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THEMEN

Kabarett zur Zeit Hitlers (1933-1945)

Das Kabarett im deutschen "Großreich"

Mit der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten am 30. Januar 1933 verlöschten auf den politisch ambitionierten Kabarettbühnen die Lichter. Die Maßgabe des Reichsgesetzblatts, Teil 1,§1 vom 28. Februar 1933 war eindeutig:

"Die Artikel 114, 115, 117, 118, 123, 124 und 153 der Verfassung des Deutschen Reichs werden bis auf weiteres außer Kraft gesetzt. Es sind daher Beschränkungen der persönlichen Freiheit, des Rechts der freien Meinungsäußerung, einschließlich der Pressefreiheit, des Vereins- und Versammlungsrechts, Eingriffe in das Brief-, Post-, Telegraphen- und Fernsprechgeheimnis, Anordnungen von Haussuchungen und von Beschlagnahmen sowie Beschränkungen des Eigentums auch außerhalb der sonst hierfür bestimmten gesetzlichen Grenzen zulässig."

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Kurt Tucholsky, Schriftsteller (1890-1935)

Leiter oder Mitglied eines Kabaretts mit politisch-satirischem oder zeitkritischem Programm zu sein, konnte somit gefährlich werden. Viele ihrer Vertreter hatten bereits frühzeitig, die herannahende Gefahr erkennend, das Land verlassen, wie z.B. der linksintellektuelle Publizist und Chansonschreiber Kurt Tucholsky. Andere folgten ihnen kurze Zeit später nach wie u.a. Blandine Ebinger, Friedrich Hollaender, Erika Mann und Kurt Robitschek. Wer den richtigen Zeitpunkt verpasste, fand sich zumeist über kurz oder lang in den Mühlen der Geheimen Staatspolizei wieder und landete im Konzentrationslager oder endete wegen seiner nicht arischen Abstammung über Stationen wie Theresienstadt oder Westerbork wenige Jahre später in den Gaskammern von Auschwitz.

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Auftritt in der "Katakombe": Ruth Poelzig (1935)

Lediglich zwei Kabaretts mit zeitkritischen Programminhalten hatten eine zweijährige Schonfrist: Werner Fincks "Katakombe" und die Friedrich-Hollaender-Gründung "Tingel-Tangel-Theater", das nach Hollaenders Emigration, nun unter dem Namen "Tingeltangel-Theater" firmierend, von Blandine Ebinger, danach von Rudolf Schündler und ab Februar 1935 von Trude Kohlman geleitet wurde (siehe zu diesen Bühnen: Kabarett in Deutschland zur Zeit der Weimarer Republik (1919-1933)). Beide Bühnen spielten vor den Augen und Ohren der während der Vorstellungen im Parkett sitzenden NS-Zensoren ihre "staatsgefährdenden" Pointen mit halsbrecherischem Mut. Den eifrig während der Vorstellung mitschreibenden Kontrolleuren rief Finck mitten in einer seiner Conférencen einmal zu: "Kommen Sie mit, oder soll ich mitkommen?" Im Mai 1935 ereilte beiden Bühnen das Schicksal behördlich angeordneter Theaterschließung. Finck erhielt Auftrittsverbot und wurde mit einigen Mitgliedern seines Ensembles in "Schutzhaft" genommen. Trude Kohlman emigrierte nach nur zweimonatiger Prinzipalschaft im September des selben Jahres nach Wien und von dort, nach dem "Anschluss" Österreichs 1938, über Paris nach England.

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Werner Finck, Schauspieler und Kabarettist (1902-1978)

Das vormals unter seinen Prinzipalen Kurt Robitschek und Paul Morgan renommierte "Kabarett der Komiker " (Kadeko) glitt unter der neuen Leitung durch Hanns Schindler und seit 1938 unter der Willi Schaeffers' zum regierungskonformen Witzlieferanten ab. Ihr Publikum war dem Kabarett bislang unbekannt: die Mitgliedern der vom Reichsorganisationsleiter Robert Ley gegründeten Freizeitorganisation "Kraft durch Freude" ("KdF"). Selbst dieses auch nach der unter Auflagen bedingten zeitweiligen Rückkehr Werner Fincks als Conférencier ("Ich bin der Finck - leicht gedrosselt") politisch nur wenig aneckende Spaß-Kabarett unterlag der scharfen Beobachtung Goebbel'scher Kulturkontrolleure.

Kontrolle wurde allenthalben ausgeübt, jedes Witzchen, jede Pointe wurde darauf abgeklopft, ob sie "deutschem Humor" entsprechen würden. "Der Spielplan eines deutschen Theaters" (so die "Richtlinien für eine lebendige Spielplangestaltung, aufgestellt vom dramaturgischen Büro des Kampfbundes für deutsche Kultur") "muss einem Publikum wesens- und artmäßig sein, d.h. die dargebotenen Werke müssen in ihrer geistigen Haltung, in ihren Menschen und deren Schicksalen deutschem Empfinden, deutschen Anschauungen, deutschem Wollen und Sehnen, deutschem Lebensernst und deutschem Humor entsprechen (...)" (nach: Die Deutsche Bühne, September-Sondernummer 1933, S. 45).
Um die weisungsgemäße Ausführung dieser Forderungen vorab kontrollieren zu können, ordnete die "Reichstheaterkammer" an, dass "Gemäß § 25 der ersten Durchführungsverordnung zum Reichskulturkammengesetz vom 1. November 1933 (...) sämtliche Berliner Privattheater rechtzeitig den Zeitpunkt mitteilen, zu dem Generalproben stattfinden (...)"
(zitiert nach: Joseph Wulf, Kultur im Dritten Reich, 1989, S. 42).

Drei der wenigen kabarettistischen Unterhaltungsstätten, die nach dem großen, politisch angeordneten Kabarettsterben von 1935 noch kurze Zeit überleben konnten waren:

"Die Musenschaukel"

Sie wurde im November 1933 als satirisch-literarisches Kabarett von der Chansonniere, Operettensängerin und Schauspielerin Trude Hesterberg (vormals "Wilde Bühne") in der Berliner Behrenstraße 53 gegründet. Die literarische Leitung hatten Karl Megerle von Mühlfeld und Günther Weisenborn, die musikalische Leitung Erwin Jospe. Regie führte Trude Hesterberg. Dem ersten, einem reinen Nummernprogramm, gehörten u.a. an: Else Ehser, Margot Höpfner, Albert Hoermann, Rotraut Richter, Hans Hermann Schaufuß und Grete Weiser. Ihm folgte als zweites Programm die Kabarett-Revue "Windstärke 10" von Hans Fritz Beckmann, Frank Günther und Günter Neumann mit u.a. den Kabarettist(inn)en Curt Ackermann, Eva Böhm, Charlott Daudert, Trude Hesterberg, Bea Molen, Maria Ney (Conférenciere) und Günther Vogott. Die deutschlandweite NS-Tageszeitung "Völkischer Beobachter" beanstandete die Revue: "Wir wollen ein neues Kabarett, (...) und wir wollen (...) das aus unserem Volk heraus." Dieser Forderung wollte sich "Die Musenschaukel" nicht beugen, sie schloss nach nicht ganz zweimonatigem Bestehen ihre Pforten.

"Die acht Entfesselten"

Die Mitglieder dieses von dem Pianisten Ernst August Brenn sowie dem Schauspieler und Entertainer Rudi Godden im Sommer 1935 gegründeten Tourneekabaretts hatten sich für die NS-Kulturideologen zur rechten Zeit zusammengefunden. Nach der staatlich verfügten Schließung der "Katakombe" und des "Tingeltangel" erhofften sie sich, "Die acht Entfesselten" würden nahtlos eine Lücke füllen und sich in die Dienste dessen stellen lassen, was der Staat seit 1933 unter Humor in Deutschland verstanden wissen wollte. Mit humoristischen Tanzeinlagen, anspruchslosen Gesangpartien, schlagerhaft aufgemotzten Chansons und kalauernden Conférencen zeigte das Ensemble - das Grotesktanzpaar Krock und Garga, die Chansonniere Gerty von Reichenhall und der Conférencier Walter Scholz mit seiner Frau Käthe - genau das, was von nun an von einem deutschen Kabarett erwartet wurde: "Das Kabarett im Dienste der Politik", wie Günter Meerstein euphorisch seine Dissertation (Leipzig 1937) überschrieb. Doch selbst diese Programme, in denen es um das alltägliche Einerlei des Daseins ging, z.B. im Chanson "Kleine Schwächen - große Schwächen" (Gerty von Reichenhall), um die bisher waltende Unnatürlichkeit der Kunstausübung - und nicht zuletzt um die Liebe -, fanden die ständige Aufmerksamkeit der Geheimen Staatspolizei. Dabei fehlte den Darbietungen nicht einmal ein "politischer Spott auf die Gräuelpropaganda (des Auslands)", wie die "Kulturgemeinde Berlin" 1936 bemerkte. Als einmal eine Textstelle auf der Bühne den Kotrolleuren missverständlich erschien, erhielten die "Entfesselten" von Goebbels persönlich die Anweisung, "Anspielungen, die zweierlei Interpretationen zulassen, sofort zu unterlassen". Nach einem Überraschungserfolg 1938 mit dem Programm "Gute Besserung", dass über 150 Mal über die Bühne der Berliner Komischen Oper ging, gaben die "Entfesselten" mangels guter Texte in der Spielzeit 1938/1939 auf. Rudi Godden, als schnodderiger Berliner Allround-Akteur entdeckt, machte ab 1936, parallel zu seinen Kabarettauftritten, Karriere beim Film (u.a. in "Truxa", "Es leuchten die Sterne" und "Hallo, Janine"). Als Kabarettist erhielt er ab 1939 Auftrittsverbot. Er starb 1941, 34-jährig, an einer Blutvergiftung.

"Der Tatzelwurm"

Er wurde am 03.09.1935 als literarisches Kabarett von der Kabarettistin Tatjana Sais und dem Schauspieler Bruno Fritz in den den Räumen der kurz zuvor auf staatliche Aordnung geschlossenen "Katakombe" in Berlins Lutherstraße 22 eröffnet. Die Texte schrieben der Kabarettautor und -komponist Günter Neumann, der Kabarettautor Aldo von Pinelli und der Tänzer und Chansonautor Herbert Witt. Das spielende Ensemble bestand aus den ehemaligen Mitgliedern der "Katakombe" wie Bruno Fritz, Ursula Herking, Tatjana Sais, Ivo Veit, Isa Vermehren und Herbert Witt. "Der Tatzelwurm" überlebte nur ein Programm und stellte den Spielbetrieb bereits im Jahr seiner Gründung ein.

Der geschasste Conférencier

Vier Jahre nach der "Machtübernahme" erließ Goebbels erstmals eine "Anordnung betreffend Verbot des Conférencier- und Ansagewesens". Weil sie und zwei weitere in den öffentlichen Unterhaltungsstätten nicht in dem vom "Reichspropagandaminister" angestrebten Maß befolgt worden waren, drohte er nunmehr unmissverständlich mit Datum vom 30. Januar 1941: "Trotz meiner wiederholten Erlasse vom 8. Dezember 1937, 6. Mai 1939 und 11. Dezember 1940, in denen ich eindringlich die Forderung erhob, das Kabarett- und Vortragswesen den Erfordernissen des öffentlichen Geschmacks, besonders aber denen des Krieges anzugleichen, treiben so genannte Conférenciers, Ansager und Kabarettisten (...) weiterhin ihr Unwesen. Sie gefallen sich in einer leichten und billigen Anpöbelung von Zuständen im öffentlichen Leben, die durch die Not des Krieges bedingt sind. (...) Sie verhöhnen die bodenständigen Eigenheiten der einzelnen Stämme unseres Volkes und tragen dazu bei, die innere Einheit der Nation, die für die siegreiche Beendigung des Krieges die wichtigste Voraussetzung ist, zu gefährden. (...) Auf Grund des § 25 der Ersten Verordnung zur Durchführung des Reichskulturkammergesetzes vom 1. November 1933 (...) ordne ich hiermit an:

1.Jede so genannte Conférence oder Ansage wird ab sofort für die ganze Öffentlichkeit grundsätzlich verboten. Es ist dabei gänzlich gleichgültig, ob sie sich mit Dingen der Politik, der Wirtschaft, der Kultur oder sonstigen Angelegenheiten des öffentlichen oder privaten Lebens befassen will.
2.Glossierungen von Persönlichkeiten, Zuständen oder Vorgängen des öffentlichen Lebens, auch angeblich positiv gemeinte, sind in Theatern, Kabaretts, Varietés und sonstigen öffentlichen Unterhaltungsstätten verboten.
3.Die Presse ist schärfstens angewiesen, die Behandlung aller lebensunwichtigen Fragen, die das deutsche Volk heute unnötig belasten oder verstimmen könnte, peinlichst zu vermeiden.
4.(...) Probleme, an denen sich die Gemüter unnötig erhitzen und die für die siegreiche Durchführung des Krieges von untergeordneter Bedeutung sind, werden aus der öffentlichen Diskussion ausgeschaltet.

Dieser Erlass stellt eine letzte, ernste und eindringliche Mahnung dar. Übertretungen werden auf Befehl des Führers mit schärfsten Strafen geahndet."
Berlin, den 30. Januar 1941 - gez. Dr. Joseph Goebbels

Trotz schwerer Zeit - es muss gelacht werden.

Der staatlich verordnete Kabarettschwund hatte nicht nur, von unbedeutenden KdF-Veranstaltungen abgesehen, deren Anzahl bis 1939 auf nahezu Null dezimiert, sondern auch eine Spezies der Kleinkunst ins Rampenlicht treten lassen: die der vermeintlich unpolitischen allein unterhaltenden "Volkshumoristen". Unter dem Motto "Spaß muss sein", trugen sie erheblich dazu bei, Irritationen und zaghaftes Kritteln an Staat und Führung unter den "Volksgenossen" zu relativieren. Inhaltlich banal und von den Kulturbehörden leicht zu kontrollieren, vertraten sie genau das, was von ihnen erwartet wurde: die Festigung der politischen Führung durch "deutschen Humor".

Ludwig Manfred Lommel

Vom Intendanten der "Schlesischen Funkstunde", dem späteren Reichssender Breslau, Friedrich Bischoff, für das Radio entdeckt, präsentierte Lommel mit seinem imaginären "Sender Runxendorf auf Welle 0,5" einen provinziellen Mikrokosmos. Lommel war ein stimmliches Imitationswunder. Allein mit seiner Stimme konnte er gleichzeitig bis zu vier Personen in kleinen selbst erdachten humoristischen Szenen darstellen, "in denen die Sorgen des Alltags nicht ernst genommen wurden" (zitiert nach Martens, Hans-Günter, Plattencover: "Lommel, Ludwig Manfred", Elektrola) und blühender Unsinn herrschte. Nicht nur die politische Abstinenz lommelscher Sketsches, sondern auch der heimattümelnde Dialekt des Schlesiers entsprach vollkommen den Vorstellungen der NS-Kulturideologen.

Ferdinand Weisheitinger, genannt Weiß Ferdl

Humorist mit bajuwarischem Charme und Schmäh, zählte nicht zu jenen, die nicht wussten, welche "staatsstabilisierende" Rolle sie zu spielen hatten. Auf dem Podium des "Platzl", einem folkloristischen Amüsierkabarett im Münchner Stadtzentrum, bezog er von Beginn an für sein national gesinntes Publikum eine klare politische Position. Bereits 1934 bejubelte er auf der Bühne die "Errungenschaften" des neuen Staates. Frühzeitig ließ er den Namen "Dachau" in seine Conférencen einfließen, weil eine "Luftveränderung in konzentrierter Form" all jenen zu wünschen sei, die nicht die Zeichen der neuen Zeit erkennen wollten. Wiederholt war er als Hitlers Lieblingshumorist dessen Gast auf dem Obersalzberg, wenn auch nach dem Krieg Legenden und eigene Beteuerungen ihn als Gegner der Nazis darzustellen versuchten.

  1. Das Kabarett im deutschen "Großreich"
  2. Ausgegrenzt - Exilkabarett in Europa
  3. Exilkabaretts in außereuropäischen Ländern
  4. Der letzte Weg - Lagerkabaretts von Börgermoor bis Theresienstadt

Bibliografie:

  • Arnbom, Marie-Theres, Wacks, Georg: Jüdisches Kabarett in Wien. 1889 - 2009, Wien 2009
  • Sigrid Bauschinger: Literarisches und politisches Kabarett von 1901-1999. Tübingen 2000
  • Klaus Budzinski, Reinhard Hippen: Metzler Kabarett Lexikon. Stuttgart u.a. 1996
  • Reinhard Hippen: Kabarett im Exil. Zürich 1986
  • Christian Hörburger: Nihilisten - Pazifisten - Nestbeschmutzer. (Kabarettgeschichte von 1918-1989). Tübingen 1993
  • Heinz Kühnrich: Der KZ-Staat 1933-1945. Berlin 1983
  • Ulrike Migdal (Hrsg.): Und die Musik spielt dazu - Chansons und Satiren aus dem KZ Theresienstadt. München 1986
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