Madrid
Madrid
Der Reiz Madrids liegt nicht in äußerlichen Attributen, sondern in der außerordentlichen Vitalität begründet, einer charakteristischen Eigenschaft, die die Stadt seit dem 17. Jahrhundert kennzeichnet, als sie sich zu einer bedeutenden Metropole entwickelte. Obwohl die Stadt möglicherweise auf eine über einer prähistorischen Stätte errichtete römische Siedlung zurückgeht, war sie bis zur maurischen Zeit unbedeutend. Die Mauren erbauten auf einem ausgedehnten steilen Bergkamm, der sich über dem Fluss Manzanares erhebt, einen Alcázar (Festung). Die Festung bekam den Namen Majerita, was bezug zum heutigen Stadtnamen hat. Nach der Eroberung durch die Christen im Jahr 1083 begann der lange Schlaf Madrids, das 1561, als Philipp II. (1527-1598) beschloss, den Ort zum ständigen Sitz seines Hofes zu machen, lediglich eine öde Provinzstadt war. Nachdem sein erster Enthusiasmus erloschen war, konzentrierte er sich eher auf den Bau des Klosters und des Palastes von El Escorial am Südhang der Sierra de Guadarrama als auf die neue Hauptstadt.
Der Bau des El Escorial nordwestlich von Madrid dauerte über zwanzig Jahre von 1563 bis 1584. Das Klosterschloss ist seit Karl V. Grabstätte der spanischen Könige und mit einer wertvollen Bibliothek und reichen Kunstschätzen ausgestattet.
Unter den Nachfolgern Philipps II. begann sich Madrid mit großer Geschwindigkeit auszudehnen. Im frühen 17. Jahrhundert rühmte es sich einer Bevölkerung, die größer war als die der meisten europäischen Städte und eines im ganzen Land unerreichten kulturellen Lebens. 1605 wurde in Madrid ein Roman veröffentlicht, der Spanien einen Platz auf der literarischen Landkarte Europas bescherte: "Don Quijote" von Miguel de Cervantes Saavedra (1547-1616). Bald danach zog der Maler Diego Velázquez (1599-1660) von Sevilla nach Madrid, eine Entscheidung, die auch von vielen seiner Kollegen aus dem Süden getroffen werden sollte. Zur gleichen Zeit wurde das Erscheinungsbild Madrids radikal verändert. Zahlreiche imposante Gebäude und Plätze entstanden, von denen viele bis heute erhalten geblieben sind.
Eine der größten Touristenattraktionen aus dieser Periode ist die Plaza Mayor, ein großer, einfacher, völlig von Arkadenhäusern eingeschlossener Platz, der unter anderem Schauplatz von Ketzerverbrennungen und Stierkämpfen war.
Um die nahe gelegene Plaza Puerta del Sol, ein Platz, der einst die südöstliche Stadtgrenze markierte, entstand der kommerzielle Mittelpunkt Madrids. Während die Plaza Mayor heute in erster Linie einen Anziehungspunkt für Touristen darstellt, ist die Puerta del Sol immer noch der lärmende und lebhafte Treffpunkt, den ein Reisender im 17. Jahrhundert mit einer "Meeresbucht, immer in Bewegung" verglich. Ein weiterer faszinierender und schöner Platz ist der Plaza de la Cibeles. Er entstand 1792-1895 . Neben einer Skulptur einer Meeresgöttin und eines Löwen befindet sich hier das 1904 erbaute Hauptpostamt im sog. Wiener Stil. Nicht zu vergessen ist der Kybelebrunnen. Der Brunnen ist heute eines der Wahrzeichen der Stadt und nachts eindrucksvoll beleuchtet.
Aufgrund des rapiden Wachstums der Stadt wurde Madrid mit extremen Gegensätzen zwischen reich und arm konfrontiert. Die Kriminalität und der Gestank von Madrid waren berüchtigt. Es dauerte jedoch bis zur Herrschaft des aufgeklärten Königs Karl III. (1716-1788), bis schließlich Reformen zur Verbesserung der städtischen Infrastruktur eingeleitet wurden, darunter die Installierung einer Kanalisation. Dieser König ließ auch ein königliches Anwesen an der östlichen Peripherie der Stadt zu einem öffentlichen Park (den Retiro) gestalten, der auch heute noch als eine der prächtigsten städtischen Parkanlagen Europas gilt. Zur Lebzeit Carl III wurde auch der Königspalast im Jahre 1764 fertiggestellt. Heute lebt die königliche Familie zwar nicht mehr hier, der Palast wird aber noch für Staatsempfänge benutzt. In den wenig zugänglichen Räumen befinden sich Werke von Tiepolo, Lucas Jordan, Mengs und Goya. Die Waffensammlung gilt als einer der bedeutendsten der Welt. Direkt am Königspalast befindet sich die Kathedrale de la Almudena. 1879 wurde die Kirche unter Alfons XI entworfen und lehnt sich an den Baustil des 13. Jahrhunderts an. 1944 wurde der Bau im klassizistischen Stil weitergeführt. 11 Jahre später wurde der Kreuzgang erbaut. Erst 1993 wurde die Kirche San Idriso vom Papst Johannes Paul II geweiht und kann sich seitdem Kathedrale nennen.
Karl III veranlasste des weiteren den Bau des Prado, der zu den berühmtesten Kunstmuseen der Welt zählt. Als Spanien im 19. Jahrhundert als Urlaubsziel in Mode kam, neigten die damaligen Touristen dazu, Madrid aus dem gleichen Grund zu besuchen wie die heutigen zur Besichtigung des Prado. Das Museum ist mit rund 3000 Werken spanischer, italienischer, französischer, niederländischer und deutscher Maler eine der bedeutendsten Galerien der Welt. In der gleichen Straße, wie das Prado befindet sich das Thyssen Museum. Das erst 1992 eröffnete Museum stellt über 775 Bilder jeder Kunstepoche vom Mittelalter bis zur Gegenwart aus. weiteres bekanntes Kunstmuseen ist das Museo Reina Sofia, welches auf einer Ausstellungsfläche von 12 500 m2 verschiedene berühmte Künstler darstellt. In dem Museum befindet Picassos weltberühmtes Guernicas und die Künster Miro, Dali und Juan Gris haben jeweils eigene Säle.
Zu Beginn unseres Jahrhunderts wurde ein großer Teil des alten Zentrums von Madrid durch den Bau der Gran Via zerstört. Das kulturelle Leben der Stadt war jedoch in dieser Periode durch eine bemerkenswerte Lebendigkeit gekennzeichnet. Zahlreiche Schriftsteller und Künstler der Stadt - wie der Dichter Federico García Lorca, der Maler Salvatore Dalí und der Filmregisseur Luis Bunuel - engagierten sich in der Residencia de Estudiantes, einer zukunftweisenden Bildungseinrichtung. Der kulturelle Aufbruch dieser Jahre fand mit dem Spanischen Bürgerkrieg von 1936-1939 ein Ende.
Mit dem Tod Francos im Jahr 1975 stellte sich in Madrid wieder die frühere Lebhaftigkeit ein, und die Stadt begann wieder eine wichtige Rolle in der modernen Gesellschaft zu spielen. Die breite Hauptverkehrsstraße, die nun wieder ihren ursprünglichen Namen, Castellana, führt, schmücken seit einigen Jahren herrlich fantasievolle und anmutige Reihen neu errichteter Gebäude. Madrid ist auch zu einem bedeutenden Modezentrum geworden, eine Stadt, die im gesamten Spanien für ihre "Movida" oder Trendsetter bekannt ist. Vor allen Dingen ist Madrid wieder eine Stadt, in der - mit den Worten Hemingways - "niemand zu Bett geht, bevor er die Nacht nicht hinter sich gebracht hat". Um die ganze Vielfältigkeit Madrids zu erleben, muss man lediglich in einer Sommernacht die Castellana aufsuchen, dann trifft man auf eine große, aus Menschen jeden Alters bestehende Menge, die sich bis zum Anbruch der Morgendämmerung bummelnd und plaudernd amüsiert. Kaum eine andere europäische Stadt verfügt über solch ein intensives Straßenleben wie die geschichtsträchtige spanische Hauptstadt.
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Bibliografie:
- T. Büscher: Madrid und Umgebung, 2005
- M. Garcia Blázquez, A. M. Hälker: Madrid, 2006
- A. Dieterich: Der Prado in Madrid, 1991
- H. P. Siebenhaar: Madrid & Umgebung. Reisehandbuch mit vielen praktischen Tipps, 2005









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