Kabarett in Deutschland zur Zeit der Weimarer Republik (1919-1933)
Das Kabarett der zwanziger Jahre
November 1918, der deutsche Kaiser Wilhelm II. hatte das Land verlassen. Der Krieg war beendet. Wer ihn überleben und es sich leisten konnte, versuchte sein lang entbehrtes Unterhaltungsbedürfnis in einer Stadt auszuleben, die durch Schiebertum und revolutionäre Straßenkämpfe in einen chaotischen Taumel geraten war. Kurzlebige Amüsierbetriebe wurden in dem von ideologischen Richtungskämpfen zerrissenen Berlin gegründet. Hans Müllers Düseldorfer "Kabarett-Jahrbuch", Ausgabe 1922, weist allein für Berlin in den ersten drei Jahren nach Kriegsende 38 Kabaretts aus. Rund 140 waren es in den anderen deutschen Städten. In der Mehrzahl blieben sie alle kaum mehr als anspruchslose Unterhaltungsstätten. Die Chance, die sich ihnen nach dem Fortfall der staatlichen Zensur als literarisch-politische oder zeitkritische Brettl geboten hätte, wurde zumeist vertan. Doch es gab hervorstechende Ausnahmen.

"Schall und Rauch" (II)
Am 28. November 1919 eröffnete Max Reinhardt im ehemaligen Zirkus Schumann an der Weidendammer Brücke sein zu einem modernen Amphitheater ausgebautes "Großes Schauspielhaus" mit der "Orestie" des Aischylos. Der Tragödie folgte auf Reinhardts Initiative unter dem Parkett des Hauses, in den vormaligen Stallungen, das Satirspiel zum selben Thema. Am 8. Dezember 1919 wurde das Kabarett "Schall und Rauch" eröffnet. Es war die Zweitauflage des 1901 vom damals 28-jährigen Schauspieler Reinhardt unter gleichem Namen erfolgreich geleiteten Parodietheaters. Die Leitung hatte er seinem Dramaturgen, dem Schriftsteller Rudolf Kurtz, übertragen. Als künstlerisch zeitkritisch und politisch-literarisch ambitioniertes Kabarett beeinflusste es in den frühen zwanziger Jahren mit seinem neuen Ton und schnellen Witz viele Bühnen gleichen Genres. Mit u. a. dem 29-jährigen Klabund, dem 23-jährigen Walter Mehring (dem Autor der "Orestie"-Parodie) und dem 29-jährigen Kurt Tucholsky setzte das "Schall und Rauch" auf junge Autoren.

Aus dem Ensemble des "Großen Schauspielhauses" stellte Reinhardt im Wechsel zahlreiche Schauspieler zur Verfügung, unter ihnen die erst 20-jährige Blandine Ebinger, Paul Graetz, Lala Herdmenger, Hans Junkermann, Lotte Stein und Hans Heinrich Twardowsky. Zu den ausschließlich kabarettistisch tätigen Mitgliedern gehörten neben anderen Wilhelm Bendow, Mady Christians (mit Texten von Klabund und Mehring), Gussy Holl (mit Tucholsky-Texten), Hubert von Meyerinck und Joachim Ringelnatz.
Hauskomponist und musikalischer Leiter war mit 23 Jahren Friedrich Hollaender. Neben ihm komponierten und spielten der gleichaltrige Werner Richard Heymann und der erst 20-jährige Mischa Spoliansky. Das "Schall und Rauch" war somit in allen künstlerischen Bereichen, bis hin zu George Grosz und John Heartfield (eigentl. Helmut Herzfeld), die beide für die Ausstattung sorgten, mit Ensemblemitgliedern besetzt, denen eine große künstlerische Zukunft bevorstand. Im Juni 1920 übernahm Hans von Wolzogen, Sohn Ernst von Wolzogens, dem Gründer des "Bunten Theaters (Überbrettl)" die Leitung. Nachdem Reinhardt im Februar 1921 das "Große Schauspielhaus" aufgegeben hatte, verließ Wolzogen das Kabarett. Einen Monat später erwarb eine "Sahara-Gesellschaft" die Räume und führte das Unternehmen als Tingeltangel-Kabarett weiter, bis es schließlich zum Kabarett mit Bierausschank wurde.
"Die Rakete"
Das literarisch-politische Kabarett wurde am 16.04.1920 in der Kantstraße Ecke Joachimsthaler Straße unter der künstlerischen Leitung des Schauspielers Eugen Robert eröffnet. Mit Texten wie Egon Erwin Kischs "Himmelfahrt der Galgentoni" und Kurt Tucholskys "Rote Melodie" war die Programmgestaltung links-bürgerlich ausgerichtet. Mitwirkende waren u. a. der Komponist und Kabarettautor Ralph Benatzky, Wilhelm Bendow, Kurt Gerron, Dora Paulsen, Joachim Ringelnatz und Else Ward. Für einige Monate trat Rosa Valetti (siehe "Cabaret Größenwahn") der Direktion bei. Am 1.12.1924 übernahmen zwei Österreicher, der Chansonautor Kurt Robitschek und der Schauspieler und Buchautor Paul Morgan das inzwischen heruntergewirtschaftete Unternehmen und benannten es "Kabarett der Komiker in der Rakete" (siehe "Kabarett der Komiker"). Paul Schneider-Dunker integrierte 1926 die "Rakete" in seinen "Roland von Berlin" und nannte sein Unternehmen von da ab "Roland des Westens".
"Cabaret Größenwahn"
Im I. Stock des "Café des Westens" (Volksmund: "Café Größenwahn"), Kurfürstendamm Ecke Joachimsthaler Straße, eröffnete die Schauspielerin und Theaterregisseurin Rosa Valetti (eigentl. Rosa Vallentin) am 23. Dezember 1920 das politisch links ambitionierte "Cabaret Größenwahn - Bänkel und Bühne". Zum Ensemble gehörten die zusammen mit ihrem Mann Friedrich Hollaender vom "Schall und Rauch" übergewechselte Blandine Ebinger, Kurt Gerron, die 21-jährige Valetti-Entdeckung Kate Kühl (eigentl. Elfriede Katharina Neerhaupt), Harry Lamberts-Paulsen und Valettis Bruder Hermann Vallentin. 1922 trat der 21-jährige Schauspieler Gustav Gründgens mit der selbst verfassten Wandervogel-Parodie "Der neue Mensch" auf.
Musikalischer Leiter des Kabaretts war Friedrich Hollaender, ab 1921 Claus Clauberg. Die Kompositionen stammten teils von Werner Richard Heymann und teils von Mischa Spoliansky. Rosa Valetti, in Paris als Chansonette ausgebildet durch ihre damals berühmte Kollegin "La Petroleuse", einer Freundin Aristide Bruants (siehe "Chat noir"), verlieh dem "Größenwahn" einen Hauch von Montmarte-Flair. Im Mittelpunkt der Vorführung standen das Chanson "Berlin simultan" von Walter Mehring, Tucholskys "Rote Melodie", eine Warnung an den rechts-reaktionären General Ludendorff, Klabunds Adaptation des Berliner Lieds "Obdachlosenasyl" sowie die von Hollaender für Blandine Ebinger verfassten und komponierten "Lieder eines armen Mädchens". Über Rosa Valettis Chanson-Vorträge schrieb in jener Zeit der Lyriker, Theater- und Kabarettkritiker Max Herrmann-Neiße: "... ihr besonderes Gebiet ist dort, wo aus einer missachteten oder misshandelten Kreatur der große Aufschrei der Empörung, des Hasses oder Trotzes dringt ..." Mit Rücksicht auf das zahlungskräftige Publikum des Berliner Westens war die Prinzipalin bei den politischen Chansons mehrmals zu inhaltlichen Abstrichen gezwungen.
Gegen Ende 1922 verließ Rosa Valetti den "Größenwahn". Das Unternehmen wurde bis 1925 von dem Schriftsteller Hanns Schindler weitergeführt. Im März 1922 übernahm Rosa Valetti für einige Monate als Mitdirektorin das literarisch-politische Kabarett "Die Rakete". Danach wagte sie am 19. November 1922 eine weitere Herausforderung, sie eröffnete das literarisch-politische Kabarett "Die Rampe" am Kurfürstendamm. Mit ihr wollte sie die Tradition des "Größenwahn" fortsetzen. Doch die Zeitumstände - die Weimarer Republik befand sich nach der Inflation im wirtschaftlichen Aufwind - und die seit Ende 1921 ihr Unternehmen bedrängende ernsthafte Konkurrenz durch Trude Hesterbergs "Wilde Bühne", ließ Rosa Valetti 1925 aufgeben.
"Wilde Bühne"
Am 15. September 1921 eröffnete die 27-jährige Operettensoubrette und Revueaktrice Trude Hesterberg ihr politisch-literarisches Kabarett im Keller des "Theater des Westens" in der Kantstraße 12. Mit dem ersten Programm gelang es ihr, den Kabarettstil Aristide Bruants durch die Skizzierung des Berliner Milieus (u. a. Dirnen- und Zuhälterlieder) zu übertragen. Mit dem zweiten Progamm wurden die Darbietungen literarischer. Neben dem Hausautor Walter Mehring schrieben für die "Wilde Bühne" Hans Janowitz, der junge Erich Kästner unter dem Pseudonym Ernst Fabian, Klabund (eigentl. Alfred Henschke) und Kurt Tucholsky.
Als Chansonniere bzw. Chansonnier traten auf Trude Hesterberg (u. a. mit "Börsenlied", "Das Leibregiment", "Die Arie der großen Hure Presse"), Kurt Gerron mit seinem Kabarettdebüt "Nachtspaziergänger" und "Dressur", Annemarie Hase ("Mit'n Zopp"), die deutsch-französische Debütantin Margo Lion ("Die Linie der Mode"). Ferner gehörten zum bereits erfahrenen Ensemble Wilhelm Bendow (siehe "Tütü"), Mady Christians, Blandine Ebinger, Paul Graetz und Kate Kühl. Zu den Autoren, die ihre Texte selbst vortrugen, zählten Bertold Brecht, Max Herrmann-Neiße, Klabund, Walter Mehring und Joachim Ringelnatz (eigentl. Hanns Bötticher).
Als Komponisten und/oder Pianisten wirkten Claus Clauberg, Werner Richard Heymann, Friedrich Hollaender (siehe "Tingel-Tangel-Theater") und Mischa Spoliansky. Brecht sang zur Laute die Ballade vom Mörder Apfelböck und seine antimilitaristische Satire "Legende vom toten Soldaten". Sie löste im Januar 1922 einen in Berlin viel diskutierten Skandal unter den als Publikum zahlreich erschienenen ostelbischen Junkern und rechtsnational Gesinnten aus, die zum Besuch einer Landwirtschaftsausstellung angereist waren. Um halbwegs Ruhe im aufgebrachten Auditorium zu bewirken, trat Walter Mehring mit der Feststellung vor den geschlossenen Vorhang: "Meine Damen und Herren, das war eine große Blamage, aber nicht für den Dichter, sondern für Sie. Denn Sie werden sich noch eines Tages rühmen, dass Sie dabei gewesen sind."
Neben dem "Schall und Rauch" (II) galt die "Wilde Bühne" als das profilierteste literarisch-politische Kabarett in der ersten Hälfte der 1920er Jahre. Jedoch waren Literarisches und Politisches nur ein Teil des Programms, in dem leicht frivole Couples und Humoristisches den größeren Anteil bildeten. Beschwert durch die Probleme der Gagenzahlung in der Inflationszeit sowie einem Brand Ende 1923 gab die Prinzipalin Trude Hesterberg ihr Kabarett auf und kehrte zur Operette und Revue zurück.
Krachledernes und "Berliner Humor" - Zeitzeichen
Die große Zeit des literarisch-politischen und zeitkritischen Kabaretts ging mit dem Abflauen der Inflation ihrem Ende entgegen. Von den in Berlin rund vierzig Kabarettbühnen zu Beginn der 1920er Jahre hatten nur wenige überlebt. Zwar bestanden noch das "Schall und Rauch" (II), wenn auch künstlerisch nicht mehr mit dem Anspruch seiner Gründerzeit, auch der "Roland von Berlin", das "Metropol-Kabarett" und "Der Schwarze Kater", doch das Publikum wandte sich zunehmend leichterer Kost zu. Anfang 1924 musste Max Herrmann-Neiße erkennen: "Das geistige, kämpferische Kabarett stirbt (...) in Berlin wieder aus, indes (...) die mit gefälligem Augenschmaus aufwartende 'Kleinkunstbühne' und das banale Amüsierbrettl triumphieren."
Doch es gab Ausnahmen. Engagierte Kabarettisten der ersten Hälfte der 1920er Jahre wollten das Feld den Amüsierunternehmen wie dem Tanzkabarett "Alt-Bayern" mit seinen kracherten Lederhosenvorführungen oder den Berliner Humorveranstaltungen auf "Erich Carow's Lachbühne" nicht kampflos überlassen. So hielten sich unter schwierigen Bedingungen eine Reihe kleinerer Bühnen, die ihre finanzielle Schwäche durch ein umso größeres Engagement jedes ihrer Ensemblemitglieder zu kompensieren suchten. Zu ihnen gehörte das "Kuka", das Künstlercafé in der Budapester Straße, das sich bis zu seinem Ende 1930 gegen den Trend zum "gefälligen Augenschmaus" zur Wehr setzte. Als Bühne ohne festes Programm im Sinne eines Nummernkabaretts bot es jungen, (noch) nicht arrivierten Künstlern, Schauspielern und Autoren gegen eine Mitwirkungsgage von drei Mark und einen Kaffee an, eigene oder fremde zeitkritische Texte vorzutragen.
Und auch das seit 1928 ohne festes Haus spielende, von Rosa Valetti und dem Komponisten Erich Einegg gegründete "Larifari" gehörte zu jenen Bühnen, die sich gegen das Ausbreiten der Amüsierkabaretts stemmten. In diesem Unternehmen verdienten sich u.a. die jungen Künstler Max Colpet, Werner Finck und Rudolf Platte ihre ersten Meriten als Großstadtkabarettisten. Und nicht zuletzt gehörte der junge Ernst Busch im "Larifari" dazu, mit seinem "Seifenlied", einer Satire auf die Wahlpropaganda der SPD zu den Reichstagswahlen von 1928.
Parallel zu den mehr oder weniger linken "bürgerlichen" Brettlbühnen hatte sich seit 1922 allmählich eine parteipolitisch ausgerichtete Spezies entwickelt: das politische Agitationskabarett. Hervorgegangen aus anfänglich stimmungsfördernden Sprechchören auf den Massenveranstaltungen der KPD hatten sich, nach sowjetischen Vorbildern, in den Arbeiterzentren der Republik proletarische Spielgruppen gebildet, die mit kurzen Sketches, Liedern und Rezitationen Propaganda für ihre Partei betrieben. Zu den Reichstagswahlen von 1924 schrieb und inszenierte der junge Theaterregisseur Erwin Piscator in Berlin die "Revue Roter Rummel": Stilformen des Kabaretts, so Piscator, "politisch zu verwenden, war seit langem eine Vorstellung von mir, ich wollte mit einer politischen Revue propagandistische Wirkungen erzielen (...)". Die Revue wurde vom 22. November bis zum Wahltag am 7. Dezember 1924 an verschiedenen Orten der Berliner Arbeiterbezirke insgesamt vierzehnmal aufgeführt.
"Tütü"
Wilhelm Bendows Nummernkabarett wurde am 15. Februar 1924 im Keller des "Theater des Westens" (bis 1923 Trude Hesterbergs "Wilde Bühne") eröffnet. Im Mittelpunkt der zwei bis zur Schließung des "Tütü" aufgeführten Programme stand der Hausherr Bendow mit den für ihn charakteristischen naiv-zeitkritischen Monologen aus der Zeit seiner Zugehörigkeit zum hesterbergschen Unternehmen sowie dem Monolog "Die tätowierte Dame" von Kurt Tucholsky. Chansons, Sketche und Rezitationen rundeten die zwei Programme ab. Die Mitwirkenden des ersten Programms waren u. a. Käthe Haak, Margo Lion, Traugott Müller und Kurt Wolowsky. Das zweite Programm bestritten, neben dem Prinzipal, u. a. Dela Behren, Annemarie Hase, Maria Ney und Else Ward. Die musikalische Leitung teilten sich Allan Gray, der später ein gefragter Filmkomponist wurde ("Berlin Alexanderplatz", erste Fassung; "Emil und die Detektive" u. a.) und Mischa Spoliansky. Nach nur wenig über einem Jahr, im April 1925, stellte das "Tütü" den Spielbetrieb ein.
"Die Wespen"
Ein politisch-satirisches Kabarett ohne festes Domizil. Entstanden 1926 aus den "Abenden des Leon-Hirsch-Verlages", bei denen bekannte Autoren aus ihren Werken lasen und Kabarettisten politisch Pointiertes vortrugen. Die Aufführungen des Kabaretts fanden in Vereinssälen oder den Hinterzimmern von Bierwirtschaften statt. Der Kabarettautor und Schriftsteller Karl Schnog: "Wir wollen `ins Volk gehen', weil es sich lohnt, vor Menschen zu sprechen, die zwar keinen Kragen, aber eine Idee mit sich tragen." Zum festen Ensemble zählte der Schauspieler Hugo Döblin, die Aktricen Annemarie Hase (eigentl. Annemarie Hirsch) und Li Holms sowie die ihre Arbeiten selbst vortragenden Karl Schnog und Erich Weinert. Die musikalische Leitung hatte Claus Clauberg. Zu den sporadisch Mitwirkenden gehörten u. a. Ernst Busch und der ihn stets am Klavier begleitende Hans Eisler, Erich Kästner, Walther Kiaulehn, Else Lasker-Schüler, Erich Mühsam (mit seinem vielbejubelten "Gesang der Intellektuellen") sowie Roda Roda und Ilse Trautschold.
Im November 1931 kamen zu einer Benefizvorstellung für den kranken Verleger Leon Hirsch, der "Nacht der Fünfundzwanzig", alle zusammen, die sich im deutschen Kabarett einen Namen gemacht hatten. Im Juli 1932 nach dem Wahlsieg der NSDAP vom April des Jahres, mussten die "Wespen" auf Grund der "Preußischen Notverordnung" für immer geschlossen werden. Zur Unterstützung der Ensemblemitglieder lasen am 2. Oktober 1932 im Berliner Schubert-Saal zehn renommierte Autoren aus ihren Werken.
"Kabarett der Komiker" (kurz "Kadeko" genannt): Am 28. September 1928 eröffneten der Kabarettist und Chansonautor Kurt Robitschek und der Schauspieler und Buchautor Paul Morgan (eigentl. Paul Morgenstern) das "Kadeko" am Lehniner Platz. Beide Prinzipale waren 1924 aus Wien gekommen und konnten seitdem hinreichend Erfahrungen mit dem Berliner Publikum durch ihr Engagement am "Charlott-Casino" und im heruntergewirtschafteten und danach von ihnen übernommenen Kabarett "Die Rakete" sammeln. In dem nunmehr "Kabarett der Komiker in der Rakete" benannten Unternehmen zeigten sie, zusammen mit Curt Bois, Kurt Gerron und Margo Lion eine Persiflage über das Erstarken des Nationalsozialismus mit dem Titel "Quo vadis?"

Die neue Bühne am Lehniner Platz gab als Eröffnungsvorstellung die Revueoperette "Kitty macht Karriere" und war der Beginn eines Versuchs, das nach der Inflation ausgebliebene Publikum durch neue Stilformen erneut für das Kabarett zu gewinnen. Neben Varieté- und Kleinkunstelementen wurde das Genre der kleinen Operette zentraler Bestandteil der Programme. Den literarisch-zeitkritischen Teil der Aufführungen vertraten Morgan und Robitschek sowie u. a. Max Ehrlich, Werner Finck, Willi Schaeffers und Karl Schnog. Die Aufgabe des Teils, dem das Kabarett seinen Namen verdankte, spielten u. a. der Wiener Max Adalbert, Siegfried Arno, Wilhelm Bendow, Paul Graetz, Hans Moser und Lotte Werkmeister. Als Chansonniers traten auf Ernst Busch, Blandine Ebinger, Kurt Gerron, Trude Hesterberg, Kate Kühl, Margo Lion und Claire Waldoff. Morgan und Robitschek hatten mit dieser Besetzung alle aufgeboten, die zu den Spitzenkräften der deutschen Kabarettszene zählten.

Eine besondere Attraktion bildete im Oktober 1924 ein Gastspiel Karl Valentins mit seiner ständigen Partnerin Liesl Karlstadt, das dem Paar über Bayerns Grenzen hinaus den künstlerischen Durchbruch bescherte. Im September 1933 übergab Robitschek die Leitung der Bühne an Hanns Schindler, der 1922 von Rosa Valetti das "Cabarett Größenwahn" übernommen hatte. 1938 emigrierte er über Österreich in die USA. Im selben Jahr fiel Paul Morgan in Wien den Nazis in die Hände und wurde in das Konzentationslager Buchenwald und weiter ins KZ Dachau verschleppt. Er starb im Dezember 1938 an Entkräftung. Ebenfalls in diesem Jahr und nach Schindlers Tod übernahm Willi Schaeffers die Leitung des "Kadeko".
Ein Jahr danach, 1939, wurde der Bühne ein Programm verboten, in dem Werner Finck, die "Drei Rulands" und Peter Sachse aufgetreten waren. Sie wurden aus der "NS-Reichskulturkammer" ausgeschlossen und unterlagen damit dem Auftrittsverbot. Schaeffers steuerte das "Kadeko" unter strenger Aufsicht Joseph Goebbels' durch die Nazizeit mit u. a. dem Pianisten und Komponisten Peter Igelhoff, der Sängerin Rosita Serano, der Schauspielerin und Chansonette Edith Schollwer sowie der Kabarettistin Loni Heuser. Im Zuge der von den Nazis verfügten allgemeinen Theaterschließung machte am 31. August 1944 das "Kadeko" seine Tore dicht. Bereits im Mai 1945, wenige Tage nach der Kapitulation Deutschlands, eröffnete Schaeffers im "Café Leon" und danach am 28.04.1946 in der "Neuen Scala am Nollendorfplatz" erneut das "Kabarett der Komiker". 1949 gastierte hier der Operettenkomponist Rudolf Nelson, kurz zuvor aus seinem Asyl in den Niederlanden zurückgekehrt, zusammen mit der Chansonette Dora Paulsen. Aus finanziellen Gründen schloss das "Kabarett der Komiker" 1950 endgültig die Pforten.
"Larifari"
Ein letzter Versuch nach "Cabarett Größenwahn", "Die Rampe" und der kurzen leitenden Mitarbeit an der "Rakete" war Rosa Valettis 1928 gegründetes politisch-satirisches Kabarett "Larifari", eine Bühne, die sie ohne festes Haus zusammen mit dem Komponisten Erich Einegg betrieb. Noch einmal wollte sie handfestes politisches Kabarett spielen. Unterstützt wurde sie dabei besonders vom politisch links orientierten Ernst Busch mit den Songs "Legende vom toten Soldaten" (von Bert Brecht) und dem Seifenlied (von Julian Arendt) sowie Versen von Karl Schnog. Dem Ensemble des "Larifari" gehörten u. a. an Roma Bahn, Max Colpet, Werner Finck, Valeska Gert, die Valetti-Entdeckung Kate Kühl, Hubert von Meyerinck, Leonard Steckel und Else Ward. Die Texte schrieben neben anderen Erich Einegg, Werner Finck, Fritz Gottfurcht, Hermann Kesten und die Prinzipalin. Bis 1930 hielt Rosa Valetti durch, dann gab sie auf. Sie gilt als die politisch kompromissloseste und ausdrucksstärkste Chansonniere der 1920er Jahre. 1933 verließ Rosa Valetti Deutschland. Bis zu ihrem Tod 1937 spielte sie Theater in Wien.

"Die Katakombe"
Am 16. Oktober 1929 wurde das von Werner Finck, Hans Deppe und einem Kollektiv junger Schauspieler gegründete politisch-literarische Kabarett "Die Katakombe" eröffnet. Die Vorstellungen, der Name des Unternehmens wies bereits darauf hin, fanden im Keller des Berliner "Künstlerhauses" in der Bellevuestraße statt. Das erste der etwa allmonatlich wechselnden Programme verhieß lediglich "Musik, Tanz, Dichtung, Improvisation". Doch diese dürftige Aussage hatte nicht verhindert, dass die Kellerbühne von Anbeginn an vom Publikum angenommen wurde. Der Theaterkritiker Herbert Ihering attestierte den Kabarettisten frühzeitig "naiv, spielfreudig, jung und frech" zu sein. Mit dazu beigetragen haben die grotesken Tanzparodien des Geschwisterpaares Hedi und Trudi Schoop sowie die der Geschwister Traute und Herbert Witt.
Die politische Tendenz des Unternehmens war uneinheitlich und konnte sogar innerhalb einer Vorstellung bei direkt aufeinander folgenden Nummern in ihren künstlerischen und politischen Aussagen gegensätzlich sein. Die außer dem Stammensemble von Programm zu Programm wechselnden Mitwirkenden bewirkten, dass z. B. Valeska Gerts Pantomimen- und Grotesktänzen unmittelbar Isa Vermehrens folkloristische Seemannslieder folgten. Ihnen wiederum konnte der Auftritt Ernst Buschs mit seiner "Ballade von der Knüppelgarde", das von ihm vorgetragene Lied über die politisch naive "Anne-Luise" von Kurt Tucholsky oder das "Baumwollpflückerlied" von B. Traven nachfolgen.
Die künstlerische Leitung der Bühne oblag Werner Finck, die des Geschäftsbereichs Hans Deppe. Die Seele des Unternehmens aber war Finck, der sich in seinen Conférencen hoffnungslos und deshalb umso vieldeutiger verheddern konnte. Seine politische Einstellung war schwer auszumachen, später charakterisierte er sie ironisch: "Mein Herz stand rechts, aber mein Verstand stand links, wenn er stillstand." Zu den wechselnden Mitgliedern des Ensembles gehörten neben Ernst Busch, Isa Vermehren und Valeska Gert u. a. Max Colpet, Walter Gross, Annemarie Hase, Ursula Herking, Kate Kühl, Trude Kolmann, Theo Lingen, Ivo Veit und Kadidja Wedekind.
1932 zog die "Die Katakombe" kurzzeitig ins "Palmenhaus" am Kurfürstendamm und danach in den ersten Stock des Hauses Lutherstraße 22. Nach der "Machtergreifung" durch die Nationalsozialisten 1933 durfte die Bühne als "judenfreies" Unternehmen weiterspielen. Sie diente mit ihrer noch immer politischen, wenn auch vorsichtiger geäußerten Kritik den neuen Machthabern als Beweis für die Freiheit der Meinungsäußerung gegenüber dem den Nazis noch distanzierten Bürgertum. 1935, nun der Regierung nicht mehr genehm, weil sich sicherer im Sattel wähnend, wurde "Die Katakombe" auf Anweisung des NS-"Reichsministers für Volksaufklärung und Propaganda" Joseph Goebbels geschlossen. Werner Finck, die Ensemblemitglieder Heinrich Giesen, Walter Trautschold und Rudolf Platte wurden am 24.05.1935 in "Schutzhaft" genommen und wegen "Vergehen gegen das Heimtückegesetz" - außer Platte - in das Konzentrationslager Esterwegen überführt. Aus Mangel an Beweisen wurden sie vom Sondergericht des Landgerichts Berlin am 26. Oktober 1936 freigesprochen.
- Das Kabarett der zwanziger Jahre
- Das Kabarett der dreißiger Jahre
- Das Ende des literarisch-politischen Kabaretts
Bibliografie:
- Sigrid Bauschinger: Literarisches und politisches Kabarett von 1901-1999. Tübingen 2000
- Klaus Budzinski: Pfeffer im Getriebe. So ist und wurde das Kabarett. München 1982
- Klaus Budzinski, Reinhard Hippen: Metzler Kabarett Lexikon. Stuttgart u. a. 1996
- Reinhard Hippen: Eine gewisse Republik. Kabarett der zwanziger Jahre. Zürich 1987
- Christian Hörburger: Nihilisten - Pazifisten - Netzbeschmutzer. Kabarett-Geschichte von 1918-1989. Tübingen 1993
- Volker Kühn: Die zehnte Muse. 111 Jahre Kabarett. Köln 1993
- Volker Kühn: Bei uns um die Gedächtniskirche rum ... Friedrich Hollaender und das Kabarett der zwanziger Jahre. Berlin 1996
- Armin Strohmeyr, Klaus und Erika Mann - Eine Biografie, Leipzig 2004









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