Grosses Barriere-Riff
Im Labyrinth der Formen und Farben
Unter vollen Segeln kreuzte Captain James Cook im August 1770 von Botany Bay (Sydney) aus Hunderte von Seemeilen durch das Labyrinth des Barriere-Riffs. Bei Cape Tribulation lief sein Schiff auf ein Riff. Nur unter großen Mühen und dank eines glücklichen Zufalls konnte sich Cook mit seinen Männern in die offene See retten: "Ich sah, dass wir von allen Seiten von Untiefen umgeben waren, nirgends ein Durchgang zur offenen See, außer den sich zwischen den Riffen windenden, im höchsten Maße gefährlichen Kanälen. (...) Zwischen uns und dem Untergang gab es nur eine schmale Passage (...); als wir schon alle Hoffnung aufgegeben hatten, kam ein sehr leichter Wind auf, den wir sonst nicht beachtet hätten, der nun aber unser Schicksal sein sollte", vermerkte er in seinem Logbuch. Die Tücken des jahrtausendealten Barriere-Riffs, ein Geflecht aus küstennahen Saumriffen, mehr als 65 Koralleninseln und dem "Äußeren Riff", sind geblieben, wenn sich auch heute moderne Segler und Katamarane scheinbar spielerisch durch die azurblauen Wellen bewegen.
Wie bei Michaelmas Cay und Dunk Island sind die genialen Baumeister der bunten Unterwasserwelt die zu den Nesseltieren gehörenden "Korallenpolypen", die mit Millionen von gelbbraunen Algen eine Lebensgemeinschaft bilden und mit deren Hilfe schützende Kalkröhren für sich bauen. Durch Knospung und Teilung wachsen Korallenbänke heran, entstehen ausladende Tafeln, gewaltige Geweihe und bucklige Bienenstöcke.
Jahr für Jahr tauchen Abertausende in eine ganz eigene Welt vielfältiger Farben und Formen ab: Orange und weiß gefärbte Anemonenfische tänzeln flink zwischen den giftigen Tentakeln blass rosafarbener Seeanemonen. Ohne Blick für die zahlreichen Taucher gleitet ein Grauer Riffhai elegant über ausladende Geweihkorallen. Majestätisch und mit rollenden Bewegungen schwebt der Lagunenrochen an spiralförmigen Ringen "feinster Federn" vorbei, die nichts anderes als die Kolonie des Weihnachtsbaumwurms sind. Sonnenblumengelb leuchtet eine Seeschnecke zwischen den wulstigen Bienenstockkorallen. Hunderte von kleinen Polypen formen das stachlige Gebilde einer rosa Nadelkoralle. Auf einer flachen Tischkoralle bildet der Blaue Seestern einen dunkelblauen Farbtupfer. Nicht zu überhören ist das Knabbern karminrot- und blau gestreifter Papageienfische, die, wenn auch nicht gar so gefräßig wie die sechzehnarmige Seesternart Dornenkrone, Korallen zum Hauptgang verspeisen. Nur zufällig streift die gelbe "Trompetenschnauze" des Trompeterfisches vorbeischwimmende Schnorchler. Zur gleichen Zeit verkriecht sich ein tomatenroter Einsiedlerkrebs in eine Muschelschale, um seinen weichen Hinterleib vor Fressfeinden zu schützen. Wer mit leichtem Flossenschlag in einem Zustand von Selbstvergessenheit durch diese farbenfrohe Welt dahinschwimmt, wähnt sich auf dem Karneval der Tiere. Dabei scheint gar ein Wettstreit um den Titel eines Karnevalsprinzen ausgebrochen zu sein, wenn sich der mit orangefarbenen und blauen Streifen geschmückte Harlekinfisch und der nicht minder prächtige Kaiserfisch begegnen, der seine zitronengelben und blauen Querstreifen stolz zur Schau trägt. Nahebei öffnen und schließen Riesenmuscheln in stetem Rhythmus ihre Schalenklappen und geben den Blick auf ihren smaragdgrünen Mantelrand frei.
Friedlich scheint die Welt unter Wasser. Doch hier und da lauern Gefahren: die Rückenstacheln des knorrigen Steinfisches, der sich zu tarnen versteht, das Gift der orange und weiß marmorierten Textilkegelschnecke, die sich auch gegen allzu eifrige Sammler zu wehren weiß, und die giftigen Nesselzellen der pfenniggroßen Irukandji-Qualle, die bei Berührung Herz- und Atemlähmungen auslösen. Wer sich wie ein Fregattvogel in die Lüfte erhebt, gleitet über die schäumende Gischt an den Rändern des Äußeren Riffs hinweg. Dem Flug der Ruß- und Schwarzseeschwalben folgend, schaut man auf teilweise begrünte Inseln, die in den letzten 6000 Jahren aus feinen Kalkablagerungen gebildet wurden und von einem lichten Korallenkranz umschlossen sind. Oberflächennahe Korallenzungen zeichnen sich ebenso ab wie die schroffen Felsen kontinentaler Inseln. Ohrenbetäubend und weithin hörbar ist das Gezwitscher brütender Schopfseeschwalben.
Im Nordosten Australiens scheint ein wahrer Garten Eden entstanden zu sein, der allerdings durch die Erwärmung des Meeres und die zeitweilig übermäßige Vermehrung orangefarbener Dornenkronen gefährdet ist. Nach einem "großen Fressen" der Dornenkronen bleiben die toten Kalkskelette der verspeisten Korallenpolypen zurück, und das tiefblaue Meer gleicht einer leblosen Unterwasserwüste.
- Im Labyrinth der Formen und Farben
- Fakten:
Jg. 1952, Diplomsoziologe, Tätigkeit als Reisebuchautor und Lektor, Veröffentlichungen zu Norddeutschland, Belgien, Neuseeland und Australien









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