Hochwasser und seine Gefahren für Mensch und Umwelt
Hochwasser
April 1994
"Hochwasser überflutet Gebiete in Thüringen, Sachsen-Anhalt, Bayern und Baden-Württemberg. Der Wasserpegel der Saale steigt auf 6,37 m, der höchste Stand seit 1889. Bei Bad Salzungen (Sachsen-Anhalt) und Rudolstadt (Thüringen) sterben zwei Männer. Zahlreiche Familien müssen mit Schlauchbooten oder per Hubschrauber aus ihren Häusern evakuiert werden. Im Kreis Weißenfels (Sachsen-Anhalt) bricht die Trinkwasserversorgung für 20 000 Menschen zusammen, weil ein Wasserwerk überflutet wird. In Bayern muss die Schifffahrt auf der Donau eingestellt werden. Wolfgang Engelhardt, der Präsident des Deutschen Naturschutzbundes, macht eine falsche Wasserschutzpolitik, vor allem die Begradigung von Flüssen und die Trockenlegung natürlicher Feuchtgebiete für das Hochwasser verantwortlich."
November 1994
"Sintflutartige Regenfälle führen in Norditalien, Südfrankreich, Nordspanien und Marokko zu Überschwemmungen. Mehr als 80 Menschen werden getötet, über 10 000 obdachlos. Insbesondere in Italien ist nach Ansicht von Ökologen der Zusammenhang zwischen Umweltsünden und dem schlimmsten Hochwasser seit 1913 offensichtlich. Innerhalb von 63 Stunden fallen in der am stärksten betroffenen norditalienischen Region Piemont 60 cm Niederschlag. Der Po, der um rd. 5 m ansteigt, und sämtliche seiner Nebenarme treten über die Ufer. Dämme und Brücken werden vom Hochwasser und von entwurzelten Bäumen fortgerissen, Straßen überflutet. Für von der Flutwelle überraschte Autofahrer wird der Wagen zur tödlichen Falle. Erdrutsche begraben Häuser unter sich, zahlreiche Dörfer werden von der Außenwelt abgeschnitten. Dass die Regenfälle in Italien eine so folgenreiche Katastrophe hervorrufen, ist nach Ansicht von Umweltexperten auf Fehler in der Landwirtschaft und den unkontrollierten Bauboom der letzten Jahre zurückzuführen. Wälder, Hecken, Gräben und Terrassen an den Alpenhängen fielen Monokulturen und Hotels zum Opfer. Die Wassermassen stürzen ungehindert ins Tal. Die mit Häusern und Straßen zubetonierte Landschaft erschweren das Versickern von Wasser. Die Wasseraufnahmefähigkeit des Bodens hat sich in den letzten Jahrzehnten um rd. 30% verringert. Die vielerorts begradigten Wasserläufe treten leichter über die Ufer als naturbelassene Flüsse. Umweltschützer fordern die italienische Regierung auf, die finanziellen Mittel für den Bodenschutz aufzustocken und auf weitere Großprojekte zu verzichten."
Januar 1995
"Die Altstadt der Rheinmetropole Köln wird überflutet. Heftige Regenfälle und die Schneeschmelze lassen Saar, Mosel, Main und Rhein über die Ufer treten. Am Rhein stehen, wie in Koblenz-Neuendorf, ganze Stadtteile unter Wasser. Stark betroffen sind auch die Niederlande. Am 30. Januar erreicht das Rheinhochwasser in Köln mit 10,69 m den höchsten Stand seit 1926. 13 Monate nach der Weihnachtsflut von 1993 steht den Menschen erneut das Wasser bis zum Hals. Der Mensch, darin sind sich Umweltexperten einig, hat durch seine Eingriffe in die Natur die Häufigkeit und das Ausmaß der Schäden beeinflusst: Eindeichungen, Flussbegradigungen, Trockenlegung von Hochmooren und die Versiegelung der Böden zählen zum Sündenregister. Weitaus schneller als früher lässt jetzt starker Regen die Flüsse ansteigen. In den Niederlanden beginnt am 30. Januar an Waal, Maas und Lek die Evakuierung von rd. 250.000 Menschen, die in tiefgelegenen Polder-Gebieten leben. Doch die meisten der z.T. jahrhundertealten Flussdeiche halten der Flut stand."
Juli 1997
"Das Hochwasser der Oder, das am 17. Juli das Land Brandenburg erreicht hat, lässt am 23. Juli den ersten Deich brechen. Der Schutzwall wird auf einer Länge von rd. 100 m fortgespült, etwa 500 m3 Wasser pro Sekunde ergießen sich in die Ziltendorfer Niederung. In den folgenden Tagen bricht auch der Deich bei Aurith an zwei Stellen. 50 km2 Fläche stehen unter Wasser. Während sich der Deichbruch bei Aurith am 25. Juli auf eine Breite von 800 m erweitert und ein Bruch bei Ratzdorf am Zusammenfluss von Oder und Neiße nur mit knapper Not verhindert werden kann, wächst die Gefahr einer Überschwemmung des nördlich von Frankfurt gelegenen Oderbruchs. In diesem rd. 650 km2 großen, tiefer als die Oder gelegenen Gebiet leben rd. 19 000 Menschen. Am 27. Juli erreicht der Oderpegel in Frankfurt den historischen Höchststand von 6,57 m. Neuartige Methoden werden angewendet, um die aufgeweichten Deiche zu stabilisieren: Sie werden mit Rohren und Pumpen trockengelegt, Taucher suchen nach undichten Stellen und sichern den Fuß des Erdwalls mit Sandsäcken und Plastikfolien, und Hubschrauber werfen Sandsäcke ab.
Der mehr als drei Wochen dauernde Abwehrkampf gegen die Oderfluten ist der größte zivile Katastropheneinsatz in Deutschland seit Kriegsende. Der Bundesinnenminister Manfred Kanther legt am 28. August eine erste Bilanz der Hochwasserkatastrophe vor. Die Gesamtschadenshöhe auf deutscher Seite liegt "um oder über 500 Millionen Mark". Noch schwerere Schäden als in Deutschland richtet die Oderflut bei den Nachbarn an. In Tschechien stehen zeitweise rd. 40% des Staatsgebiets unter Wasser, 536 Dörfer und Städte sind betroffen, mindestens 49 Menschen ertrinken. In Polen fordert die Flut 55 Todesopfer. 16 Städte und 180 Dörfer stehen unter Wasser, aus rund 650 000 ha überflutetem Land werden rd. 160 000 Menschen evakuiert. Noch nicht absehbar sind die ökologischen Folgen durch die Überschwemmung von Industrieanlagen und Mülldeponien."
August 1998
"Seit Juni anhaltende wolkenbruchartige Regenfälle haben im Gebiet des Chang Jiang mehrere Flutwellen ausgelöst und ihn auf einer Länge von 1 000 km über die Ufer treten lassen. Am 17. August erreichte das Hochwasser in der zentralchinesischen Großstadt Shashi mit 45,22 m vorübergehend einen Rekordstand. An mehreren Stellen sind die Deiche gebrochen, doch haben die Behörden auch eine Reihe von Deichen sprengen lassen, um die Großstädte am Flusslauf vor Überflutung zu schützen. Die Bewohner der Ableitungsgebiete wurden zwangsweise evakuiert. Auch im Nordosten Chinas gibt es Überschwemmungen entlang der Flüsse Songhua und Nen. Hier wurde Mitte August das größte Ölfeld des Landes bei der Millionenstadt Daqing überflutet. Am 26. August räumt die chinesische Führung ein, dass die Zahl der Menschen, die bisher beim Hochwasser der Flüsse Chang Jiang und Songhua ums Leben kamen, mit über 3 000 weit höher liegt, als in den vergangenen Wochen offiziell verlautete. Internationale Beobachter vermuten sogar, dass die Zahl der Opfer in die Zehntausende geht. Von den verheerenden Überschwemmungen sind etwa 233 Millionen Menschen betroffen. Die chinesischen Behörden räumen erstmals ein, dass die rücksichtslose Abholzung von Wäldern und die Eindeichung der natürlichen Überflutungsgebiete viel zu der Hochwasserkatastrophe beigetragen haben."
Auch Bangladesch wird im August 1998 von einer Hochwasserkatastrophe heimgesucht. Nach schweren Monsunregen stehen zwei Drittel des Landes unter Wasser. Nach offiziellen Angaben kommen etwa 1 000 Menschen ums Leben, 25 Millionen Bangladescher, etwa ein Fünftel der Gesamtbevölkerung, werden obdachlos. Weitere 10 Millionen werden von der Außenwelt abgeschnitten. Die Wassermassen vernichteten einen Großteil der Ernte."
August 2002
“Einerseits etwas zu warm, andererseits viel zu nass“ lautete die lapidare Zusammenfassung des Hochsommers 2002 in zahlreichen Gegenden Europas. Die auf den ersten Blick harmlos anmutende Kurzbeschreibung führte jedoch zu katastrophalen Verhältnissen. Nach zum Teil wochenlangen Regenfällen und verheerenden Gewittern traten mehrere Flüsse über ihre Ufer und sorgten für “Land unter“ in zahlreichen Gebieten.
Die unheilvolle Geschichte des Unwetter-Sommers 2002 nahm ihren Anfang an der russischen Schwarzmeerküste, wo mehrere Dutzend Menschen ihr Leben in den Fluten verloren. Als nächstes traf es Österreich: Die Donau und zahlreiche weitere Flüsse traten über die Ufer und setzten Ortschaften meterhoch unter Wasser.
Auch in Deutschland richtete das Hochwasser enormen Schaden an: So versank etwa Passau, die Drei-Flüsse-Stadt im Südosten Bayerns, in den Wassermassen, mindestens 350 Häuser wurden erheblich zerstört. Und schließlich kam es entlang der Elbe und ihrer Zuflüsse zu apokalyptischen Szenen. Prag und Dresden versanken im Wasser; wertvolle Kulturschätze (Semperoper und Zwinger in Dresden, historische Altstadt in Prag) waren bedroht. Massenevakuierungen von Stadtteilen und ganzen Dörfern waren in Deutschland und Tschechien erforderlich. Die Zahl der Flutopfer wurde allein für Deutschland mit 19 angegeben. Die wohl schwerste Katastrophe in der deutschen Nachkriegsgeschichte verursachte Schäden in Milliardenhöhe.
Dezember 2004
Am 2. Weihnachtstag 2004 löste ein Seebeben im Indischen Ozean einen Tsunami aus, der zu einer verheerenden Naturkatastrophe führte. Weite Küstengebiete in Süd- und Südostasien wurden überschwemmt. Insgesamt waren 14 Anrainerstaaten des Indischen Ozeans von der Katastrophe berührt. Besonders stark betroffen waren die indonesische Insel Sumatra sowie Sri Lanka und der Südosten Indiens. Selbst im weit entfernten Somalia waren Todesopfer zu beklagen. Insgesamt starben rund 280 000 Menschen, darunter auch deutsche Touristen. Technische Hilfe und Spenden in Millionenhöhe trafen aus der ganzen Welt ein. Nach der Beseitigung der schlimmsten Verwüstungen verbesserten und überarbeiteten die Anrainerstaaten des Indischen Ozeans ihr Frühwarnsystem.
- Hochwasser
- Wie Hochwasser entsteht
- Die bekannten höchsten Hochwasserstände ausgewählter Flüsse
- Der Einfluss des Menschen auf die Entstehungsbedingungen von Hochwasser
- Wie sich Hochwasser auf die Umwelt auswirkt
- Schutzmaßnahmen vor Überschwemmungen
- Hochwasserkatastrophen
Bibliografie:
- Martina Graw: Hochwasser - Naturereignis oder Menschenwerk? Bonn, 3. Auflage 2005
- Markus Ungerer (Hrsg.): Kampf dem Hochwasser. Gefahren, Vorbereitung und Maßnahmen, Kissing 2006









0 Kommentare