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THEMEN

Gustav Mahler

Nur wenn ich erlebe, "tondichte" ich - nur, wenn ich tondichte, erlebe ich! (Gustav Mahler)

Biografie

Kindheit und Jugend

Gustav Mahler wird am 7. Juli 1860 im böhmischen Kalischt als zweites Kind des jüdischen Kaufmanns Bernhard Mahler und seiner Frau Marie geboren. Wenige Monate später zieht die kleine Familie ins mährische Iglau um. Vater Mahler - aus ärmlichen Verhältnissen stammend - setzt seine ganze Energie dafür ein, den Lebensstandard seiner Familie stetig zu verbessern und seinen eigenen Kindern eine ordentliche Schulausbildung zu ermöglichen. Später wird er auch das musikalische Talent seines Sohnes Gustav nach Kräften zu fördern versuchen. Doch Gustavs Erinnerungen an seinen Vater beinhalten auch das Bild eines despotischen und zu Handgreiflichkeiten neigenden Menschen. Früh flüchtet der Knabe sich in eine Fantasiewelt der Töne, denn er entdeckt auf dem Dachboden seiner Großeltern mütterlicherseits ein Klavier, auf dem er mit vier Jahren erste kindliche Melodien erfindet. Darüber hinaus prägen den jungen Gustav die vielfältigen musikalischen Einflüsse seiner Umgebung - die Volksmusik seiner mährischen Heimat ebenso wie die Militärmusik aus der benachbarten Kaserne und die derbe Gassenhauermusik in den Wirtshäusern.

Vater Bernhard beschließt, dem sich offenbarenden Talent seines Sohnes Rechnung zu tragen und lässt das Klavier aus dem großelterlichen Haus herbeischaffen. Darauf erhält der Knabe mit sechs Jahren seinen ersten Unterricht bei dem Chorleiter und Musikdirektor Heinrich Fischer. Gleichzeitig führt sein Lehrer ihn in die Grundlagen der Harmonielehre ein. Nach fortgeschrittenen Studien bei Franz Viktorin und Johannes Brosch tritt der Neunjährige am 13. Oktober 1870 erstmals vor ein Publikum und kann spontan als neues Wunderkind überzeugen. Aus dieser Zeit stammen nach Gustavs Aussagen auch erste Kompositionen.

Neben der Musik frönt er bereits früh seiner zweiten Liebe, der Literatur, die ihn für eine ernst- und gewissenhafte Schulausbildung völlig unbrauchbar macht, denn er kann den trockenen Unterrichtsinhalten keinerlei Interesse abgewinnen. Vater Bernhard macht daraufhin kurzen Prozess und schickt den Sprössling zur Verbesserung seiner schulischen Leistungen im Herbst 1871 auf das Neustädter Gymnasium nach Prag, wo sich auch ungleich vielfältigere musikalische Möglichkeiten bieten. Doch Gustavs Prager Gastspiel ist angesichts mangelnder Fortschritte nur von kurzer Dauer und so kehrt er im Frühjahr 1872 ins elterliche Iglau zurück.

Musikstudent in Wien

Wien in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, das ist die Stadt der Walzerseligkeit, regiert von der Dynastie Strauß; eine Stadt, vergnügungssüchtig bis zur Besinnungslosigkeit; eine Stadt des Aufbruchs - politisch, architektonisch, kulturell, in der 1873 die Weltausstellung stattfindet; und eine Stadt, die - wie so viele andere Städte zu dieser Zeit auch - in musikalischer Hinsicht wesentlich von dem Dualismus zwischen Wagnerianern und Wagner-Gegnern geprägt ist. Gustav Mahler gerät mitten in diese Kontroverse und entwickelt sich schon bald zum begeisterten Wagner-Jünger, der als Dirigent in der Interpretation von Wagner-Opern Maßstäbe setzen wird und diesem Komponisten immer einen breiten Platz in seinem Repertoire einräumt.

Wie in so vielen Musikerbiografien ist es auch bei Gustav Mahler ein wohlhabender Musikliebhaber, der entscheidenden Einfluss auf die weitere Karriere des jungen Künstlers nimmt. Gustav Schwarz, Verwalter auf dem Gut Morovan, wird nach einem Konzert des Pianisten Gustav Mahler zum Verbündeten, der den skeptischen Vater davon überzeugt, dass der Filius am Wiener Konservatorium ein ernsthaftes Musikstudium absolvieren müsse. Gustav seinerseits überzeugt schließlich auch den Klavierprofessor Julius Epstein (1832-1926) und kann im September 1875 seine Studien aufnehmen, zunächst jedoch nur "nebenberuflich", denn Gustav hatte des Vaters Einverständnis nur unter der Bedingung erhalten, dass er parallel weiter die Schule in Iglau besucht und seine Matura macht. Neben dem Klavierunterricht bei Epstein ist sein Tagesablauf von da an mit Harmonielehre bei Robert Fuchs (1847-1927) und Komposition bei Franz Krenn (1816-1897) gefüllt.

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Anton Bruckner

Einen nicht zu unterschätzenden Einfluss übt darüber hinaus Anton Bruckner (1824-1896), etablierter Komponist und seit 1868 Professor am Konservatoriums sowie Lektor an der Universität, bei dem Gustav ab 1878 Vorlesungen über Harmonielehre und Kontrapunkt besucht und der ihn durch sein eigenes kompositorisches Schaffens inspiriert. Zu Mahlers Kommilitonen gehört u. a. Hugo Wolf, mit dem ihn schon bald eine - nicht immer unkomplizierte - Freundschaft verbindet.

Wiewohl die künstlerische Prägung durch Epstein - der darüber hinaus dem finanziell schwach gestellten Schüler auch ganz praktisch unter die Arme greift, indem er für die über das Stipendium hinaus gehenden Studiengebühren bürgt - und später Bruckner von nicht zu unterschätzendem Wert ist, so wenig hinterlassen andererseits die Theoriestunden sowohl bei Fuchs als auch bei Krenn keine großen Spuren. Und obwohl Gustav aus diesem Grund nicht unbedingt zu den eifrigsten Studenten zählt, kann er doch - dank des vorzüglichen Unterrichts bei Epstein - bereits 1876 einen ersten Preis sowohl im Fach Klavier als auch im Fach Komposition erreichen. 1878 wird sein Klavierquartett a-Moll ebenfalls mit einem ersten Preis ausgezeichnet.

Nachdem Gustav im Jahr 1877 seine Schulzeit mit dem Abitur und ein Jahr später das Konservatorium mit einem Diplom beendet hat, schreibt er sich an der Wiener Universität für die Fächer Philosophie, Geschichte, Musikgeschichte und Musikästhetik ein. Daneben frönt er wieder fleißig seiner zweiten Liebe, der Literatur. Die kompositorische Ausbeute dieser Jahre ist eher gering: neben den prämierten Werken entstehen Skizzen zu einer Oper Rübezahl, eine Nordische Symphonie und das Märchenspiel Das klagende Lied.

Theaterkapellmeister

Einen entscheidenden Anteil an Mahlers weiterem Lebensweg hat die Uraufführung von Bruckners Dritter Symphonie am 16. Dezember 1877 mit den Wiener Philharmonikern. Weder die Musiker noch das Publikum finden Zugang zu diesem für zeitgenössische Ohren ungewöhnlichen Werk, so dass die Zuhörer scharenweise den Saal verlassen. Mahler kann zwar diese Demütigung nicht ungeschehen machen, aber seine Begeisterung für das Werk und der anschließend mit einem Studienkollegen gemeinsam angefertigte vierhändige Klavierauszug desselben wirken dennoch wie Balsam auf die Selle des tief verletzten Komponisten. Unter anderem dieses Erlebnis hat Mahler eindringlich vor Augen geführt, auf welch unsicheren Beinen eine alleinige Existenz als Komponist stehen muss, und seinen Entschluss für das Ergreifen einer Kapellmeister-Laufbahn mit beeinflusst. Und so nimmt er, nicht zuletzt auf Anraten seines Lehrers Epstein, das Angebot für einen Kapellmeisterposten im oberösterreichischen Kurort Bad Hall an, wo Mahler im Sommer 1880 für das anspruchslose Programm des Kurtheaters verantwortlich ist. Und obwohl dieser erste Dirigentenposten alles andere als künstlerisch befriedigend ist, geht Mahler im folgenden Jahr einen Einjahres-Vertrag mit dem Theater in Laibach, dem heutigen Ljubljana, ein. Trotz der deprimierenden künstlerischen Rahmenbedingungen engagiert er sich mit dem ganzen Enthusiasmus eines 21-jährigen Visionärs und hinterlässt eine bedeutende, Erfolg gekrönte Spur am Laibacher Theater.

Stationen einer jungen Dirigentenlaufbahn
Jahr Posten
Januar - März 1883 Kapellmeister am Königlich-städtischen Theater in Olmütz
März - Mai 1883 Chordirigent am Carltheater in Wien
August 1883 - Juli 1885 Zweiter Kapellmeister am Königlichen Theater in Kassel
Juli 1885 - Juli 1886 Zweiter Kapellmeister am Deutschen Landestheater in Prag
August 1886 - Mai 1888 Zweiter Kapellmeister in Leipzig

Eine wichtige Station in dieser Zeit hätte Kassel werden können, doch ein eifersüchtig über seine künstlerischen Privilegien wachender 1. Kapellmeister namens Wilhelm Treiber (1838-1889) macht das Engagement schon bald zum ungeliebten Frondienst. Dennoch kann Gustav Mahler während dieser Monate einen Erfolg für sich verbuchen, als er im Juni 1885 während des Kasseler Musikfestes Felix Mendelssohns Oratorium "Paulus" dirigiert. Ein Ventil - wie noch so oft in den nächsten Jahren - für die künstlerisch unbefriedigende Arbeit stellt Mahlers kompositorische Tätigkeit dar. So entstehen in dieser Zeit die Bühnenmuisk zu Der Trompeter von Säckingen, der Zyklus Lieder eines fahrenden Gesellen sowie Skizzen zu seiner Ersten Symphonie. Umso erfüllender gestaltet sich danach das Engagement in Prag, wo Mahler seine künstlerischen Ambitionen mit Wagner- und Mozart-Opern befriedigen kann. Darüber hinaus gestaltet sich seine Aufführung von Beethovens Symphonie Nr. 9 zu einem denkwürdigen Konzert und die Sopranistin Betty Frank führt erstmals einige seiner Lieder auf.

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Artur Nikisch

In Leipzig werden dem Erfolgverwöhnten allerdings wieder die künstlerischen Flügel gestutzt, denn Chefdirigent Arthur Nikisch (1855-1922) weiß seine Position als 1. Kapellmeister zu behaupten. Zwar beschert eine mehrmonatige Erkrankung Nikischs dem ehrgeizigen Stellvertreter die erhoffte Chance, doch auf Dauer kann sich Mahler nicht mehr mit einem Platz in der zweiten Reihe abfinden und beendet in gegenseitigem Einvernehmen im Mai 1888 das Dienstverhältnis.

Auf dem Weg zum Stardirigenten

Wenige Monate später wird Gustav Mahler zum Direktor der Königlichen Oper Budapest berufen und unterschreibt einen Zehnjahres-Vertrag. So glanzvoll sich dieses Angebot auf den ersten Blick ausnimmt, so desillusionierend gestaltet sich die Situation beim näheren Hinsehen, denn die erst drei Jahre junge Budapester Oper steckt künstlerisch noch in den Kinderschuhen. Gustav Mahler mit seinem jugendlichen Enthusiasmus, seinen künstlerischen Visionen, seinem untrüglichen Gespür für dramaturgische Effekte sowie vor allem seinen hohen künstlerischen Ansprüchen fegt wie ein Wirbelwind durch dieses Haus und setzt innerhalb kürzester Zeit Akzente, die seinen Intendanten sowie Publikum und Presse gleichermaßen begeistern und die letztendlich nur einem Ziel dienen: eine nationale ungarische Oper aufzubauen. Aus diesem Grunde kommen neben den von Mahler vor allem favorisierten Opern von Wagner, Mozart und Beethoven auch nationale Werke wie "Brankovics György" des ungarischen Komponisten Ferenc Erkel (1810-1893) zur Aufführung.

Künstlerische Höhepunkte seiner Budapester Zeit sind eine Aufführung von Mozarts "Don Giovanni" am 16. Dezember 1890, bei der der im Publikum sitzende Johannes Brahms sowohl von dieser bis dahin wenig geschätzten Mozart-Oper als auch von Mahlers musikalischen Leistungen restlos überzeugt ist - ein für die weitere Zukunft des Dirigenten nicht zu unterschätzendes Faktum, denn Brahms sollte sieben Jahre später mit für Mahlers Berufung an die Wiener Hofoper verantwortlich sein. Erfolg hat auch die ausländische Erstaufführung von Pietro Mascagnis Oper "Cavalleria Rusticana" zehn Tage später, am 26. Dezember, in ungarischer Sprache, die von dort aus innerhalb kürzester Zeit die Bühnen der Welt erobern sollte.

Auch für den Komponisten Mahler gibt es in dieser Zeit ein Highlight: am 20. November 1889 wird seine 1. Symphonie erstmals den Ohren eines Publikums vorgestellt. Doch was sich für den Komponisten unzweifelhaft als Erfolg hätte gestalten sollen, wird - aufgrund der ungewohnten neuen Klänge und der überdimensionalen Länge - zu einem Desaster, das sich wenig später zur Keimzelle des abrupt beendeten Budapester Dienstverhältnisses entwickelt. Zu Beginn des Jahres 1891 wird der bisherige Regierungskommissär für die Budapester Hoftheater, Ferenc von Beniczky, der seinem Operndirektor jegliche künstlerische Freiheit gewährt hatte, durch Graf Geza Zichy abgelöst, was sich in mehrfacher Hinsicht unglücklich auswirkt: als glühendem Nationalisten gehen ihm Mahlers Reformpläne nicht weit genug, als erklärtem Antisemiten ist ihm der Jude Mahler ein Dorn im Auge und als verhinderter Amateurkomponist und ehemaliger Klaviervirtuose gedenkt er die künstlerischen Belange der Oper zukünftig entscheidend selbst mitzugestalten. Insbesondere der letzte Punkt gibt für Mahler den Ausschlag, dass es schon bald zu Auseinandersetzungen mit dem neuen Intendanten kommt und der Dirigent - immerhin um die beträchtliche Abfindungssumme von 25.000 Gulden reicher - im März 1891 vorzeitig aus seinem Engagement entlassen wird, begleitet von tumultartigen Protestaktionen seitens des Publikums und aufrichtigem Bedauern hochgestellter Persönlichkeiten.

Die nächste Station in Gustav Mahlers dirigentischer Karriere heißt Hamburg, wo Hofrat Bernhard Pollini (1838-1897) als Direktor des Stadttheaters schon seit längerem den musikalischen Goldfisch Mahler an die Angel zu bekommen versucht hatte. Nach den zunehmenden Kompetenzstreitigkeiten in Budapest eröffnet sich im Frühjahr 1891 der rettende Ausweg. Wiewohl Mahler in Hamburg erstmals an ein erstklassiges Haus kommt, so findet er doch das Orchester in einem unbefriedigenden Zustand vor. Darüber hinaus gilt auch hier sein besonderes Augenmerk wieder der Opernregie; kurzum: Mahler stürzt sich sofort umfassend und mit dem bereits bekannten Feuereifer in die Arbeit. Und mit einer Aufführung von Wagners "Siegfried" kurz nach seinem Amtsantritt in der Hansestadt kann er einen gewichtigen Erfolg für sich verbuchen, nicht zuletzt geadelt durch die Lobeshymnen aus dem Munde des kritischen Hans von Bülow. Wenig später begeistert er mit der deutschen Erstaufführung von Peter Tschaikowskijs Oper "Eugen Onegin" auch seinen russischen Kollegen. Aber Pollini ist weit davon entfernt, seinem Stardirigenten alle von ihm erhofften künstlerischen Freiheiten einzuräumen und so stößt nicht nur die Auswahl des Repertoires, sondern auch die Arbeit der Regisseure bei Mahler des öfteren auf Unzufriedenheit. Darüber hinaus absolviert der Dirigent in den folgenden sechs Jahren mit 740 Vorstellungen und einem breiten Spektrum an Werken ein wahres Mammutpensum, das wohl nur dank seiner Jugend und seines überschäumenden Enthusiasmus bewältigt werden kann.

Dennoch ist es andererseits wieder Pollini, der Mahler ein Gastspiel auf der britischen Insel vermittelt, wo im Sommer 1892 eine Stagione mit deutschen Opern, ausgeführt von importierten Künstlern aus Hamburg, stattfindet. Dieses Londoner Intermezzo wird nicht nur zu einem weiteren glänzenden Erfolg und Meilenstein in der Karriere des Dirigenten, sondern macht Mahler über Nacht auch im Ausland bekannt und sollte sich als bedeutungsvoll für seine weitere Karriere als Komponist auswirken. Aber der Londoner Sommer stiehlt dem Komponisten die sowieso rar gewordene und daher umso kostbarere Zeit zum Komponieren. Während seiner Hamburger Jahre vollendet Mahler seine Zweite und komponiert die Dritte Symphonie.

Seit dem Sommer 1893 zieht er sich dazu in das so genannte Komponierhäuschen in Steinbach am Attersee zurück. Aber noch ist es eher still um den Komponisten Gustav Mahler, der dagegen als Dirigent - insbesondere seit dem Tod von Hans von Bülow - auch auf dem Konzertpodium immer bedeutendere Spuren hinterlässt. Die auf Vermittlung von Richard Strauss und unter der Leitung des Komponisten am 4. März 1895 in Berlin stattfindende Uraufführung seiner Zweiten Symphonie- allerdings ohne den letzten Satz, der wesentlich durch die Erlebnisse bei der Trauerfeier Hans von Bülows sowie den Selbstmord seines Bruders Otto geprägt ist -  zeigt zwar erstmals positive Resonanz. Doch erst die Uraufführung des gesamten Werkes am 13. Dezember 1895, wiederum in Berlin und unter der Leitung des Komponisten, bedeutet Mahlers Durchbruch als Komponist und gewinnt darüber hinaus in dem sechzehn Jahre jüngeren Dirigenten Bruno Walter (1876-1962) einen musikalischen Jünger, der die Verbreitung von Mahlers kompositorischem Werk zu seiner Lebensaufgabe machen wird. Von diesem Moment an beansprucht der Komponist Mahler immer breiteren Raum, was schon bald zu Konflikten mit seinen Verpflichtungen als Dirigent führen wird. 1895/96 entsteht die Dritte Symphonie und zwischen 1891 und 1897 der Zyklus Zwölf Lieder aus "Des Knaben Wunderhorn" aus der Sammlung von Achim von Arnim und Clemens von Brentano.

Als konvertierter Katholik zum Gipfel

Mahler empfindet sein Hamburger Engagement zunehmend als "Tretmühle" und sieht im Januar 1897 eine Möglichkeit zum Wechsel an die Wiener Hofoper - wenn, ja wenn sein jüdischer Glaube ihm nicht im Weg stände, ein unüberwindliches Hindernis am erzkatholischen Wiener Hof, das Mahler kurzentschlossen im Februar mit seiner Konversion zum Katholizismus beseitigt. Als Mahler zunächst im Juni 1897 Kapellmeister und vier Monate später Direktor der Wiener Hofoper wird, setzt er konsequent seinen bereits in Budapest und Hamburg beschrittenen Weg hin zum Bühnen-Gesamtkunstwerk fort,, bei dem allen Bereichen gleichermaßen seine Aufmerksamkeit und sein Streben nach Perfektion gilt. Am 11. Mai 1897 gibt er mit Wagners "Lohengrin" sein glänzendes Debüt.

Mahler findet in Wien ausgezeichnete musikalische Bedingungen vor, umso reformbedürftiger sind seiner Ansicht nach jedoch die Bereiche Bühnenbild, Dramaturgie und Regie, die Mahler in seine Vision vom Bühnen-Gesamtkunstwerks einzubinden versucht. Doch seinen hohen Anforderungen sind viele der Künstler nicht gewachsen. Sie werden von Mahler durch fähige junge Kräfte ersetzt, die unter den Sängern nicht nur stimmliche, sondern auch darstellerische Ansprüche erfüllen müssen. Nachdem mit Bruno Walter 1901 ein adäquater Kapellmeister gewonnen werden kann, verpflichtet Mahler zwei Jahre später mit dem Bühnenbildner Alfred Roller (1864-1935) den vielleicht entscheidendsten Mitstreiter zur Realisierung seiner künstlerischen Visionen.

Mahler setzt in seiner Wiener Dekade Opern-Maßstäbe. Einen Schwerpunkt des ansonsten breit gestreuten Repertoires bildet das Werk Richard Wagners, ab 1903 gelingen ihm gemeinsam mit Alfred Roller vor allem denkwürdige Mozart-Aufführungen; eine weitere Säule im Spielplan stellt das allseits beliebte Ballett dar und darüber hinaus sucht Mahler auch immer wieder nach geeigneten neuen Werken.

Überglücklich steht er ab Ende 1898 auch auf dem Podium des Musikvereinssaals und leitet die renommierten Sonntagsmatineen der Wiener Philharmoniker. Doch diese Ehe ist nur von kurzer Dauer, denn Mahlers auch in diesem Bereich stets innovativer Geist stößt - wie auch schon zuvor in Hamburg - schon nach kurzer Zeit auf massiven Widerstand nicht nur seitens der Musiker, sondern auch seitens des Publikums und der Presse. Beethovens Streichquartette in orchestraler Besetzung oder Eingriffe in die Instrumentierung seiner Symphonien stoßen nicht auf die erhoffte Akzeptanz. Zu einem regelrechten Skandal gestaltet sich schließlich eine Aufführung von Beethovens 9. Symphonie im Februar 1900, bei der Mahler mit dem Hinweis auf den zum Zeitpunkt der Komposition schon weitgehend ertaubten Komponisten so drastische Eingriffe in die Instrumentierung vornimmt, dass der ansonsten die Originalpartitur eines Komponisten als heiliges Dokument respektierende Dirigent von allen Seiten vehement angegriffen wird. Darüber hinaus brüskiert er die Musiker nicht selten durch seinen nicht immer musikalisch begründeten Perfektionismus, seine undiplomatische und beinahe despotische Art sowie durch seine Probenmanie. Dennoch finden sich zumindest in der Presse zeitweise auch positive Ansätze, die Mahlers Arbeit als erfrischend neu empfinden. Mehr ideeller als künstlerischer Höhepunkt während seiner gerade zweieinhalbjährigen Konzerttätigkeit ist die Pariser Tournee im Jahr 1900 anlässlich der Weltausstellung. Für die Wiener Philharmoniker bedeutet die Einladung eine große Ehre, doch musikalisch verläuft die Konzertreise weniger erfolgreich als erhofft.

Der Fall Schindler

Nach jahrzehntelangem Junggesellenleben sowie zeitweise engeren Bindungen zu verschiedenen Frauen, insbesondere zu der Sängerin Anna von Mildenburg, mit der Mahler zwischen 1895 und 1897 eng liiert war, begegnet Gustav Mahler der 20-jährigen Alma Maria Schindler erstmals im Juli 1899. Doch erst zwei Jahre später kommt es zu der Begegnung, die beider Leben von Grund auf verändert. War Alma Schindler bereits vor der Gesellschaft bei Professor Emil Zuckerkandl am 7. November 1901 eine Verehrerin des Künstlers Gustav Mahler gewesen, so springt nun der entscheidende Funke über, und am 9. März 1902 schließen beide den Bund der Ehe in der Karlskirche.

In Alma Schindler findet Gustav Mahler eine Frau, die ihm auch künstlerisch ebenbürtig ist, die in seine oftmals beklagte künstlerische Einsamkeit eindringen und an seinen Ideen teilhaben kann. Jedoch gerade diese Tatsache sollte der Ehe später zum Verhängnis werden, denn Alma ist nicht nur eine intelligente, sondern auch musikalisch begabte Persönlichkeit. Aus einem künstlerischen Elternhaus stammend - Vater und Stiefvater sind die Maler Emil Jakob Schinkler und Carl Moll -, in stetem Kontakt mit zeitgenössischen Persönlichkeiten und Studentin Alexander Zemlinskys am Wiener Konservatorium ist sie bereits Jemand, bevor sie den Komponisten und Dirigenten Gustav Mahler heiratet. Zu dieser Zeit hat sie bereits neun Lieder komponiert. Die Beschneidung ihrer eigenen künstlerischen Flügel nach der Eheschließung mit Gustav Mahler war sicherlich von unschätzbarer Bedeutung für Mahlers kompositorisches Werk, doch von nicht minderer nachteiliger Bedeutung für ihr eigenes Schaffen. Erst nach einer tiefen Ehekrise im Jahr 1910 (nicht zuletzt ausgelöst durch das abrupte Ende seiner Wiener Zeit, den tragischen Tod der ältesten Tochter Maria Anna am 5. Juli 1907 und Almas Liaison mit dem Architekten Walter Gropius) kommt es 1910 - unterstützt durch eine psychoanalytische Studie Sigmund Freuds - zu einer entscheidenden Wende in Mahlers Verhalten. Kompositorisches Zeugnis davon legt die Symphonie Nr. 8 ab, die Mahler in Liebe seiner Frau Alma widmet.

Gustav Mahlers kompositorisches Schaffen nimmt in dem Jahrzehnt seiner Ehe mit Alma Schindler noch einmal einen bedeutenden Aufschwung. In dieser Zeit wird seine Fünfte Symphonie vollendet, entstehen neben der achten fünf weitere Symphonien sowie die im Jahr 1907 mit dem Tod seiner Tochter Maria Anna makabre Wirklichkeit werdenden Kindertotenlieder nach Gedichten von Friedrich Rückert, die gemeinsam mit den beiden letzten Symphonien bei einem zutiefst verzweifelten Vater Trauerarbeit leisten.

Werk Jahr Uraufführung
Symphonie Nr. 6 a-Moll 1904 1906 Essen
Symphonie Nr. 7 e-Moll 1905 1908 Prag
Symphonie Nr. 8 Es-Dur 1906 1910 München
Symphonie Nr. 9 D-Dur 1909 1912 Wien
Symphonie Nr. 10 Fis-Dur (unvollendet) 1910

Konzertreisen führen ihn darüber hinaus durch Europa: neben Köln, Essen, München, Düsseldorf, Frankfurt, Leipzig und Breslau entwickelt sich vor allem Amsterdam mit dem Concertgebouw Orchester unter der Leitung von Willem Mengelberg zu einer Mahler-Hochburg, wo seinen Werken besondere Wertschätzung entgegen gebracht wird.

Doch obwohl Gustav Mahler sich ein Jahrzehnt lang - zwar nicht immer unumstritten, am Ende jedoch in jeglicher Hinsicht erfolgreich - für die Belange der Wiener Hofoper mit nie erlahmendem Enthusiasmus und beinahe übermenschlichen Kräften eingesetzt hatte, führen diese zunehmenden Konzertreisen schließlich zu einer wenig wienerischen Pressekampagne, so dass Mahler schließlich im Herbst 1907 seinenRücktritt - wiederum unter finanziell ausgezeichneten Bedingungen - einreicht. Sein Abschied von der immerhin zehnjährigen Stätte seines bisher ruhmreichsten Wirkens gestaltet sich zu einem regelrechten Triumphzug: nicht nur die glänzende Abschiedsvorstellung in der Oper mit Beethovens Fidelio am 15. Oktober 1907 und die Huldigungen nach dem Abschiedskonzert mit seiner Zweiten Symphonie am 24. November 1907, sondern vor allem auch die Abreise am 9. Dezember, bei der Dutzende von Menschen den Bahnsteig säumen, wird für Mahler zu einem letzten Triumph.

New York

In New York schlägt Gustav Mahler noch ein letztes Mal künstlerische Wurzeln. Während der persönlichen und beruflichen Krise des Jahres 1907 bedeutet das Telegramm Heinrich Conrieds, amtierender Direktor der Met, nicht nur einen Lichtblick, sondern den entscheidenden Wink des Schicksals, wie sich Mahlers Zukunft weiter gestalten könnte. Denn trotz aller Enttäuschungen bei der praktischen Opernarbeit sowie dem immensen Zeitaufwand, der damit verbunden ist und ihm wertvolle Zeit für seine schöpferische Arbeit stiehlt, benötigt der Komponist diese Tätigkeit andererseits als Ausgleich: "Ich brauche eine praktische Betätigung meiner musikalischen Fähigkeiten unbedingt als Gegengewicht gegen die ungeheuren inneren Ereignisse beim Schaffen."

Bei den unverzüglich anlaufenden Proben bemüht sich Gustav Mahler um eine Arbeit auf seinem gewohnten Wiener Niveau. Doch während Sänger wie Enrico Caruso, Fjodor Schaljapan, Emmy Destinn und Geraldine Farrar ausnahmslos Spitzenleistungen garantieren, behindert eine eher provinzielle Regie seine auch hier um Perfektion bemühten Proben. Gustav Mahler gibt am 1. Januar 1908 sein New Yorker Debüt mit Wagners "Tristan und Isolde" und kann diese erste Saison mit einer gefeierten Fidelio-Aufführung, bei der auch die Regie in seinen fähigen Händen liegt, beenden. Aber die unbefriedigend bleibenden künstlerischen Bedingungen veranlassen Mahler - trotz des großzügigen Gehalts - zu einer frühzeitigen Kündigung des Vertrags im April 1909. Er kehrt im März 1910 noch einma an die Met zurück, um die amerikanische Erstaufführung von Tschaikowskijs Oper "Pique Dame" zu leiten.

Seine größten Erfolge sollte Gustav Mahler danach als Konzertdirigent feiern. Durch die Initiative der Bankiersgattin Mary Sheldon, die mittels eines Fonds das bis dahin auf Amateurbasis arbeitende New Yorker Philharmonische Orchester zu einem professionellen Ensemble (vor allem auch in quantitativer Hinsicht) ausbauen will, steht Mahler am 31. März 1909 erstmals am Pult dieses heute weltbekannten Orchesters. Auf den Programmen dieser Konzerte stehen vor allem die großen Klassiker wie Beethoven, aber auch die Werke von Tschaikowskij, Berlioz, Liszt, R. Strauss sowie eigene Kompositionen wie die "Kindertotenlieder".

Kompositorisch zeitigen diese Jahre nicht das erhoffte Ergebnis, denn die großen kreativen Freiräume setzen nicht wie erhofft große schöpferische Kräfte frei. Mit dafür verantwortlich ist sicherlich auch Mahlers zunehmend labiler Gesundheitszustand, der den bis dahin immer sportlich Aktiven weitgehend einschränkt. In seinen beiden Komponiersommern 1908 und 1909 entstehen seine letzten Werke, die Symphonie Nr. 9 und das Lied von der Erde, ein weiteres Stück Trauerarbeit des immer noch gramgebeugten Vaters. Beide Werke werden wenig später von der Wiener Universal-Edition unter Vertrag genommen.

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Walter Gropius (18831969), deutsch-amerikanischer Architekt und Designer.

Privat stehen Gustav Mahlers letzte Lebensjahre unter keinem glücklichen Stern. Nach der Krise des Jahres 1907, der nie restlos überwundenen Trauer über den Tod seiner geliebten Tochter und geschwächt durch den im selben Jahr diagnostizierten Herzklappenfehler durchlebt der Komponist nach eigenen Aussagen im Jahr 1908 eine tiefe Krise. Und doch steht ihm die schwerste Prüfung noch bevor. Im Sommer 1910 lernt Alma Mahler den 27-jährigen Architekten Walter Gropius kennen und verliebt sich in ihn. Mahler geht unerwartet in die Offensive, kämpft um die Liebe seiner Frau, erkennt - vielleicht erstmals in seiner zehnjährigen Ehe - die Künstlerin an und bemüht sich um eine Veröffentlichung ihrer Lieder.

Gleichzeitig wird das Jahr 1910 zum größten Triumph des Komponisten Gustav Mahler: in München wird am 12. September in der Neuen Musik-Festhalle die seiner Frau Alma gewimdete Symphonie Nr. 8 unter der Leitung des Komponisten uraufgeführt. Es ist, wie das Programmheft mitteilt, eine "Symphonie der Tausend", was die ungeheure Zahl von 8 Solisten, Organist, 170 Instrumentalisten und 850 Sängern nicht nur symbolisch, sondern recht realistisch veranschaulicht. Mahler selbst betrachtete dieses Werk als sein künstlerisches Vermächtnis, in dem auf der Basis der verwendeten Texte (Pfingsthymnus "Veni Creator Spiritus" und die Schlussszene aus Goethes "Faust" Teil II) ein tönendes Universum geschaffen wird: "Denken Sie sich, dass das Universum zu tönen und zu klingen beginnt. Es sind nicht mehr menschliche Stimmen, sondern Planeten und Sonnen, welche kreisen." (Mahler an den holländischen Dirigenten Willem Mengelberg)

Danach nehmen Gustav Mahlers Kräfte rapide ab. Differenzen mit den New Yorker Philharmonikern tragen mit zur Verschlechterung seines Zustandes bei. Auch ein in Paris konsultierter Arzt kann ihm nicht mehr helfen. Auf eigenen Wunsch kehrt Mahler im Mai 1911 nach Wien zurück, wo er am 18. Mai im Sanatorium Loew verstirbt. Vier Tage später wird er neben seiner Tochter auf dem Grinzinger Friedhof bestattet.

  1. Biografie
  2. Künstlerische Würdigung

Bibliografie:

  • Jonathan C. Carr: Gustav Mahler, München 1997
  • Christian Glanz: Gustav Mahler. Sein Werk - sein Leben, Wien 2001
  • Norman Lebrecht: Gustav Mahler. Erinnerungen seiner Zeitgenossen, Mainz 1993
  • Wolfgang Schreiber: Gustav Mahler, Reinbek 1971
  • Alphons Silbermann: Lübbes Mahler Lexikon, Bergisch-Gladbach 1986

Institution(en):

  • Internationale Gustav-Mahler Gesellschaft
    Wiedner Gürtel 6, A-1040 Wien
    +43/1/5057330
    Fax: +43/1/5057330
    info@gustav-mahler.org
    Internet: http://www.gustav-mahler.org/deutsch/
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