Heinrich Schütz
Leben und Werk
Kindheit und Jugend

Heinrich Schütz wird am 8. Oktober 1585 in Köstritz als erster Sohn des Gastwirts und angesehenen Bürgers Christoph Schütz und seiner dritten Frau Euphrosyne geboren. Als Heinrich fünf Jahre alt ist, zieht die Familie nach Weißenfels, wo Vater Christoph den nach dem Tod seines Vaters geerbten Gasthof "Zum goldenen Ring" übernimmt, nach heutigen Maßstäben eine Nobelherberge, in der sich in den nächsten Jahren auch adelige und gekrönte Häupter zur Ruhe betten sollten. Christoph Schütz erwächst aus dem regelmäßigen Umgang mit dieser Gesellschaftsschicht ein gesundes Selbstbewusstsein, das weit von der ansonsten üblichen Unterwürfigkeit eines Bürgerlichen gegenüber einem Adeligen entfernt ist. Und auch für Heinrich, der zu dieser Zeit bereits durch seine außergewöhnlich schöne, glockenhelle Stimme ein besonderes musikalisches Talent erahnen lässt, sollten diese Kontakte von nicht zu unterschätzender Bedeutung sein.
Musik und der Beruf des Musikers genießen zu dieser Zeit allerdings - und auch noch Jahrhunderte später - einen zweifelhaften Ruf und daher ist der Beruf des Musikers für den um die Zukunft seines Sohnes ehrlich besorgten Vaters kaum erstrebenswert. Und so steht Christoph Schütz dem großzügig gemeinten Angebot des gebildeten und musikalischen Landgrafen Moritz von Hessen (1572-1632), der 1598 auf der Durchreise im "Goldenen Ring" absteigt und Heinrichs Talent durch eine entsprechende Ausbildung im Collegium Mauritianum in Kassel fördern möchte, zunächst auch eher skeptisch und reserviert gegenüber und erteilt dem Landesherrn eine Absage. Doch damit ist - zum Glück für die Musikgeschichte - dieses Kapitel noch nicht abgeschlossen, denn ein Jahr später kommt der Landgraf in einem Brief noch einmal auf die Angelegenheit zurück und diesmal scheinen für die Eltern die positiven Argumente überwogen zu haben, denn am 20. August 1599 bringt der Vater seinen Sohn eigenhändig nach Kassel in die gräfliche Schule.
Schüler des Kasseler Mauritianums
Heinrich erhält in Kassel eine breit gefächerte Ausbildung, doch neben den Fächern Lateinisch, Griechisch, Hebräisch, Französisch, Italienisch, Arithmetik, Katechese und Literatur nimmt die Musik einen besonderen Stellenwert ein, denn die Zöglinge werden regelmäßig für die musikalische Gestaltung der Gottesdienste eingesetzt. Aufgenommen werden daher nur Schüler mit einer guten Stimme und sofern sie diese Voraussetzung erfüllen, steht das Mauritianum auch einer begrenzten Anzahl bürgerlicher Kinder offen. Eines davon wird nun im August 1599 Heinrich Schütz. Der Dreizehnjährige entwickelt sich schon bald zu einem fleißigen und begabten Schüler, der sich dadurch am Ende seiner Kasseler Zeit für ein Jurastudium an der Universität Marburg qualifiziert.
Jurastudent in Marburg
Auch in Marburg, wo sich Heinrich am 27. September 1608 immatrikuliert, zeichnet sich der Student von Anfang an wieder durch besondere Leistungen aus. Aus dieser Zeit ist erstmals eine Komposition des bis dahin in dieser Hinsicht nicht in Erscheinung getretenen Schütz überliefert: ein fünfchöriges weltliches Konzert mit dem Titel "Ach wie soll ich doch in Freuden leben" (SWV 474).
Und wiederum greift Landgraf Moritz von Hessen schicksalhaft in das Leben des jungen Schütz ein, denn ein Jahr nach Studienantritt macht der musikalische und vielseitig interessierte Landesfürst, der offenbar lebhaften Anteil an der weiteren Zukunft dieses jungen Menschen nimmt und wahrscheinlich weitsichtiger als alle anderen dessen musikalisches Potential erkennt, Heinrich ein verlockendes Angebot: Mit einem großzügigen Stipendium von 200 Talern ausgestattet soll er zu Studienzwecken einerseits und als sozusagen kultureller Abgesandter des Landgrafen andererseits nach Venedig reisen, um seinen musikalischen Horizont zu erweitern und für seinen Auftraggeber neue Noten und Instrumente zu erwerben.
Venedig und Giovanni Gabrieli
Der Grundstein für Venedigs Ruhm als musikalisches Zentrum wurde mit der Gründung einer Singschule am Markus-Dom im Jahr 1403 gelegt. Von 1527-1562 wird der flämische Komponist Adriaan Willaert (zwischen 1480 und 1490-1562) als Domkapellmeister berufen und revolutioniert mit seinem mehrchörigen Musizieren auf den einander gegenüberliegenden Emporen die Klangwelt der Renaissance-Zeit. Viele Komponisten nehmen seine Anregungen auf und so entwickelt sich der neue Stil der Doppelchörigkeit. Prominentester Vertreter ist zunächst Andrea Gabrieli (1520-1586), Schüler von Adriaan Willaert und später Organist an San Marco. Als Heinrich Schütz 1609 in Venedig eintrifft, wirkt dort dessen Neffe Giovanni Gabrieli (1557-1612), der die Domorganistenstelle von seinem Onkel nach dessen Tod übernommen hatte und als Komponist des neuen mehrchörigen Stils sowohl im vokalen als auch im instrumentalen Bereich Maßstäbe setzt. Heinrich Schütz wird dessen aufnahmebereiter Schüler.
Von elementarer Bedeutung für die kompositorische Arbeitsweise wird zu dieser Zeit zunehmend die Forderung Claudio Monteverdis (1567-1643) "das Wort sei die Herrin der Musik", das nicht nur im musikdramatischen Schaffen einen neuen Ansatz bedeutet, sondern den gesamten Bereich der Vokalmusik durchdringt und eine Musik hervorbringt, die im Sinne der Affektenlehre Gefühlsregungen auslösen soll. Giovanni Gabrieli orientiert sich in seinen instrumentalen Begleitstimmen daher auch zunehmend am parallelen Gesangspart.
Geschult an diesen Richtlinien entsteht während der zweijährigen Ausbildung bei Gabrieli eine Sammlung von neunzehn Madrigalen, die als Il Primo Libro De Madrigali Di Henrico Sagittario Allemanno 1611 in Venedig im Druck erscheinen, als Opus 1 in Schützens Werkeverzeichnis aufgenommen werden und den Komponisten als überdurchschnittliche Begabung ausweisen. In Anbetracht dieser Fortschritte und auf Empfehlung Gabrielis, der seinen deutschen Schüler besonders protegiert zu haben scheint, wird Heinrichs Studium um zwei Jahre verlängert: zunächst durch ein weiteres Stipendium des Landgrafen, anschließend dank finanzieller Unterstützung durch die Eltern. Gabrielis Tod am 12. August 1613 beendet dieses fruchtbare Lehrer-Schüler-Verhältnis vorzeitig und so kehrt Schütz nach Kassel zurück.
Kurz danach begegnet Heinrich Schütz erstmals dem fast gleichaltrigen Johann Hermann Schein (1586-1630), der 1616 als Kantor an die Leipziger Thomaskirche berufen wird. Sein früher Tod im Jahr 1630 hinterlässt bei ihm, der zu dieser Zeit gerade von seiner zweiten Italienreise in ein immer noch kriegerisches Land zurückkehrt, eine schmerzhafte Lücke.
2. Hoforganist in Kassel
Landgraf Moritz von Hessen tut nach Schützens Rückkehr nach Kassel alles in seinen Kräften stehende, um den hoffnungsvollen Nachwuchskomponisten weiter zu fördern und an seinem Hof musikalisch einzusetzen. Mangels einer entsprechenden vakanten Stelle, greift er kurzerhand zur Selbsthilfe und schafft den neuen Posten des 2. Hoforganisten, den Schütz zwischen 1613 und 1617 bekleidet. Daneben bleibt dem Musiker jedoch genügend Zeit, um seine Dienste und Fähigkeiten auch andernorts einzusetzen und schon bald macht er sich in Fachkreisen einen Namen. Mit Schützens steigender Reputation kann es nicht ausbleiben, dass auch andere Landesfürsten auf ihn aufmerksam werden und nach einem "Gastspiel" am Hofe des Kurfürsten Johann Georg I. von Sachsen (1585-1656) entsteht ein erbittertes Tauziehen um die Dienste dieses begabten Komponisten, das der hessische Regent schließlich verliert. Gleichwohl wird Landgraf Moritz erkannt haben, dass sich Schütz im großstädtischen Dresden ganz andere künstlerische Möglichkeiten bieten würden.
Hofkapellmeister in Dresden
Im Jahr 1617 ragen gleich zwei Ereignisse aus der alltäglichen Routine hervor: ein Besuch von Kaiser Matthias sowie die 100-Jahr-Feier der Reformation. Gilt es für den ersten Anlass festlich-repäsentative Musik zu komponieren, so sind im zweiten Fall kirchenmusikalische Werke gefragt. Heinrich Schütz' Beitrag zu den Reformations-Feierlichkeiten wird von Zeitzeugen als "herrlich, köstlich und ansehnlich" gewürdigt und lässt klar den venezianischen Einfluss erkennen.
Heinrich Schütz, lange unschlüssig, ob er den Beruf des Musikers zu seinem Lebensinhalt machen sollte, begibt sich nun an seiner neuen Wirkungsstätte unverzüglich an die Arbeit. Alle seine Tätigkeiten - von der Leitung der Kirchenmusik und Ausbildung der Hofmusiker sowie des musikalischen Nachwuchses bis hin zur geselligen Tafelmusik - sind dabei von äußerster Gewissenhaftigkeit sowohl in inhaltlicher als auch organisatorisch-praktischer Hinsicht geprägt. Darüber hinaus gibt er der zeitgenössischen Musikkultur wertvolle neue Impulse, so dass der Name Schütz schon bald beachtliches Ansehen weit über das Fürstentum hinaus genießt.

Dresden eröffnet Heinrich Schütz nicht nur völlig neue künstlerische Perspektiven, sondern greift auch in privater Hinsicht in sein Leben ein, denn hier begegnet er 1618 der 17-jährigen Magdalena Wildeck, die er am 1. Juni 1619 heiratet. Ihr sind die Psalmen Davids gewidmet, die sich von Dresden aus schon bald bis nach Breslau, Königsberg und Danzig verbreiten und weiter zu dem sich stetig vermehrenden Ruhm ihres Schöpfers beitragen. Daneben entstehen in den nächsten Jahren - seinem breit gefächerten Aktionsradius entsprechend - unterschiedlichste Werke wie die Cantiones sacrae (SWV 53-93) als Andachtsmusiken, die Auferstehungshistorie (SWV 50), Trauermusiken, Motetten, Madrigale (zum Teil auf eigene Texte sowie auf Verse des bekannten Dichters Martin Opitz), Festmusiken, vermutlich auch weltliche Instrumentalwerke, die jedoch nicht erhalten sind, sowie im Jahr 1627 die Oper Dafne, die in Zusammenarbeit mit Opitz nach einem Text des Italieners Ottavio Rinuccini entsteht und als der erste deutsche Beitrag in dieser Gattung betrachtet wird. Ob Schütz für dieses Werk selbst Musiknummern verfasst oder lediglich vorhandene Kompositionen zusammengestellt hat, lässt sich heute nicht mehr feststellen, denn außer dem Libretto hat sich nichts erhalten. Insbesondere in der Auferstehungshistorie, zu der der Komponist selbst eine erklärende Einführung sowie explizite Anweisungen zum Vortrag gibt, wird die Behandlung der Singstimmen deutlich, die sich bereits an Monteverdis Forderungen orientiert und die Musik auf den Text ausrichtet.
Dem Ehepaar Schütz werden 1621 und 1623 zwei Töchter geboren. Doch das familiäre Glück ist nur von kurzer Dauer, denn am 6. September 1625 stirbt seine junge Ehefrau an den Blattern. Heinrich Schütz' Halt in dieser schweren Zeit ist seine Musik, gleichwohl verstummt die Sprache des Komponisten in den nächsten Monaten fast vollständig. Darüber hinaus ist die politische Situation zu dieser Zeit zunehmend deprimierend und bedrückend, denn seit bereits sieben Jahren wütet in Deutschland ein Krieg, in den auch Schweden und Frankreich eingreifen und der nach weiteren 23 Jahren als 30-jähriger Krieg mit katastrophalen Folgen in die Geschichte der Menschheit eingehen sollte. Zwangsläufig werden in solchen Zeiten auch an einem kulturell fortschrittlichen Hof wie dem sächsischen die finanziellen Mittel für eine repräsentative Hofhaltung zusehends knapper.
Venedig und Claudio Monteverdi
Nach mehrmaligen Eingaben erhält Heinrich Schütz 1628 schließlich die Genehmigung seines Landesfürsten zu einer erneuten Reise nach Italien. Auf der Flucht vor den deprimierenden privaten und politischen Ereignissen sowie auf der Suche nach neuer musikalischer Inspiration trifft der Musiker im Oktober 1628 zum zweiten Mal in Venedig ein. Ursprünglich mit dem Ziel, Claudio Monteverdi und dessen revolutionäre neue Geigentechnik kennen zu lernen, aufgebrochen, sollte ein ähnlich fruchtbares Lehrer-Schüler-Verhältnis wie zwischen Gabrieli und Schütz ausbleiben. Gleichwohl sind Monteverdis neue musikalische Errungenschaften allgegenwärtig und unüberhörbar.
Seit seinem ersten Aufenthalt in der Lagunenstadt hatte sich die musikalische Landschaft fundamental gewandelt, was Schütz mit den Begriffen "alter Stil" und "neuer Stil" zu umschreiben versucht. Der neue Stil zeigt dabei in der Kirchenmusik eine Verflechtung von geistlichen und weltlichen Elementen, die Monteverdis sakralen Kompositionen eine besondere Lebendigkeit verleihen. Heinrich Schütz setzt sich aktiv mit diesen Anregungen auseinander und macht sie für sein eigenes Schaffen fruchtbar, ohne sie jedoch blind zu übernehmen. Erstes kompositorisches Ergebnis dieser Phase sind die Symphoniae sacrae I (SWV 257-276), in denen sich der Unterschied zu seinen früheren Kompositionen an folgenden Punkten festmachen lässt:
- explizite Instrumentation anstelle der früheren variablen Besetzung
- die Instrumente orientieren sich dabei noch deutlicher an den Singstimmen, deren Aussagen sie zu unterstützen suchen
- Verarbeitung von subjektiven, emotionalen Texten anstelle von objektiven Erzählungen, wodurch eine wesentlich intimere Musik entsteht; ob Schütz damit - insbesondere in der Klage Davids über den Tod seines Sohnes - auch persönliche Trauerarbeit leistet, kann nur vermutet werden.
Bereichert um die vielfältigen musikalischen Anregungen und voller neuer Ideen kehrt Heinrich Schütz im November 1629 nach Dresden zurück, nicht ohne jedoch auch für seinen Landesherrn reiche musikalische "Beute" gemacht zu haben: mehrere neue Instrumente hat er bereits auf dem Postweg vorgeschickt, ein breites Spektrum neuer italienischer Noten führt er im Gepäck mit sich und zwei begabte junge Geiger kann er für den Dresdener Hof verpflichten.
Voller Enthusiasmus macht sich Schütz in Dresden an die Realisierung seiner Pläne, doch die immer noch andauernden Kriegswirren, in die auch Kurfürst Johann Georg I. zunehmend verwickelt ist, haben die musikalischen Aktivitäten bei Hofe seit seiner Abreise noch weiter eingeschränkt. Und so verlangen zunächst weitaus elementarere Dinge als die Umsetzung ev. kostspieliger neuer Ideen seine Aufmerksamkeit, denn die finanzielle Situation seiner Musiker, deren Wohl Schütz von Anfang an besonders am Herzen gelegen hat, sieht prekär aus. Wenig später muss sogar er selbst als Kapellmeister um das ihm zustehende Gehalt nachsuchen, eine erniedrigende und entwürdigende Situation, der der inzwischen europaweit geschätzte Schütz erneut mit Flucht begegnet.
Kopenhagener Intermezzi

Der Kurfürst lässt seinen Kapellmeister wiederum relativ bereitwillig ziehen, denn die bevorstehende Heirat seiner Tochter Magdalena Sibylla mit dem dänischen Prinzen Christian bietet einen willkommenen Anlass, die Fähigkeiten seines Prestige-Musikers zu demonstrieren. Als Schütz am 10. Dezember 1633 in Kopenhagen eintrifft, scheint ihm sein Ruf bereits vorausgeeilt zu sein, denn König Christian IV. lässt ihn sofort gegen ein fürstliches Gehalt zum Hofkapellmeister ernennen. Leider sind von Schützens musikalischer Tätigkeit am dänischen Hof nur wenige Zeugnisse überliefert. Noch spärlicher sind die Informationen über seine zweite Kopenhagener Reise von 1642-1644.
Auch diesmal hat sich nach seiner Rückkehr an den Dresdener Hof im Mai 1635 nichts zum Positiven verändert. Eine - wenn auch eher betrübliche - musikalische Herausforderung bedeutet daher der Auftrag des Fürsten Heinrich von Reuß für die Komposition einer Begräbnismusik. Mit großer Sorgfalt macht sich Schütz zunächst an die Auswahl und Zusammenstellung des Textmaterials, das unter dem Titel Musikalische Exequien (SWV 279-281) als erstes deutsches Requiem (in deutscher Sprache) in die Geschichte der Musik eingeht und auf eindrucksvolle Weise Schützens kompositorische Meisterschaft demonstriert.
Derweil geht es mit dem musikalischen Niveau am Dresdener Hof stetig bergab, was zwangsläufig Schützens kompositorische Möglichkeiten drastisch einschränkt. Nicht ohne Bitterkeit spricht er 1639 in einem Brief an den dänischen Prinzen Frederik von den "in den Koth getretenen Künste(n)". Mit sparsamsten, v. a. instrumentalen Mitteln sind daher seine Kleinen Geistlichen Konzerte I und II (SWV 282-305 und 306-337) ausgestattet, die dennoch die meisterliche Handschrift des Komponisten verraten, ihren Schöpfer gleichwohl nicht befriedigen. Neuerliche Reisen nach Hannover, Kopenhagen und Braunschweig, auf denen Rat und Tat des erfahrenen Musikers gleichermaßen gefragt sind, bedeuten kurzfristige Lichtblicke und künstlerische Befriedigung, doch die Ernüchterung im kulturell immer desolateren Dresden ist anschließend umso größer. Und mit fast sechzig Jahren fühlt er sich inzwischen zu alt, um noch einmal von vorne anzufangen, so dass er den Kurfürsten um seine Pensionierung bittet. Zwar wird diesem Wunsch nicht unmittelbar entsprochen, aber sein Arbeitspensum scheint sich in den nächsten Jahren verringert zu haben, bevor er 1656 endgültig in den Ruhestand tritt.
Alterswerke
Auch wenn Heinrich Schütz sich ab seinem 60. Lebensjahr zusehends von den täglichen musikalischen Pflichten befreien lässt, so entfaltet der Komponist in den ihm noch verbleibenden 27 Jahren eine rege Tätigkeit und es entstehen einige seiner bedeutendsten Werke. Eine Sonderstellung nimmt darunter die oratorienähnliche Komposition Die Sieben Worte Jesu am Kreuze (SWV 478) ein, die gattungsmäßig nicht eindeutig zuzuordnen ist und insbesondere in ihrem bewegenden "Lamento" die künstlerische Nähe zur italienischen Oper erkennen lässt.
1627 veröffentlicht Heinrich Schütz seine Symphoniae sacrae II (SWV 341-367), die ebenso wie die 23 Jahre später zusammengestellten Symphonie sacrae III (SWV 398-418) ausdrücklich den Untertitel Deutsche Concerten tragen. Damit wird auf dem Ideal Martin Luthers aufbauend mit der Verwendung deutscher Texte auch den einfachen unteren Schichten der Zugang zu solcher Musik erleichtert. Gleichwohl sind damit jedoch keinerlei Zugeständnisse musikalischer Art verbunden, ganz im Gegenteil: Heinrich Schütz gelingt in diesem Werk die Synthese aus sprachlicher Verständlichkeit und musikalischem Anspruch. In seinem Vorwort prangert er die gängige Praxis an, ein Werk durch Eingriffe des Ausführenden so zu verunstalten, dass es nur noch "Eckel und Verdruß" hervorruft. Darüber hinaus gibt er explizite Anweisungen für die Bogenführung - eine zu dieser Zeit noch unübliche Praxis - und empfiehlt darin ungeübten Instrumentalisten den Unterricht bei einem fähigen Geigenlehrer.
Mit dem Ende des Dreißigjährigen Krieges im Jahr 1648, der durch den Friedensschluss zu Münster und Osnabrück am 24. Oktober 1648 besiegelt wird, beginnt sich das Leben an den fürstlichen Höfen wieder zu normalisieren. Auch in Dresden besinnt man sich wieder auch den ehemals hohen kulturellen Status und so mangelt es nicht an Herausforderungen an den bewährten und angesehenen Musiker wie für die Gestaltung des Dankfestes zur Feier des Westfälischen Friedens am 22. Juli 1650.
In den folgenden zwei Lebensjahrzehnten zieht sich Heinrich Schütz mehr und mehr an seinen Schreibtisch zurück. Äußere Gründe gibt es dafür vor allem zwei: Einerseits hatte sich Schütz in seiner Funktion als Hofkapellmeister jahrelang mit großem Engagement vor allem für alle sozialen Belange seiner Musiker eingesetzt. Nach einer kurzfristigen Besserung der Bedingungen mit Ende des Dreißigjährigen Krieges muss er nun mitansehen, wie seine Musiker quasi über Nacht an den Bettelstab gebracht werden, als der Kurfürst ihnen die fälligen Gehälter schuldig bleibt. In einem eindringlichen Brief an Johann Georg I. nimmt er denn auch kein Blatt vor den Mund und schildert die skandalösen Umstände in drastischen Farben. Aber auch er kann den Zeiger der Uhr nicht zurückdrehen. Zu diesen deprimierenden Ereignissen kommt zunehmend auch eine künstlerische Isolation. Er, der in Italien mehrfach wichtige Inspiration für sein kompositorisches Schaffen empfangen und mit seinen kontrapunktischen Fähigkeiten zu einer fruchtbaren Synthese verbunden hatte, muss nun erleben, wie zunehmend neuere italienische Praktiken und Musiker ohne solide theoretische Ausbildung am Hof Einzug halten.
In seinen Kompositionen hält Heinrich Schütz unbeirrt an seinen musikalischen Überzeugungen fest. Insbesondere in seiner Weihnachtshistorie und den drei Passionen erweist er sich noch einmal als Meister seines Fachs:
- Historia der freudenreichen Gottes und Marien Sohnes Geburt Jesu Christi (1664, SWV 435)
- Historia des Leidens und Sterbens unseres Herrn und Heilandes Jesu Christi nach dem Evangelium St. Lukas (1665, SWV 480)
- Historia des Leidens und Sterbens unseres Herrn und Heilandes Jesu Chrisit nach dem Evangelium St. Johannis (1665; zwei Fassungen: SWV 481a und 481)
- Historia des Leidens und Sterbens unseres Herrn und Heilandes Jesu Chrisit nach dem Evangelium St. Mattaei (1665, SWV 479)
Danach nimmt Heinrich Schütz musikalisch Abschied von der Welt: In der von ihm selbst als "Schwanengesang" betitelten Vertonung des 119. Psalms (SWV 482-492) mit seinen 176 Versen legt er ein Kompendium seines kompositorischen Schaffens vor, das gleichermaßen sein ethisches wie künstlerisches Vermächtnis enthält. Angeschlossen werden eine Vertonung des 100. Psalms (SWV 493) sowie ein Deutsches Magnificat (SWV 494). Schütz vollendet diese umfangreiche Arbeit 1671; wenige Monate später stirbt er am 6. November 1672 in Dresden. Elf Tage später wird der Hofkapellmeister feierlich in der Alten Frauenkirche bestattet. Als das zunehmend baufällige Gebäude 1727 abgerissen wird, werden auch die vorhandenen Gräber eingeebnet.
- Leben und Werk
- Künstlerische Würdigung
Bibliografie:
- Martin Gregor-Dellin: Heinrich Schütz. Sein Leben, sein Werk, seine Zeit, München 1987
- Michael Heinemann: Heinrich Schütz, Reinbek 2005
- Michael Heinemann: Heinrich Schütz und seine Zeit, Laaber 1993
Institution(en):
- Internationale Heinrich-Schütz-GesellschaftHeinrich-Schütz-Allee 35,
D-34131 Kassel0561/310500561/3105-240info@schuetzgesellschaft.deInternet: http://www.schuetzgesellschaft.de - Heinrich-Schütz-Haus Forschungs- und Gedenkstätte im Geburtshaus des KomponistenHeinrich-Schütz-Straße 1,
D-07586 Bad Köstritz036605/36198 oder 2405036605/36199Heinrich-Schuetz-Haus@t-online.deInternet: http://www.heinrich-schuetz-haus.de









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