Heldensagen der Germanen
Geschichtliche Einordnung
So gewaltig waren die Umwälzungen und Ereignisse zwischen dem Einfall der Hunnen im Jahre 375 und der Eroberung Oberitaliens durch die Langobarden im Jahre 568 (Völkerwanderung), dass einige ihrer Höhepunkte von fahrenden Sängern über Generationen und Jahrhunderte hinweg in Liedern überliefert wurden. Die germanistische Forschung hat die alten Texte analysiert und die Verbindungen hergestellt: die Vernichtung des mittelrheinischen Burgunderreiches durch die hunnischen Hilfstruppen des Aetius liegt dem Lied von der "Nibelungen Not" zu Grunde, die "Hamdirsage" erzählt vom Ende des Ostgotenkönigs Ermanarich, die "Iringsage" handelt von der Zerstörung des Thüringerreiches durch die Franken, sie bezieht sich auf die Ermordung des Königs Irminfried um 530, und der "Alboin" der Heldensage ist der Langobardenkönig Alboin. Ebenso gibt den Feldzug, den ein Merowingerkönig namens Chlochilaicus um 520 ins Gebiet der Rheinmündungen unternommen hat, die englische "Beowulfsage" wieder, die von einem Gautenkönig Hygelac spricht (von See).

Alle Ereignisse, von denen die germanische Heldensage erzählt, fallen in den Zeitraum der Völkerwanderung. Wenn in späteren Zeiten Gestalten wie Heinrich der Löwe, Herzog Ernst von Schwaben in Liedern besungen werden, sind dies nicht eigentlich Heldensagen, sondern nur Sagen - oft bilden sie sich aus örtlichen Überlieferungen, um Burgen oder Schluchten, Quellen oder Berge. Die Völkerkunde hat nachweisen können, dass außerhalb des europäisch-asiatischen Kulturkreises Heldensagen nicht bekannt sind, ausgenommen vielleicht Polynesien - aber auch hier besteht der geschichtliche Hintergrund in gewaltigen Eroberungszügen, die denen der Wikinger ähneln, wenn sie auch weit größere Entfernungen überspannen.
Für Europa nördlich der Alpen ist die Völkerwanderungszeit zum Heldenzeitalter geworden, so wie die Zeit der trojanischen Kämpfe, die etwa um 1200 v. Chr. geführt worden sind, für die Griechen Homers, die ein halbes Jahrhundert später lebten, die "Heldenzeit" war.
Die Heldensage schildert Ereignisse, die oft durch mehr als ein Jahrhundert getrennt sind, so, als seien sie von einer einzigen Generation erlebt. So fasst die Sage von Dietrich von Bern (Bern = Verona) den Ostgotenkönig Ermanarich (gest. um 375), den Hunnenkönig Attila (+453) und Theoderich den Großen (+526) in einem einzigen Sagenkomplex als Akteure eines Geschehens zusammen. Diese zeitliche Konzentration ist ein wesentliches Merkmal der Heldensage. Ein anderes ist oft große Entfernung zwischen den Orten der Handlung. In ihm unterscheidet sie sich von der bloßen Sage, die, so vielschichtig ihre Motive und Ursprünge auch sein mögen, einem Ort verhaftet ist.
- Geschichtliche Einordnung
- Mündliche Überlieferung
- Die "Edda"
- Schriftliche Überlieferung
- Ursprung und Wirkung der Heldensage
Bibliografie:
- Gerhard Aick: Deutsche Heldensagen. Gesamtausgabe. Wien 1997
- Gretel und Wolfgang Hecht: Deutsche Heldensagen. Frankfurt/M. 1991
- Reiner Tetzner: Germanische Götter- und Heldensagen. Stuttgart 1997
- Heinrich Beck (Hrsg.): Heldensage und Heldendichtung im Germanischen. Berlin 1988
- Alfred Ebenbauer, Johannes Keller (Hrsg.): Das Nibelungenlied und die europäische Heldendichtung. 8. Pöchlarner Heldenliedgespräch. Fassbaender, Wien 2006
- Klaus von See: Edda, Saga, Skaldendichtung. Aufsätze zur skandinavischen Literatur des Mittelalters. Heidelberg 1981
- Alois Wolf: Heldensage und Epos. Zur Konstituierung einer mittelalterlichen volkssprachlichen Gattung im Spannungsfeld von Mündlichkeit und Schriftlichkeit. Tübingen 1995
Primärliteratur:
Sekundärliteratur:









0 Kommentare