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THEMEN

Igor Strawinsky

Die Daten in der folgenden Biografie beziehen sich der Einfachheit halber auf den Gregorianischen Kalender, der dem bis 1917 gültigen Julianischen Kalender im 19. Jahrhundert um 12 Tage voraus ist (im 20. Jahrhundert um noch einen weiteren Tag).

Leben und Werk

Kindheit und Jugend

Igor Fjodorowitsch Strawinsky wird am 17. Juni 1882 im Feriendomizil Oranienbaum (heutiges Lomonossow) bei St. Petersburg als Sohn des bekannten Opernsängers Fjodor Ignatjewitsch Strawinsky und seiner Frau Anna, einer begabten Pianistin, geboren. An seine Kindheit in St. Petersburg hat Igor keine glücklichen Erinnerungen; sein eigentliches Leben beginnt, als er die Fesseln seines ungeliebten, von emotionaler Kälte gekennzeichneten Elternhauses abschütteln kann. Eine tiefere menschliche Beziehung besteht lediglich zu seinem jüngsten Bruder Gury, der später ein begabter Sänger wird und Igor zu seinen Verlaine-Liedern inspiriert. Gurys früher Tod während des Ersten Weltkriegs im Jahr 1917 hat Igor tief bewegt.

Trotz des künstlerischen Umfeldes, das auch bei Igor frühzeitig musikalisches Interesse weckt, fördern die Eltern eine musikalische Ausbildung nur sehr zurückhaltend. Seinen ersten Klavierunterricht erhält Igor im Alter von neun Jahren. Von prägendem Einfluss sollte vor allem Mademoiselle Kaschperowa, eine Schülerin Anton Rubinsteins, sein, deren Ideal des pedallosen Klavierspiels später in Igors Kompositionen seine Spuren hinterlassen wird. Daneben entwickelt der Knabe Eigeninitiative und arbeitet sich mit wachsender Begeisterung durch die vor allem an Opernpartituren reichhaltige Bibliothek seines Vaters. Ähnlich begabt für Vom-Blatt- und Partiturspiel wie seine Mutter, erarbeitet er sich ein Bühnenwerk nach dem anderen auf dem Klavier. Diese Entdeckerfreuden werden durch gelegentliche Opernbesuche, bei denen Igor mit ein wenig Glück das vorher am Klavier studierte Werk im vollen Orchesterklang erleben kann, noch gesteigert.

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Claude Debussy (1861-1918), französischer Komponist

In den folgenden Jahren saugt Igor die vielfältigsten musikalischen Eindrücke wie ein Schwamm in sich auf: Komponisten der Russischen Schule wie Michail Glinka, Alexander Dargomyschkij, Nikolaj Rimskij-Korsakow, Alexander Borodin, Peter Tschaikowskij oder Modest Mussorgskij hinterlassen ebenso ihre Eindrücke wie Gustav Mahler, Charles Gounod, Georges Bizet, Leo Delibes oder Emanuel Chabrier, und internationale Solisten wie der Geiger Eugène Isaye sowie insbesondere Pianisten wie Eugen d'Albert spornen den Klavierschüler zu noch konzentrierterem Arbeiten an. Besonders verbunden fühlt sich Igor mit der kompositorischen Sprache César Francks, Vincent d'Indys und Claude Debussys, deren Werke er v. a. im Selbststudium kennen lernt.

Frühzeitig lässt Igor am Klavier auch seiner Phantasie freien Lauf und was zunächst wie eine eher fingertechnische Spielerei anmutet, legt schon bald den Keim zu einer der größten Komponistenkarrieren des 20. Jahrhunderts; eine Tarantella für Klavier ist aus dem Jahr 1898 bezeugt. Angesichts Igors wachsendem musikalischem Interesse willigen die Eltern schließlich auch in Harmonielehre-Stunden ein: Fjodor Akimenko (1876-1945), ein Schüler Balakirews und Rimskij-Korsakows, wird sein erster Lehrer, bevor er zu dem Griechen Wassili Kalafaty (1869-1942) wechselt, von dem Igor den lebenslang beherzigten Hinweis erhält, sich "als erste und letzte Prüfungsinstanz ... auf (sein) Gehör zu berufen". Schon bald reichen dem wissbegierigen Schüler auch diese neuen Erkenntnisse nicht mehr aus und er beschäftigt sich im Selbststudium intensiv mit dem allgemein als trocken betrachteten Kontrapunkt, der sein kompositorisches Schaffen nachhaltig inspirieren sollte.

Student der Rechtswissenschaften

Sich dem Wunsch seiner Eltern beugend beginnt Igor 1901 ein Jurastudium an der Universität von St. Petersburg, das er vier Jahre später mit dem juristischen Staatsexamen abschließt. Gleichzeitig verfolgt er konsequent seine musikalische Ausbildung weiter. Sein neuer Lehrer wird 1902 der seit langem verehrte Komponist Nikolaj Rimskij-Korsakow (1844-1908), bei dem Igor vor allem das Handwerk der Instrumentation erlernt. Darüber hinaus sollte Lehrer und Schüler schon bald eine besondere Beziehung verbinden: Nach dem frühen Tod von Igors Vater im selben Jahr wird Rimskij-Korsakow für seinen Schüler zum intellektuell-künstlerischen Vorbild und zur menschlichen Bezugsperson, die ihm sein leiblicher Vater zeitlebens nie hatte sein können. Während der dreijährigen Lehrzeit entstehen Werke wie die Sonate fis-Moll für Klavier, die Symphonie Es-Dur oder das Scherzo fantastique, die zwar noch Vorbilder wie Brahms, Tschaikowsky oder Glasunow erkennen lassen, jedoch wichtige Etappen auf dem Weg zu einer eigenständigen musikalischen Sprache sind.

Die Suite Faun und Schäferin für Sopran und Orchester nach einem Text von Alexander Puschkin widmet Strawinsky 1906 seiner Cousine und nun Ehefrau Catherine, geb. Nossenko, mit der ihn bis zu ihrem frühen Tod im Jahr 1939 vor allem eine sehr enge Freundschaft verbindet und die ihm in den nächsten Jahren zwei Söhne (Théodore, *1907 und Swjatoslaw Soulima, *1910) sowie die Töchter Ludmilla (*1908) und Maria Milena (*1914) schenkt. Als das Scherzo fantastique am 6. Februar 1909 gemeinsam mit der Orchesterfantasie Feu d'artifice uraufgeführt wird, sollte von schicksalhafter Bedeutung für Strawinskys weitere Karriere sein.

Diaghilew und die Ballets russes

Unbewusst bereits inspiriert von dem Geist der zeitgenössischen "Mir-Iskusstwa"-Bewegung ("Welt der Kunst": die in ihrem avantgardistischen Bestreben um neue Ausdrucksmöglichkeiten nach allen Richtungen, Stilen und Epochen sowie allen künstlerischen Richtungen offene Bewegung mit der gleichnamigen Zeitschrift als Organ würde durch die Übersetzung "Kunst der Welt" ebenso den Kern ihrer Ziele charakterisieren) begegnet Igor Strawinsky im Februar 1909 in dem Kunstkenner, -liebhaber und visionären Impresario Serge Diaghilew erstmals einem ihrer führenden Vertreter. Diaghilew, der in den nächsten zwanzig Jahren Ballettgeschichte schreiben sollte, indem er die bedeutendsten Künstler seiner Zeit - Komponisten, Choreographen und Tänzer ebenso wie Maler, Bühnenbildner und Designer - für seine Projekte engagiert, fühlt sich spontan von Strawinskys Musik angesprochen und sucht ihn für eine Zusammenarbeit zu gewinnen. Bei dem bereits von Kindheitstagen vom Theater faszinierten Komponisten und "Ballettomanen" rennt er mit dieser Anfrage offene Türen ein und so markiert Strawinskys zunächst nur in der Orchestration von zwei Chopin-Werken für die Produktion von Les Sylphides bestehender erster Auftrag für die Ballets russes einen Meilenstein nicht nur in dessen Karriere, sondern auch in der Geschichte des Balletts.

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Kostümentwurf von Léon Bakst zu "Der Feuervogel" (1910)

Wenig später kann der Komponist mit L'oiseau de Feu (Der Feuervogel) bereits die erste eigene Arbeit beisteuern. Die Uraufführung des Balletts mit Tamara Karsawina in der Titelrolle und in der Choreographie von Michail Fokine findet am 25. Juni 1910 in der Pariser Opéra statt und wird zu einem glänzenden Erfolg. Die bald darauf aus dem Ballett zusammengestellte Orchester-Suite erobert innerhalb kürzester Zeit die Konzertsäle Europas und gehört seither zum weltweiten Standardrepertoire der Orchesterliteratur.

Nach der fruchtbaren ersten Zusammenarbeit entstehen in den nächsten Jahren weitere Ballette für Diaghilews Truppe:

Werk Uraufführung
Pétrouchka (Petruschka) 13.06.1911 Théâtre du Châtelet Paris
Le sacre du printemps (Das Frühlingsopfer, Bilder aus dem heidnischen Russland) 29.05.1913 Théâtre des Champs Elysées Paris
Bearbeitung von Mussorgskys Oper Chowanschtschina gemeinsam mit Maurice Ravel 5.06.1913 Théâtre des Champs Elysées Paris
Pulcinella 15.05.1920 Théâtre des Champs Elysées Paris
Renard (Reineke Fuchs) 18.06.1922 Théâtre de l'Opéra Pariss
Les noces (Die Bauernhochzeit) 13.06.1923 Théâtre de la Gaité
Apollon musagège 27.04.1928 Théâtre Sarah Bernhardt (Europäische Erstaufführung)

Strawinskys bedeutendstes Ballett und eines der zentralen Werke seines Œuvres überhaupt ist zweifellos Le sacre du printemps, in dem der Komponist den typisch "heftigen russischen Frühling" mit elementaren Mitteln darzustellen versucht und das bei seiner Uraufführung durch ungewohnte Dissonanzen einen handfesten Skandal auslöste, inzwischen jedoch zu einem der bedeutendsten Werke des 20. Jahrhunderts zählt und den Komponisten außerdem mit einem Schlag weltberühmt macht.

Diaghilew sollte sich auch darüber hinaus für Strawinskys Werk einsetzen und bringt u. a. am 26. Mai 1914 in Paris erstmals das Lyrische Märchen Le rossignol (Die Nachtigall) auf die Bühne, nachdem die ursprünglich auftraggebende Moskauer Theatergesellschaft in Konkurs gegangen war.

Schweizer Exiljahre

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Ernest Ansermet

Nachdem Igor Strawinskys kometenhafter Aufstieg im Westen bei seinen ehemaligen russischen Weggefährten auf kühle Distanz und sogar Ablehnung gestoßen war, kehrt der Komponist nach Ausbruch des Ersten Weltkrieges seiner Heimat den Rücken und lässt sich - mit angenehmen Kindheitserinnerungen an frühere Ferienaufenthalte - zunächst im schweizerischen Clarens, wo sich einige Jahrzehnte vorher auch schon Peter Tschaikowskij wohl gefühlt hatte, und 1915 in Morges am Genfersee nieder. In dieser Zeit vertieft sich die Beziehung zu dem Schweizer Dirigenten Ernest Ansermet (1883-1969), der ab 1915 auch bei Diaghilews Ballets russes mitarbeitet und in den nächsten Jahren Strawinskys Werk nach Kräften fördert. Nicht zuletzt ist er auch verantwortlich für dessen spätere Karriere als Dirigent, als er ihm während einer Probe zu einem seiner Frühwerke den Taktstock in die Hand drückt. Der Komponist schätzt an dem Dirigenten vor allem dessen gewissenhafte Art des Arbeitens, die sich absoluter Werktreue verschreibt. Leider sollte es in späteren Jahren, als sich Strawinsky zunehmend mit der Zwölftonmusik beschäftigt, zwischen den beiden Musikern zu starken künstlerischen Meinungsverschiedenheiten kommen.

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Charles Ferdinand Ramuz

Eine andere fruchtbare Freundschaft entwickelt sich in dieser Zeit zu dem Schriftsteller Charles Ferdinand Ramuz (1878-1947), der für Strawinsky wenig später das Libretto zu dem Bühnenstück L'histoire du soldat (Die Geschichte vom Soldaten) verfasst, das unter der Leitung von Ernest Ansermet am 28. September 1918 in Lausanne uraufgeführt wird.

Zweite Karriere als Pianist und Dirigent

Ganz banale Gründe wie eine prekäre finanzielle Lage stehen am Anfang von Igor Strawinskys Karriere als Pianist und Dirigent. Während der Schweizer Exilzeit hatte er sich und seine Familie nur gerade so über Wasser halten können, nun wird es höchste Zeit zu handeln. Schauplatz dieser neuen Aktivitäten wird Frankreich, wohin die Familie nach Kriegsende im Juni 1920 übersiedelt und das bis 1939 zur zweiten Heimat wird, was sich u. a. auch in der Annahme der französischen Staatsbürgerschaft im Juni 1934 dokumentiert. Darüber hinaus ist er auch schon bald nahezu fanatisch um eine werkgetreue Aufführung seiner Kompositionen, vor allem in Bezug auf die Tempi, bemüht. Um seine diesbezüglichen Vorstellungen auch der Nachwelt noch zugänglich zu machen, spielt Strawinsky eine Vielzahl seiner Werke zunächst auf Klavierwalzen, später auf Schallplatte für die renommierte Gesellschaft Columbia ein: "Es befriedigt mich zu wissen, dass alle, die meine Platten spielen, meine Musik ohne wesentliche Entstellung meiner Gedanken hören."

Kompositorisch fällt diese Zeit in die neoklassizistische Periode, die ihren Ausgang mit dem Ballett Pulcinella nimmt. Strawinsky geht es dabei nicht einseitig um eine Verwendung und Verarbeitung von klassischen Mustern und Werken, sondern eher um eine Verfremdung derselben mit Hilfe einer zeitgenössischen musikalischen Sprache, so dass letztendlich das Originalwerk als Skelett erhalten bleibt, jedoch durch Kürzungen, Parodien, Tempoveränderungen und Umstellung des musikalischen Materials ein neues, eigenständiges Werk entsteht. In dieser kompositorischen Sprache entstehen in den nächsten Jahre bedeutende Werke wie:

Werk Entstehung Uraufführung Dirigent
Octour pour instruments à vent (Bläseroktett) 1922/23 18.10.1923 Igor Strawinsky
Concerto pour piano et orchestre d'harmonie (Konzert für Klavier und Bläser) 1923/24 22.5.1924 Igor Strawinsky (und Solist)
Sonate pour piano (Klaviersonate) 1924 Juli 1925 Solist: Igor Strawinsky
Oedipus rex, Opéra-oratorio 1926/27 30.5.1927 Igor Strawinsky
Apollon musagète, Ballett 1927/28 27.4.1928 H. Kindler
Le baiser de la fée (Der Kuss der Fee), Ballett 1928 27.11.1928 Igor Strawinsky
Capriccio pour piano et orchestre 1928/29 6.12.1929 Ernest Ansermet, Solist: Igor Strawinsky
Symphonie des psaumes (Psalmensymphonie); Auftragswerk zum 50-jährigen Jubiläum des Boston Symphony Orchestra 1930 13.12.1930 Ernest Ansermet
Concerto en ré pour violon et orchestre (Konzert D-Dur für Violine und Orchester) 1931 23.10.1931 Igor Strawinsky
Concerto per due pianoforte soli (Konzert für zwei Klaviere) 1931-1935 21.11.1935 Solisten: Igor und Soulima Strawinsky
Concerto en mi bémoll, Dumbarton Oaks (Konzert für Kammerorchester) 1937/38 8.5.1938 Nadia Boulanger
Symphonie en ut (Symphonie in C) 1938-1940 7.11.1940 Igor Strawinsky

Diese Liste spiegelt gleichzeitig die vier Säulen wider, auf denen Strawinskys Schaffen in diesen zwei französischen Jahrzehnten ruht: Ballett, Solokonzert, Kammermusik und Werke für Klavier.

Der Tod zunächst seiner Tochter Ludmilla im Jahr 1938 und im darauf folgenden Jahr sowohl seiner Mutter als auch seiner Ehefrau Catherine sollte auch privat einen Schlussstrich unter diesen Lebensabschnitt setzen. Catherine Strawinsky, die ihre eigene Persönlichkeit zunehmend zugunsten der ihres genialen Mannes aufgegeben hatte, war 1914 an Tuberkulose erkrankt und musste sich von da an immer öfter in längere ärztliche Behandlung geben. In den verbleibenden 25 Jahren ihres Lebens, in denen das eheliche Verhältnis auf reine Freundschaft beschränkt bleibt, unterhält ihr Ehemann Affären zu verschiedenen Frauen, bevor er im Februar 1921 die mit dem Maler Sergej Sudeikin verheiratete russische Tänzerin, Schauspielerin und begabte Hobby-Malerin Vera de Bosset Sudeikina kennen lernt. Bis zu Catherines Tod im Jahr 1939 praktiziert Igor mit dem - zunächst zögernden, vom Verstand diktierten - Einverständnis seiner Ehefrau eine Ménage à trois. Trotz der ungewöhnlichen Konstellation entwickelte sich schon bald ein freunschaftliches Verhältnis zwischen den beiden Frauen, doch Catherine beginnt mit fortschreitender Krankheit zunehmend unter der Einsamkeit und Isolation zu leiden. Nach dem frühen Tod ihrer ältesten Tochter im Jahr 1938 nehmen auch ihre Kräfte rapide ab und sie stirbt wenige Monate später.

Dritte Heimat Amerika

Nach den kräftezehrenden letzten Monaten von Catherine Strawinskys Leben und angesichts der zunehmend bedrohlicher werdenden politischen Situation in Deutschland - das auch seine Werke mit dem Schlagwort "Entartete Kunst" belegt - bricht Igor Strawinsky alle Brücken in Europa hinter sich ab und folgt im Herbst 1939 einer Einladung der Harvard University. Dort hält er im Wintersemester seine sechs Vorlesungen Poétique musicale.

Amerika bedeutet noch einmal Aufbruch zu neuen Ufern: wieder in einer neuen Umgebung heimisch werden, neue musikalische Eindrücke und eine neue Ehe. Am 9. März 1940 wird aus den bereits fast zwei Jahrzehnte Liierten Vera Sudeikina (die inzwischen von ihrem ersten Mann geschieden war) und Igor Strawinsky ein Ehepaar, dem noch 31 überaus glückliche Jahre beschieden sein sollten. Das kalifornische Hollywood wird zu ihrer neuen Heimat, wo sie mit Künstlern wie Thomas Mann, Georges Balanchine, Aldous Huxley oder T. S. Eliot zusammentreffen. Zum wichtigsten Weggefährten wird ab März 1948 jedoch der junge amerikanische Dirigent Robert Craft, der schon bald zum engsten musikalischen Mitarbeiter und Freund avanciert und der Nachwelt viele aufschlussreiche und persönliche Erinnerungen an den Komponisten übermitteln sollte.

Kompositorisch stehen die ersten amerikanischen Jahre unter dem Einfluss des Jazz, die sich vor allem in dem für den Klarinettisten Woody Herman geschriebenen Ebony Concerto (1945) widerspiegeln. Im selben Jahr bekennt Strawinsky sich auch offiziell zu seiner neuen Heimat, indem er die amerikanische Staatsbürgerschaft annimmt - nicht zuletzt, um in der "Neuen Welt" endlich in den wohlverdienten Genuss seiner Tantiemen zu kommen.

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William Hogarth

Nach längerer Zeit kommt es in Amerika auch wieder zu einer Komposition für das Ballett und einer äußerst fruchtbaren Zusammenarbeit zwischen dem Choreographen Georges Balanchine und Strawinsky. Gemeinsam kreieren sie das Ballett in drei Bildern Orpheus, das am 28. April 1948 unter der Leitung des Komponisten uraufgeführt wird. Wenig später stürzt sich Strawinsky auf ein neues abenteuerliches Unternehmen: Eine Ausstellung von Kupferstichen des sozialkritischen englischen Künstlers William Hogarth (1697-1764) unter dem Titel The Rake's Progress (Der Wüstling) weckt unmittelbar die Phantasie des Komponisten, der sich daraufhin an den Schriftsteller Wystan H. Auden um die Mitarbeit für ein geeignetes Libretto wendet. Die Oper, die in den folgenden Monaten unter dem Titel der Ausstellung entsteht, verarbeitet im Stil des Neoklassizismus das operngeschichtliche Erbe von Mozart bis Verdi und markiert gleichzeitig die für Viele drastischste Zäsur in Strawinskys musikalischem Schaffen.

Zwölftonkomponist

Bereits durch Robert Craft wiederholt auf die Zwölftontechnik hingewiesen, wagt Igor Strawinsky im Alter von fast 70 Jahren - instinktiv fühlend, dass seine kompositorischen, dem Stil des Neoklassizismus verschriebenen Möglichkeiten ausgeschöpft sind - 1951 einen für alle unerwarteten und zunächst heftig kritisierten kompositorischen Neuanfang. Er fühlt sich insbesondere vom Werk Anton Weberns angesprochen und entwickelt nach dem Studium von dessen kompositorischer Technik eine eigene neue Sprache, die im Wesentlichen, aufbauend auf seiner bisherigen Arbeit, eine weitere Konzentrierung der kompositorischen Mittel bedeutet: "Die Anwendung der Reihentechnik zwingt mich zu größerer Disziplin." Gleichzeitig weiß der Komponist auch, dass sich das Publikum mit seinem neuen kompositorischen Stil zunächst schwer tun wird. Strawinskys bedeutendste Werke aus dieser Periode sind:

  • Septett für Klarinette, Horn, Fagott, Klavier, Violine, Viola und Violoncello (1952/53)
  • Three Songs from William Shakespeare für Mezzosopran, Flöte, Klarinette und Bratsche (1953)
  • Canticum sacrum ad honorem Sancti Marci nominis (1955)
  • Agon, Ballett für 12 Tänzer (1953-1957)
  • Movements für Klavier und Orchester (1958/59)
  • Threni: id est lamentationes Jeremiae Prophetae, Kantate für Solisten, Chor und Orchester (1957/58)
  • Variations "Aldous Huxley in memoriam" (1963/64)
  • Requiem canticles für Solisten, Chor und Orchester (1965/66)
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Igor Strawinsky, Altersbild

In dieser Zeit findet bei Igor Strawinsky auch eine deutliche Rückbesinnung auf Europa statt, die sich u. a. in regelmäßigen Konzertreisen dokumentiert. Eine Heimkehr zu "Mütterchen Russland" im Jahr 1962 wird für den im Herzen immer Russe gebliebenen Komponisten zwar - insbesondere durch die Begegnung mit aufrichtig begeisterten jungen Kollegen wie Dimitrij Schostakowitsch und Aram Katschaturjan - zu einem bewegenden Erlebnis, doch die Vergangenheit und die boshaften Diffamierungen seiner Person und seines Werkes während der vergangenen Jahrzehnte durch die sowjetische Führung lassen sich nicht auslöschen, so dass der Komponist schließlich vorzeitig abreist.

Sein letztes Werk komponiert er Mitte der 1960er Jahre mit der Ballade The Owl and the Pussy Cat für Sopran und Klavier, die er seiner Frau Vera widmet. Danach unternimmt er noch einmal eine ausgedehnte Konzerttournee, doch wenig später ist er fast hilflos einer bereits 1956 nach einem Schlaganfall diagnostizierten Krankheit (Polyzythämie) ausgeliefert. Die Strawinskys ziehen schließlich 1969 angesichts einer besseren medizinischen Versorgung nach New York. Bis zuletzt bewegen den Künstler neue kompositorische Ideen, doch er kann sie entweder nicht mehr notieren oder vergisst sie wenig später wieder. Auf diese Weise zu kreativer Untätigkeit verdammt, verfolgt der Komponist dennoch bis zuletzt interessiert die zeitgenössischen musikalischen Strömungen.

Igor Strawinsky stirbt am 6. April 1971 in New York und wird am 15. April auf der Friedhofsinsel von Venedig, San Michele, neben seinem einstigen Freund und Weggefährten Serge Diaghilew bestattet.

  1. Leben und Werk
  2. Künstlerische Würdigung

Bibliografie:

  • Robert Craft: Strawinsky. Einblicke in sein Leben, Zürich und Mainz 2000
  • Wolfgang Dömling: Igor Strawinsky, Reinbek 1990
  • Igor Strawinsky: Schriften und Gespräche. Band I: Erinnerungen (Chronique de ma vie). Musikalische Poetik (Poétique musicale), Mainz 1984.
Aus der unüberschaubaren Fülle von Einspielungen zu Igor Strawinskys Werk sind im folgenden Überblick die Aufnahmen zusammengestellt, die der Komponist zu Lebzeiten von seinen eigenen Werken einspielte und die heute noch lieferbar sind:
Igor Strawinsky dirigiert Strawinsky: Le Sacre du Printemps, Petruschka-Suite, Feuervogel-Suite, Scene de Ballet, Pastorale für Violine und Bläserquintett, Norwegian Moods, Feux d'Artifice, Ebony Concerto, Symphony in 3 Movements, Circus Polka; New York PSO, Ltg.: Igor Strawinsky; Pearl 1940-1946 (Bestell-Nr.: 8099976)
Igor Strawinsky dirigiert Strawinsky: Dumbarton Oaks, Danses Concertantes, Scherzo à la Russe, Divertimento aus "Le Baiser de la Fée", Etüden op.7 Nr.2 & 4 für Klavier; Soulima Strawinsky (Klavier); Dumbarton Oaks Festival Orchestra, Ltg.: Igor Strawinsky; Pearl 1946/47 (Bestell-Nr.: 1809833)
Apollon Musagète, Jeu de cartes; Bayrisches Rrundfunk Symphonieorchester, Ltg.: Igor Strawinsky; Orfeo 1957 (Bestell-Nr.: 5232297)
Violinkonzert, L'Histoire du Soldat, Pulcinella (Auszüge), Jeu de Cartes; Dushkin, Lamoureux Orchester, Berliner Philharmoniker (Walther); Straram Concerts Orchestra, Ltg.: Igor Strawinsky; Biddulph 1928-1938 (Bestell-Nr.: 7990340)
Le Sacre du Printemps, Der Feuervogel; Columbia Symphony Orchestra, Ltg.: Igor Strawinsky (Super-Audio-CD, nur abspielbar auf Super-Audio-CD-Playern); Sony 1960 + 1967 (Bestell-Nr.: 1834671)

Institution(en):

  • Muzej Ignora Stravinskogo (Igor Strawinsky Music-Memorial Museum)
    ul Stravsinskogo 3
    264941 Ustyloog
    Ukraine
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