Louis Armstrong - der King of Jazz
Zeit und Welt
Trotz der offiziellen Abschaffung der Sklaverei im Jahr 1865, die durch einen blutigen Bürgerkrieg erkauft worden war, hatte sich an der Situation und Stellung der schwarzen Bevölkerung in den folgenden Jahrzehnten nichts wesentlich verändert. Da sie aus einem Status der Besitzlosigkeit in die neue Freiheit entlassen worden waren, konnten sie mit derselben nur wenig anfangen. Darüber hinaus verfügten sie über keine schulische Bildung, die es ihnen ermöglicht hätte, andere Arbeit als in der Landwirtschaft zu suchen. Und so blieb ihnen nichts weiter übrig, als weiterhin auf den Plantagen des Süden um Arbeit zu bitten. Ein Ventil für diese erniedrigende und entwürdigende Situation fanden die Menschen in der Musik.
Musikalische Wurzeln
Im Spiritual (= geistliches Lied) verbinden sich europäische und afrikanische Elemente zu einer eigenständigen Einheit. Im Laufe der Jahre wird diese Musik zum Ausdrucks-, Identifikations- und später auch Verständigungsmittel der unterdrückten schwarzen Sklaven. Von besonderer Bedeutung ist dabei der Rhythmus, der v.a. durch die so genannte "Off-Beat-Phrasierung" (geringfügige Abweichung der melodischen Betonung gegenüber dem als "beat" bezeichneten Grundimpuls) gekennzeichnet ist.
Die elementarste Form des Spiritual ist der Worksong (= Arbeitslied). Auf dem zentralen Stilmittel des "Call and Response" (Ruf und Antwort) aufgebaut, findet ein Wechselgesang zwischen Vorarbeiter und Arbeitern statt. Die Lieder thematisieren die konkrete Arbeitssituation nicht nur inhaltlich, sondern auch musikalisch, indem beispielsweise die dafür benutzten Werkzeuge als Schlaginstrumente eingesetzt werden und damit dem Arbeitsvorgang einen gleichmäßigen Rhythmus geben.
Das Spektrum der Spirituals ist weit gestreut und vereint unterschiedlichste Einflüsse. Da Improvisation ein wesentliches Kennzeichen der Spirituals ist, gibt es im Prinzip keine feststehenden schriftlichen Fixierungen der Lieder. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts widmen sich auch Komponisten und Arrangeure erstmals der Bearbeitung von Spirituals in kunstvollen Arrangements, die afrikanische und europäische Klänge miteinander verschmelzen (new way of singing). Neben diesen schriftlich notierten Fassungen existieren jedoch auch weiterhin davon abweichende, improvisierte Formen, die zum Teil das gedruckte 'Original' nur noch erahnen lassen. Im Zusammenhang mit dieser Entwicklung werden zu Beginn des 20. Jahrhunderts erstmals auch Schallplattenaufnahmen von Spirituals produziert.
In den 1930er Jahren erfahren die Spirituals eine Veränderung durch Elemente des Blues und Jazz. Sind diese Stile aus kirchlicher Sicht verpönt und gelten allgemein auch gesellschaftlich zunächst als sündig und tabu, so lassen sie doch vor allem der Improvisation und dem ekstatischen Erleben - das sich ursprünglich aus den Erweckungsbewegungen herleitet, ebenso jedoch in der afrikanischen Musik seine Wurzeln hat - großen Freiraum.
New Orleans
Von besonderer Bedeutung für das Leben Louis Armstrongs und vieler anderer Musiker sollte auch das kulturelle Klima in New Orleans zu Beginn des 20. Jahrhunderts werden. Dieses New Orleans mit seinem bunten kulturellen und sozialen Gemisch aus unterschiedlichsten Hautfarben und Musikstilen bildet den reichhaltigen Humus, auf dem sich das Talent des jungen Armstrong entfalten kann. Musik gehört quasi zum Alltag in dieser Stadt und ein interessierter Junge wie Louis Armstrong saugt sie von klein auf wie Muttermilch auf.
Einen wesentlichen Träger der Musikkultur stellen zu dieser Zeit u.a. die Mississippi-Schaufelraddampfer dar, die als Vergnügungsschiffe erstklassige Unterhaltungsmusik bieten. Arbeit finden auf diesen Dampfern während der Sommermonate daher auch nur erstklassige Musiker. Einer von ihnen sollte in nicht allzu ferner Zukunft Louis Armstrong sein.
Biografie
Kindheit und Jugend

So wenig wie über New Orleans als Geburtsort des später weltberühmten Satchmo ein Zweifel besteht, so sehr existierten lange Zeit widersprüchliche Angaben über den Geburtstag: Louis Armstrong selbst gab dafür den 4. Juli 1900 an, verschiedene Autoren vermuteten das Jahr 1898. Heute gilt der 4. August 1901 als gesichert, nachdem ein Taufschein mit den entsprechenden Angaben durch den Biografen Gary Giddins entdeckt worden ist.
Louis' Kindheit und Jugend sind alles andere als rosig. Sein Vater Willie verlässt die Ehefrau Mayann und das neugeborene Kind bereits nach der Geburt. Da die Mutter - auf oft zweifelhafte Weise (sie arbeitete vermutlich als Prostituierte) - fortan für den Lebensunterhalt sorgen muss, nimmt seine Großmutter Joséphine die Erziehung des Knaben in die Hand. Doch die materiellen Sorgen ziehen sich wie ein roter Faden durch Louis' Kindheit. 1905 zieht seine Mutter mit ihm und seiner jüngeren Schwester Béatrice in die Perdido Street im Viertel Black Storyville. In dieser Umgebung liegt Musik in vielfältiger Form in der Luft, sie ist Teil des alltäglichen Lebens und fasziniert Louis vom ersten Moment an. Da ist der Trompeter Joe Oliver, der neben Bunk Johnson bald zu einem der großen Idole des Jungen wird, da sind die als "Cribs" bezeichneten Unterkünfte der Prostituierten, aus denen Tag und Nacht Musik dringt, da ist die "Funky Butt" - ein optisch wenig ansprechender, dafür jedoch musikalisch umso renommierterer Tanzsaal - und da sind die "spasm bands", die regelmäßig durch die Straßen von New Orleans ziehen.
Als Louis 1907 in die Fisk School for Boys aufgenommen wird, haben all diese Einflüsse bereits ihre unauslöschbaren Spuren hinterlassen. Die musikalische Ausbildung, die einen Schwerpunkt an diesem Institut bildet und die Louis in den nächsten Jahren neben einer allgemeinen Bildung erhält, fällt damit auf einen überaus fruchtbaren Boden. Dennoch beendet Louis bereits 1912 vorzeitig seine Schullaufbahn und schlägt sich fortan mit den unterschiedlichsten Gelegenheitsjobs durch. Daneben nimmt die Musik weiterhin einen zentralen Stellenwert in seinem Leben ein.
Etwa um diese Zeit macht er erstmals auch öffentlich mit einem eigenen Vokalquartett, genannt Happy Shots (Louis singt den Bass), auf sich aufmerksam. Die Gruppe zieht durch die Straßen und tritt in Nachtklubs, Honky Tonks (einfachen Kneipen) oder auch größeren Hotels auf.
Waif's Home
Als Louis Armstrong in der Sylvesternacht 1913 aus Übermut einen Revolverschuss abfeuert, sollte dies schicksalhaft sein weiteres Leben beeinflussen. Nach seiner Festnahme wird er zur Besserung in das Colored Waif's Home, eine Erziehungsanstalt für Farbige, eingewiesen. Louis behebt dort nicht nur die auf Grund seiner eigenmächtig verkürzten Schulzeit offensichtlichen Bildungsmängel, sondern erfährt vor allem durch den Musiklehrer Peter Davis eine intensive musikalische Förderung, die sein zukünftiges Leben grundlegend beeinflusst. Als Davis dem Jungen eines Tages eine Trompete überreicht, sind damit die Weichen für Louis' zukünftiges Leben gestellt. Louis Armstrong betrachtete diese Zeit später rückblickend selbst als Wendepunkt in seinem Leben und Beginn seiner musikalischen Karriere.
Musikalische Lehrjahre
Zwei Jahre nach der Entlassung aus dem Waif's Home gründet Louis im Jahr 1916 seine erste eigene Band, die jedoch nur wenig Erfolg hat und sich bald wieder auflöst. In dieser Zeit knüpft er Kontakte zu Jazz-Größen wie dem Klarinettisten Sidney Bechet. Als das "rote Viertel" von Storyville 1917 geschlossen wird, verlieren sämtliche Musiker, darunter auch Joe Oliver, über Nacht ihre Stelle. Louis Armstrong hat dann 1918 Glück im Unglück, denn als Oliver 1918 ein Angebot in Chicago annimmt, überlässt er Louis seine Stelle in der Band von Kid Ory.
Darüber hinaus sind die Jahre zwischen 1919 und 1921 als Musiker auf den Mississippi River Boats Louis Armstrongs wichtigste musikalischen Lehrjahren. Während dieser Zeit ist Louis jeden Sommer in der Band von Fate Marable engagiert, die auf dem Dampfer "Sidney" während seiner 7000 km langen Fahrt flussaufwärts musiziert.
Chicago und Joe Oliver
Das Chicago der 1920er Jahre bietet für Musiker unzählige Möglichkeiten. Nach seinem Weggang von Storyville im Jahr 1918 hatte sich Joe Oliver daher schon bald seinen Platz in der künstlerischen Szene der Stadt erobert und gehörte nun mit seiner Creole Jazz Band zu einem der bedeutendsten Orchester der Stadt. Nun sucht er einen zweiten Trompeter für seine Band und schickt ein Telegramm mit einer entsprechenden Anfrage an Louis Armstrong, für den es nach diesem als Ritterschlag empfundenen Antrag nicht eine Sekunde des Nachdenkens gibt. Er packt umgehend seine Sachen und reist nach Chicago, nicht ohne ein mulmiges Gefühl in der Magengegend, ob er dieser Herausforderung auch gewachsen sein würde.
Chicago sollte für Louis in zweifacher Hinsicht sein weiteres Leben schicksalhaft bestimmen. In den Duett-Improvisationen mit Bandleader Joe Oliver erobert er das Publikum im Sturm und macht sich über Nacht einen Namen in der Jazz-Szene. Privat nimmt das Leben nach der ersten, 1917 geschlossenen unglücklichen Ehe mit seiner Frau Daisy Parker, von der er sich 1922 getrennt hatte und ein Jahr später scheiden ließ, endlich wieder eine positive Wendung, denn zu King Olivers Band gehört auch die Pianistin Lil Hardin. Lil ist zu dieser Zeit bereits eine etablierte Größe in der Chicagoer Jazz-Szene. Sie wird nicht nur am 5. Februar 1924 Louis Armstrongs zweite Ehefrau, sondern gibt dem aufstrebenden Stern am Musikerhimmel auch den entscheidenden Anstoß zu einer Solo-Karriere.
Doch zunächst genießt Louis Armstrong die neuen künstlerischen Herausforderungen an der Seite seines Idols Oliver in Lincoln's Garden Café, das zu dieser Zeit zu den Topadressen in der Unterhaltungsbranche zählt. Im Frühjahr 1923 spielt die Band erstmals in der Geschichte des New-Orleans-Jazz verschiedene Titel auf Schallplatte ein, was zwar von nicht zu unterschätzender Bedeutung für die zukünftige Entwicklung weißer Jazzmusik sein sollte, die tatsächliche Musik dieser Zeit und Ära jedoch auf Grund der noch unausgereiften technischen Möglichkeiten nur unzureichend dokumentieren konnte. Louis Armstrong kann in diesen Aufnahmen vor allem in dem Titel Chimes Blues seine künstlerische Position festigen und landesweit auf sich aufmerksam machen.
New York und Fletcher Henderson
1924 erhält Louis Armstrong ein Angebot von Fletcher Henderson, dem führenden Bandleader im New York der 1920er Jahre, der im Roseland Ballroom residiert. Nach der Zeit des Blues und dem Musizieren in Jazz-Bands folgt nun über fünf Jahre eine neue Erfahrung in der sich neu etablierenden Szene der Bigbands und dem gleichzeitig entstehenden Stil des Swing, den Louis Armstrong entscheidend mit prägt.
Die musikalische Zusammenarbeit mit Fletcher Henderson ist in einer Vielzahl von Aufnahmen dokumentiert, die zwischen 1924 und 1929 entstanden sind. Außerdem arbeitet Louis Armstrong in dieser Zeit mit Gesangsgrößen der Jazz-Szene wie Bessie Smith zusammen, die an ihm vor allem seine zurückhaltende musikalische Art schätzen. Weltberühmt ist der mit Bessie Smith aufgenommene Titel St. Louis Blues geworden.
Doch letztendlich ist Louis Armstrong trotz aller Erfolge mit dem Fletcher Henderson Orchestra unzufrieden. Vorübergehend kann er diese Leere durch eine neue künstlerische Aktivität füllen: Während eines Auftritts entschließt er sich, seiner wenig herausfordernden Aufgabe als dritter Trompeter überdrüssig, zu einer spontanen Gesangseinlage. Das Publikum reagiert mit Begeisterung und so ist Louis Armstrong schon bald als Sänger ebenso bekannt wie als Instrumentalist. Doch auf die Dauer kann auch dieser Erfolg nicht die allgemeine Unzufriedenheit auslöschen und so scheidet Louis Armstrong im November 1925 aus der Band wieder aus.
Nochmals Chicago
Inzwischen war seine Frau Lil nicht untätig geblieben und hatte in Chicago eine eigene Band zusammengestellt, die Lil Armstrong's Dreamland Syncopaters. Ihren Mann lässt sie als "The World Greatest Trumpet Player" ankündigen. Für Louis Armstrong bedeutet diese Zeit wiederum eine neue Erfahrung, denn er muss u.a. Jazztänzer während ihrer Vorstellung musikalisch begleiten.
Im Dreamland knüpft Armstrong 1925 Kontakt zu Erskine Tate, der im Vendome Theatre ein Orchester leitet. Tates Angebot, in seinem Ensemble mitzuspielen, bedeutet eine neue Herausforderung für den bisherigen Jazz-Musiker, denn das Orchester hat neben Jazz- und Blues-Titeln eine Vielzahl von klassischen Stücken im Repertoire.
Diese Erfahrungen kommen Louis Armstrong zugute, als er ab 1926 in der Band von Carroll Dickerson mitspielt, die im Sunset Café musiziert. Auch hier steht Louis als der "größte Trompeter der Welt" schon bald wieder im Mittelpunkt. Als es zu Meinungsverschiedenheiten zwischen Dickerson und dem Manager des Sunset Café, Joe Glaser, kommt, wird Armstrong mit der Leitung der Band betreut, die sich ab 1927 Louis Armstrong and His Stompers nennt. Mit Joe Glaser verbindet Louis Armstrong dann nicht nur eine geschäftliche Beziehung - Glaser wird 1935 Armstrongs Manager -, sondern vor allem eine lebenslange Freundschaft. 1928/29 musizieren Armstrong und Dickerson nach einem erfolglosen Sologang des Trompeters als eigener Unternehmer noch einmal im Savoy Ball Room zusammen.
Die Swing-Ära
Ein neues Lebensgefühl sucht sich in neuen Formen, Inhalten und Stilen auszudrücken und dies geht auch den Künsten und damit auch der Musik nicht spurlos vorbei. Einen solchen Umschwung bedeutete in den 1930er Jahren der Einzug der Bigbands und des Swing in die Musikszene. Doch auch in diesem neuen Umfeld versteht es Louis Armstrong, der Musik seinen eigenen Stempel aufzudrücken. Die musikalische Zusammenarbeit innerhalb einer Band hatte sich nun grundlegend gewandelt. War bis dahin Teamwork, die fantasievolle und künstlerische Zusammenarbeit aller Band-Mitglieder, für den Erfolg eines Ensembles ausschlaggebend gewesen, so trat nun die Band als bloßer Begleitkörper für den Star-Solisten entschieden in den Hintergrund. Das wird nicht zuletzt an den Namen der Orchester deutlich wie Louis Armstrong and His Orchestra oder Duke Ellington and His Orchestra. Louis Armstrong verschreibt sich in dieser Zeit ganz bewusst dem Swing und der so genannten "sweet music" (süßen Musik), die er mit ihrer einfallsreichen Melodik dem aufkommenden Bebop vorzieht: "Mann, solche Lombardos (Guy Lombardo war ein Komponist dieser Art von Musik, Anm.) hielten die Musik am Leben, halfen die verdammten Bebopper zu bekämpfen. Sie sind meine Inspiratoren!"
The great Satchmo
Ende der 1920er Jahre ist Louis Armstrongs so bekannt, dass er 1932 erstmals auch auf Europatournee geht. Privat vollzieht sich in dieser Zeit die Trennung von seiner zweiten Ehefrau Lil. Als neue Frau an seiner Seite taucht bereits Mitte der 1920er Jahre Alpha Smith auf, die Louis Armstrong nach der Scheidung von Lil im Jahr 1938 heiratet. Doch auch diese Ehe wird vier Jahre später wieder geschieden und Ehefrau Nummer vier wird Lucille Wilson, die im turbulenten Leben des Künstlers endlich private Stabilität bedeutet.
Anfang der 1930er Jahre hat Satchmo, wie der weltbeste Trompeter bald nur noch genannt wird, auf Grund von pausenlosem bläserischem Einsatz erstmals mit Lippenproblemen zu kämpfen. Bei einem Auftritt in Baltimore im Jahr 1932 kann er ein Konzert nur noch unter großen Qualen mit blutenden Lippen zu Ende spielen.

Ende der 1930er Jahre entwickelt sich Louis Armstrong zum musikalischen Tausendsassa. Nach den legendären ersten Aufnahmen der Hot Five und der Hot Seven in der zweiten Hälfte der 1920er Jahre folgen 1940 weitere Einspielungen der Hot Seven mit dem bekannten Klarinettisten Sidney Bechet. Außerdem arbeitet er in den 1940er Jahren wieder mit Gesangsgrößen wie Ella Fitzgerald zusammen. Daneben tritt er auch in eigenen Konzerten wie 1947 in der New Yorker Carnegie Hall auf, unternimmt ausgedehnte Tourneen quer durch die Vereinigten Staaten, wirkt in verschiedenen Filmen mit und schreibt zwei autobiografische Bücher. 1947 gründet er sein eigenes Orchester, die Louis Armstrong All Stars, die nach ihrem ersten offiziellen Auftritt am 13. August in Billy Bergs Club in Hollywood durch die ganze Welt touren. Mit dieser Gruppe schlägt Louis Armstrong in den 1940er Jahren, als die Swing-Ära allmählich "ausschwingt", noch einmal einen neuen musikalischen Ton an, der eine Rückbesinnung auf seine musikalische Wurzeln des New Orleans Jazz beinhaltet. Damit katapultiert er sich Anfang der 1950er Jahre trotz der entgegengesetzten und bei der jungen Generation immer beliebter werdenden Richtung des Bebop noch einmal an die Spitze der Jazzszene. Louis Armstrong wird zu einem Medienstar sondergleichen, der auf den Titelseiten von Zeitschriften zu finden ist und regelmäßig im Rundfunk oder auch Fernsehen zu hören ist. Einen seiner größten Erfolge dieser Jahre feiert Louis Armstrong in dem Musical Hello Dolly!, das am 16. Januar 1964 im St. James Theatre am Broadway eine glänzende Premiere erlebt.
Die intensive künstlerische Arbeit und der stetige Raubbau an den körperlichen Kräften - u.a. auch durch ein permanentes Übergewicht - führen 1959 erstmals zu einem gesundheitlichen Zusammenbruch. Während seiner achten Europatournee leidet Louis Armstrong bei seiner Ankunft im italienischen Spoleto unter Herzproblemen und einer Lungenentzündung. Zwar erholt sich Satchmo innerhalb weniger Wochen wieder von diesem "K.O.", doch seine Gesundheit verzeichnet von da an deutliche Einbußen; Herz- und Atemprobleme sind seine ständigen Begleiter.
1967 ist Louis Armstrong durch eine Lungenentzündung mehrere Monate außer Gefecht gesetzt. Ein Jahr später wird er nochmals wegen akuter Atemprobleme behandelt. Dennoch kehrt er bis zuletzt immer wieder auf die Bühne zurück. Von einer Anfang 1971 erlittenen Herzattacke erholt er sich jedoch nicht mehr. Louis Armstrong stirbt am 6. Juli 1971 in seinem Haus in Corona, New York.
In der ganzen Welt trauern die Menschen um den Tod des großen Jazz-Trompeters und warmherzigen Menschen. Zur Beerdigung von Satchmo am 9. Juli 1971 erscheinen nicht nur viele Freunde und Kollegen, sondern vor allem auch Tausende von Menschen, die dem Musiker einen letzten Respekt zollen. Louis Armstrong liegt im Congregational Center in Corona (New York) begraben. 1973 wurde zur Erinnerung an den großen Musiker in New Orleans am Congo Square eine Louis-Armstrong-Statue enthüllt.
Stationen einer Weltkarriere
Zwischen 1929 und 1932 musizierte Louis Armstrong mit den verschiedensten Bands nicht nur in New York, Chicago und Los Angeles, sondern tourte mit ihnen teilweise durch die Vereinigten Staaten. Zumeist wurde der jeweilige Name der Band aus diesem Anlass in Louis Armstrong and His Orchestra umgetauft.
- Carroll Dickerson Band: Savoy Ballroom, Chicago; Connie's Inn, New York
- Luis Russell Band (Tourneen und Schallplattenaufnahmen)
- Les Hit Band: Frank Sebastian New Cotton Club, Los Angeles
- Zilmer Randolph Band: Show Boat Café, Chicago; Tourneen (u.a. nach New Orleans, wo Louis Armstrong erstmals nach neun Jahren in den Suburban Gardens auftritt)
- Chick Webb Band: Pear and Lincoln Theatre, Philadelphia; Howard Theatre, Washington
- LeRoy Smith Orchestra: Show Hot Chocolates von Fats Waller, die u.a. im Windsor Theatre gegeben wird
| Jahr | Auftritte |
| 1932 | 1. Europatournee mit Konzerten in Großbritannien (London, Glasgow, Nottingham, Liverpool) |
| 1933/34 | 2. Europatournee mit Konzerten in England (London), Dänemark (Kopenhagen vor 10.000 Zuhörern), Schweden (Stockholm), Norwegen (Oslo) und Holland sowie 1934 in Belgien, Italien und der Schweiz |
| 1941 | Konzert in Ontario, Kanada im Juni |
| 1947 | Konzert in der Carnegie Hall mit Edmond Hall |
| 1948 | 3. Europatournee mit seiner Band All Stars mit Auftritten beim ersten europäischen Jazz-Festival in Nizza |
| 1949/50 | 4. Europatournee mit den All Stars: Konzerte in der Schweiz und Dänemark (Kopenhagen) |
| 1950-51 | Tourneen durch die USA mit Auftritten u. a. in Las Vegas, Los Angeles, Chicago, Detroit, New York und Kanada sowie Konzert in Hawaii |
| 1952 | 5. Europatournee mit den All Stars |
| 1954 | Tournee durch Australien und Japan |
| 1955 | 6. Europatournee |
| 1956 | 7. Europatournee |
| 1956 | Konzerte in Australien, Asien, London und Tournee durch Afrika: bei seinem Eintreffen auf dem Flughafen von Accra (Ghana) wird Satchmo von rund 10 000 Einheimischen stürmisch begrüßt; Open-Air-Konzert vor 50 000 Zuhörern |
| 1957 | Tournee durch Südamerika, wo Armstrong bei seiner Landung in Buenos Aires bereits frenetisch gefeiert wird |
| 1959 | 8. Europatournee mit Konzerten u.a. in Jugoslawien (Belgrad, Ljubljana) |
| 1960 | 2. Afrika-Tournee mit insgesamt 45 Konzerten |
| 1961-67 | Tourneen durch Afrika, Australien, Neuseeland, Singapur, Indien, Korea, Japan, Hong Kong, Mexiko, Hawaii, BRD und DDR, Rumänien, Ungarn, Jugoslawien, Tschechoslowakei, Frankreich, England, Holland, Skandinavien |
Filmkarriere
| Jahr | Titel |
| 1936 | Pennies From Heaven mit Bing Crosby |
| 1937 | Artist and Models |
| 1937 | Every Day's a Holiday mit Mae West |
| 1938 | Going Places |
| 1943 | Cabin In The Sky |
| 1947 | New Orleans |
| 1948 | A Star is Born |
| 1951 | The Strip |
| 1953 | Glory Alley |
| 1953 | The Glenn Miller Story |
| 1956 | High Society mit Grace Kelly, Bing Crosby und Frank Sinatra |
| 1957 | Satchmo The Great; dieser Film dokumentiert Louis Armstrong in Ausschnitten auf seinen Tourneen (Europa und Afrika) sowie bei der Arbeit mit den New Yorker Philharmonikern unter der Leitung von Leonard Bernstein |
| 1958 | Jazz On A Summer's Day |
| 1959 | The Five Pennies |
| 1968 | Filmversion des Musicals Hello Dolly! mit Barbra Streisand und Walter Matthau |
Diskografische Highlights
Hot Five und Hot Seven
Nach den ersten Aufnahmen mit Joe Oliver und Fletcher Henderson sind vor allem die Aufnahmen unter Louis Armstrongs eigener Regie zunächst mit den Hot Five und danach den Hot Seven von epochaler Bedeutung in der Geschichte des Jazz und dokumentieren Louis Armstrong auf einem ersten Höhepunkt seiner Karriere. Daneben existieren zahlreiche Einspielungen von Louis Armstrong für die Firmen Decca und Columbia.
Bekannte Songs
- 219 Blues
- A Kiss to Build a Dream On
- Ain't Misbehavin'
- Basin Street Blues
- Black and Blue
- Blueberry Hill
- Body and Soul
- C'est si Bon
- Chinatown
- Coal Cart Blues
- Confessing that I Love you
- Down In Honky Tonk Town
- Hello Dolly!
- Honey Suckle Rose
- I Can't Give You Anything But Love, Baby
- I'm a Ding Dong Daddy from Dumas
- If I could be with you one Hour Tonight
- Indiana
- Just a Gigolo
- La Cucaracha
- Mack The Knife
- Old Man Mose
- On the Sunny Side of the Street
- Perdido Street Blues
- Rockin' Chair
- Some of these Days
- Song of the Islands
- St. Louis Blues
- Sweethearts on Parade
- Swing That Music
- Swing You Cats
- Tiger Rag
- Tight Like This
- West End Blues
- What Is This Thing Called Love!
- When It's Sleepy Time Down South
- When you are Smiling
- You are My Lucky Star
Würdigung
Kein anderer Musiker hat so viel Tribut geleistet wie Louis, er ist die größte lebende Kraft, die wir im Jazz haben. Er ist eine musikalische Revolution in einer Person, der das ganze Musikgeschäft beeinflusst hat, sowohl instrumental als auch vokal. Satch hat für jedermann den Anfang gesetzt. (Lionel Hampton)
Louis Armstrong wird als wird als "Vater des Jazz" oder "King of Jazz" verehrt. Er hat dieser Musik in entscheidenden Phasen ihrer Geschichte immer wieder neue Impulse gegeben und sie durch seine Persönlichkeit geprägt. Louis Armstrongs zentrales Anliegen war es dabei immer, die Menschen mit seiner Musik glücklich zu machen (Die Musik muss aus dem Herzen kommen). Daher maß er auch Melodie und Ausdruck mehr Bedeutung als dem Rhythmus bei und lehnte aus diesem Grund beispielsweise den Bebop vehement ab.
Die künstlerische Revolution Louis Armstrongs bestand darin, dass er den Solisten erstmals aus der Gruppe des Ensembles heraushob und ihm damit einen völlig neuen Stellenwert und eine eigene neue Identität verschaffte. Damit hat er den Weg für die zukünftigen Entwicklungen im Jazz erst geschaffen.
Viele der Armstrong-Songs sind autobiografisch. Das bekannteste Beispiel hierfür ist vielleicht der Song I'll be glad, when you are dead, you rascal, you!, der sich direkt auf einen diskriminierenden rassistischen Zwischenfall in Memphis 1931 bezog. Doch auch die Erlebnisse seiner Kinder- und Jugendzeit, die von Armut und harter Arbeit gekennzeichnet waren, wurden in Songs wie dem Coal Cart Blues porträtiert.
Louis Armstrongs Leben war ohne Musik nicht denkbar: Für mich ist die Musik so notwenig wie die Luft, die ich einatme. Wenn ich singe oder meine Trompete spiele, so ist es für mich nicht anders, als wenn ich eine Rede hielte, die Zeitung läse oder eine Liebeserklärung machte... Dabei blieb er ein einfacher Mensch, der seine Kunst als Dienst am Publikum verstand. Die Menschen zollten ihm dafür über die Jahre Respekt mit dem liebevollen Spitznamen Satchmo - entstanden aus einem akustischen Missverständis von "Satchelmouth" (satchel = Tasche, Beutel; mouth = Mund; gemeint war damit "ein Mund, der so groß wie eine Tasche ist" als Anpielung auf Armstrongs breiten Unterkiefer und seinen großen Mund).
Jazz-Lexikon
Sidney Bechet (1897-1959)
wurde bereits in jungen Jahren als musikalisches Wunderkind auf der Klarinette gefeiert; sein Instrumentalstil auf der Klarinette und dem Sopran-Saxophon (später sein bevorzugtes Instrument) prägte die verschiedensten Bands, in denen er spielte; Bechet galt als Meister der Improvisation; in den 1940er Jahren eine zentrale Figur in der Bewegung des Dixieland-Revival.
Lillian, genannt Lil, Hardin-Armstrong (1898/1902-1971)
war die bedeutendste Musikerin in den Frühtagen des Jazz als Pianistin, Komponistin, Sängerin und Arrangeurin; sie leitete eine eigene Band im Dreamland Café in Chicago sowie in den 1930er Jahren u. a. die All Girl Band; als zweite Ehefrau Louis Armstrongs war sie der entscheidende Motor seiner Karriere und bewegte ihn, sich künstlerisch auf eigene Füße zu stellen.
James Fletcher Henderson (1897-1952)
leitete in den 1920er Jahren mit seinem Fletcher Henderson Orchestra eine der erfolgreichsten afroamerikanischen Jazz-Bands und war in den 1930er Jahren wesentlich an der Entwicklung des Swing-Stils beteiligt; nach der Auflösung des Orchesters im Jahr 1939 war er Mitglied im Benny Goodman Orchestra, das sich zu einem der erfolgreichsten Ensembles der Swing-Ära entwickelte.
Earl Hines (1903-1983)
Jazzpianist, der zuerst in den 1920er Jahren bekannt wurde, musizierte 1926 erstmals mit Louis Armstrong zusammen; war Mitglied der Hot Five und Hot Seven sowie der Louis Armstrong All Stars.
Geary Bunk Johnson (1889-1949)
war ein Pionier des frühen Jazz, die einen großen Einfluss auf verschiedene Jazz-Musiker in New Orleans, u. a. auch Louis Armstrong, hatte; er spielte zu Beginn des 20. Jh.s im Superior Orchestra, später in der bekannten Black Eagles Band.
Guy Lombardo (1902-1977)
war der bekannteste Bigband Leader der Swing-Ära; seine Musik wurde als "the sweetest music this side of heaven" (die süßeste Musik auf dieser Seite des Himmels) charakterisiert; er leitete von 1929 bis 1976 mit seinem 1916 gegründeten Orchester Royal Canadians im New Yorker Hotel Waldorf Astoria ein musikalisches Silvester-Programm, das sich zu einer Art Institution entwickelte; sein Repertoire zählte mehr als 500 Schlager.
Fate Marable (1890-1947)
war eine der bedeutendsten Persönlichkeiten in den ersten Tagen des Jazz; er leitete verschiedene Bands auf den Mississippi-Vergnügungsdampfern, die ein ideales musikalisches Training für zukünftige Größen wie Louis Armstrong, King Oliver oder Johnny Dodds waren.
Joe King Oliver (1885-1938)
war eine der bedeutendsten Persönlichkeiten in den frühen Tagen des Jazz; er prägte den Stil des Hot Jazz, war Lehrer und Mentor von Louis Armstrong und arbeitete zeitweise in Kid Ory's Creole Orchestra; 1922 gründete er seine eigene King Oliver's Creole Jazz Band, die sich bald zu einem der besten Ensembles entwickelte.
Edward Kid Ory (1886-1973)
war der bekannteste und bedeutendste Posaunist der frühen Jazztage; von 1912-1919 leitete er mehrere populäre Bands in New Orleans, ab 1919 Kid Ory's Creole Orchestra, mit dem er 1922 als erster schwarzer Jazzband Schallplattenaufnahmen machte.
Luis Russell (1902-1963)
wanderte um 1920 von Panama nach Amerika ein, wo er sich in New Orleans zunächst eine Existenz als Pianist aufbaute; Mitte der 1920er Jahre spielte er als Pianist in King Oliver's Creole Jazz Band in Chicago; 1927 gründete sein eigenes Luis Russell Orchestra, mit dem er einige der ersten und wichtigsten Aufnahmen der Swing-Ära machte; in den 1930er Jahren arbeitete er mit Louis Armstrong zusammen, für den das Orchester als Hintergrundband fungierte.
Bessie Smith (1895-1937)
war die größte klassische Blues-Sängerin der 1920er Jahre; ihre Aufnahme von Gulf Coast Blues und Down Hearted Blues aus dem Jahr 1923 verkaufte sich allein 750 000 Mal; sie arbeitete in den 1920er Jahren u.a. mit Fletcher Henderson, Don Redman und Louis Armstrong zusammen; die Einspielung des St. Louis Blues mit Armstrong gehört zu einem der Meilensteine in der Geschichte des Jazz; in den 1930er Jahren arbeitete sie mit Jack Teagarden und Benny Goodman zusammen.
Erskine Tate (1901-1975)
Geiger und Bandleader, der zwischen 1919 und 1928 im Vendome Theatre in Chicago musizierte; zeitweise arbeiteten Louis Armstrong und Lil Hardin-Armstrong mit ihm; vom Vendome Orchestra existieren aus dem Jahr 1926 beispielhafte Einspielungen des frühen Swing-Stils.
Thomas Fats Waller (1904-1943)
spielte als Sohn eines Priesters zunächst als Organist in der Kirche; er gewann 1918 einen Talentwettbewerb und baute sich in den 1920er Jahren eine Karriere als Organist in den Kinos auf, wo er bei Vaudeville-Vorführungen musikalische Untermalung bot; er schrieb die Musik zum Broadway-Erfolg Hot Chocolates mit dem bekannten Song Ain't Misbehavin'; Durchbruch als Sänger und Pianist 1934.
Bibliografie:
- Louis Armstrong: My Life in New Orleans, 1952
- Louis Armstrong: Swing That Music, 1936
- Laurence Bergreen: Louis Armstrong. Ein extravagantes Leben, Haffmanns Verlag, Zürich 2000
- James L. Collier: Louis Armstrong, Lübbe Verlag, Bergisch Gladbach 1987
- Abbi Hübner: Louis Armstrong. Sein Leben, seine Musik, seine Schallplatten, OREOS Verlag, Waakirchen 1994
- Arrigo Polillo: Jazz. Die neue Enzyklopädie, Mainz 2007
- Stephan Schulz: What a Wonderful World - Als Louis Armstrong durch den Osten tourte, Berlin 2010
- Ilse Storb: Louis Armstrong (rororo monographie Nr. 443), Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek 1989









0 Kommentare