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THEMEN

Jean-Paul Sartre

Kurzbiografie

Jean-Paul Sartre, *21.6.1905 Paris, 15.4.1980 Paris, französischer Schriftsteller und Philosoph. Sartre ist neben seinem Landsmann Albert Camus einer der Begründer des Existenzialismus. Mit seinen philosophischen Schriften und Romanen wollte er dazu beitragen, eine Gesellschaft freier, eigenverantwortlich handelnder Individuen zu schaffen.

Leben und Werk

Jugend und Ausbildung: Sartre wuchs ohne Vater auf, der starb, als der Junge knapp zwei Jahre alt war. Die Mutter kehrte 1907 allein in ihre elsässische Heimat zurück; Jean-Paul lebte fortan in der Obhut seines Großvaters, ein Onkel Albert Schweitzers, ging in Paris zur Schule und zog 1916 mit seiner Mutter und dem Stiefvater nach La Rochelle. Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs entschied sich der 14-Jährige, wieder nach Paris zurückzukehren. Nach bestandenem Abitur studierte Sartre von 1924 bis 1928 Philosophie. Während des Studiums lernte er seine spätere Lebensgefährtin Simone de Beauvoir kennen. Nach dem Examen und dem Militärdienst als Meteorologe in Tours nahm Sartre einen Posten als Philosophielehrer in Le Havre an unterbrochen von einem Studienjahr am Institut Français in Berlin (1933/34).

Erste Werke: Nach einem Jahr als Lehrer in Laon kam Sartre 1936 an das renommierte Pasteur-Gymnasium in Paris. Zwei Jahre später legte er seinen ersten Roman vor: In "Der Ekel" ("La nausée") schilderte er, wie ein Mensch nach und nach zugrunde geht und erst auf dem absoluten Tiefpunkt seines Lebens die Chance besitzt, losgelöst von allen einschränkenden Zwängen der Gesellschaft und aller Bindungen beraubt, zur individuellen Freiheit zu gelangen. Den Sinn seines Lebens bezieht der Mensch demnach nicht aus Handlungen seiner Umwelt, sondern ausschließlich durch eigene Taten. Mit anderen Worten: Man ist zur Freiheit verurteilt, wenn man seinem Leben einen Sinn geben will.

Erstes Drama: 1939 erschien Sartres Erzählung "Die Mauer" ("Le mur"), ein Werk über drei republikanische Soldaten des Spanischen Bürgerkriegs, die von den Francotruppen inhaftiert werden und auf ihre Hinrichtung warten. Durch einen Zufall kommt einer von ihnen mit dem Leben davon.

Im selben Jahr musste Sartre in den Zweiten Weltkrieg ziehen. Als Sanitäter kam er 1940 in deutsche Gefangenschaft; ein Jahr später wurde er entlassen. In der Folgezeit engagierte sich Sartre in der Résistance, der französischen Widerstandsbewegung gegen die deutschen Besatzer.

1943 präsentierte der Schriftsteller sein erstes Bühnenwerk, "Die Fliegen" ("Les mouches"), in dem er seine Überlegungen zur menschlichen Handlungsfreiheit und zur Eigenverantwortlichkeit weiter vertiefte. In diesem Werk ging Sartre allerdings noch einen Schritt weiter als zuvor: Das Individuum ist für sein moralisches Handeln selbst verantwortlich und kann sich daher gegen jede Einschränkung der eigenen Freiheit - beispielsweise durch eine Diktatur - auch mit Gewalttaten bis hin zum Mord zur Wehr setzen. Diese zentralen Punkte seiner existenzialistischen Anschauungen bestimmten auch sein im selben Jahr veröffentlichtes erstes philosophisches Hauptwerk "Das Sein und das Nichts" ("L'être et le néant"). Der Versuch, die eigene Freiheit zu erreichen bzw. einen Lebenssinn zu entdecken, schränkt allerdings in einer Gesellschaft fast automatisch andere Menschen bei der Realisierung ihrer Ziele ein, was Sartres 1944 veröffentlichtes Drama "Geschlossene Gersellschaft" ("Huis clos") thematisierte.

Bruch mit Camus: Nach Kriegsende gründete Sartre die philosophische Zeitschrift "Les temps modernes" und brachte in der Folgezeit eine Reihe weiterer Stücke und Schriften heraus. In seinem Drama "Tote ohne Begräbnis" ("Morts sans sépulture") schilderte er 1946 das Schicksal zweier Widerstandsaktivisten, die für ihre Überzeugungen und ihren Kampf gegen die deutschen Besatzer auch zu sterben bereit sind - als quasi letzten Schritt einer frei gewählten Sinnsuche. Im selben Jahr feierte "Die ehrbare Dirne" ("La putain respectueuse") Premiere. In diesem Stück geht es u.a. um die Frage, warum unterjochte Menschen es letztendlich doch nicht schaffen, sich gegen ihre Peiniger durchzusetzen.

Ein wesentlicher Streitpunkt zwischen seinem Freund Albert Camus und Sartre bestand in der Frage über die Bedeutung des Kommunismus. Zwar kritisierte Sartre 1948 in "Die schmutzigen Hände" ("Les mains sales") erstmals auch kommunistischen Dogmatismus, er sah den Kommunismus jedoch im Gegensatz zu Camus als unerlässlich für den gesellschaftlichen Fortschritt an. Auch unterschiedliche philosophische Meinungen, beispielsweise über die Frage, ob nicht die Tatsache des Todes jede Sinnsuche des Menschen ad absurdum führe, besiegelten Anfang der 50er Jahre das Ende der Freundschaft zu Camus.

Die politische Entwicklung der 50er Jahre gab Camus Recht mit seiner Einschätzung des Kommunismus: Die Niederschlagung des Ungarnaufstands 1956 durch die UdSSR erschütterte Sartres Vertrauen in den Kommunismus zunächst jedoch nur kurzzeitig, wie sich in seiner Bekenntnisschrift "Kritik der dialektischen Vernunft" ("La critique de la raison dialectique", 1960) zeigte. Er verknüpfte darin u.a. die Freiheit des Individuums mit dem richtigen Klassenbewusstsein und band auch psychoanalytische Aspekte mit in seine Ansichten ein. Ein Jahr zuvor hatte sich Sartre in dem Drama "Die Eingeschlossenen" ("Les séquestrés d'Altona") kritisch mit der Verantwortung der schweigenden Masse und der Täter in Nazideutschland beschäftigt.

Ernüchterung: In den 60er Jahren änderten sich Sartres politische Überzeugungen: In dem autobiografisch geprägten Werk "Die Wörter" ("Les mots") erklärte er 1964 seinen Einsatz für einen politischen und gesellschaftlichen Wandel für gescheitert. Der Verdruss war so groß, dass Sartre im selben Jahr als erster Mensch überhaupt die Annahme des Nobelpreises aus freien Stücken ablehnte. Der Bruch mit seinen alten Überzeugungen setzte sich in den nächsten Jahren fort. Als mehrere Staaten des Warschauer Pakts 1968 den Prager Frühling gewaltsam niederschlugen, sagte sich der 63-Jährige endgültig vom Kommunismus los. Er setzte seine Hoffnung in der Frage nach gesellschaftlichem Wandel nicht mehr auf die verknöcherten Staatsparteien im real existierenden Sozialismus, sondern auf die Studenten in den westlichen Industrienationen, die 1968 vehement aufbegehrt hatten. In der Folgezeit befasste sich Sartre kritisch mit der zeitgenössischen Literatur und Kunst. Bedeutende Bühnenwerke legte er indes nicht mehr vor, was auch mit seinem Augenleiden zu tun hatte, das schließlich fast zur völligen Erblindung führte. Mitte der 70er Jahre machte Sartre u.a. Schlagzeilen, als er in einen Dialog mit den inhaftierten deutschen Terroristen eintrat und humanere Haftbedingungen für die Führer der Baader-Meinhof-Gruppe forderte. Im Alter von 74 Jahren starb Sartre 1980 in seiner Heimatstadt Paris.

Würdigung: Der französische Hauptvertreter des Existenzialismus wollte mit seinen Werken zum politisch-gesellschaftlichen Wandel in Westeuropa beitragen, musste in den 60er Jahren aber sein Scheitern eingestehen. Seine philosophische Lehre über die Freiheit des Individuums und die Eigenverantwortlichkeit des Handelns beeinflusste insbesondere die Generation der 68er-Bewegung.

Ehrungen und Preise: 1964 wurde Jean-Paul Sartre der Literaturnobelpreis zugesprochen, er lehnte die Annahme der Auszeichnung jedoch ab.

Wichtiges im Überblick

Wichtige Romane und Dramen Jean-Paul Sartres
  • 1938: "Der Ekel" ("La nausée") Ein fiktives Tagebuch schildert das Schicksal des Historikers Antoine Roquentin, den zunächst Ekel vor seiner Arbeit befällt, dann vor Gegenständen und Menschen und am Ende vor sich selbst.
  • 1943: "Die Fliegen" ("Les mouches") Angelehnt an die griechische Atridensage, in der die Menschen in der Stadt Argos eine Fliegenplage erdulden müssen, sorgt der Held Oreste für den "Akt der Freiheit", als er das Tyrannenpaar Klytemnästra und Ägisth tötet. Das Drama wurde als Aufruf zum französischen Widerstand gegen die deutschen Besatzer im Zweiten Weltkrieg gedeutet.
  • 1944: "Geschlossene Gesellschaft" ("Huis clos") Drei Menschen sind in einem Zimmer in der Hölle auf Ewigkeit eingesperrt. Sie haben unterschiedliche Erwartungen aneinander, die aber nicht realisierbar sind, ohne dass eine der Personen ihre Ziele aufgibt. Die Menschen sind aufeinander angewiesen, engen einander aber auch ein. Das Drama endet mit der Einsicht: "Die Hölle, das sind die anderen."
  • 1948: "Die schmutzigen Hände" ("Les mains sales") Im fiktiven Balkanstaat Illyrien muss auf Befehl Moskaus die KP-Politik im Zweiten Weltkrieg grundlegend geändert werden. Ein Idealist soll einen Parteisekretär ermorden, um damit den "Makel" seiner bürgerlichen Herkunft zu tilgen. Er begeht die Tat jedoch, weil er den Funktionär in flagranti mit seiner eigenen Frau erwischt. Gleichwohl behauptet er, aus politischen Motiven gehandelt zu haben. Als der Sekretär postum von Moskau rehabilitiert wird, muss auch sein Mörder liquidiert werden. Das Stück weist erhebliche Parallelen zur Biografie Leo D. Trotzkis auf.

Bibliografie:

  • Peter Knopp, Vincent von Wroblewsky (Hg.), Carnets Jean-Paul Sartre. Der Lauf des Bösen, Frankfurt/M. 2006
  • Christa Hackenesch: Jean-Paul Sarte, 2001
  • Hazel Rowley: Tête à tête - Leben und Lieben von Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre, Berlin 2007
  • Walter van Rossum: Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre. Die Kunst der Nähe, 2001
  • Bernard N. Schumacher (Hrsg.): Jean-Paul Sartre. Das Sein und das Nichts, 2003
  • Martin Suhr: Jean-Paul Sartre zur Einführung, 2001
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