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THEMEN

Heilige Stadt Anuradhapura

Von Säulenwäldern und weissen Dagobas Heilige Stadt Anuradhapura

Folgt man der altasiatischen Mahavamsa-Chronik, fusst die städtebauliche Anlage Anuradhapuras auf einem mustergültigen Konzept. Mit Bereichen für Herbergen und Spitäler sowie gesonderten Bezirken für Berufszweige und die hohen und niederen Schichten der Gesellschaft. Heute fällt es in König Pandukabhayas modellhaft geplanter Metropole schwer, den Überblick zu behalten, denn auf jenen singhalesischen Stadtbegründer folgten zahlreiche weitere Herrscher mit Baudrang, so dass die Zeugnisse von Sri Lankas erster Hauptstadt über mehr als 20 Quadratkilometer verstreut liegen. Für Besucher gilt daher: Ohne detaillierten Lageplan und fahrbaren Untersatz geht einfach nichts.

Die Geschichte der antiken Königsstadt ist eng verknüpft mit der frühen Entwicklung des Buddhismus auf Sri Lanka. In Zeiten, da man in anderen Teilen der Erde von einem Jesus Christus nichts ahnte, war es der aus Indien stammende Arahat Mahinda, der König Devanampiya Tissa für den Buddhismus gewann. In Anuradhapura folgten Gründungen von Klöstern, wobei Abhayagiri, Jetavana und Mahavihara zu den wichtigsten zählten. Im jeweiligen Zentrum der Klosterkomplexe erhob sich ein monumentaler Stupa, ein glockenförmiger buddhistischer Sakralbau, der traditionell der Aufbewahrung von Reliquien diente. So gehörte zum Kloster Mahavihara die strahlendweiße Ruvanveliseya-Dagoba aus dem zweiten vorchristlichen Jahrhundert, die mit ihren beinahe 100 Metern Höhe zu den bedeutendsten Bauwerken ihrer Epoche zählte. Umzogen ist der buddhistische Kultbau von einem Mauergeviert, aus dem Hunderte von Elefantenskulpturen spähen. Die stattlichen Dickhäuter, von denen einzig die Vorderpartien hervorstehen, wirken mit ihren gewaltigen Stoßzähnen, lederigen Ohren und den am Boden aufliegenden Rüsselenden sehr lebensecht.

Älter, aber wesentlich kleiner als die Ruvanveliseya-Dagoba ist die weiße Thuparama-Dagoba, die man aus der Ferne an ihrer goldenen Spitze erkennt. König Devanampiya Tissa ließ das Heiligtum erbauen, um ein sagenumwobenes Stück Schlüsselbeinknochen von Buddha aufzubewahren. Die Monolithen rund um die Dagoba gehören zu einem verschwundenen Rundtempel. Ebenfalls verschwunden - abgesehen von einem steinernen Skelett aus 1600 Pfeilern - ist der Brazen-Palast. Auf dem gigantischen Säulenwald soll einst ein neunstöckiger Holzbau mit kupfernem Dach geruht haben. Als weitere eindrucksvolle Zeugnisse der Hochkultur stechen in Anuradhapura der aus Kalkstein geschlagene Samadhi-Buddha, das Felsenkloster Isurumuniya nahe dem Tissa-Stausee, die imposanten Dagobas Abhayagiri und Jetavana sowie die mit steinernen Lotosblüten verzierten Badebecken der Mönche des Abhayagiri-Klosters hervor.

Trotz des verblassten historischen Glanzes, der zwischenzeitlichen Plünderung durch indische Chola-Truppen und der Verlegung der Hauptstadt nach Polonnaruva ist Anuradhapura eine wichtige Kultstätte der Buddhisten geblieben. Sie verehren hier einen heiligen Baum, den "Sri Mahabodhi". Er soll aus einem Ast jenes historischen Baumes erwachsen sein, unter dem Buddha erleuchtet wurde; den Überlieferungen zufolge war der Sri Mahabodhi ein Geschenk der indischen Prinzessin Sanghamitta an König Devanampiya Tissa. Heute schützt ein spitzer Gitterzaun den Baumriesen, und Stangen stützen sein dickes Astwerk. Allgegenwärtig sind die Gläubigen, die Lichter entzünden und Lotosblüten darbringen.

Auch sonst sind in Anuradhapura Altertum und Gegenwart eng miteinander verschmolzen. Mancherorts sieht man 2000jährige Stelen und Steinplatten, die unmittelbar an Wohnhütten grenzen und von den Einheimischen im Alltag praktisch genutzt werden: von Hausfrauen zum Trocknen von Wäsche und von sri-lankischen Jungkickern als Spielfeldmarkierungen.

  1. Von Säulenwäldern und weissen Dagobas Heilige Stadt Anuradhapura
  2. Fakten in Kürze
  3. Zur Geschichte
Andreas Drouve
Dr. phil., Jg. 1964, Germanist, Tätigkeit als freier Autor und Journalist für Buch- und Zeitungsverlage in Deutschland und Spanien, Veröffentlichungen zu Spanien, Süd- und Mittelamerika sowie zur Karibik
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