Kabarett zur Zeit Hitlers (1933-1945)
Das Kabarett im deutschen "Großreich"
Mit der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten am 30. Januar 1933 verlöschten auf den politisch ambitionierten Kabarettbühnen die Lichter. Die Maßgabe des Reichsgesetzblatts, Teil 1,§1 vom 28. Februar 1933 war eindeutig:
"Die Artikel 114, 115, 117, 118, 123, 124 und 153 der Verfassung des Deutschen Reichs werden bis auf weiteres außer Kraft gesetzt. Es sind daher Beschränkungen der persönlichen Freiheit, des Rechts der freien Meinungsäußerung, einschließlich der Pressefreiheit, des Vereins- und Versammlungsrechts, Eingriffe in das Brief-, Post-, Telegraphen- und Fernsprechgeheimnis, Anordnungen von Haussuchungen und von Beschlagnahmen sowie Beschränkungen des Eigentums auch außerhalb der sonst hierfür bestimmten gesetzlichen Grenzen zulässig."

Leiter oder Mitglied eines Kabaretts mit politisch-satirischem oder zeitkritischem Programm zu sein, konnte somit gefährlich werden. Viele ihrer Vertreter hatten bereits frühzeitig, die herannahende Gefahr erkennend, das Land verlassen, wie z.B. der linksintellektuelle Publizist und Chansonschreiber Kurt Tucholsky. Andere folgten ihnen kurze Zeit später nach wie u.a. Blandine Ebinger, Friedrich Hollaender, Erika Mann und Kurt Robitschek. Wer den richtigen Zeitpunkt verpasste, fand sich zumeist über kurz oder lang in den Mühlen der Geheimen Staatspolizei wieder und landete im Konzentrationslager oder endete wegen seiner nicht arischen Abstammung über Stationen wie Theresienstadt oder Westerbork wenige Jahre später in den Gaskammern von Auschwitz.

Lediglich zwei Kabaretts mit zeitkritischen Programminhalten hatten eine zweijährige Schonfrist: Werner Fincks "Katakombe" und die Friedrich-Hollaender-Gründung "Tingel-Tangel-Theater", das nach Hollaenders Emigration, nun unter dem Namen "Tingeltangel-Theater" firmierend, von Blandine Ebinger, danach von Rudolf Schündler und ab Februar 1935 von Trude Kohlman geleitet wurde (siehe zu diesen Bühnen: Kabarett in Deutschland zur Zeit der Weimarer Republik (1919-1933)). Beide Bühnen spielten vor den Augen und Ohren der während der Vorstellungen im Parkett sitzenden NS-Zensoren ihre "staatsgefährdenden" Pointen mit halsbrecherischem Mut. Den eifrig während der Vorstellung mitschreibenden Kontrolleuren rief Finck mitten in einer seiner Conférencen einmal zu: "Kommen Sie mit, oder soll ich mitkommen?" Im Mai 1935 ereilte beiden Bühnen das Schicksal behördlich angeordneter Theaterschließung. Finck erhielt Auftrittsverbot und wurde mit einigen Mitgliedern seines Ensembles in "Schutzhaft" genommen. Trude Kohlman emigrierte nach nur zweimonatiger Prinzipalschaft im September des selben Jahres nach Wien und von dort, nach dem "Anschluss" Österreichs 1938, über Paris nach England.

Das vormals unter seinen Prinzipalen Kurt Robitschek und Paul Morgan renommierte "Kabarett der Komiker " (Kadeko) glitt unter der neuen Leitung durch Hanns Schindler und seit 1938 unter der Willi Schaeffers' zum regierungskonformen Witzlieferanten ab. Ihr Publikum war dem Kabarett bislang unbekannt: die Mitgliedern der vom Reichsorganisationsleiter Robert Ley gegründeten Freizeitorganisation "Kraft durch Freude" ("KdF"). Selbst dieses auch nach der unter Auflagen bedingten zeitweiligen Rückkehr Werner Fincks als Conférencier ("Ich bin der Finck - leicht gedrosselt") politisch nur wenig aneckende Spaß-Kabarett unterlag der scharfen Beobachtung Goebbel'scher Kulturkontrolleure.
Kontrolle wurde allenthalben ausgeübt, jedes Witzchen, jede Pointe wurde darauf abgeklopft, ob sie "deutschem Humor" entsprechen würden. "Der Spielplan eines deutschen Theaters" (so die "Richtlinien für eine lebendige Spielplangestaltung, aufgestellt vom dramaturgischen Büro des Kampfbundes für deutsche Kultur") "muss einem Publikum wesens- und artmäßig sein, d.h. die dargebotenen Werke müssen in ihrer geistigen Haltung, in ihren Menschen und deren Schicksalen deutschem Empfinden, deutschen Anschauungen, deutschem Wollen und Sehnen, deutschem Lebensernst und deutschem Humor entsprechen (...)" (nach: Die Deutsche Bühne, September-Sondernummer 1933, S. 45).
Um die weisungsgemäße Ausführung dieser Forderungen vorab kontrollieren zu können, ordnete die "Reichstheaterkammer" an, dass "Gemäß § 25 der ersten Durchführungsverordnung zum Reichskulturkammengesetz vom 1. November 1933 (...) sämtliche Berliner Privattheater rechtzeitig den Zeitpunkt mitteilen, zu dem Generalproben stattfinden (...)"
(zitiert nach: Joseph Wulf, Kultur im Dritten Reich, 1989, S. 42).
Drei der wenigen kabarettistischen Unterhaltungsstätten, die nach dem großen, politisch angeordneten Kabarettsterben von 1935 noch kurze Zeit überleben konnten waren:
"Die Musenschaukel"
Sie wurde im November 1933 als satirisch-literarisches Kabarett von der Chansonniere, Operettensängerin und Schauspielerin Trude Hesterberg (vormals "Wilde Bühne") in der Berliner Behrenstraße 53 gegründet. Die literarische Leitung hatten Karl Megerle von Mühlfeld und Günther Weisenborn, die musikalische Leitung Erwin Jospe. Regie führte Trude Hesterberg. Dem ersten, einem reinen Nummernprogramm, gehörten u.a. an: Else Ehser, Margot Höpfner, Albert Hoermann, Rotraut Richter, Hans Hermann Schaufuß und Grete Weiser. Ihm folgte als zweites Programm die Kabarett-Revue "Windstärke 10" von Hans Fritz Beckmann, Frank Günther und Günter Neumann mit u.a. den Kabarettist(inn)en Curt Ackermann, Eva Böhm, Charlott Daudert, Trude Hesterberg, Bea Molen, Maria Ney (Conférenciere) und Günther Vogott. Die deutschlandweite NS-Tageszeitung "Völkischer Beobachter" beanstandete die Revue: "Wir wollen ein neues Kabarett, (...) und wir wollen (...) das aus unserem Volk heraus." Dieser Forderung wollte sich "Die Musenschaukel" nicht beugen, sie schloss nach nicht ganz zweimonatigem Bestehen ihre Pforten.
"Die acht Entfesselten"
Die Mitglieder dieses von dem Pianisten Ernst August Brenn sowie dem Schauspieler und Entertainer Rudi Godden im Sommer 1935 gegründeten Tourneekabaretts hatten sich für die NS-Kulturideologen zur rechten Zeit zusammengefunden. Nach der staatlich verfügten Schließung der "Katakombe" und des "Tingeltangel" erhofften sie sich, "Die acht Entfesselten" würden nahtlos eine Lücke füllen und sich in die Dienste dessen stellen lassen, was der Staat seit 1933 unter Humor in Deutschland verstanden wissen wollte. Mit humoristischen Tanzeinlagen, anspruchslosen Gesangpartien, schlagerhaft aufgemotzten Chansons und kalauernden Conférencen zeigte das Ensemble - das Grotesktanzpaar Krock und Garga, die Chansonniere Gerty von Reichenhall und der Conférencier Walter Scholz mit seiner Frau Käthe - genau das, was von nun an von einem deutschen Kabarett erwartet wurde: "Das Kabarett im Dienste der Politik", wie Günter Meerstein euphorisch seine Dissertation (Leipzig 1937) überschrieb. Doch selbst diese Programme, in denen es um das alltägliche Einerlei des Daseins ging, z.B. im Chanson "Kleine Schwächen - große Schwächen" (Gerty von Reichenhall), um die bisher waltende Unnatürlichkeit der Kunstausübung - und nicht zuletzt um die Liebe -, fanden die ständige Aufmerksamkeit der Geheimen Staatspolizei. Dabei fehlte den Darbietungen nicht einmal ein "politischer Spott auf die Gräuelpropaganda (des Auslands)", wie die "Kulturgemeinde Berlin" 1936 bemerkte. Als einmal eine Textstelle auf der Bühne den Kotrolleuren missverständlich erschien, erhielten die "Entfesselten" von Goebbels persönlich die Anweisung, "Anspielungen, die zweierlei Interpretationen zulassen, sofort zu unterlassen". Nach einem Überraschungserfolg 1938 mit dem Programm "Gute Besserung", dass über 150 Mal über die Bühne der Berliner Komischen Oper ging, gaben die "Entfesselten" mangels guter Texte in der Spielzeit 1938/1939 auf. Rudi Godden, als schnodderiger Berliner Allround-Akteur entdeckt, machte ab 1936, parallel zu seinen Kabarettauftritten, Karriere beim Film (u.a. in "Truxa", "Es leuchten die Sterne" und "Hallo, Janine"). Als Kabarettist erhielt er ab 1939 Auftrittsverbot. Er starb 1941, 34-jährig, an einer Blutvergiftung.
"Der Tatzelwurm"
Er wurde am 03.09.1935 als literarisches Kabarett von der Kabarettistin Tatjana Sais und dem Schauspieler Bruno Fritz in den den Räumen der kurz zuvor auf staatliche Aordnung geschlossenen "Katakombe" in Berlins Lutherstraße 22 eröffnet. Die Texte schrieben der Kabarettautor und -komponist Günter Neumann, der Kabarettautor Aldo von Pinelli und der Tänzer und Chansonautor Herbert Witt. Das spielende Ensemble bestand aus den ehemaligen Mitgliedern der "Katakombe" wie Bruno Fritz, Ursula Herking, Tatjana Sais, Ivo Veit, Isa Vermehren und Herbert Witt. "Der Tatzelwurm" überlebte nur ein Programm und stellte den Spielbetrieb bereits im Jahr seiner Gründung ein.
Der geschasste Conférencier
Vier Jahre nach der "Machtübernahme" erließ Goebbels erstmals eine "Anordnung betreffend Verbot des Conférencier- und Ansagewesens". Weil sie und zwei weitere in den öffentlichen Unterhaltungsstätten nicht in dem vom "Reichspropagandaminister" angestrebten Maß befolgt worden waren, drohte er nunmehr unmissverständlich mit Datum vom 30. Januar 1941: "Trotz meiner wiederholten Erlasse vom 8. Dezember 1937, 6. Mai 1939 und 11. Dezember 1940, in denen ich eindringlich die Forderung erhob, das Kabarett- und Vortragswesen den Erfordernissen des öffentlichen Geschmacks, besonders aber denen des Krieges anzugleichen, treiben so genannte Conférenciers, Ansager und Kabarettisten (...) weiterhin ihr Unwesen. Sie gefallen sich in einer leichten und billigen Anpöbelung von Zuständen im öffentlichen Leben, die durch die Not des Krieges bedingt sind. (...) Sie verhöhnen die bodenständigen Eigenheiten der einzelnen Stämme unseres Volkes und tragen dazu bei, die innere Einheit der Nation, die für die siegreiche Beendigung des Krieges die wichtigste Voraussetzung ist, zu gefährden. (...) Auf Grund des § 25 der Ersten Verordnung zur Durchführung des Reichskulturkammergesetzes vom 1. November 1933 (...) ordne ich hiermit an:
| 1. | Jede so genannte Conférence oder Ansage wird ab sofort für die ganze Öffentlichkeit grundsätzlich verboten. Es ist dabei gänzlich gleichgültig, ob sie sich mit Dingen der Politik, der Wirtschaft, der Kultur oder sonstigen Angelegenheiten des öffentlichen oder privaten Lebens befassen will. |
| 2. | Glossierungen von Persönlichkeiten, Zuständen oder Vorgängen des öffentlichen Lebens, auch angeblich positiv gemeinte, sind in Theatern, Kabaretts, Varietés und sonstigen öffentlichen Unterhaltungsstätten verboten. |
| 3. | Die Presse ist schärfstens angewiesen, die Behandlung aller lebensunwichtigen Fragen, die das deutsche Volk heute unnötig belasten oder verstimmen könnte, peinlichst zu vermeiden. |
| 4. | (...) Probleme, an denen sich die Gemüter unnötig erhitzen und die für die siegreiche Durchführung des Krieges von untergeordneter Bedeutung sind, werden aus der öffentlichen Diskussion ausgeschaltet. |
Dieser Erlass stellt eine letzte, ernste und eindringliche Mahnung dar. Übertretungen werden auf Befehl des Führers mit schärfsten Strafen geahndet."
Berlin, den 30. Januar 1941 - gez. Dr. Joseph Goebbels
Trotz schwerer Zeit - es muss gelacht werden.
Der staatlich verordnete Kabarettschwund hatte nicht nur, von unbedeutenden KdF-Veranstaltungen abgesehen, deren Anzahl bis 1939 auf nahezu Null dezimiert, sondern auch eine Spezies der Kleinkunst ins Rampenlicht treten lassen: die der vermeintlich unpolitischen allein unterhaltenden "Volkshumoristen". Unter dem Motto "Spaß muss sein", trugen sie erheblich dazu bei, Irritationen und zaghaftes Kritteln an Staat und Führung unter den "Volksgenossen" zu relativieren. Inhaltlich banal und von den Kulturbehörden leicht zu kontrollieren, vertraten sie genau das, was von ihnen erwartet wurde: die Festigung der politischen Führung durch "deutschen Humor".
Ludwig Manfred Lommel
Vom Intendanten der "Schlesischen Funkstunde", dem späteren Reichssender Breslau, Friedrich Bischoff, für das Radio entdeckt, präsentierte Lommel mit seinem imaginären "Sender Runxendorf auf Welle 0,5" einen provinziellen Mikrokosmos. Lommel war ein stimmliches Imitationswunder. Allein mit seiner Stimme konnte er gleichzeitig bis zu vier Personen in kleinen selbst erdachten humoristischen Szenen darstellen, "in denen die Sorgen des Alltags nicht ernst genommen wurden" (zitiert nach Martens, Hans-Günter, Plattencover: "Lommel, Ludwig Manfred", Elektrola) und blühender Unsinn herrschte. Nicht nur die politische Abstinenz lommelscher Sketsches, sondern auch der heimattümelnde Dialekt des Schlesiers entsprach vollkommen den Vorstellungen der NS-Kulturideologen.
Ferdinand Weisheitinger, genannt Weiß Ferdl
Humorist mit bajuwarischem Charme und Schmäh, zählte nicht zu jenen, die nicht wussten, welche "staatsstabilisierende" Rolle sie zu spielen hatten. Auf dem Podium des "Platzl", einem folkloristischen Amüsierkabarett im Münchner Stadtzentrum, bezog er von Beginn an für sein national gesinntes Publikum eine klare politische Position. Bereits 1934 bejubelte er auf der Bühne die "Errungenschaften" des neuen Staates. Frühzeitig ließ er den Namen "Dachau" in seine Conférencen einfließen, weil eine "Luftveränderung in konzentrierter Form" all jenen zu wünschen sei, die nicht die Zeichen der neuen Zeit erkennen wollten. Wiederholt war er als Hitlers Lieblingshumorist dessen Gast auf dem Obersalzberg, wenn auch nach dem Krieg Legenden und eigene Beteuerungen ihn als Gegner der Nazis darzustellen versuchten.
Ausgegrenzt - Exilkabarett in Europa
Die meisten namhaften Kabarettisten und Kabarettistinnen hatten Deutschland nach Hitlers Machtübernahme am 30. Januar 1933, spätestens jedoch einen knappen Monat später, nach dem Reichstagsbrand am 27. Februar, verlassen. Ihre Fluchtziele waren zunächst vor allem die deutschsprachigen Nachbarländer - Österreich und die Schweiz. Auch die Niederlande gehörten zu den bevorzugten Aufnahmeländern, weil große Teile ihrer bürgerlichen Bevölkerung kaum Schwierigkeiten im Umgang mit der deutschen Sprache haben. Mit Kommunisten und linken Gruppen der Sozialdemokraten sympathisierende Kabarettisten zog es zumeist in die tschechoslowakische Hauptstadt Prag, einige noch weiter nach Osten, wie Erich Weinert, 1935, bis nach Moskau. Danach erst zogen die Emigranten, oder jene, die sich Hitlers Zugriff nach der Besetzung Österreichs und der Tschechoslowakei noch entziehen konnten, in andere europäische Länder wie England und Frankreich. Den Sprung hin zu außereuropäischen Staaten, vor allem den USA, wagten zu Beginn der Emigrationswelle aus finanziellen, mentalen oder sprachlichen Gründen nur wenige wie Blandine Ebinger, Gisela Werbezirk und Friedrich Hollaender (über Paris nach Hollywood).
Besonders Österreich erwies sich ab 1933 für die Akteure der Kleinkunstbühnen als Magnet. Einige der die deutsche Kabarettszene Verlassenden waren ohnedies Österreicher wie die Gründer des "Kabaretts der Komiker" Paul Morgan und Kurt Robitschek und andere wie der gebürtige Brünner Fritz Grünbaum, die Wiener Peter Hammerschlag und Oskar Karlweis sowie der ehemalige k.u.k.-Offizier Alexander Roda Roda (Alexander Rosenfeld). Zu den zahlreichen Deutschen zählten Curt Bois, Max Colpet, Trude Kolman, Walter Mehring, Gerhart Herrmann Mostar, Rosa Valetti, und Traute Witt. Ihnen diente Österreich wider Willen nur als erste Station ihres Flucht- und Leidenswegs. Für sie galt weiterhin, was sie ab 1933 aus Deutschland vertrieb: Wer nicht rechtzeitig nach der Okkupation Österreichs das Land verließ, der fand im Konzentrationslager den Tod wie Grünbaum, Hammerschlag, Morgan und Jura Soyfer.
Österreichs Kabaretts - ein hoffnungsloser Kampf gegen die Nazis
Österreichs Kabarettgeschichte begann am 25.10.1912 mit einer Wiener Version des "Simplicissimus" eher harmlos und mit weitgehend politikfreien Programmen. Das literarisch-politische Kabaretts entstand erst neunzehn Jahre später. Am 07.11.1931 wurde "Der liebe Augustin" eröffnet. Ihm folgten Schlag auf Schlag weitere zeitgeschichtlich ambitionierte Bühnen bis hin zum politisch-satirischen "ABC" und dem bereits unter deutscher Herrschaft gegründeten, jedoch oppositionell spielenden und kritisch beobachteten literarisch-politischen "Wiener Werkl".
Österreich war unter seinem damaligen christlich-sozialen Bundeskanzler Engelbert Dollfuß zum austrofaschistisch regierten Land geworden, in dem besonders nach Dollfuß’ Ermordung (1934) ein nicht geringer Bevölkerungsanteil verlangend über die nördliche Landesgrenze blickte. Vor allem das Wiener Bürgertum sehnte sich - der Auseinandersetzungen zwischen Polizei, Sozialdemokraten und den mit Unterstützung Hitlers erstarkenden Nationalsozialisten müde - nach einer vermeintlichen "Ordnung", die es sich von einem "Anschluss" an Deutschland erhoffte. Diese Gefahr erkennend, standen die Wiener Kabaretts mit ihrem hohen Anteil jüdischer und aus Deutschland emigrierter Autoren, Komponisten und Protagonisten naturgemäß politisch links.
"Simplicissimus"
Das Kabarett ist unter den renommierten Kleinkunstbühnen das älteste und, noch heute existierend, langlebigste. Eröffnet wurde es am 25.10.1912 unter dem Namen "Bierkabarett Simplicissimus" in Wiens Wollzeile 36 von dem Schauspieler Egon Dorn. Der "Simpl", wie die Bühne landläufig genannt wird, bot und bietet vor allem politikfreie Unterhaltung, mit der er auch nach dem "Anschluss" Österreichs an Deutschland (1938) und der "Säuberung" von jüdischen Ensemblemitgliedern ziemlich ungeschoren überleben konnte. Das Rückgrat des "Simpl" bildeten über lange Zeit vor allem die Chansonschlagerkomponisten Ralph Benatzki, Béla Laszky und Robert Stolz mit ihren jeweiligen Interpretinnen Josma Selim, Mela Mars und Franzi Ressl. Ab 1922 erhielt das Kabarett seine besondere Note durch den 29-jährigen Schauspieler Karl Farkas, der, zusammen mit dem zur selben Zeit aus Berlin hinzugekommenen promovierten Juristen, Kabarettautor und Librettisten Fritz Grünbaum im "Simpl" die Doppelconférence entwickelte. Nach dem Ausscheiden des Kabarettgründers Dorn wechselte der "Simpl" mehrere Male die Direktion. Zu den Stars der Dreißigerjahre zählen die Chansonniere und Kabarettistin Cissy Kraner (s.u.: "ABC") und der Komponist und Librettist mehrerer Operetten Hugo Wiener. Farkas blieb, unterbrochen von seiner Emigrationszeit (1938-1946 in den USA) bis zu seinem Tod (1971) der Bühne als deren künstlerischer Leiter und Hauptautor erhalten. Mit dem Schauspieler und Komiker Max Böhm, dem Kabarettautor und Komponisten Gerhard Bronner, dem Kabarettisten und Chansonnier Heinz Conrads sowie dem Vortragskünstler Fritz Muliar und dem Schauspieler Ernst Waldbrunn setzte Farkas 1946 seine Arbeit am "Simpl" fort. Einen besonderen Spürsinn entwickelt er nach dem Krieg als Entdecker junger Talente, so u.a. Peter Alexander und Ernst Stankovski. Zu den Mitarbeitern zählten u.a. Roul Aslan, Fritz Heller, Stella Kadmon (s.u.: "Der liebe Augustin" , bes. "Wiener Werkl"), Gunther Philipp, Otto Schenk und Peter Wehle. Fritz Grünbaum starb am 14.01.1941 an Entkräftung im KZ Dachau.
"Der liebe Augustin"
Das literarisch-politische Kabarett wurde am 07.11.1931 in der Wiener Biberstraße 2 eröffnet. Gründungsmitglieder waren Stella Kadmon im Kollektiv mit dem Schriftsteller Peter Hammerschlag, dem Musiker und Komponisten Fritz Spielmann sowie dem Zeichner Alex Szekely. Für Spielmann übernahm ab 1937 Franz Eugen Klein die musikalische Leitung. Dem Ensemble gehörten des Weiteren Lisa Thenen, Walter von Varndal und Grete Wagner an. Ab 1935 kamen hinzu Anton Edthofer, Tom Kraa, die Allround-Kabarettistin Gerti Sitte (s.u.: "Die Stachelbeere") bzw. danach Traute Witt.
Das Programm und dessen Ablauf als Nummernkabarett war an Werner Fincks "Katakombe" orientiert und bot besonders Hammerschlag viel Raum zur Improvisation. Dabei spielte er seine außerordentlichen literarischen Kenntnisse aus, indem er reaktionsschnell Gedichte im Stil der ihm aus dem Publikum zugerufenen Autoren vortrug, während Szekely Bilder in der Manier der ihm genannten Maler zeichnete. Highlights waren Hammerschlags Literaturparodien sowie die parodistischen Tänze der Gerti Sitte, danach die der Traute Witt. Hammerschlag verließ 1934 den "lieben Augustin". Mit dem ihm an seiner statt nachfolgenden neuen Hausdichter, dem Romanschriftsteller (u.a. "Der schwarze Ritter" und Mitarbeiter des sozialdemokratischen "Vorwärts") Gerhart Herrmann Mostar (eigentl. Gerhart Herrmann) änderte das Kabarett seinen Stil und wurde politischer. Es wandte sich vom ausschießlichen Nummernprogramm ab und integrierte das von Rudolf Weys für die "Literatur am Naschmarkt" (s. dort) erfundene "Mittelstück" in den Vorstellungsablauf. Zusammen mit dem Schriftsteller und Opernlibrettisten Hugo F. Koenigsgarten schrieb Mostar eine Allegorie auf Hitler mit dem Titel "Reinecke Fuchs".
Der Wechsel vom literarischen Schöngeist Hammerschlag zu Mostar hatte eine tief greifende Veränderung des spielenden Ensembles zur Folge, dem nur Kraa und Varndal entgingen. Neu hinzu kamen u.a. Wilhelm Hufnagl, Manfred Inger, Vilma Kürer, Alice Lach und Gusti Wolf sowie als Autoren Curt Bry (vormals "Ping Pong" sowie s.u.: "Cabaret Cornichon") und Hans Fischer. Gastregisseure waren Leo Askenazy, Herbert Berghof und Fritz Eckhardt (s. auch "ABC" und "Wiener Werkl"). Die anfangs festen Engagements wurden abgelöst durch Stückverträge. Mostar hatte der Bühne einen vehementen politischen Schub gegeben. Seine 1935 von Herbert Berghof vorgetragene "Legende vom namenlosen Soldaten" als Reaktion auf die Anordnung der Nazis, die Namen der im I. Weltkrieg gefallenen jüdischen Soldaten von allen öffentlichen Gedenksteinen zu entfernen, bildete den Höhepunkt des nunmehr konsequent politisch ausgerichteten Kabaretts.
Mit dem 35. Programm von Curt Bry "Der Durchschnittsmensch" (Premiere 17.02.1938) nach den besonders erfolgreichen Aufführungen "Lysistrata" (1934), "Reinecke Fuchs" (1935), "Die Ballade vom lieben Augustin" (1936) und "Zirkus Universum" (1937) beendete die Bühne den Spielbetrieb am 10.03.1938, zwei Tage vor dem Aus der "Literatur am Naschmarkt". Ihre Leiterin, Stella Kadmon, ging ins Exil. Das politisch bedingte Kabarettsterben hatte einen Monat vor dem "Anschluss" Österreichs an Deutschland begonnen.
Sieben Jahre später, im Juni 1945, kam es zu einer Wiederaufnahme unter Fritz Eckhardt. 1946 übernahm der Kabarettautor und Qualtinger-Entdecker Carl Merz die Direktion. Ein Jahr danach kehrte Stella Kadmon aus ihrem Exil in Palästina zurück und versuchte bis 1948 das Kabarett im alten Stil fortzuführen. Nach drei Programmen gab sie auf. 1948 machte sie aus ihrem Kabarett eine Kleinkunstbühne unter dem Namen "Theater der Courage". Stella Kadmon leitete das Unternehmen bis 1981, drei Jahre vor ihrem Tod in Wien.
"Die Stachelbeere"
Literarisch-politisches Kabarett in Wiens Billrothstraße 49. Gegründet im Februar 1933 von einer Gruppe des "Bundes junger Autoren Österreichs", die eine gemeinsame Gründung mit der Mehrheit der Mitglieder des Bundes nicht abwarten wollte (s.u.: "Literatur am Naschmarkt"). Initiator und Leiter war der promovierte Jurist, Schriftsteller, Hörspiel- und Kabarettautor Rudolf Spitz. Eröffnet wurde "Die Stachelbeere" mit dem Nummernprogramm "Frisch vom Baum" mit Texten des Komponisten und Pianisten Hans Horwitz sowie von Heinrich Krips, Josef Pechacek und Ernst Spitz, die auch darstellerisch zusammen mit der Tänzerin Hilde Sykora die zumeist aus kurzen Szenen bestehende Aufführung bestritten. Im zweiten Programm kamen als Autor der Schriftsteller und Dramatiker Hans Weigel (s.u.: "Literatur am Naschmarkt") sowie als Darsteller u.a. Gerti Sitte ("Literatur am Naschmarkt" / "Der liebe Augustin") und Walter Varndal (s.o.: "Der liebe Augustin") hinzu.
Im Oktober 1934 zog das Kabarett in den Theatersaal des "Café Colonnaden" am Rathausplatz und eröffnete die neue Spielstätte mit ihrem zehnten Programm, den Kurzszenen "Kunterbunte Wunderschau". Existenzgefährdende Schwierigkeiten veranlassten die im Oktober 1933 gegründete "Literatur am Naschmarkt" der "Stachelbeere" ab dem elften Programm finanziell und organisatorisch sowie personell mit Autoren, Komponisten, Regisseuren und Darstellern (u.a. Elisabeth Neumann, Traute Witt und Otto Wegrostek) zu helfen. Für die Inszenierungen sorgten von nun an Hermann Kner und Peter Ihle. In der neuen Spielstätte wurden in die Programme Einakter und mehrbildrige "Mittelstücke" (dazu "Literatur am Naschmarkt") integriert, u.a. "Julius Cäsar" von Rudolf Spitz und "Der Mann im Durchschnitt" von Hans Weigel. Politisch aggressiver als der "Naschmarkt", stützte "Die Stachelbeere" sich besonders auf die Begabung Spitz' als Conférencier, auf die kabarettistische Allrounderin Gerti Sitte und auf das politische Engagement des gelernten Buchdruckers Josef Pechacek der seine Arbeiterlieder selbst vortrug. Am 19.11.1935 musste die "Stachelbeere" wegen Überbeanspruchung der Autoren, die für zwei Kabaretts des "Bundes junger Autoren Österreichs" schreiben mussten, mit ihrem sechzehnten Programm "Achtung Achtung" aufgeben.
"Literatur am Naschmarkt"
Das Wiener literarisch-politische Kabarett in der Linken Wienzeile wurde am 03.11.1933 von Angehörigen des "Bundes junger Autoren Österreichs" unter der Initiative des ehemaligen Buchhändlers, späteren Schriftstellers und Kabarettautors Rudolf Weys und dem Buchautor F.W. Stein eröffnet. Die Texte des ersten reinen Nummernprogramms schrieben Harald Peter Gutherz und Rudolf Weys. Dem Eröffnungsprogramm gehörten Franja Frey, Manfred Inger, Gerda Landers, der spätere Qualtinger-Entdecker Carl Merz, Liesl Valetti, Gerda Waschinsky und Hans Wlassak an. Die Initiatoren strebten mit dem zweiten Programm eine Spielart zwischen literarischem Theater und vom politischen Wiener Volkswitz geprägten Brettl an.
Eine von ihrem Erfinder Weys als "Mittelstück" bezeichnete durchgehende Szene dreißig- bis fünfzigminütigen kabarettistischen oder dramatischen Inhalts trennte das ihm vorangehende und nachfolgende Nummernprogramm. Zur Aufführung gelangten in diesem Mittelstück Einakter u.a. von Offenbach ("Nr. 66"), Nestroy ("Häuptling Abendwind"), von dem an Nestroy geschulten Jura Soyfer ("Der Lechner-Edi schaut ins Paradies"), Molnar und Schnitzler. Weitere Mittelstücke schrieben Lothar Metzl ("Pimperloper"), Rudolf Weys ("Pratermärchen") und der Friedrich-Hollaender-Verehrer Hans Weigel ("Marie oder Der Traum ein Film"). 1935 kam es zur deutschsprachigen Erstaufführung von Thorton Wilders "The long Christmas Dinner". Die Inzenierungen wurden eingerichtet u.a. von Walter Engel und Hermann Kner. Zu der großen Anzahl der Mitwirkenden auf der Bühne zählten Herbert Berghof, Franz Böheim, Walter Engel, Hugo Gottschlich, Heidemarie Hatheyer, Manfred Inger, Hilde Krahl, Carl Merz, Josef Meinrad, Adolf Müller-Reitzner (s.u.: "Wiener Werkl"), Elisabeth Neumann, Erich Pohlmann, Rudolf Steinboeck und Hilde Volk. In den viereinhalb Jahren ihres Bestehens zeigte die "Literatur am Naschmarkt" 22 Programme mit einer jeweiligen Laufzeit von zwei bis drei Monaten. Als sich der "Anschluss" Österreichs an Hitlers "Großreich" abzeichnete, wurde das Kabarett am 12.03.1938 geschlossen. Einige Ensemblemitglieder, Weys bezeichnete sie als "Unsere `arische' Abteilung", gründeten am 29.01.1939 das "Wiener Werkl".
"ABC"
Politisch-satirisches Kabarett im "Café City" in Wiens Porzellangasse 1. Ursprünglicher Name "Bettl am Alsergrund". Aus "Alsergrund", "Brettl" und "City" ergab sich das Kürzel "ABC". Eröffnet im März 1934 mit dem Nummernprogramm "Alles schon da gewesen" mit Texten von Kurt Breuer und Hugo Wiener (s.o.: "Simplicissimus", Wien) und u.a. den Darstellern Franz Böheim, Ernst Pohlmann und Willy Trenk-Trebitsch. Mit der Übernahme der künstlerischen Leitung durch den Gerichtsreporter Hans Margulies wurde das "ABC" zum politisch unerbittlichsten kritischen Podium der Wiener Kleinkunstszene. Am 14.06.1935 zog das "ABC" in die Räume des Kabaretts "Regenbogen" in die Universitätsstraße 3. Zwei Monate zuvor, im April, wurde Leo Askenazy (s.o.: "Der liebe Augustin") leitender Regisseur des Unternehmens. Ab Februar 1936 trat Rudolf Steinboek als künstlerischer Leiter an die Stelle von Margulies. Die große Zeit des "ABC" begann mit dem Engagement Jura Soyfers (s.o.: "Literatur am Naschmarkt") als Hausautor, der sich inzwischen zu einem der bedeutendsten Autoren des deutschsprachigen Kabaretts entwickelt hatte.
Mit dem ersten am 06.05.1936 vom Nummernprogramm umrahmten "Mittelstück" "Weltuntergang oder Die Welt steht auf kein' Fall mehr lang" zeigte Soyfer im Stil Nestroy'scher Wiener Volksstücke die Krise der Menschheit mit ihrer selbstzerstörerischen Unmenschlichkeit, der er 1939 im KZ Buchenwald selbst zum Opfer fiel. Unter dem Druck der von der Dollfuß-Diktatur eingeführten Theaterzensur veröffentlichte Soyfer seine "Mittelstücke" unter Pseudonymen wie "Walter West", "Norbert Noll" oder "Fritz Feder". Weitere Texte für die "Mittelstücke" schrieben Franz Paul, Ernst Spitz und Fritz Eckhardt; für die Nummernszenen u.a. Peter Hammerschlag, Hugo F. Koenigsgarten und Hans Weigel. Neben Askenazy und Steinboek inszenierten Fritz Eckhardt und Herbert Berghof. Zu den Darstellern zählten neben anderen Franz Böheim, Cissy Kraner (s.o.: "Simplicissimus", Wien), Robert Lindner, Josef Meinrad, Lilly Palmer und Willy Trenk-Trebitsch. Das "ABC" schloss am 13.03.1938 mit der Aufführung der Operette "Die verlorene Melodie" von dem Dänen Kjedl Abell.
"Wiener Werkl"
Literarisch-politisches Kabarett in Wien, Liliengasse 3. Gegründet am 29.01.1939 unter der Direktion von Adolf Müller-Reitzner (s.o.: "Literatur am Naschmarkt") und versehen mit der Lizenz des NS-Propagandaamts Wien. Entstanden mit den von Rudolf Weys als "'arische' Abteilung" bezeichneten Mitgliedern der am 12.03.1938 geschlossenen "Literatur am Naschmarkt". Unter dem Schutz Müller-Reitzners, einem NS-Parteimitglied, setzte das nunmehr "judenfreie" Ensemble des "Naschmarkts" seine eher mehr als weniger deutliche Zeitkritik fort. Als Eröffnungsvorstellung wurde, umgeben vom Nummernprogramm, das "Pratermännchen" von Weys gegeben, eine Wiederaufnahme aus dem "Naschmarkt"-Programm.
Die künstlerische Leitung sowie die Regie hatte Müller-Reitzner übernommen. Dem Ensemble gehörten an Rosl Dorena, Hugo Gottschlich, Wilhelm Hufnagl, Josef Meinrad, Erna Michall, Walter von Varndal und Otto Wegrostek. Hinzu kamen Friedl Hofmann, Robert Horsky, Rolf Olsen, Hans Putz, Christl Räntz und Traute Witt. Besondere Zugnummern waren für das Wiener Publikum die "Mittelstücke", so u.a. "Herrn Sebastians Höllenfahrt ", das als Autoren offiziell Weys und Franz Paul auswies, jedoch aus den Federn der "Nichtarier" Fritz Eckhardt und Karl Nachmann stammte. Von Eckhardt war auch "Das chinesische Wunder oder der wandernde Zopf", das die "Heimholung Österreichs ins Deutsche Reich" als japanisch-chinesische Parabel schilderte. Dieses "Spiel um den Chinesen, der net untergeht" war in seinem politischen Inhalt kaum verschlüsselt und wurde vom Publikum bejubelt. Ein Satz des Stückes hatte es ihm besonders angetan: "Mir wer'n s' schon demoralisiern". Er war bald als viel gebrauchte Redewendung augenzwinkernd in den Gassen zu hören.
Nachdem mehrfache Beanstandungen durch offizielle Parteidienststellen wenig gefruchtet hatten, reiste "Reichspropagandaminister" Joseph Goebbels nach Wien, "stauchte" (nach Goebbels Tagebuch) Müller-Reitzner persönlich zusammen und drohte, das ganze Ensemble in KZ-Haft nehmen zu lassen. Das Kabarett, nun mit größerer Vorsicht agierend, konnte bis zur allgemeinen Theaterschließung 1944 durchhalten. Im Sommer 1945 erreichte die Witwe des 1943 gestorbenen Müller-Reitzner, die Kabarettistin Christl Räntz, bei der sowjetischen Besatzungsmacht die Wiedereröffnung unter dem Namen "Literatur im Moulin Rouge". Lizenzträger wurde Rudolf Weys. Am 20.01.1946 wurde das Unternehmen geschlossen.
Die Schweiz - für Kabarettist(inn)en ein schwieriges Land
Schwerer als die Flucht nach und die Aufnahme in Österreich bis 1938 wurde Asylsuchenden Einreise und Aufenthalt in einem Land gemacht, dessen Freizügigkeit weltweit sprichwörtlich war. Vorausgesetzt, der Einwanderungswillige zeigte sich, entsprechend dem Schweizer Asylgesetz, durch "ruhiges Verhalten" seiner Aufnahme "würdig" und - nach Ziffel in Bertolt Brechts "IX. Flüchtlingsgesprächen" - wohnte im Hotel oder wollte als urlaubender Tourist das Land bereisen. Großzügig fand er dann Aufnahme. Keinesfalls dagegen gewährte die Schweiz jenen Aufenthalt, "die als politisch oder rassisch Verfolgte (...) ihre Umtriebe und Angriffe auf die Rechtssicherheit anderer Staaten" in ihr fortsetzen wollten.
Kabarettist(inn)en, zumal jene des politisch-satirischen Genres, brachten diese Vorschriften des schweizerischen Asylrechts in eine beruflich aussichtslose Situation. In Mehrheit waren sie gekommen, um jenseits der Grenze auf die ihnen eigene Weise ihren Beitrag gegen das Deutschland Hitlers zu leisten. Einem Bericht des Eidgenössischen Justiz- und Polizeidepartements zufolge "wurden am Stichtag 30. April 1944 achtzig Lager in der Schweiz registriert: 35 Arbeitslager für Internierte, 3 Schullager, (und) 38 Heime für Internierte" (nach Reinhard Hippen, "Satire gegen Hitler. Kabarett im Exil" 1986, S. 49). Tief greifender noch war für die Betroffenen der Umstand, dass jüdische Kabarettisten nicht als politische Emigranten anerkannt wurden. Ihnen blieb kein anderer Weg als der der schnellen Durchreise in das für sie - noch - gefahrlose Frankreich.

Die "Pfeffermühle"
Gegründet wurde das politisch-satirische Kabarett von Erika Mann am 1. Januar 1933. In den Räumen der Münchner "Bonbonniere", unmittelbar neben dem von Hitler für politische Großveranstaltungen liegenden Hofbräuhaus, bot das Kabarett literarisch-politische Unterhaltung für ein gehobenes Publikum. Einen Monat später zog die "Pfeffermühle" in die größeren Räume der Gaststätte "Serenissimus" am Siegestor. Nach dem Berliner Reichstagsbrand am 27. Februar 1933 emigrierte die Prinzipalin am 12. März desselben Jahres mit einen Teil ihres Ensembles (u.a. mit Therese Giehse, den Komponisten und Pianisten Magnus Henning und Werner Kruse sowie Walter Mehring, Sibylle Schoß und dem hinzugekommenen Grotesktanzpaar Lotte Goslar und Igor Pahlen) nach Zürich. Als neues Mitglied fand der Schweizer Schauspieler Robert Trösch Aufnahme im Ensemble, der wegen seiner Mitgliedschaft in der Schweizer Kommunistischen Partei in seinem Heimatland kein Engagement erhielt.

Am 1. Oktober eröffnete die "Pfeffermühle" im Hotel "Hirschen", einer Mischung aus Bierschwemme und Absteige, in Zürich Niederdorf mit neuen Texten ihr erstes Programm im Exil. Klaus Mann schildert seinen Eindruck vom ersten in Zürich existierenden Kabarett: "Dieses ungewöhnliche Kabarettprogramm hatte nicht nur sittlichen Ernst und geistige Aktualität, sondern auch Charme, Rhythmus, Laune ...". Das Publikum war von dem sich von Programm zu Programm steigernden Ensemble und Erika Manns Texten begeistert, zumal die Kunstrichtung Kabarett bis dahin in der Schweiz unbekannt war. Drei Monate nach der Eröffnung ging das Ensemble auf Tournee durch das Land und setzte seinen Erfolg fort.
Im Herbst 1934 störten anlässlich eines Gastspiels im Zürcher Kursaal Angehörige ultranationaler Gruppen und Mitglieder der Schweizer faschistischen Partei handgreiflich und mit Stinkbomben und Knallkörpern die Vorstellung. Dieser Eklat hatte ein Nachspiel im Kantonalrat, führte zu Auftrittsverboten in einigen Kantonen sowie zu Protesten der Deutschen Botschaft. War das Schweizer Asylgesetz bis dahin schon rigide, verschärfte der Kanton Zürich 1935 durch eine "Lex Pfeffermühle" die bisherige Gesetzgebung, indem er Ausländern grundsätzlich verbot, öffentlich politische Texte vorzutragen. Erika Mann konnte danach mit ihrem Ensemble nur noch in jenen Kantonen auftreten, in denen weder die "Lex Pfeffermühle" noch ähnliche Bestimmungen gesetzlich vorgesehen waren. 1935 und 1936 reiste das Ensemble durch die Tschechoslowakei, Belgien, Luxemburg und die Niederlande. 1935 gab das Ensemble innerhalb von drei Monaten an 13 verschiedenen Spielorten Gastvorstellungen, so u.a. in Prag (18.01.-09.02.), Brünn (16.-19.02.), Bratislava (20.02.). den Haag (01.-24.03.), Rotterdam (26.-28.03.) und Amsterdam (01.-15.04.) (nach Tourneebuch der "Pfeffermühle"). 1937 schlug Erika Manns Versuch fehl, die "Pfeffermühle" als "Peppermill" in den USA durchzusetzen.-
"Cabaret Cornichon"
Politisch-satirisches Kabarett in Zürich. Gegründet am 30.12.1933 von dem Schriftsteller, Film- und Kabarettautor Walter Lesch und dem Dramaturgen und Komponisten Otto Weisert. Eröffnet am 01.05.1934 im Zürcher Hotel "Hirschen", in dem zuvor für kurze Zeit die "Pfeffermühle" ihr Domizil hatte. Das "Cornichon" war die erste Gründung eines eigenständigen Schweizer Kabaretts. Dem titellosen Eröffnungsprogramm gehörten als Ensemblemitglieder an: Mathilde Danegger, der Konditor und Initiator des Kabaretts Emil Hegetschweiler, Fritz Pfister, die deutschen Emigrantinnen Dora Gerson (vormals Berliner "Katakombe") und Trudi Schoop (früher u.a. "Tingel-Tangel-Theater" unter Friedrich Hollaender). Als Autoren wirkten mit Curt Bry (vormals u.a. "Katakombe", "Ping Pong" und Bendows "Tütü"), Hans Sahl und für kurze Zeit Karl Schnog (vormals "Cabaret Größenwahn", "Kabarett der Komiker" und "Wilde Bühne") vor seiner Weiterreise nach Frankreich.
Zu den im September und Oktober wiederum titellosen zwei Programmen kamen als weitere Mitglieder hinzu die Malerin, Kabarettistin und spätere Autorin Elsie Attenhofer, Helen Pastorini und Karl Meier. Als Komponisten bzw. musikalische Begleiter wirkten mit Robert Blum, Hans Rogner und, alternierend mit der "Pfeffermühle", Werner Kruse sowie Tibor Kasics, ehemals Hauskomponist und Mitbegründer von Werner Fincks "Katakombe". Autor und Komponist der im November und Dezember aufgeführten Revue "Grand Hotel Gloria Victoria" war Curt Bry. Dieses wie auch die nachfolgenden Programme, z.B. "Noch sind die Tage der Rosen", "Gradus", "Hupa Haua" (alle 1935), "Xundheit" (1937) und auch alle folgenden bis zum Ende der Naziherrschaft 1945 waren wegen ihrer politisch-satirischen Inhalte Ziel zahlreicher Interventionen und Proteste der deutschen und italienischen diplomatischen Vertretungen in Bern, so 1939, 1942, 1943 und sogar noch im Januar 1944.
Nach 1945 zerfiel das bis dahin hohe und an Erika Manns "Pfeffermühle" orientierte Niveau der satirischen Programme. Einerseits fehlten geeignete politische Angriffsflächen, andererseits führte dieser Mangel zu Unstimmigkeiten über die einzuschlagende Richtung, die attraktiver war als eine satirische Nabelschau innerschweizerischer Verhältnisse. Als weiterhin erschwerend erwies sich 1949 der Umzug vom "Hirschen" in eine um rund 100 Plätze größere und erheblich teurere Spielstätte am Zürcher Naschmarkt. Im März 1951 schloss das "Cabaret Cornichon" seine Tore, seit 1949 bedrängt von der Zürcher Konkurrenz "Cabaret Federal".
Die Tschechoslowakei - Asylland für fünf Jahre
Ins Nachbarland Deutschlands und Österreichs hatten sich frühzeitig vor allem links-sozialistische und kommunistische Gruppen abgesetzt. Asylsuchende fanden durch Staat und Bevölkerung relativ gute Aufnahme, sieht man von einschränkenden Maßnahmen wie denen des Verbots öffentlicher politischer Tätigkeit und der begrenzter Versammlungsfreiheit ab. Obwohl das 14-Millionenvolk zwischen 1933 und 1938 unter einer annähernd 20%igen Arbeitslosigkeit litt, wurden in diesem Zeitraum etwa 10 000 Deutsche behördlicherseits registriert. Traut man Schätzungen, dann hielten sich weitere bis zu 3000 deutsche Emigranten ohne staatliche Genehmigung im Land auf.
Künstlerisch Tätige schlossen sich seit Beginn der Emigrationswelle 1933 u.a. im "Bund proletarisch-revolutionärer Schriftsteller" (BPRS) unter dem Vorsitzenden Johannes R. Becher zusammen. Zu den Mitgliedern zählten auch Autoren, die dem Kabarett nahe standen wie der Lyriker Louis Fürnberg, Franz Weißkopf und die Schauspielerin und Lyrikerin Hedda Zinner. Weniger revolutionär denkende Autoren fanden sich im "Schutzverband Deutscher Schriftsteller in der Tschechoslowakei" (SDS) zusammen. Dramaturgen, Regisseure und Schauspieler trafen sich im "Arbeitertheaterbund Deutschlands" (ATBD) oder gemeinsam mit kulturell interessierten Kreisen der Prager Bevölkerung im "Tschechisch-deutschen Bühnenclub". Besonders verdient gemacht hatte sich der Kulturausschuss der "Liga für Menschenrechte" durch seine ab Mitte der 30er Jahre durchgeführten zahlreichen kulturellen Veranstaltungen, die jedem Interessierten zugänglich waren. Innerhalb der Mehrheit politisch links gerichteter, aber ideologisch durchaus divergierender Organisationen wurden kabarettistische Veranstaltungen, Theater- und Vortragsabende abgehalten.
Die staatlicherseits oft leger ausgelegte Beschränkung der Freiheit, die von den Flüchtlingen im Land vorgefunden wurde, beweisen auch deren zahlreiche periodische Publikationen wie ab April 1933 "Die Neue Weltbühne" oder die "Neuen Deutschen Blätter" des ehemaligen Berliner "Malik"-Verlags von Wieland Herzfelde, bevor er mit seinem Unternehmen über London in die USA ziehen musste. Die relative Sicherheit, die das Land den Emigranten bot, endete spätestens am 16.03.1939, als Hitlers Wehrmacht in Prag einmarschierte, nachdem bereits zuvor, entsprechend dem so genannten "Münchener Abkommen" vom 29.09.1938 westliche Randgebiete der Tschechoslowakei Deutschland zugesprochen worden waren.
Agitprop in Prag - "Echo von links" und "Roter Stern"
1934 führte der Schriftsteller Louis Fürnberg sein bereits 1932 in Berlin gegründetes Agitationsunternehmen "Echo von links" in Böhmen weiter. Andere zogen nach wie in Prag Kurt Barthels (alias Kuba) mit der Agitpropgruppe "Roter Stern" (ab 1936 "Neues Leben").
Das Prager "Neue Deutsche Theater"
Weniger politisch einseitige Indoktrination, aber immer auf den Kampf gegen die braunen Machthaber in Deutschland ausgerichtet, bot das Prager "Neue Deutsche Theater" mit seinen Gastspieleinladungen an das Wiener Kabarett "Literatur am Naschmarkt" oder mit Gästen wie u. a. dem Doppelkonferenzduo Karl Farkas und Fritz Grünbaum (beide "Simplicissimus", Wien) sowie der Palucca-Schülerin und Ausdruckstänzerin Lotte Goslar (vormals "Tingel-Tangel-Theater"). Als Eigenproduktionen zeigte das Theater zwei "Revuetten" von Friedrich Hollaender: "Höchste Eisenbahn" (Juni 1933) und "Allez hopp" (Dezember 1933). Die dem Theater angeschlossenen Kammerspiele brachten im Dezember 1933 Kurt Robitscheks "Illustrierte Zeitung" und ein Jahr später dessen "Kleine Bühne - etwas verrückt" heraus.
"Die Schaubude"
Wegbereiter für die Gründung des Kabaretts "Die Schaubude" des Schauspielers Hans Fürth wurde "Die Pfeffermühle" Erika Manns anlässlich ihres Prager Gastspiels vom 18.01-09.02.1935. Doch der Ehrgeiz der 1936 eröffneten Bühne, es dem Vorbild an anspruchsvoller politischer Satire und gleichermaßen literarischer Unterhaltung gleich zu tun, ließ sich nicht erreichen. Unter dem Titel "Jeder sein eigner Robinsohn" wurden zur Eröffnung im ersten Programmteil zehn Nummern mit Texten von Friedrich Hollaender, Erich Kästner, Hellmuth Krüger und Egon Lehrburger (alias Egon Larsen) aufgeführt. Der zweite Teil zeigte die hauseigene, mit Jazzelementen versehene einaktige "Pfändungsoper". Das Ensemble bildeten Erich Freund, Lotte Mosbacher, Hilde Maria Kraus, die Tänzerin Gloria Grand und der Prinzipal.
"Studio 34"
Im März 1934 eröffnete die Lyrikerin, Schauspielerin und Schriftstellerin Hedda Zinner zusammen mit ihrem Mann, dem Schriftsteller Fritz Erpenbeck das links-politische Kabarett in Prags "Urania". Angeregt durch die "Voice-Band" des Regisseurs und Dramatikers Emil F. Burian bildeten sie mit zwölf arbeitslosen emigrierten Schauspieler(inne)n ein choreografisch gegliedertes Orchester menschlicher Stimmen. In ihren antifaschistischen Programmen stellten Zinner und Erpenbeck "Thesen und Antithesen (...) kommentarlos gegenüber. Sie wollten die Zuhörer zwingen, die Synthese selbst zu suchen" (Erich Freund zit. nach Reinhard Hippen "Satire gegen Hitler", 1986). Die Texte schrieb Hedda Zinner. Dem so genannten "Stimm-Orchester" gehörten u. a. an Christa Bühler, Ruth Frank, Robert Klein-Lörk (vormals "Ping Pong", Berlin), Herbert Kronberger, Fritz Walter Nielsen und Marya Norden.
Im ersten Programm "Passagiere der leeren Plätze" wurden neben anderen Themen die weltbeherrschende Arbeitslosigkeit sowie die auf dem amerikanischen Kontinent übliche Vernichtung von Lebensmitteln und die Lynchjustiz gegen Schwarze in den USA angeprangert. Gezielt gegen das NS-Reich und dessen Machthaber richtete sich die "Ballade vom großen Trommler". Im Oktober 1934 folgte das zweite Programm mit dem Titel "Amerika, du hast es besser". Zur Dokumentation der Themeninhalte wurden die Texte ergänzt durch Statistiken und Originalzitate.
Der große Erfolg der Bühne bei Emigranten, dem Prager Publikum und in der Presse führte zur erfolgreichen Intervention der deutschen Botschaft. Die tschechoslowakische Regierung gab dem Druck des mächtigen Nachbarn nach. Einschneidende Zensurmaßnahmen trafen das dritte Programm des Kabaretts. Ende Juli 1935 gab das Studio 34 auf. Bereits zuvor, im Frühjahr, waren Hedda Zinner und Fritz Erpenbeck in die Sowjetunion emigriert.
Deutsches Kabarett in den Niederlanden
Bereits kurz nach dem 30. Januar 1933 wurde das traditionell bürgerliche Nachbarland Deutschlands von den ersten Asylsuchenden um Schutz ersucht. Doch das war erst der Anfang. Nach der Vereinnahmung Österreichs in das Hitlerreich und der Besetzung der Tschechoslowakei wurde das mit einer Landfläche von knapp 34 000 km2 große Königreich von Flüchtlingen überspült. Die damals rund 14,5 Millionen Einwohner sahen sich bis 1940 ca. 30 000 jüdischen und/oder politischen Flüchtlingen gegenüber, obwohl die bis 1935 relativ freizügig gehandhabte Einwanderung danach durch staatliche Maßnahmen erschwert wurde. Zumeist arbeitslos - nur etwa jeder Fünfzehnte fand eine Beschäftigung - waren die Emigranten in Mehrheit auf die Unterstützung der zahlreichen landeseignen und internationalen Hilfsorganisationen angewiesen.
Das kulturelle Leben verteilte sich über alle größeren Städte des Landes. In Amsterdam förderte die "Niederländisch-Deutsche Gesellschaft" Theater-, Konzert- und Kabarettveranstaltungen. Die anderen Städte wurden zumeist von Emigrantenensembles bespielt. So bereiste "Die Pfeffermühle" 1935 im Zeitraum vom 01.03. bis 15.04. neben Amsterdam auch Den Haag und Rotterdam (s.o.: "Pfeffermühle").
"Ping Pong"
Das bereits im Oktober 1931 von Kurt Egon Wolff in Berlin gegründete politisch-satirische Kabarett eröffnete als erstes Emigrantenkabarett der Niederlande am 06.05.1933 seinen ständigen Spielbetrieb im Amsterdamer "Rika Hopper Theater". Komponist, musikalischer Leiter und Hauptautor war Curt Bry. Zum Ensemble zählten u.a. die Chansonnieren Dora Gerson und Hedi Haas, der Geräuschimitator Dotz Sohn-Retel, die Grotesktänzerin Julia Marcus, der ehemalige Jessner-Schauspieler Erwin Parker und der Komiker Géza Weisz.
Vorausgegangen waren bereits zwei Jahre zuvor mehrere Gastspielreisen des "Ping Pong" in Holland auf Vermittlung des Leiters des Scheveninger Kurhaus-Cabaretts, Louis David.
Auf Grund der besonders von Bry stark zugespitzten antinazistischen Texte wurde dem Kabarett Ende 1933 das Aufführungsrecht kurzzeitig entzogen. Gastspielaufführungen in Zürichs "Tonhalle" hielten das Ensemble zusammen. Im Herbst 1934 erhielt das Kabarett die Arbeitserlaubnis zurück mit der Auflage, auch niederländische Künstler mit ins Ensemble aufzunehmen. Gegen Ende des Jahres löste sich das Ensemble auf. Dotz Sohn-Retel und Curt Bry emigrierten in die USA. Dora Gerson und Géza Weisz starben in Hitlers Vernichtungslagern.
"La Gaité"
Rudolf Nelson, einstmals renommiertester Komponist und Kabarettleiter des leichten Revue-Kabaretts des Berliner Westens ("Roland von Berlin", "Chat noir" und "Metropol-Kabarett") setzte 1934 nach einem Umweg über Wien und Zürich mit seinem gesamten Stammensemble im Amsterdamer Taschinski-Filmtheater seine Arbeit fort. Er folgte damit einer Einladung des niederländischen Kabarettleiters Louis David, der zuvor schon das Kabarett "Ping Pong" in sein Land geholt hatte. Entsprechend der Namensgebung "La Gaité", die Fröhlichkeit, blieb Nelson seiner Revue-Tradition aus den 20er Jahren treu: Kabarett für ein exklusives Publikum. Mit monatlichem, oft vierzehntägigem Programmwechsel stellte Nelson als Arrangeur, Komponist und Pianist zusammen mit dem Ensemble das verwöhnte Publikum Amsterdams mit leicht frivolen Chansons, mit Parodien und Sketsches zufrieden. Politisches kam nicht auf die Bühne. Im Sommer gastierte das Kabarett regelmäßig im exklusiven Seebad Scheveningen.
Zwischen 1934 und 1940 entstanden annähernd hundert Revuen mit Kompositionen von Nelson und Texten u.a. von Emerich Bernauer, Hans Hannes, Erich Kästner und später vor allem von Nelsons Sohn Herbert. Dem Stammensemble gehörten an der Conférencier und Schnelldichter Josef Baar, die Chansonnieren Eva Busch, Fritzi Schadl, Claire Eiselmayr und Dora Paulsen ("Kadeko"). Als Komiker traten auf Walter Fein, Harold Horsten und Kurt Lilien. Je nach Aufwand der Inszenierungen wurde das Ensemble durch Gastdarsteller ergänzt wie Max Ehrlich ("Kadeko"), Karl Farkas ("Simpl", Wien), Kurt Gerron und Otto Wallburg (beide "Kadeko"). Im Sommer 1939 beendete die "Gaité" wegen der drohenden Kriegsgefahr ihre Aufführungen.
Nach der Besetzung der Niederlande 1940 gelang es Nelson zusammen mit Werner Levie und der holländischen Schauspielerin Henriette Davids, ein von der deutschen Besatzungsmacht genehmigtes Revuetheater in der 800 Plätze fassenden und stets ausverkauften "Joodschen Schouwburg" zu eröffnen. 1942 wurde die Bühne auf Betreiben der Gestapo geschlossen. Nelson und seine Frau überlebten die deutsche Besatzungszeit im Untergrund. Die "Joodsche Schouwburg" diente fortan als Sammelzentrum für KZ-Transporte von Juden nach Auschwitz.
Von 1943-1945 führte Herbert Nelson in der Amsterdamer Merwerdeplein 23 hinter dicken, schallschluckenden Vorhängen und unter Schutz niederländischer Widerstandsgruppen ein "Untergrund-Kabarett". Stets bedroht von SS, der mit ihr kollaborierenden örtlichen Polizei und Spitzeln fanden die Vorstellungen regelmäßig sonntagsvormittags vor einem politisch vertrauenswürdigen, geladenen Publikum statt. Den Besuchern dieser kabarettistischen Veranstaltungen waren lautes Verhalten sowie Applaus aus Gründen der Sicherheit untersagt. Herbert Nelsons Kabarett konnte den Krieg überstehen.
"Theater der Prominenten"
Die erste Tournee des Unterhaltungskabaretts 1933 unter der Leitung des Kabarettkomponisten und -autors Willy Rosen ("Kadeko") stand unter keinem guten Stern. Zwar hatte die Bühne auf ihrer Reise quer durch das ganze Land beim holländischen Publikum atemberaubende Erfolge. Doch die hatten den offiziellen niederländischen Verband der Bühnen- und Variete-Künstler aufgeschreckt und gegen weitere Aufführungen protestieren lassen. 1937 folgten die "Prominenten" der Einladung des holländischen Kabaretts "Lutine Palace" nach Scheveningen. Danach bereiste die Bühne wiederum das Land, diesmal mit den Hauptdarstellern Siegfried Arno und Otto Wallburg (beide "Kadeko").
1938 wechselte das Ensemble. Nun traten auf Max Ehrlich ("Kadeko"), der Wiener Kabarettist Oskar Karlweis, der ungarische Komiker Szöke Szakall, die österreichische Operettendiva Rosy Barsony u.a. Mit schnell wechselnden Programmen, Chansons, Sketsches und musikalischen Darbietungen sicherte sich die Bühne an den verschiedenen Spielorten ein jeweils wiederkehrendes Publikum. 1942 endete das bei den niederländischen Besuchern wohl beliebteste Exilkabarett mit der Inhaftierung der meisten Ensemblemitglieder und deren Transport in das Lager Westerbork und weiter nach Theresienstadt. Für viele war das Ende das Vernichtungslager Auschwitz.
Frankreich - letzte Flüchtlingsstation auf europäischem Festland
Jeder, der sich als Ausländer in Frankreich aufhalten wollte, hatte nach einem Gesetz aus dem 19. Jahrhundert eine Cart d'Identité mit einer Gültigkeitsdauer von zwei Jahren zu beantragen. Ein Anspruch auf Aufenthaltsverlängerung bestand nicht, es sei denn, der Antragssteller konnte ein geregeltes Einkommen oder ausreichendes Vermögen nachweisen. Dass dieses Gesetz im zweiten Viertel des 20. Jahrhunderts im Widerspruch zur politischen Realität stand, änderte nichts an seiner weiterhin bestehenden Gültigkeit und ab und an auch an seiner rigorosen Durchsetzung. Viele Tausende von den geschätzten rund 60 000 im Land lebenden politischen und/oder rassisch Verfolgten des Hitlerreichs lebten somit unter der steten Bedrohung langjähriger Haftstrafen und anschließender Auslieferung. Nach dem Einmarsch deutscher Truppen 1940 und der Einnahme von Paris setzte sich der Fluchtstrom in Richtung Süden des Landes in Bewegung, nunmehr stets von der Gestapo bedroht, die Juden und ihr bekannte missliebige politische Personen systematisch aussonderte.
Bis zum Kriegsbeginn und zu unterschiedlichen Zeitpunkten ihres Eintreffens ließen sich in Paris neben anderen emigrierten Prominenten des kulturellen Lebens die Größen des deutschen und österreichischen Kabaretts antreffen wie Ernst und Eva Busch, Karl Farkas, Salomo Friedlaender (Mynona), Kurt Gerron, Valeska Gert, Werner Richard Heymann, Oskar Karlweis, Margo Lion, Klaus Mann und Walter Mehring.
Cabaret "Die Laterne"
Im März 1934 eröffnete im Pariser Caveau Desmoulins das Cabaret unter der Leitung von Hans Altmann, Günther Ruschin und Werner Zach. Die Texte schrieb Henryk Kreisch unter dem optimistischen Motto: "Unser Ziel ist, Realisten zu sein im richtigen Sinne des Wortes und das heißt: zum Bewusstsein der Wirklichkeit gelangen und so zu handeln, dass die Wirklichkeit sich unseren Wünschen anpasst (...)".
Dem Ensemble gehörten Erich Berg, Barbara und Walter Bucher, Alfred Buchner, Barbara Burg, Heinz Ganther sowie Steffi Spira an. Als Gäste traten Marianne Oswald und Helene Weigel auf. Die musikalische Leitung hatte Joseph Cosma. Die Programme setzten sich mit der Problematik des Emigrantenalltags, mit der politischen Situation in Deutschland sowie der internationalen Politik unter Verwendung von Texten Brechts, Kästners und Tucholskys auseinander.
Die Mitglieder der Bühne arbeiteten als Kollektiv, in dem jeder an allen Arbeiten beteiligt wurde, vom Materialeinkauf über die Einrichtung der Bühne bis zur Textgestaltung.
1938 stellte das Cabaret sein Programm ein. Ein Teil des Ensembles setzte in der Neugründung "Bunte Bühne" unter Leitung des Conférenciers Alphonse Kahns die Arbeit im Sinne der "Laterne" fort. Beide Bühnen blieben in Frankreich die einzigen bekannten Emigrantenkabaretts.
England - die Schutz bringende Insel
Die geographische Lage des Landes schloss eine illegale Einreise aus. Trotzdem fanden zwischen 1933 und Anfang 1938 rund 11 000 Flüchtlinge Schutz vor der Naziherrschaft. Unter ihnen seit 1933 der Kabarettist Paul Graetz (u.a. "Kadeko", "Wilde Bühne") und der Komponist Mischa Spoliansky (u.a. "Tütü", "Wilde Bühne"). Nach dem "Anschluss" Österreichs am 13.03.1938 stieg die Zahl der Emigranten sprunghaft. Im Oktober desselben Jahres, nach der Besetzung der Tschechoslowakei, erreichte sie durch die von dort zugezogenen Flüchtlinge, unter ihnen die Kabarettistin Annemarie Hase (u.a. "Wilde Bühne") der Journalist und Kabaretttexter Egon Lehrburger alias Egon Larsen (Prager "Schaubude") und der Schriftsteller Kurt Barthel (alias Kuba), mit rund 70 000 ihren Höhepunkt.
Da viele die Insel lediglich als Sprungbrett für eine Weiterreise in die USA, die Dominions oder nach Palästina sahen, schwankte die Anzahl der Emigranten beträchtlich.
Die deutschsprachigen Exilkabaretts, "Das Laterndl", das "4 & 20 Black Sheep" sowie die "Kleine Bühne" arbeiteten unter schwierigen Bedingungen. Wegen der geringen Gagen mussten sich die Kabarettisten nebenher zusätzliche Verdienstmöglichkeiten erschließen.
Im Dezember 1938 wurde von ihnen zusammen mit Schauspielern und anderen exilierten Künstlern der "Freie Deutsche Kulturverband" (FDKB) gegründet, die bis Kriegsende aktivste Exilvereinigung für kulturell Tätige. Im März 1939 zogen die österreichischen Künstler nach mit der Gründung des "Austrian Centre" (AC). Beide Verbände verstanden sich nicht nur als zentrale Treffpunkte, sondern leisteten zugleich auch Sozialarbeit als Hinweisgeber und Vermittler von Arbeitsmöglichkeiten. So verhalf der "FDKB" z.B. dem Kabarettisten Paul Graetz und der Schauspielerin Lucie Mannheim zu Engagements an Londoner Bühnen.
Deutsche und österreichische Radio-"Schwarzhörer" der BBC wurden mit den Londoner Exilkabaretts durch eine Reihe regelmäßig ausgestrahlter satirischer Sendungen bekannt. Zu den meistgehörten zählten die Briefe des "Gefreiten Adolf Hirnschal und sein vielgeliebtes Weib" mit Fritz Schrecker, Text Robert Lucas, die Satirefolge "Volksjenossin Frau Wernicke" mit Annemarie Hase sowie "Kurt und Willy" mit Fritz Wendhausen und Peter Ihle ("Stachelbeere"), nach Texten von Bruno Adler und Norman Cameron.
"Das Laterndl"/"The Lantern"
Im Juni 1939 kam es zur ersten Gründung eines deutschsprachigen Kabaretts in England. In Londons Finchlay Road eröffneten die österreichischen Schauspieler Franz Hartl, Fritz Strecker und Franz Schulz mit Unterstützung des "Austrian Center" (AC) die Kabarettbühne mit dem Programm "Unterwegs". Mit geliehenen Kostümen und spärlicher Dekoration zeigte das Programm mit Sketschen und Liedern satirisch die Problematik des Emigrantendaseins, die Forderung eines wieder eigenstaatlichen Österreichs und die Widersprüchlichkeit englischer Asylpolitik. "Das Laterndl" verstand sich als politisch-satirisches Kabarett mit in der Folge heftigen Angriffen auf das Naziregime z.B. durch Titel wie "Von Adam bis Adolf" oder "Der Führer spricht".
Bis Juni 1945 wurden 38 Programme geboten. Die Texte schrieben u. a. Albert Fuchs, Franz Hartl und Hugo F. Koenigsgarten (u.a. "ABC" und "Der liebe Augustin"). Hinzu kamen dramatische Werke von Anzengruber, Frantisek Langer und Nestroy sowie Jura Soyfers "Der Lechner-Edi schaut ins Paradies" (siehe "Literatur am Naschmarkt"). Daneben gab es Autorenlesungen und Rezitationsabende. Dem wechselnden Ensemble gehörten neben anderen an Gina Bauer, Fred Berger, Ludwig Donath, Erich Freund, Franz Marischka, Hanne Norbert, Marianne Walla und Gerda Weissmann.
"4 & 20 Black Sheep" ("24 schwarze Schafe")
Knapp einen Monat nach der Eröffnung des "Laterndl" nahmen im Juni 1939 die "schwarzen Schafe" den Spielbetrieb auf. Initiator war die Schauspielerabteilung des "Freien Deutschen Kulturbunds" (FDKB). Im Londoner "Arts Theatre" kam die politisch-satirische Kabarettrevue "Going, Going - Gong" täglich "at 8. 30 P.M. for one week only" auf die Bühne. "Matinees on Saturday 22nd July and Sunday 23nd July at 3. 30 P.M.", wies das Progammheft aus.
In der mit fast 40 Akteuren aufwändig besetzten Revue spielten u. a. Agnes Bernell, Paul Demel, Erich Freund, Annemarie Hase, Charlotte Küter, Betty Loewen, Eddie Rogan und Mowgli Sussmann. Die Leitung des Unternehmens hatte der Berliner Zeichner Wolpe-Woopy, der zugleich mit Heinrich Fischer, Fritz Gottfurcht ("Larifari"), John Heartfield, Anna Maria Jockl und Egon Larsen (Prager "Schaubude") die Texte schrieb. Komponisten waren Ernst Hermann Mayer und Fred Manfeld. Das Bühnenbild schufen Erich E. Stern und John Heartfield.
Die Show wurde je zur Hälfte in Deutsch und Englisch aufgeführt. Zentrale Themen waren Deutschland unter den Nazis und die Emigrantenproblematik. Häufig mussten einzelne Nummern des Programms mit ihrer Kritik gegenüber den Nazis auf Betreiben der britischen Behörden gemildert werden, weil sie nur wenige Wochen vor Kriegsbeginn Konflikte mit der Hitlerregierung befürchteten! Trotz des Erfolgs beim deutschen und englischen Publikum sowie bei der Presse kam es nicht zu einem weiteren Programm. "4 & 20 Black Sheep" musste wegen erheblicher finanzieller Defizite aufgeben. Ein Teil des Ensembles gründete im Haus des FDKB in Hampstead im März 1940 die "Kleine Bühne".
"Kleine Bühne"
Am 24. März 1940 begann der Spielbetrieb auf einer nur 6 m2 großen Bühnenfläche in dem zu Jahresbeginn vom "Freien Deutschen Kulturbund" (FDKB) bezogenen eigenen Haus. Adresse: London N.W.3, Upper Park Road 36a, Hampstead. Als erstes Programm wurden zwei Einakter von James Matthew Barrie in der Übersetzung und Bearbeitung von Fritz Gottfurcht aufgeführt, "Der Dreihundert-Schilling-Blick" und "Mein lieber Sohn". Das von Gottfurcht geleitete Ensemble bestand überwiegend aus Akteuren des im Jahr zuvor geschlossenen "4 & 20 Black Sheep". Ihm gehörten u.a. an Agnes Bernell, Erich Freund, Annemarie Hase, Charlotte Küter, Paul Lewitt, Betty Loewen, Eddie Rogan und Mowgli Sussmann.
Obwohl die "Kleine Bühne" sich als politisch-satirisches Kabarett verstand, kamen bei wechselnder Regie auch dramatische Szenen und Stücke zur Aufführung von Aristophanes, Brecht, Shakespeare, Tschechow bis Wedekind. 1941 wurden zwei Spielopern gezeigt: Mozarts "Bastien und Bastienne" und Pergolesis "La serva padrona". Den größeren Programmanteil hatten jedoch die politisch-satirischen Kabarettrevuen mit Titeln wie "Was bringt die Zeitung?", "In den Sternen stets geschrieben", "In Hampstead ist Holzauktion", "Mr. Gulliver Goes to School". "Die Bäume schlagen aus oder Ewig Dein" und "My Goodnes - My Alibi".
Zum 10. Jahrestag der Bücherverbrennung durch die Nationalsozialisten spielte das Ensemble 1943 in der Londoner Scala Szenen aus Johannes R.Bechers "Die Schlacht um Moskau" und las aus den Werken der verfemten deutschen Autoren.
Die Honorare der auf Gewinnbeteiligung spielenden Akteure deckten zumeist nicht die notwendigsten Lebenshaltungskosten. Sie waren deshalb tagsüber zum Broterwerb zu den verschiedensten Tätigkeiten verpflichtet. 1946 stellte die "Kleine Bühne" den Spielbetrieb ein.
Skandinavien - hilfsbereit, doch gemieden
Politische und rassisch verfolgte Flüchtlinge traten in den skandinavischen Ländern nur wenig in Erscheinung, ihre Anzahl blieb während der Zeit nationalsozialistischer Herrschaft gering und reduzierte sich abermals in den von den Deutschen besetzten Gebiete durch Verschleppung in Konzentrationslager. Die Furcht gegenüber Hitlers Agressionspolitik hielt viele von ihnen schon frühzeitig von einer Einreise in den europäischen Norden ab. Lediglich in Schwedens Hauptstadt Stockholm gab es eine größere Anzahl Schutzsuchender. Finnland wurde allenfalls als Durchreiseland von jenen gewählt, die einen Weg von Russland in die Länder der westlichen Welt wie England, die USA oder Palästina suchten.
Dänemark
Nach der Besetzung des Landes durch deutsche Truppen 1940 eröffnete Skandinaviens bedeutendste Chansonniere Lulu Ziegler in Kopenhagen das Kabarett "Lille Kongensgarde", in der zeitweise deutsche Emigranten auftraten.
Schweden
In Stockholm gründete Curt Trepte, vormals Mitglied der deutschen Agitpropgruppe "Kolonne links" in Moskau, die "Freie Bühne". Unterstützt wurde das Unternehmen vom auch in Schweden gegründeten "Freien Deutschen Kulturbund" (FDKB, siehe England). Im Februar 1944 gab die "Freie Bühne" eine Theater- und Kleinkunstveranstaltung unter dem Titel "Was mancher kennt" mit Texten und Liedern von in Deutschland verfemten Autoren.
Spanien - Agitprop gegen den Faschismus
Das Land befand sich zwischen 1936 und 1939 im Kampf gegen den Franco-Faschismus. Exilkabaretts konnten in dieser Zeit nicht entstehen. Wer kam, kam, um in den internationalen Brigaden zu kämpfen. Auf republikanischer Seite ermunterten linke Agitpropgruppen die deutschen und österreichischen Freiwilligen mit aufmunternden Sketschen und Kampfliedern. Ernst Busch trug sein antifaschistisches Repertoire aus den 20er Jahren zusammen mit neuen Texten vor. Erich Weinert agitierte mit satirischen Gedichten und Songs in den republikanischen Rundfunksendern und Zeitschriften.
Exilkabaretts in außereuropäischen Ländern
In den USA
Das rigide Einwanderungsgesetz, der "Imigration Act" von 1924, das selbst 1938 nach Hitlers "Kristallnacht" nicht gelockert worden war, erschwerte politisch und rassisch Verfolgten das Betreten der Vereinigten Staaten. Trotzdem gelang es zahlreichen Kabarettisten, sich Einlass zu verschaffen wie Curt Bois, Eric Charell, Blandine Ebinger mit ihrem Mann Friedrich Hollaender, Karl Farkas, Lotte Goslar, Oskar Karlweis, Margo Lion, Erika Mann, Kurt Robitschek u.a. Kaum jemand von ihnen gelangte auf direktem Weg in die USA. Fast alle mussten langwierige Umwege gehen, anfangs über Österreich und die Tschechoslowakei, danach über die Schweiz, England oder Frankreich. Manch einer blieb dabei auf der Strecke, wurde eingeholt vom Vormarsch der Nazis und kam ins Konzentrationslager.
"Vienna Theatre Group"
Von Viktor Grünbaum und Herbert Berghof 1938 in New York gegründetes Kabarett der traditionellen Wiener Schule. Zwischen 1938 und 1940 kamen zwei Revuen zur Aufführung: "From Vienna" und "Reunion New York" mit Walter Engel, Paul Lindenberg, Maria Pichler und Elisabeth Neumann. Mit den bereits in Wien begeistert aufgenommenen Stücken "Der Lechner-Edi schaut ins Paradies" von Jura Soyfert und "Petermännchen" von Rudolf Weys blieb der Erfolg nicht aus, obwohl beide in englischer Sprache aufgeführt wurden.
"Kabarett der Komiker"
1940 eröffnete der auf Umwegen in die USA gelangte Kabarettist Kurt Robitschek in New York eine Neuauflage seines 1928 in Berlin gegründeten "Kabarett der Komiker" . Mit Programmen wie "3 Stunden lachen", "Ein Abend des Lachens" und "Die große Lachparade" verdrängte er für kurze Zeit und mit großem Erfolg den Druck des Alltags seines überwiegend deutschen und österreichischen Emigrantenpublikums. Den Erfolg garantierten namhafte Kabarettisten und Schauspieler wie Siegfried Arno, Ilse und Curt Bois, Oskar Karlweis, Margo Lion und Ellen Schwannecke. Politisches trat kaum im Erscheinung, hierin deckte sich das New Yorker mit dem Berliner Programm. Mit einer Mischung aus Chansons, kurzen skizzenhaften Szenen und Black-outs sorgte Robitschek für ein stets ausverkauftes Haus.
"Old Europe"
Karl Farkas und Armin Berg ("Simplicissimus", Wien) eröffneten ihre Spielstätte 1940. Auch sie griffen auf kabarettistisch bewährte Kräfte zurück wie Else Kaufmann, Roda Roda, Willy Trenk-Trebitsch und den Komponisten Ralph Benatzky ("Wunderbar ..." u.a.). Neben den New Yorker Aufführungen gab Karl Farkas, "Der unvergleichliche Wiener Humorist" (Theaterankündigung vom 24.06.1944), mit seinem Ensemble Gastspiele in San Francisco und zahlreichen anderen amerikanischen Zentren, jeweils unter Mitwirkung der "Wiener Heurigen", einem Schrammelorchester aus Manhatten.
"Die Arche"
Jüdisch-politisches Kabarett, 1943 gegründet von den Autoren Oscar Teller und Erich Juhn. Weitere Texte schrieben Jimmy Berg, Egon Eis und Hugo F. Koenigsgarten. Mit seinen provozierend kritischen, zwischen Ernst und Humor ausgeglichenen Programmen fand "Die Arche" in kurzer Zeit nicht nur beim jüdischen Publikum zunehmende Beachtung. Dem Ensemble gehörten an Doris Dorsay, Gertrud Hill, Arthur Hoff, Werner Kemp, Vilma Kürer, Kitty Mattern, Fritz Spielmann, Erna Trebitsch und - als einzige Nichtjüdin - Ellen Schwannecke.
Im Rest der Welt
Von den zahlreichen kabarettistischen Aktivitäten deutscher und österreichischer Künstler sind im Folgenden nur einige beispielhaft erwähnt.
In Argentinien gründete der Theaterdramaturg Paul Walter Jacob die "Freie Deutsche Bühne". Vorgestellt wurden u.a. Kabarettveranstaltungen mit Texten von Brecht, Kästner, Friedrich Wolf und Weinert.
In China gab ein umfangreiches Ensemble unter Leitung von Walter Friedmann Kabarettabende mit Texten u.a. von Brecht, Klabund und Friedrich Wolf. Conférencier war Heinz Ganther ("Die Laterne", Paris).
In Israel hatten zwei Bühnen ihre Heimstatt gefunden:
- die ehemals Berliner "Jüdische Kleinkunstbühne" unter der Leitung von Ruth Klinger und Maxim Sagaschansky mit Vorstellungen in jiddischer Sprache
- das "Papillon", eine Neugründung der renommierten Wiener Kabarettistin Stella Kadmon ("Der liebe Augustin", "Simplicissimus", Wien).
In Mexiko inszenierte Günther Ruschin ("Die Laterne", Paris) im von Emigranten unter der Präsidentschaft von Egon Erwin Kisch und Anna Seghers gegründeten Heinrich-Heine-Klub Theateraufführungen;
Steffi Spira ("Laterne", Paris) veranstaltete erfolgreiche kabarettistische Abende.
In Venezuela zeigte ein österreichisches Emigrantenensemble unter Leitung von Hugo Wiener ("ABC", "Simplicissimus", Wien) die Revue "Wien, wie es war, ist und sein wird."
Der letzte Weg - Lagerkabaretts von Börgermoor bis Theresienstadt
KZ-Lager in Deutschland
Die vermutlich erste Kabarettveranstaltung durch Häftlinge fand 1933 im KZ Börgermoor statt. Unter der Regie des Schauspielers und nach 1945 renommierten Berliner Theaterleiters Wolfgang Langhoff fanden sich einige trotz täglich schwerer Torfarbeit zusammen zur Aufführung einer "Zirkusveranstaltung" für ihre Leidensgenossen. Danach sangen alle gemeinsam das von Langhoff und Johann Esser verfasste und von Rudi Goguel vertonte Lied "Die Moorsoldaten".
Nach der staatlich angeordneten Schließung des Berliner Kabaretts "Die Katakombe" am 24.05.1935 und der Einlieferung seines Leiters Werner Finck als "Schutzhäftling" im Juni des Jahres in das KZ Esterwegen bot er seinen Mithäftlingen eine kabarettistische "Sonderveranstaltung".
Im Sommer 1937 wurde oberhalb von Weimar, auf dem Ettersberg, das KZ Buchenwald errichtet, in dem von da ab über 50 000 Menschen auf engstem Raum leben mussten. Kurz nach Kriegsbeginn entwickelte sich das KZ schnell zu einem Arbeitslager zur Produktion von Rüstungsgütern. Zur Hebung der Stimmung der unter unmenschlichen Bedingungen arbeitenden Häftlinge ließ die SS ab 1941 von den Lagerinsassen organisierte kulturelle Veranstaltungen zu, so die Gründung eines Lagerorchesters sowie Theater- und Kabarettveranstaltungen, in denen satirisch auf das Lagerleben Bezug genommen wurde.
Aus Buchenwald sind zahlreiche Lieder überliefert, die die Beschwernis der Haftzeit thematisieren, unter anderen "Du magst dich drehen", 1938, Text: Fritz Löhner-Benda, Wiener Satiriker und Lehar-Librettist; "Jedem das Seine", 1943, Text: Karl Schnog, Kabarettist / Musik: Bruno Apitz, Komponist; "Doch auch für uns kommt mal die Zeit", 1943, Text und Musik: Otto Halle; "Weihnachten", 1943, Text: Ferdinand Römhild, Autor.
Wie in Buchenwald versuchte die Lagerleitung im KZ Dachau durch von Häftlingen veranstaltete Theater- und Kabarettaufführungen deren Stmmung zu beeinflussen. So zeigten die Österreicher Fritz Grünbaum und Hermann Leopoldi kabarettistische Solonummern. Für den meisterlichen Conférencier Grünbaum waren dies die letzten Auftritte in seinem langen Kabarettleben. Schon länger unter schwerer Magen- und Darmtuberkulose leidend, ist er im Januar 1941 nach offiziellem Totenschein "an einer Herzlähmung abgegangen".
Rudolf Kalmar, vormals Chefredakteur des "Wiener Tag" verfasste im Lager heimlich eine Parodie auf die Tiroler Ritterstücke. Am 13. Juni 1943 kam sein kaum verhohlenes, u.a. auf Hitler abzielendes satirisches Werk unter dem Titel "Die Blutnacht auf dem Schreckenstein oder Ritter Adolars Brautfahrt und ihr grausiges Ende oder Die wahre Liebe ist das nicht" zur Aufführung. Regie und Hauptrolle hatte der Berliner Schauspieler Erwin Geschonneck. Im Winter 1943/44 folgte eine Opernparodie mit dem Titel "Buchhäuser oder der Läusekrieg auf der Waldburg". Auch bei ihr handelte es sich, wie der Titel bereits verrät, um eine Aufführung politisch-satirischen Inhalts.
NS-Konzentrationslager außerhalb der Reichsgrenzen vor 1938
Nach der Besetzung der Tschechoslowakei im Herbst 1938 richteten die Nazis in einer ehemaligen Festung, nördlich von Prag, das KZ Theresienstadt ein. Das Lager galt als Modell humaner Haftbedingungen gegenüber Besuchern der internationalen Menschenrechtskommision. Diese Kontrollen waren wesentlicher Grund, weshalb sich, neben anderen Vergünstigungen für die Häftlinge, unter den Augen der Bewacher ein reges kulturelles Geschehen entwickeln durfte mit Rezitationsabenden, Sprachkursen, einem Lagerorchester sowie Theater- und Kabarettveranstaltungen. Zwar war anfangs der Besitz von Musikinstrumenten bei Androhung der Todesstrafe verboten. Doch wurde diese Drohung angesichts internationaler Kontrollen schnell aufgegeben. Besonderes Interesse fanden bei den Häftlingen die Veranstaltungen der zahlreichen Kabarettgruppen mit u.a. Berti Deutsch, Annie Frey, Walter Lindenbaum und Leo Straus sowie den Komikern Bobby John und Ernst Morgan. Im Mittelpunkt all dieser kabarettistischen Aktivitäten stand jedoch Kurt Gerrons Ensemble "Das Karussell". Das Ende kam mit dem Näherrücken der Ostfront zwischen Hoffen und Bangen nicht unerwartet. Ende 1944 wurde das Lager aufgelöst - alle Insassen kamen ins Vernichtungslager Auschwitz.
Internierungslager in Frankreich
Zu Kriegsbeginn richtete Frankreich zahlreiche Internierungslager für alle Ausländer ein, die dem Land als feindliche Kontrahenten gegenüberstanden. In den Lagern wurden deutsche und österreichische Emigranten, darunter zahlreiche jüdische Flüchtlinge und sogar republikanisch gesinnte ehemalige Spanienkämpfer fest gehalten. Vereinzelte kabarettistische Versuche der Internierten in den Lagern von Le Vernet, Villemalard und Cépoy führten kaum zu größeren Veranstaltungsreihen. Das änderte sich erst nach der Besetzung des Landes. Ab 1940 kam es u. a. im Lager Gurs zu regelmäßigen Kabarettvorstellungen mit Texten von Peter Pan unter der zeitweisen Mitwirkung von Ernst Busch.
Lager Westerbork in den Niederlanden
Im Februar 1939 richtete die niederländische Regierung das "Zentrale Flüchtlingslager Westerbork" ein. Aufnahme fanden in dem zwischen Assen und Coevorden unweit der deutschen Grenze gelegenen Lager vor den Nazis geflüchtete illegale, zumeist jüdische Einwanderer. Im Mai 1940, nach der Okkupation des Landes durch die Hitlerarmee befinden sich rund 750 jüdische Männer, Frauen und Kinder im Lager. Im Juli 1942 erklärte die SS Westerbork zum "Polizeilichen Durchgangslager", von dem aus zwischen 1942 und 1944 über 100 000 deutsche, niederländische und österreichische Juden in das Vernichtungslager Auschwitz verschickt wurden.
Obwohl durch die Kommandantur rigide organisiert, blieb die Umsetzung der Lagerordnung weitgehend den Insassen überlassen. Um unter den Häftlingen keine Panik entstehen zu lassen, unterstützte der theaterbesessene Lagerkommandant Konrad Gemecker neben anderen kulturellen Veranstaltungen die Gründung eines Lagerkabaretts. Leitung und Regie hatte Max Ehrlicher übernommen, Texte und Kompositionen schrieb Willy Rosen zusammen mit Ehrich Ziegler. An den sechs Programmen bis zur Auflösung des Lager nahmen als feste Mitglieder teil u.a. die Sängerin Jetty Canton, die Kabarettistinnen Mara Rosen und Camilla Spira sowie die Tänzerin Esther Philipps. Im dritte Programm wirkte Kurt Gerron mit, der 1944 im KZ Thersienstadt das Kabarett "Karussel" leitete. Im August 1944 wurden mit dem Lagerbefehl 86 alle kulturellen Betätigungen verboten. Die Mitglieder des Kabaretts kamen über Theresienstadt in das Vernichtungslager Auschwitz.
Bibliografie:
- Arnbom, Marie-Theres, Wacks, Georg: Jüdisches Kabarett in Wien. 1889 - 2009, Wien 2009
- Sigrid Bauschinger: Literarisches und politisches Kabarett von 1901-1999. Tübingen 2000
- Klaus Budzinski, Reinhard Hippen: Metzler Kabarett Lexikon. Stuttgart u.a. 1996
- Reinhard Hippen: Kabarett im Exil. Zürich 1986
- Christian Hörburger: Nihilisten - Pazifisten - Nestbeschmutzer. (Kabarettgeschichte von 1918-1989). Tübingen 1993
- Heinz Kühnrich: Der KZ-Staat 1933-1945. Berlin 1983
- Ulrike Migdal (Hrsg.): Und die Musik spielt dazu - Chansons und Satiren aus dem KZ Theresienstadt. München 1986









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