die nach heutiger Rechnung bei rund 50 000 Euro lagen. Schließlich zogen die ersten Spekulanten ihre Gewinne aus dem Markt, der1637 nach Panikverkäufen crashartig zusammenbrach. Diese so genannte Tulipomanie lieferte das Drehbuch, nach dem auch spätere Börsenkatastrophen ablaufen sollten.
1720 platzten mit der South Sea Bubble in London und dem durch John Law verursachten Finanzskandal um die Banque Royale in Paris gleich zwei gewaltige Spekulationsblasen. Die Spekulanten hatten Aktien der South Sea Company gekauft mit der vagen Hoffnung auf den Zugang zu Goldvorkommen in Amerika. Die Aktie stieg von 120 Pfund auf über 1000 Pfund bevor die enttäuschten Hoffnungen das Kartenhaus zum Einsturz brachten. Ähnliches geschah in Paris, wo der Schotte John Law mit der Ausgabe von Papiergeld durch seine Banque Royale die französische Staatsverschuldung beheben wollte. Die von Law gegründete Mississippi-Company sollte durch Erträge aus dem Goldhandel die Papiergeldausgabe absichern. Als die ersten Spekulanten ihre Banknoten in Gold umtauschen wollten, kollabierte die ganze Konstruktion. Diese beiden Ereignisse aus dem 18. Jahrhundert sind eher als die Tulipomanie in Holland, die eine Warenhandelskrise darstellte, mit den großen Börsenkatastrophen der jüngeren Geschichte zu vergleichen.
Der Schwarze Freitag 1929
Der Börsenkrach am 25. Oktober 1929 leitete die Weltwirtschaftskrise ein. Nervös und aufgeregt reagierten die europäischen und fernöstlichen Aktienmärkte auf den Kursverfall an der New Yorker Börse vom Vortag. Der Börsenkrach ging als Schwarzer Freitag in die Geschichte ein. Er markierte den Beginn der jahrelangen weltweiten Rezession mit Massenarbeitslosigkeit und Produktionsrückgang, die auch politisch bedeutsam wurde.
Tatsächlich lief das Geschäft in New York am 25. Oktober nach den beiden hektischen Vortagen eher ruhig. Am 23. Oktober wurde in New York die Rekordzahl von 6,5 Millionen Aktien verkauft, und am 24. Oktober kam es zu Panikverkäufen, zu Gerüchten, die Börse werde geschlossen und mehrere bekannte Financiers hätten sich aus dem Fenster gestürzt. 12,9 Millionen Aktien wurden umgesetzt. Die Papiere der großen US-amerikanischen Gesellschaften verloren bis zu 40% ihres Werts. Vor Börsenschluss gab es leichte Kurserholungen. Stützungskäufe von Banken führten jedoch nicht zu einer langfristigen Beruhigung. Bereits am Nachmittag des 28. Oktobers entstand eine neue Panik. Neun Millionen Aktien wurden verkauft: am 29. waren es 16,5 Millionen.
Dem Börsenkrach war eine lange Hausse vorausgegangen. Der Dow-Jones-Index war seit 1924 permanent gestiegen. Zu Beginn des Jahres 1928 erreichte er 191 Punkte, im September 1929 bereits 381 Punkte. Diesen Stand sollte er erst wieder in den 1950-Jahren erreichen.
Als Ursachen für den Crash waren als wichtigste Faktoren zu nennen: Das Ungleichgewicht der Weltwirtschaft und des Weltwährungssystems nach dem 1. Weltkrieg; die Absatzkrise in der US-Landwirtschaft; zudem eine Überinvestitions- und Unterkonsumtionskrise in den USA, die dort im Sommer 1929 zum Konjunkturknick geführt hatte.
Der Crash von 1987

Der Börsencrash von 1987 hatte im Vergleich zur Katastrophe von 1929 keine gravierenden Folgen für die Weltwirtschaft, da die internationale Zusammenarbeit von Regierungen, Notenbanken und Wirtschaftsinstitutionen negative Auswirkungen begrenzen konnte. Am 19.10.1987 war der Dow-Jones-Index innerhalb eines Tages von 2246 auf 1738 Punkte gesunken. Das entsprach einem Verlust von 22,6%. Am Tag vor dem Börsenkrach hatten Äußerungen von US-Finanzminister James Baker für Nervosität an den Finanzplätzen gesorgt. Baker hatte die Deutsche Bundesbank in scharfer Form zu Zinssenkungen aufgefordert. An der Wallstreet wurde dies als Zeichen gewertet, die US-Regierung wolle ihre Zusammenarbeit mit Japan und der Bundesrepublik Deutschland bei der Lösung außenwirtschaftlicher Probleme aufkündigen. Hintergrund waren die Bemühungen um den Abbau der seit dem Amtsantritt von Präsident Ronald Reagan 1981 enorm gestiegenen US-Staatsverschuldung und des damit verbundenen Rekorddefizits in der US-Handelsbilanz. Ein Streit der USA mit Japan und der Bundesrepublik, die einen hohen Überschuss im Außenhandel erwirtschafteten, hätte - so die Furcht an den Börsen - negative Folgen für die Weltwirtschaft haben können.
Nach Ansicht von Marktbeobachtern wurde der Kurseinbruch von computergestützten Verkaufsprogrammen mit verursacht. Zum Schutz vor Verlusten waren die Computer so programmiert, dass sie bei Erreichen einer unteren Kursmarke automatisch Verkäufe tätigten. Dadurch kam es zu einer Kettenreaktion.
Wer sich am 19.10.1987 bei einem Stand von 1738 Punkten mit den Aktien des Dow-Jones-Indexes eindeckte, war im Frühjahr 1999 bei einem Indexstand von über 11 000 ein gemachter Mann.
Die Asienkrise 1997
Bereits vor der Eskalation der Asienkrise 1997 hatte es im Fernen Osten einen Börsencrash gegeben, der sich allerdings nicht an einem Tag ereignete, sondern sich über einen Zeitraum von mehreren Jahren hinzog (deshalb auch Salami-Crash). 1989 erreichte der Nikkei-Indexder japanischen Börse ein Rekordhoch von knapp 39 000. Bis Mitte 1997 fiel er um rund 50%. Dabei handelte es sich um den bis dahin größten Börsenverlust der Geschichte und Japan erlebte die schwerste Rezession seit dem 2. Weltkrieg. Parallel zum Verfall der japanischen Börse waren in den boomenden Ländern Südostasiens die Börsenkurse in Schwindel erregende Höhen gestiegen. Dabei waren der private Konsum und die staatliche Bautätigkeit schneller gestiegen als das Bruttonationaleinkommen. Die Abhängigkeit von ausländischem Kapital nahm zu. Die Währungen wurden künstlich hoch gehalten und waren schließlich stark überbewertet, weil die hohen Staatsausgaben die Inflation anheizten. Am 2. Juli 1997 wertete Thailand die Landeswährung Baht ab. Danach gerieten auch die Währungen Malaysias, Indonesiens und der Philippinen ins Trudeln. Die Börsenindices dieser Länder wiesen Ende August prozentuale Verluste in zweistelliger Höhe aus. Diese Vorgänge blieben nicht ohne Auswirkungen auf das übrige Weltbörsengeschehen. Am 23. Oktober 1997 stürzten die Kurse in Hongkong. Der Hang-Seng-Index fiel an einem Tag um 10,4%. Ende Oktober betrugen die Kursverluste bereits 40%. Am 28.10.1997 fiel der Deutsche Aktienindex (DAX) um den Rekordwert von 311,9 Punkten. Am Monatsende mussten die deutschen Aktienhändler Verluste von 16% im Vergleich zum DAX-Höchststand vom Juli 1997 beklagen. Auch die Wallstreet blieb nicht ungeschoren. Am 27. Oktober erlebte sie mit einem Kurseinbruch von 555 Punkten bzw. 7,2% den zweiten Schwarzen Montag nach dem 19. Oktober 1987.
Für die Länder in Südostasien hatte diese Krise schwer wiegende Folgen. Harte wirtschaftliche Anpassungsmaßnahmen wurden erforderlich, die vor allem zu Lasten der ärmeren Bevölkerungsschichten gingen. An den Finanzmärkten dieser Länder schien die Krise im Frühjahr 1999 allerdings weit gehend überwunden. Die Kurse, die im Spätsommer 1998 die Tiefststände erreicht hatten, konnten sich erholen.
11. September 2001 und Dow-Jones-Index
Der Anschlag vom 11. September 2001 auf das World Trade Center führte an den US-Börsen, aber auch an den europäischen Börsen zu einer ersten Schockwelle. Am Vorabend der Terrorattacken, stand der Dow-Jones-Index bei 9605 Punkten, sackte dann nach mehrtägiger Schließung bis 21. September 2001 auf 8236 Punkte ab.
Belastet wurden die amerikanischen Börsen von der Sorge um weitere Anschläge, aber auch von den deutlich gesunkenen Konjunkturaussichten in den USA und 2002 von den Sorgen um den bevorstehenden Irak-Krieg. Mit Kriegsbeginn stiegen die Kurse jedoch wieder an, da die Finanzexperten von einem raschen Sieg der von den USA geführten Kriegstruppen ausgingen. Diese Entwicklung setzte sich fort. Im Herbst 2003 tendierte der Dow Jones bereits wieder gegen 9500 Punkte.
Der Zusammenbruch des Neuen Marktes
Das Börsensegment des deutschen Neuen Marktes für innovative Technologien startete im Zeichen einer globalen Euphorie für die sogenannte New Economy mit großen Hoffnungen. Am 1. 7. 1999 richtete die Deutsche Börse für die größten Unternehmen am Neuen Markt den Index Nemax 50 ein. Am 10. 3. 2000 erreichte dieser Index nach einer exzessiven Spekulationswelle ein Allzeithoch von 9665, 81 Zählern. Gut einen Monat später war die Emission der Telekom-Tochter T-Online mit rd. 2,5 Milliarden Euro die größte im Neuen Markt. Nach den Terroranschlägen vom 11. 9. 2001 stürzte der Nemax 50 auf 837 Punkte ab. Am 2. 11. 2001 musste mit Kabel New Media die erste insolvente Firma auf Grund neuer Delisting-Regeln ausgeschlossen werden. Nach einem Bilanzskandal wurde der im Nemax notierte Wert Comroad, ein Telematikunternehmen, am 19. 4. 2002 vom Neuen Markt verbannt. Die Neuemission des Hamburger Windkraftspezialisten Repower Sytems am 26. 3. 2002 war die erste und auch die vorläufig letzte am Neuen Markt. Am 24. 9. 2002 fiel der Nemax 50 mit 325, 45 Punkten auf ein neues Allzeittief.
Fünfeinhalb Jahre nach dem glanzvollen Start 1997 war der Neue Markt endgültig gescheitert. Die Deutsche Börse beschloss am 26. 9. 2003 das Ende dieses Segments. Zwar wurde der Index noch bis Ende 2004 berechnet, nach einer Neuordnung des Aktienmarktes war aber bereits 2003 der neue Technologieindex TecDax geschaffen worden.
Die US-Immobilienkrise
2007 begann in den Vereinigten Staaten eine Finanzkatastrophe, die rasch Dimensionen erreichte, die an die Weltwirtschaftskrise der 1930er Jahre erinnerte. Ihren Ausgang nahm die Krise im sogenannten Subprime-Segment des US-Hypothekenmarktes. Durch die Ausweitung von Kreditangeboten vieler Banken an Kunden mit schwacher Bonität brach der US-Immobilienmarkt ein, als viele Kreditnehmer nach anfänglich niedrigen Tilgungsraten die dann ansteigenden nicht mehr tragen konnten und zahlreiche Immobilien mit Wertverlust verkauft oder versteigert werden mussten. Das führte zunächst bei US-Banken und seit 2008 bei Finanzinstituten weltweit zu Abschreibungen und Wertberichtigungen in Milliardenhöhe und zu eklatanten Kursverlusten an den internationalen Börsen.
In konzertierten Aktionen bemühten sich Politiker weltweit mit Garantien um eine Stabilisierung des notleidenden Finanzsektors. Die wichtigsten internationalen Notenbanken versuchten mit Zinssenkungen, einen vollständigen Kollaps des Kredit- und Finanzsystems zu vermeiden. Staaten wie Island und Ungarn mussten mit Notzuwendungen in Milliardenhöhe vor dem Totalbankrott gerettet werden.
Bibliografie:
- Michael Bloss u. a.; Von der Subprime-Krise zur Finanzkrise: Ursachen, Auswirkungen, Handlungsempfehlungen, 2008
- Gerald Braunberger, Bendikt Fehr (hrsg.), Crash: Finanzkrisen gestern und heute, 2008
- John Kenneth Galbraith: Finanzgenies: Eine kurze Geschichte der Spekulation, 1992









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