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THEMEN

Kabarett von 1945 bis zum Ende des 20. Jahrhunderts

Aufarbeitung und Neubeginn

Noch ein wenig fassungslos über das Ende der vorausgegangenen zwölf Jahre wagten sich die ersten Kleinkunstbühnen im erwachenden Bewusstsein, zeigen und sagen zu können, was immer man wolle, bereits im Sommer 1945 an die Öffentlichkeit. Doch die neu gewonnene Freiheit war nicht uneingeschränkt. Lizenzen der Allierten konnten zurückgenommen werden, die Vorstellungen wurden von Kontrolloffizieren besucht, die die kabarettistischen Darbietungen kippen lassen konnten.

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Erich Kästner (1898-1974); Porträt von Erich Ohser.

In den ersten Monaten nach Kriegsende griffen die Bühnen zumeist auf das zurück, was zwölf Jahre nicht gezeigt werden durfte. Vor allem waren dies Texte von Finck, Kästner und Ringelnatz. Ab etwa Mitte 1946 ging in den neu entstandenen Texten allmählich die politisch-historische Aufarbeitung der zurückliegenden Jahre über in die satirische Betrachtung zeitaktueller Probleme wie das Verhalten der Besatzungstruppen, Hunger, Schwarzmarkt und Wahlen.

Kabaretts aus der Zeit der ersten Nachkriegsjahre

"Die Hinterbliebenen"

In Bad Reichenhall gründeten im Frühsommer 1945 der Berliner Schriftsteller Heinz Hartung, der Wiener Schauspieler Roman Sporer sowie der Regisseur Hans Albert Schewe das politisch-literarische Reisekabarett "Die Hinterbliebenen". Vier Jahre spielte das Kabarett, anfangs in der bayerischen Provinz, anschließend in den drei Westzonen. Die Texte schrieben Heinz Hartwig und Gerhart Herrmann Mostar (u. a. "Der liebe Augustin"). Dem Ensemble gehörten u. a. an Hans Bernuth, Gerda Bundesmann, Hans Günter Dzulko, Senta Foltin, Jente von Lossow und Elisabeth Puhr. Anfang 1949 löste sich das Ensemble auf.

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Ursula Herking (1912-1974)

"Die Schaubude"

Fast gleichzeitig eröffnete in München das literarisch-politische Kabarett "Die Schaubude" unter Otto Osthoff, Eberhardt R. Schmidt und Rudolf Schündler ("Tingeltangel-Theater"). Am 21. April 1946 übernahm Schündler die alleinige Leitung und zog in ein eigenes Haus in der Münchner Reitmorstraße. Mit dabei: Inge Bartsch, ("Katakombe"), Eva Immermann, Karl John, Bum Krüger, Helmuth Krüger und Ursula Herking (u. a. "Katakombe") mit Erich Kästners "Marschlied 1945". Jahre später erinnerte sich die Protagonistin an ihren Vortrag des Liedes: "Als ich den letzten Ton des 'Marschliedes 1945' gesungen hatte, sprangen die Menschen von den Stühlen auf, umarmten sich, schrien, manche weinten (...), es war einfach das richtige Lied (...) im richtigen Moment." "Die Schaubude" wurde 1949 geschlossen.

"Uhlenspiegel"

In Berlin eröffnete Friedrich Pasche im September 1946 das literarisch-politische Kabarett "Uhlenspiegel" mit Texten von Günter Neumann ("Kabarett der Komiker", "Katakombe"), Ivo Veit ("Tatzelwurm", "Katakombe") und Ewald Wenk. Unter der zeitweisen Regie von Gustav Gründgens und Carl Heinz Schroth gehörten u. a. zum Ensemble: Hans Deppe, Georgia Lind, Bruni Löbel, Hubert von Meyerinck (u. a. "Schall und Rauch", "Larifari"), Erik Ode, Ethel Reschke, Tatjana Sais (u. a. "Tatzelwurm") und Edith Schollwer. "Der Uhlenspiegel" schloss 1949.

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Kay Lorentz (gest. 1993)

"Das Kom(m)ödchen"

Von Kay und Lore Lorentz am 29. März 1947 in Düsseldorf gegründetes politisch-literarisches Kabarett. Von Beginn an hatte "Das Kom(m)ödchen" in seinen Programmen warnend auf den Weg gewiesen, den das von den Alliierten besetzte Deutschland und ab 1949 die Bundesrepublik unter Konrad Adenauer zu gehen begann. Bereits der Titel des ersten Programms "...positiv dagegen!" gab die Richtung vor, von der das Kabarett nicht mehr abwich. Waren die Themen in den ersten zwei Jahren Bestechung, Hunger, Schwarzmarkt und Besatzungsmacht, wandte sich die Bühne mit Sketschen und Songs zunehmend gegen den in den 50er-Jahren neu erwachenden Militarismus. Lore Lorentz: "Wir geißeln die moralischen Zustände in unserer Gesellschaft."

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Lore Lorentz (gest. 1994)

Die Liste jener, die auf dem Düsseldorfer Podium spielten oder für das Kabarett die Texte schrieben, ist lang. Nur einige der vielen Darsteller: Jochen Busse, Walter Gottschow, Ursula Herking, Ernst Hilbich, Ingrid Ohlenschläger, Michael Quast und Hanne Wieder. Texte: Fritz Grasshoff, Eckart Hachfeld, Joachim Hackethal, Oliver Hassenkamp, Hanns Dieter Hüsch, Erich Kuby, Volker Kühn, Martin Morlock, Dieter Thierry und Thaddäus Troll.

Am 25. Dezember 1952 spielte "Das Kom(m)ödchen" zur Auftaktsendung des (Ersten) Deutschen Fernsehens. Nach dem Tod von Kay (1993) und Lore Lorentz (1994) führte deren Sohn die Bühne vor allem als Gastspielhaus weiter. Der Platz vor der Düsseldorfer Kunsthalle wurde 1995 in "Kay-und-Lore-Lorentz-Platz" umbenannt; ein städtische Gymnasium heißt seit 1997 "Lore-Lorentz-Schule".

"Die Amnestierten"

Vier Kieler Studenten, Joachim Hackethal, Ernst König, Walter Niebuhr und Jan Siefke Kunstreich, eröffneten am 19. Juli 1947 ein politisch-satirisches Reisekabarett. Ab dem zweiten Programm nannten sie ihr bis dahin namenloses Unternehmen "Die Amnestierten", in Anspielung auf einen Erlass der Alliierten, nach dem alle nach 1919 Geborenen als politisch unbelastet eingestuft wurden. 1948 schafften die Kabarettisten den Durchbruch anlässlich einer Aufführung auf der Deutschen Presseausstellung in Hannover. Eine halbjährige Tournee durch Westdeutschland und nach Berlin schloss sich an. Danach folgten Gastspielreisen nach Dänemark, Schweden und 1950 nach England.

1953 übernahm Joachim Hackethal die Leitung des von nun an professionell geführten Tourneetheaters mit stets wechselndem Ensemble. 1961 bezogen "Die Amnestierten" das Stuttgarter "Kleine Renitenztheater", nachdem Hackethal ausgeschieden war und Gerhard Woyda die Leitung übernommen hatte. 1962 gaben "Die Amnestierten" auf. Ein Wiederbelebungsversuch 1965 scheiterte an einem Theaterskandal, den eine Vietnam-Szene ausgelöst hatte.

Neugründungen 1948/1949

Die Währungsreform von 1948 brachte für die bis dahin zumeist florierenden Kabaretts harte finanzielle Einbußen, wenn nicht das endgültige Aus. Das Publikum hatte kein Geld und/oder keine Zeit für kulturelle Besinnlichkeit oder Belustigung. Ihre Einkünfte flossen in die Kassen der wieder gefüllten Lebensmittelläden und in die Anschaffung von Gebrauchsgütern. Theater-oder gar Kabarettbesuche wurden somit hintangestellt.

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Werner Finck

"Die Mausefalle" (Stuttgart)

Trotz schwieriger Zeit wagten Werner Finck und Ludwig Gang am 16. Juni 1948 in Stuttgart die Eröffnung eines "Kabaretttheaters" mit dem bezeichnenden ersten Programmtitel "Wir sind wieder so weit". Die Darsteller dieses Programms: Elsie Attenhofer ("Cabaret Cornichon"), Werner Finck, Max Werner Lenz, Trudi Schoop (u. a. "Katakombe", "Tingel-Tangel-Theater"), Herta Worell und Isa Vermehren (u. a. "Katakombe"). Ab August 1948 zeigte die Bühne eine bunte Mischung aus kleinen satirischen Stücken, Musicals und Operetten. Danach folgten abwechselnd Boulevardstücke und unterhaltende Kabarettaufführungen, deren Produktionen z. T. von der Hamburger "Mausefalle" (gegründet 1951, s. u.) übernommen wurden. Nachdem Werner Finck 1963 als Gesellschafter zurückgetreten war, wurde die Bühne als Gastspielhaus von Ludwig Gang bis 1969 weitergeführt.

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Günter Neumann

"Die Insulaner"

Politisch-satirisches (Rundfunk-) Kabarett (RIAS Berlin). Die Erstsendung fand am 25. Dezember 1948 unter Leitung seines Gründers Günter Neumann (u. a. "Kabarett der Komiker") statt und war so erfolgreich, dass weitere Folgen in regelmäßigen Zeitabständen gesendet wurden. Zentrales Thema war der Ost-West-Konflikt unter besonderer Berücksichtigung des Berlin-Problems. Mitglieder des Ensembles: Joe Furtner, Walter Gross, Rita Paul, Tatjana Sais ("Katakombe", "Tatzelwurm"), Edith Schollwer ("Kabarett der Komiker", "Die Mausefalle" - Stuttgart), Ilse Trautschold ("Die Wespen"), Ewald Wenck und Agnes Windeck. Texte und musikalische Leitung: Günter Neumann sowie am Klavier Olaf Bienert.

Bis 1958, der Einstellung der Hörfunkreihe, wurden 150 Folgen gesendet. Danach folgten Tourneen durch die Bundesrepublik, die Schweiz und nach Luxemburg. Zwei Versuche, 1963 und 1968, die Reihe wieder aufleben zu lassen, scheiterten am Desinteresse der jüngeren Generation, zumal den konservativ gestalteten Inhalten im Lauf der Jahre kaum eine Entwicklung anzumerken und das Fernsehen inzwischen zur mächtigen Konkurrenz geworden war.

"Die Stachelschweine"

Mit dem Titel ihres ersten Programms "Alles irrsinnig komisch" stellten sich am 3. Oktober 1949 vier junge Schauspieler des renommierten Berliner Theaters "Die Tribüne" dreimal wöchentlich als politisch-satirische Kabarettgruppe vor: Klaus Becker, Joachim Teege, Wolf Ulrich und Alexander Welbat. Noch namenlos, begannen sie im Jazzkeller "Badewanne". Im März 1950 bezog die Gruppe mit den Textern Roy Ulrich, Dieter Thierry ("Kom(m)ödchen") und den u. a. dazugekommenen Darstellern Günter Pfitzmann und Inge Wolffberg eine eigene Spielstätte im "Burgkeller" am Kurfüstendamm. Seit dem dritten Programm "Alles neu macht der ..." nannte sich das Ensemble "Die Stachelschweine". Eine Erweiterung des Ensembles um Jo Herbst, Wolfgang Gruner, Horst Nowak und Manja Wodowoz und das sechste Programm "Es war so schön privat zu sein", am 29. September 1950, brachte den Durchbruch.

Ab 1960 verloren die Programme allmählich den satirischen Biss zugunsten populärer Unterhaltung. Programme mit über zehnmonatiger Laufzeit wie u. a. "Der Fette aus Dingsda" mit mehr als 100 000 Zuschauern blieben keine Seltenheit. Seit Mitte der 1950er Jahre traten "Die Stachelschweine" regelmäßig im Fernsehen auf und bestritten von 1960-1967 zusammen mit der "Münchner Lach- und Schießgesellschaft" das Eröffnungsprogramm der jährlichen Eröffnungsveranstaltung der Fernsehlotterie für Berliner Ferienkinder "Ein Platz an der Sonne" unter der Regie von Sammy Drechsel ("Münchner Lach- und Schießgesellschaft"). 1964 bezogen "Die Stachelschweine" ihr Podium im "Europa Center" , Budapester Str. 45, Nähe der Berliner Gedächtniskirche, wo sie bis heute auftreten.

  1. Aufarbeitung und Neubeginn
  2. Neugründungen der fünfziger Jahre
  3. Neugründungen der sechziger Jahre
  4. Solokabarett der sechziger und siebziger Jahre
  5. Neugründungen der achtziger und neunziger Jahre

Bibliografie:

  • Marisa Klasen: Kabarett unter Hammer und Sichel, München 2007
  • Joanne McNally: Hundert Jahre Kabarett. Zur Inszenierung gesellschaftlicher Identität zwischen Protest und Propaganda, Würzburg 2003
  • Elke Reinhard: Warum heißt Kabarett heute Comedy? Metamorphosen in der deutschen Fernsehunterhaltung, Münster 2006
  • Udo Seelhofer: Kabarett. Exemplarische Beispiele, München 2007
  • Martin Siegordner: Politisches Kabarett. Definition, Geschichte und Stellung. Mit einer Beschreibung der Karrieren Gerhard Polts und Dieter Hildebrandts, München 2007
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