Maria Callas
Biografie
Kindheit und Jugend
Musik liegt in der Familie Kalogeropoulos sozusagen in der Luft: Marias Tanten Sophia und Pipitsa sind begabte Instrumentalistinnen auf der Gitarre bzw. Mandoline und ihre Onkel Filon und Efthimios verfügen über bemerkenswerte Stimmen. Die herausragende musikalische Gestalt dieser Familie ist jedoch Marias Großvater Petros, die Personifikation des Gesangs, der im Balkankrieg als der "Singende Kommandant" berühmt geworden war.
Marias Mutter Evangelia hat selbst künstlerische Ambitionen als Schauspielerin, doch nach dem Ende des 1. Weltkriegs erscheint ein solcher Wunsch völlig absurd. So beschreitet sie statt dessen den gutbürgerlichen Weg der Ehefrau und Mutter und heiratet den Chemiker George Kalogeropoulos. 1917 wird ihr erstes Kind, die Tochter Yacinthy, genannt Jackie, geboren und drei Jahre später kommt ihr Sohn Vasily zur Welt, der jedoch bereits 1923 während einer Typhus-Epidemie stirbt. Der Tod dieses von beiden Eltern über alles geliebten Sohnes errichtet zwischen den beiden Ehegatten eine unüberwindliche Mauer, so dass George schließlich die einzige Lösung dieser Situation in einem Ortswechsel zu finden glaubte, und so emigrierte die kleine Familie 1923 nach Amerika. Evangelia, die nicht nur von ihrem Ehemann vor vollendete Tatsachen gestellt worden ist, sondern auch äußerst widerwillig ihre Heimat verlässt, hat große Schwierigkeiten, sich in dem neuen Land heimisch zu fühlen.
Wenige Monate später wird am 2. Dezember 1923 ihr drittes Kind, Cecilia Sophia Anna Maria, geboren. Doch die Freude über die Ankunft des neuen Erdenbürgers hält sich in Grenzen, hatten doch sowohl George als vor allem auch seine Frau Evangelia ohne nur eine Sekunde zu zweifeln fest an die Geburt eines Sohnes geglaubt, in dem der tote Vasily sozusagen wiederauferstehen könne. Als Evangelia schließlich nach der Geburt eine Tochter in die Arme gelegt wird, wendet sie sich spontan ab, und erst einige Tage später kann sie der Realität und damit ihrer kleinen Tochter in die Augen sehen und sie als ihr Kind akzeptieren.
Als die Familie sich in der 'Neuen Welt' langsam zu etablieren beginnt und damit die finanzielle Situation gesichert ist, folgt nicht nur ein Umzug in eine renommiertere Wohngegend, sondern eröffnen sich auch Möglichkeiten für eine musikalische Förderung der Kinder. Und so halten bald ein Pianola und ein Grammophon Einzug in das Haus der Familie Kalogeropoulos, die sich ab 1930, in dem Jahr, als Maria getauft wird, ihren Namen amerikanisiert und in "Callas" umwandelt.
Die Wurzeln für Marias private Tragödie liegen bereits in ihrer Kindheit. Obwohl Evangelia am Ende das Schicksal in Gestalt ihrer zweiten Tochter akzeptiert, bleibt Maria doch zeitlebens das so genannte fünfte Rad am Wagen; sie muss nicht nur die emotionale Bevorzugung ihrer Schwester Jackie verkraften, sondern bleibt auch physisch hinter der attraktiven Schwester zurück. Daraus entwickelt sich eine Art Hass-Liebe zur Schwester: Einerseits neidet sie ihr die Vorzüge der Gestalt und die uneingeschränkte Liebe der Mutter, andererseits tut sie alles, um an diesem Leben zumindest teilzuhaben und wünscht sich nichts sehnlicher, als die Qualitäten ihrer Schwester zu besitzen.
Das Jahr 1929 ist nicht nur im privaten Leben der Familie Callas ein tragisches, erleidet doch Maria in diesem Jahr einen schweren Unfall, nach dem ihr Leben auf Messers Schneide steht, sondern bleibt der Weltöffentlichkeit als Schwarzer Freitag in Erinnerung, der innerhalb von Sekunden ganze Familien und Unternehmen in den Ruin treibt. Auch George Callas bleibt von den Ereignissen nicht verschont, und so muss er seine inzwischen erfolgreich etablierte Apotheke schließen. Die folgenden Jahre sind von finanziellen Schwierigkeiten überschattet, die das ohnehin getrübte Verhältnis der Eheleute noch weiter strapazieren. Dass Evangelia in dieser prekären wirtschaftlichen Lage auf den wöchentlichen Ballett- und Klavierstunden für ihre beiden Töchter besteht, lässt die Situation beinahe eskalieren. Ein ums andere Mal werden darüber Debatten geführt, aber Evangelia bleibt hart und setzt sich mit ihrem 'Spleen' letztendlich durch.
Eine erste Ahnung von dem noch schlummernden Talent ihrer jüngsten Tochter muss Evangelia bekommen haben, als sich im Mai 1934 etwas Außerordentliches ereignete: Während Maria sich am Klavier selbst zu "La Paloma" begleitet, sammelt sich unter dem geöffneten Fenster allmählich eine kleine Menschenmenge an, die sich erst wieder auflöst, als Maria ihren Gesang beendet hat. Von dem Moment an ist für Evangelia die Zukunft ihrer jüngsten Tochter kristallklar: Sie (Evangelia) wird Alles daran setzen, um aus ihr eine der größten Sängerinnen ihrer Zeit zu machen und ihr damit gleichzeitig nicht nur zu Ruhm und Anerkennung, sondern auch zu Reichtum und Glück zu verhelfen, Komponenten, die für Evangelia untrennbar und in einer logischen Konsequenz miteinander verbunden waren.
Maria gewinnt in den nächsten Jahren auf lokaler Ebene verschiedene Gesangswettbewerbe und ist aus dem musikalischen Leben ihrer Umgebung nicht mehr wegzudenken. Bald macht sie jedoch auch landesweit - so in einem nationalen Rundfunkwettbewerb und in einer Kindershow in Chicago - auf sich aufmerksam.
Nach diesen ersten Erfolgen wird Maria von ihrer Mutter in den nächsten Jahren erbarmungslos von Wettbewerb zu Wettbewerb getrieben. Schon sehr bald realisiert Maria, dass Singen die einzige Möglichkeit darstellt, nicht nur liebevolle Zuwendung von ihrer Mutter, sondern auch öffentliche Anerkennung zu erhalten, die sonst nur ihrer attraktiven und beliebten Schwester vorbehalten ist. Trotzdem sollte sie noch lange Zeit die Minderwertigkeitskomplexe gegenüber ihrer Schwester durch maßloses Essen zu kompensieren versuchen. Erst Ende der 1950er Jahre entscheidet sie sich plötzlich zu einer drastischen Schlankheitskur.
Doch alle Demütigungen und bitteren Erfahrungen machen Maria zu einer Kämpferin, die von da an ihr Leben kompromisslos nur auf ein einziges Ziel hin ausrichtet: eine geachtete Persönlichkeit zu werden. Und da ihre Stimme offenbar ihr Schicksal und ihre von Gott geschenkte Gabe ist, sollte sie das Medium sein, durch das ihr diese Achtung zuteil würde. Maria Callas sollte sich die nächsten zwanzig Jahre ihres Lebens dem Programm, die weltbeste Sängerin zu werden, unterwerfen.
Sängerische Lehrjahre
Nach Beendigung der für Maria höchst unerquicklichen Schulzeit im Januar 1937 entscheidet Evangelia, mit den beiden Töchtern nach Griechenland zurückzukehren, denn nur dort glaubt sie Maria die richtige musikalische Ausbildung ermöglichen zu können. Es ist Marias erster Besuch in ihrer griechischen Heimat und sie fühlt sofort mit jeder Faser ihres Körpers, dass hier ihre Wurzeln liegen.
Doch Evangelias hoffnungsvolle Erwartungen erhalten schon bald einen schweren Dämpfer. Nicht nur dass die Familie nicht sonderlich von ihren Absichten angetan ist - Singen ist die unterste Stufe auf der sozialen Leiter und nur dann akzeptabel, wenn es von überdurchschnittlichem Erfolg gekrönt ist -, sondern auch die Bemühungen um einen Studienplatz am Konservatorium scheitern zunächst, weil Maria noch nicht das erforderliche Alter von 16 Jahren erreicht hat. Durch Vermittlung ihres Onkels Efthimios erhält Maria schließlich jedoch die Chance zu einem Vorsingen bei der renommierten Solistin Maria Trivella, Lehrerin am Athener Konservatorium, die von dem offensichtlichen Talent der jungen Sängerin so überwältigt ist, dass sie sie spontan als Schülerin akzeptiert. Darüber hinaus verschafft sie Maria, durch Fälschung ihres Geburtsjahres (1920 statt 1923) die Möglichkeit zu einem Stipendium des Konservatoriums.
Maria Trivella sollte in den nächsten Monaten nicht nur einen unschätzbaren musikalischen Einfluss auf die junge Maria haben, sondern schon bald vor allem auch menschlich zu einer wichtigen Persönlichkeit und Bezugsperson für die der von ihrer Mutter grenzenlos und kaltherzig dominierte junge Künstlerin werden. Tag und Nacht arbeitet Maria nun mit beinahe verbissener Konsequenz und entwickelt einen krankhaften Ehrgeiz, immer die beste zu sein.
Doch die Anstrengungen der harten Arbeit sind von Erfolg gekrönt: Bei einer Studenten-Aufführung der Oper "Cavalleria Rusticana" von Pietro Mascagni singt Maria die Rolle der Santuzza. Der Applaus nach der Aufführung vermittelt ihr erstmals das später sehr ausgeprägt vorhandene Gefühl "Ich arbeite, also bin ich".
1939 entscheidet Evangelia Callas, dass es für ihre Tochter Zeit für einen Lehrerwechsel ist und arrangiert ein Vorsingen bei der berühmten Sopranistin Elvira de Hidalgo, die sofort das ungeheure Potential der jungen Sängerin erkennt und Maria als Schülerin akzeptiert. Elvira de Hidalgo (1892-1980) hatte 1908 in Neapel ihr gefeiertes Debüt in Rossinis "Barbier von Sevilla" gegeben und war danach an allen großen Opernhäusern Europas sowie an der New Yorker MET zuhause gewesen; seit 1936 lehrte sie am Athener Konservatorium Odeon Athenon. Elvira de Hidalgo sollte die bedeutendste Lehrerin der jungen und ehrgeizigen Maria Callas werden und darüber hinaus über die nächsten Jahrzehnte die engste menschliche Bezugsperson darstellen, in der Maria Callas erstmals eine Mutterfigur und menschliche Wärme finden kann. Schon bald ist Elvira de Hidalgo die wichtigste Person in ihrem Leben, und in demselben Maße wie sich diese Beziehung intensiviert, kühlt sich das Verhältnis nicht nur zu ihrer leiblichen Mutter, sondern zu ihrer gesamten Familie ab.
In den nächsten Jahren entwickelt Elvira de Hidalgo die zunächst auf einen recht kleinen Tonumfang beschränkte Stimme sowohl in der Höhe als auch in der Tiefe, lehrt Maria den bewussten Einsatz der erforderlichen Muskeln und fördert ihre dramatische Gestaltungskraft. Gemeinsam studieren sie alle großen Opernrollen, mit denen Maria Callas in Zukunft Furore machen sollte. Elvira de Hidalgo prägt jedoch auch Maria Callas' Vorstellung von dem Klang einer schönen Stimme, die weit mehr beinhaltet als bloßes Belcanto und das Beherrschen einer Gesangstechnik. Sie lehrt Maria, dass Präzision und Disziplin ebenso wichtige Voraussetzungen für den Erfolg einer Sängerin sind wie Talent und musikalische Gestaltung.
1941 ist es dann soweit: Maria Callas debütiert am 21. Januar am Königlichen Theater von Athen in der Rolle der Beatrice in Franz von Suppés Operette "Boccaccio". Zwar sind die euphorischen Begeisterungsstürme noch weit entfernt, aber das Publikum beschert der jungen Sängerin mit einem warmen Applaus bereits einen ersten Achtungserfolg. Maria Callas fühlt sich erstmals voll als professionelle Sängerin akzeptiert.
Glanzvolles Operndebüt
Zu ihrer ersten bedeutsamen Rolle wird ein Jahr später Tosca in der gleichnamigen Oper von Giacomo Puccini, als sie am 27. August 1942 wiederum im Athener Königlichen Theater für die plötzlich erkrankte Sopranistin einspringen muss. An diesem Abend etabliert Maria Callas ihren Ruf nicht nur als dramatische Sängerin ersten Ranges, sondern auch als temperamentvolle und unberechenbare "Tigerin Callas", die sich unmissverständlich und tätlich zu wehren weiß, als der Ehemann der erkrankten Solistin Maria daran hindern will, die Bühne zu betreten.
Ein Jahr später wird ihr die Rolle der Tosca erneut angeboten, diesmal nicht als Ersatz für eine andere Sängerin. Maria festigt ihren Ruf als außerordentliche Sängerin, sodass nach einigen Aufführungen Menschen von weit her zu Fuß nach Athen pilgern, um das neue Stimmwunder zu erleben.
Internationaler Durchbruch
Der internationale Durchbruch gelingt Maria Callas am 22. April 1944, als sie nach einer Zeit intensivster Proben mit dem Dirigenten Leonidas Zoras die Titelrolle der Marta in der griechischen Erstaufführung von Eugène d'Alberts Oper "Tiefland" zum Leben erweckt. Das Publikum spendet ihr am Ende stehende Ovationen und die Presse, insbesondere die deutschsprachige, würdigt das außergewöhnliche Ereignis auf ihren Titelseiten.
Zu einem denkwürdigen Ereignis anderer Art wird die Gestaltung der Figur der Leonora in Beethovens Oper "Fidelio" am 14. August 1944 im Athener Amphitheater Herodes Atticus. Diese Aufführung erhält unter dem Blickwinkel der wenige Wochen vorher erfolgten Landung der Alliierten in der Normandie am 6. April eine ungewöhnliche historische Aktualität. Angesichts der in naher Zukunft erwarteten Befreiung durch die Alliierten erhält die Figur der Leonora, deren Liebe letztendlich über alle Widrigkeiten des Lebens siegt, eine Brisanz und Intensität, die das Publikum im Innersten ergreift und am Ende zu tumultartigen Beifallsbekundungen führt.
Amerika
Als Marias Vertrag mit der Athener Oper 1944 nicht erneuert wird, sucht sie neue sängerische Herausforderungen. Entgegen dem Rat ihrer mütterlichen und sonst widerspruchslos als Autorität akzeptierten Lehrerin, die ihre Schülerin in die Heimat der Oper, nach Italien, schicken will, bricht Maria im September 1945 nach Amerika auf. Ohne festes Engagement und kaum einen Pfennig Geld in der Tasche betritt sie wenige Wochen später amerikanischen Boden und ist erleichtert und zu Tränen gerührt, als ihr in der fremden Welt nach acht Jahren der Trennung plötzlich ihr Vater gegenüber steht, der ihr für die nächsten Monate ein bescheidenes Zuhause bieten kann.
Künstlerisch werden die ersten Monate für die vom Erfolg verwöhnte junge Sängerin zu einer Betteltour und tiefen Enttäuschung. Sehr bald muss sie der bitteren Wahrheit ins Auge blicken, dass Erfolge an einem Athener Opernhaus keine Eintrittskarte in die Elite der Opernwelt bedeuten. Doch nach der ersten Niedergeschlagenheit erwacht die Kämpfernatur in Maria Callas wieder zum Leben. Im Januar 1946 trifft sie nicht nur auf ein offenes künstlerisches Ohr bei dem Agenten Eddie Bagarozy und seiner Frau Louise Caselotti, sondern erhält endlich auch einen Vorsingtermin bei dem Manager der Metropolitan Opera, Edward Johnson, der ihr anschließend spontan die Titelrollen in Beethovens "Fidelio" und Puccinis "Madame Butterfly" anbietet. Doch zum allgemeinen Erstaunen und Unverständnis lehnt Maria Callas diese Offerte ab, weil sie "Fidelio" nicht in Englisch singen will und sich für die zarte Figur der Cio-Cio-San, genannt Butterfly, physisch als Fehlbesetzung empfindet.
Ihre Chance für ein amerikanisches Operndebüt kommt schließlich 1947, als Bagarozy ein ehrgeiziges Projekt in Angriff nimmt: er will die Chicagoer Oper wieder zum Leben erwecken. Zu diesem Zweck gründet er die United States Opera Company, für die er vornehmlich europäische Sänger und Musiker verpflichtet. Für die von Publikum und Presse gleichermaßen mit Spannung erwartete Eröffnung des Opernhauses wählt Bagarozy Puccinis letzte Oper "Turandot", die in Amerika zwanzig Jahre lang nicht mehr auf den Spielplänen gestanden hatte, mit Maria Callas in der Titelrolle. Doch Probleme mit der amerikanischen Sänger-Union bereiten dem Unternehmen kurz vor der Premiere ein unerwartetes Ende.
Verona
Wieder steht Maria vor dem künstlerischen Nichts, doch die Zusammenarbeit mit Nicola Rossi-Lemini, Tullio Serafins Schwiegersohn, während der Proben zu "Turandot" öffnet ihr schließlich eine neue Tür und verschafft ihr die Titelrolle der Gioconda in Ponchiellis "Tanz der Stunden" bei den Festspielen von Verona.
Verona sollte zweifach zum Schicksal für Maria Callas werden. Da ist zunächst die Zusammenarbeit mit dem Dirigenten Tullio Serafin (1878-1968), die für die junge Sängerin zu einer Offenbarung wird und sie zeitlebens künstlerisch prägt: "Er lehrte mich, dass Alles von Ausdruck und einem Sinn getragen sein muss ... Ich saugte Alles in mich auf, was dieser Mann mir geben konnte." Doch das Publikum ist noch nicht reif für die neuartige dramatische Gestaltungskraft der Callas-Stimme, die Schönheit dem Ausdruck unterordnet, und so erntet sie in Verona nicht mehr als einen Achtungserfolg.
Doch Tullio Serafin ist so sehr von der Stimme und außergewöhnlichen Begabung Maria Callas' überzeugt, dass er ihr ein Engagement am renommierten Teatro La Fenice in Venedig verschafft, wo die Sängerin als Isolde in Wagners Oper "Tristan und Isolde" sowie in Puccinis "Turandot" brilliert. Die musikalische Fachwelt streitet sich zwar immer noch über die sängerischen Qualitäten Marias, aber ihr Aufsteig zu einer der gefeiertsten Primadonnen ihrer Zeit und schließlich zur Primadonna assoluta ist nicht mehr aufzuhalten.
Darüber hinaus sollte das italienische Intermezzo auch private Konsequenzen haben, denn in Verona lernt Maria Callas den Opernliebhaber und Industriellen Giovanni Battista Meneghini kennen, der sofort von der Künstlerin und Frau gleichermaßen fasziniert ist. Zwei Jahre später sollte er sie zu seiner Ehefrau machen.
Norma
Zu der Rolle ihres künstlerischen Lebens sollte von dem Moment an, wo sie sie zum ersten Mal sang, die Norma in Vincenzo Bellinis gleichnamiger Oper werden. Wieder ist es Tullio Serafin, der mit Maria Callas zusammenarbeitet. Ihr Debüt in dieser Rolle, die sie im Laufe ihres Lebens insgesamt 89-mal singen sollte, am 30. November im Teatro Comunale in Florenz lässt erstmals die musikalische Fachwelt aufhorchen und das neuartige Talent als aufblühenden dramatischen Stern am Opernhimmel erahnen: "Maria Callas war eine neue Sängerin für uns; doch nach ihrem Auftritt im ersten Akt war uns sogleich klar, dass wir einen Sopran von wirklich signifikanten Qualitäten vor uns hatten. ... Callas hat eine Interpretation geboten, die reich ist an subtilen und bewegenden Akzenten von Weiblichkeit." (Gualtiero Frangini in "La Nazione")
Trotzdem sollte Maria Callas zeitlebens nie restlos zufrieden sein mit der Gestaltung dieser Rolle, die ein Höchstmaß an sängerischen und darstellerischen Fähigkeiten von einer Sopranistin verlangt, und immer wieder neue Nuancen der Interpretation ausprobieren.
Musikalische Krisenjahre
Ende der 1950er Jahre beginnt allmählich, zunächst unmerklich, doch sehr bald auch schon deutlich hörbar, der stimmliche Abstieg der Callas. Bereits während ihres Edinburgher Gastspiels im Jahr 1957 in der Oper "La Sonnambula" hatte Maria Callas unüberhörbare stimmliche Probleme. Noch gleicht die dramatisch-schauspielerische Gestaltungskraft dieses Manko aus, doch der Fall der Göttlichen Callas von höchster Verehrung in die Tiefen der Skandalpresse ist rasanter, schneller und nachhaltiger als ihr vormaliger Aufstieg.
Trotzdem gelingt der Callas mit eiserner künstlerischer Disziplin und menschlicher Willenskraft, aus der wieder einmal der Kampfgeist der "Tigerin Callas" spricht, ein Comeback, und für viele Menschen, die sie in den letzten 15 Jahren ihrer künstlerischen Tätigkeit erstmals erleben, bleibt diese Erfahrung trotz gelegentlich auftretender stimmlicher Probleme, deren Ursache nicht zuletzt in einer gnadenlosen Ausbeutung ihrer Stimme in den Glanzzeiten liegt, ein unvergessliches Ereignis. Eine Konzession an ihre eingeschränkten stimmlichen Möglichkeiten bedeutet die Tatsache, dass Maria Callas ab 1959 vornehmlich in Konzerten auftritt. In dieser veränderten musikalischen Arena gelingen ihr dann noch einmal einige ihrer größten sängerischen Triumphe, wie beispielsweise am 11. Juli 1959 in Amsterdam, wo sie sich stimmlich auf dem Niveau ihrer vormaligen Glanzzeiten präsentiert. Eine besondere schauspielerische Leistung präsentiert sie im Jahr 1970, als Pier Paolo Pasolini mit ihr in der Hauptrolle die "Medea" verfilmt.
Onassis
Bereits 1957 hatte Maria Callas erstmals den griechischen Reeder Aristoteles Onassis, der seit langem zu einem der Bewunderer der Diva zählte, auf einer Party kennen gelernt. Doch erst zwei Jahre später sollte es zu der schicksalhaften Begegnung kommen, die in den folgenden Jahren Maria Callas' Leben von Grund auf veränderte.
Am 17. Juni 1959 veranstaltet das Ehepaar Onassis nach der Londoner Premiere von "Medea" eine exklusive Party im Dorchester Hotel, zu der Maria Callas als Ehrengast eingeladen wird. Gut vier Wochen später folgen die Diva und ihr Ehemann einer Einladung des Reeders zu einer Kreuzfahrt auf seiner Yacht "Christina". Das Ende dieser Kreuzfahrt bedeutet für Giovanni Battista Meneghini auch das Ende seiner Ehe, die zwar erst 1971 offiziell geschieden wird, doch in den kommenden mehr als zehn Jahren nur noch auf dem Papier existiert. Aristoteles Onassis scheint nach all den Jahren, in denen die Callas ihr Leben ganz in den Dienst der Kunst und ihrer Stimme gestellt hatte, ein menschliches Gefühl der Liebe und Leidenschaft in Maria geweckt zu haben: "Ich habe keine Lust mehr, zu singen. Ich möchte leben, leben wie eine ganz gewöhnliche Frau." Aus der Diva Callas wird in einer Blitz-Metamorphose die Frau Maria Callas, und so kann es nicht ausbleiben, dass die Frau in den nächsten Jahren die Künstlerin vernachlässigt und daher deren Leistungen merklich nachlassen.
In den nächsten Jahren sorgt das prominente Paar für unzählige Schlagzeilen in der Weltpresse. Sowohl Tina Onassis als auch Giovanni Meneghini reichen die Scheidung ein. Doch schon bald verfliegt der erste Zauber des neuen Lebens, als Aristoteles Onassis sie zur Zielscheibe seiner oft wechselnden Launen macht und sie - zunehmend auch in aller Öffentlichkeit - demütigt. Die tiefste Demütigung erfährt Maria Callas jedoch im Juli 1968, als Onassis ihr, nach einer jahrelang mehr oder weniger geheim gehaltenen Affäre, eröffnet, dass er Jackie Kennedy heiraten wird.
Das letzte Jahrzehnt
Maria Callas ist in den nächsten Monaten eine gebrochene Frau und hat sich wahrscheinlich für den Rest ihres Lebens von dieser Enttäuschung nicht mehr ganz erholt. Doch wie so oft, bietet ihr auch diesmal die Kunst den rettenden Anker. Neben ihrer Tätigkeit als Gesangslehrerin - u. a. an der renommierten Juilliard School of Music in New York - bechreitet sie im Jahr 1973 ganz neue Wege, als sie in Turin ihr Debüt als Opernregisseurin in Verdis "I Vespri Siciliani" gibt. Das ehrgeizige Unternehmen ist jedoch nicht von Erfolg gekrönt.
Maria Callas stirbt 16. September 1977 in ihrer Pariser Wohnung an einer Herzattacke. Vier Tage später wird sie unter großer Anteilnahme der Pariser Bevölkerung und Musikern aus aller Welt nach einem Trauergottesdienst in der Griechisch-Orthodoxen Kirche von Paris und der nachfolgenden Einäscherung auf dem Friedhof Père Lachaise beigesetzt. Im Frühjahr 1979 wurde ihre Asche während einer feierlichen Zeremonie im Ägäischen Meer vor Griechenland verstreut.
Bibliografie:
- Claire Alby, Alfred Caron: Maria Callas - ihre Stimme, ihr Leben, Scherz Verlag, München 1998
- Stelios Galatopoulos: Maria Callas. Die Biographie, S. Fischer Verlag, Frankfurt 1999
- Jürgen Kesting: Maria Callas, Econ-Verlag GmbH, München 1998
- Nadia Stancioff: Callas. Biographie einer Diva, SV International Schweizer Verlagshaus, Zürich 1988
- Arianna Stassinopoulos: Maria Callas, George Weidenfeld and Nicolson Ltd, London 1980
- Gunna Wendt: Meine Stimme verstörte die Leute - Diva assoluta Maria Callas, Knaus, 2006
Institution(en):
- Deutscher Maria Callas Club
c/o Gisela BrinnerSteller Strasse 93
28259 Bremen0421/588485info@callas-club.de - Deutscher Maria Callas Club
- The Maria Callas International Club
John L. PettittHome Farm House
Menston, Ilkley
GB-West Yorkshire LS29 6BB
England - The Maria Callas International Club
- Maria Callas
Associazione Culturalec.p. 574
I-30124 Venezia
Italien









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