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THEMEN

Literatur in der DDR

Die Treue der DDR-Schriftsteller zum SED-Staat - 1945-1965

Ideologische Klammer des Antifaschismus

Die Gründungsurkunde der DDR-Literatur war, noch vor der Existenz der DDR als Staat, ihr antifaschistischer Grundkonsens. Er vereinigte die Autoren der ersten, älteren Generation, die, wie Johannes R. Becher, Bertolt Brecht, Anna Seghers oder Arnold Zweig, im Exil gewesen waren (auch die Jüngeren, Stefan Heym und Stephan Hermlin, gehören hierher), mit denen der zweiten, damals jungen Generation, die das NS-Regime und den Krieg als Hitlerjungen und BdM-Mädel, SA-Leute und Soldaten selbst erlebt hatten - in der Regel als naiv Begeisterte oder als Mitläufer. Die Autoren dieser in den 1920er Jahren geborenen Generation hatten - wenn sie ihre Wirkungsstätte nicht in den Westen verlegten, wo wesentlich lässlicher entnazifiziert wurde - nun die Chance, sich mit dem Marxismus auseinander zu setzen. Der Antifaschismus wurde zur ideologischen Klammer, die Autoren wie Erwin Strittmatter, Franz Fühmann, Hermann Kant, Erich Loest, Christa Wolf, Heiner Müller, Günter de Bruyn und Erik Neutsch untereinander und mit den Älteren, die eine durch Exil oder Widerstand beglaubigte linke Identität hatten, verband.

Unverträglichkeiten

Diese Bindung an das sozialistische System, die oft zugleich auch als Fessel empfunden wurde, hat teilweise über 40 Jahre gehalten. Nur wenige Autoren haben sich der staatlichen Reglementierung und dem Anspruch der Partei auf den Dichter und seine Produktion entzogen. Diese besonders Skrupulösen und heftig Empörten konnten sich auf Dauer gegen die verkrustete Parteibürokratie nicht behaupten, gingen in den Westen oder wurden ausgewiesen. Dabei waren Autoren wie Peter Huchel, Günter Kunert oder Wolf Biermann durchaus bereit, einem humanen Sozialismus nach Kräften zuzuarbeiten. Die vom Kapital beherrschten westlichen Demokratien waren ihre politische Heimat nicht.

Parteiliteratur und avantgardistische Nischen

Die Freiwilligkeit, mit der eine ganze Generation dem Sozialismus zu dienen bereit war, erscheint aus dem historischen Abstand effektiver als die immer wieder zitierten Diktate des „sozialistischen Realismus“ als Schreibmethode - Diktate, die in der Version von Georg Lukács tatsächlich seit 1948, verstärkt seit 1951, verhängt wurden, verbunden mit der so genannten Formalismus-Kampagne, die sich gegen alle avantgardistischen, ‚modernistisch-westlichen Strömungen richtete. Die Mehrzahl der DDR-Schriftsteller in den 1950er und noch in den frühen 1960er Jahren bejahte die Lenkung der Ästhetik durch die Partei, die Dominanz des Themas ‚neue, sozialistische Produktion und den Einsatz ihrer literarische Werke zu politischen Zwecken (z.B. zur Produktivitätssteigerung). Den so entstandenen Betriebsromanen und Brigadestücken, Büchern gegen den Krieg oder Aufbaugedichten stehen einige Ausnahmedichtwerke gegenüber wie Brechts Buckower Elegien (Berlin 1953), Gedichte Erich Arendts, Peter Huchels, Johannes Bobrowskis oder Günter Kunerts sowie Peter Hacks und Heiner Müllers frühe Stücke. Dazu kamen die Proteste einiger Intellektueller auf dem IV. Schriftstellerkongress 1956.

Das Programm des „Bitterfelder Weges“ und sein Scheitern

Auch das Programm zur Entwicklung der „sozialistischen Nationalliteratur“ der DDR auf der 1. Bitterfelder Konferenz (24.4.1959) im Chemiekombinat Bitterfeld wurde von den meisten Autoren mitgetragen. Danach sollten zum einen die Schriftsteller in den Betrieben den sozialistischen Aufbau direkt erleben („Dichter in die Produktion“), zum anderen Arbeiter selbst Autoren werden („Greif zur Feder, Kumpel“), um Zugang zu Kunst und Kultur zu gewinnen. Mit dem wechselseitigen Aufbruch wollte man die Symbiose von Kunst und Leben, Politik und Kultur, Arbeitern und Intellektuellen herbeiführen. Die Aufbruchsstimmung, in der Hunderte von „Zirkeln schreibender Arbeiter“ entstanden, war von kurzer Dauer. Die 2. Bitterfelder Konferenz (24./25.4.1964) konstatierte das Scheitern des Programms, das gleichwohl in wichtigen Werken der DDR-Literatur seinen Niederschlag gefunden hat.

Prosawerke im Sinne des „Bitterfelder Weges“

Auf der 1. Bitterfelder Konferenz 1959 wurde ein Programm zur Entwicklung der „sozialistischen Nationalkultur“ in der DDR beschlossen, das u.a. vorsah, den Dichtern den Weg in die Produktion zu öffnen, damit sie in Werken des sozialistischen Realismus ihre dort gemachten Erfahrungen literarisch gestalteten und so - gemäß der Marx'schen Lehre - ihren Beitrag zur Aufhebung der Trennung von Kunst und Leben, von Hand- und Kopfarbeit leisteten. Unter diesem Vorzeichen entstanden einige bedeutende Prosawerke.

Franz Fühmann, „Kabelkran und Blauer Peter“ (1961): Der Autor beschreibt in dieser Reportage, wie er, geplagt vom schlechten Gewissen des Nur-Schreibtisch-Arbeiters, auf eine Rostocker Werft kommt, um dort einige Monate mitzuarbeiten und über das Erlebte zu berichten. Seine aus Fremdheit geborene Angst vor der Großtechnik überwindet er, indem er die Maschinen und Kräne poetisiert und in zwingende mythologische und naturhafte Bilder bannt.

Brigitte Reimann, „Ankunft im Alltag“ (1961): Im Mittelpunkt der Erzählung stehen eine Abiturientin und zwei Abiturienten, die vor Aufnahme des Studiums ein Jahr praktisch arbeiten. Konflikte ergeben sich aus einer klassischen Dreiecks-Liebeskonstellation, vor allem aber daraus, dass sie ihre idealistischen Erwartungen, konfrontiert mit der Realität der Produktion, vorsichtig revidieren und so im „real existierenden Sozialismus“ der DDR „ankommen“. Nach dieser Erzählung wurde der Begriff „Ankunftsliteratur“ geprägt.

Erik Neutsch, „Spur der Steine“ (1964): Der Roman berichtet vom Leben auf einer Großbaustelle in der DDR. Gemäß dem von Ulbricht 1963 postulierten Neuen ökonomischen System der Planung und Leitung werden hier gesellschaftliche Widersprüche formuliert, aber als überwunden dargestellt: Hannes Balla, Zimmermannsbrigadier, entwickelt sich vom Einzelkämpfer zum verantwortungsbewussten sozialistischen Leiter, während der dogmatisch auf strikte Leitungsmethoden pochende Parteisekretär Horrath auch privat versagt, indem er sich von seiner Geliebten lossagt, als diese ein Kind von ihm erwartet. Der Roman wurde 1966 von Frank Beyer mit Manfred Krug in der Hauptrolle verfilmt, allerdings nach wenigen Vorstellungen konfisziert.

‚Ankunftsliteratur

Die frühen 1960er Jahre waren, begünstigt durch den Bau der Mauer, geprägt von der optimistischen ‚Ankunftsliteratur, in der Züge des bürgerlichen Bildungs- und Entwicklungsromans sozialistisch gewandelt wieder auferstanden. Ihre Helden (in Büchern u.a. von Christa Wolf, Brigitte Reimann, Werner Bräunig, Karl-Heinz Jakobs) kommen am Ende politischer Lernprozesse geläutert im Sozialismus an.

  1. Die Treue der DDR-Schriftsteller zum SED-Staat - 1945-1965
  2. Emanzipation der DDR-Schriftsteller vom SED-Staat - 1965-1990
  3. Von der Erfüllung gesellschaftlicher Aufgaben zur Bedienung von Märkten

Bibliografie:

  • Heinz Ludwig Arnold und Frauke Meyer-Gosau (Hrsg.): Literatur in der DDR. Rückblicke. München 1991 (Text + Kritik, Sonderband)
  • Simone Barck/Siegfried Lokatis: Zensurspiele. Heimliche Literaturgeschichten aus der DDR, mdv, Halle 2008
  • Roland Berbig (Hrsg.): Der Lyrikclub Pankow. Literarische Zirkel in der DDR, Berlin 2000
  • Wolfgang Emmerich: Kleine Literaturgeschichte der DDR. Erweiterte Neuausgabe. Berlin 2000
  • Bernhard Greiner: Literatur der DDR in neuer Sicht. Studien und Interpretationen. Frankfurt/M. 1986
  • Antonia Grunenberg: Aufbruch der inneren Mauer. Politik und Kultur in der DDR. Bremen 1990
  • Reinhild Köhler-Hausmann: Literaturbetrieb in der DDR. Schriftsteller und Literaturinstanzen. Stuttgart 1984
  • Janine Ludwig/Mirjam Meuser (Hrsg.): Literatur ohne Land? Schreibstrategien einer DDR-Literatur im vereinten Deutschland, mit einem Vorwort von Frank Hörnigk, Freiburg 2009
  • Hans Mayer: Der Turm von Babel. Erinnerungen an eine Deutsche Demokratische Republik. Frankfurt/M. 1993
  • Hans-Jürgen Schmitt (Hrsg.): Die Literatur der DDR. München/Wien 1983
  • Sabina Schroeter: Die Sprache der DDR im Spiegel ihrer Literatur. Studien zum DDR-typischen Wortschatz. Berlin 1994
  • Roswitha Skare und Rainer B. Hoppe: Wendezeichen? Neue Sichtweisen auf die Literatur der DDR. Amsterdam/Atlanta 1999
  • Jürgen Serke: Zuhause im Exil. Dichter, die eigenmächtig blieben in der DDR. München 1998
  • Joachim Walther: Sicherungsbereich Literatur. Schriftsteller und Staatssicherheit in der Deutschen Demokratischen Republik. Berlin 1996
  • Ernest Wichner und Herbert Wiesner (Hrsg.): Zensur in der DDR. Geschichte, Praxis und „Ästhetik“ der Behinderung von Literatur. Berlin 1991
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