Maria Theresia
Maria Theresia
"Das einzige, woran sie jetzt Geschmack findet, ist die Regierung ihres Staates und die Erziehung ihrer Kinder. Sie hat eine erhabene Denkungsart, sie denkt und handelt als Fürstin. Der größte Vorwurf, den man ihr machen kann, ist, dass sie ein gutes Herz hat: Sie sollte etwas weniger freigebig und großmütig sein". Diesen Ratschlag erteilte der spätere preußische Großkanzler Fürst von Kupferberg (1717-1790) einer der bedeutendsten Frauen der Weltgeschichte, der Kaiserin Maria Theresia. Er schrieb diese Charakterisierung um 1755 nieder, als er schon drei Jahre in Wien weilte, um über die Schulden- und Handelsfragen zu verhandeln, die sich aus der Übergabe des von Preußen eroberten Schlesien ergaben.
Als älteste Tochter Kaiser Karls VI. und der Elisabeth Christine von Braunschweig-Wolfenbüttel wurde Maria Theresia am 13. Mai 1717 in Wien geboren. Sie erhielt die standesgemäße Erziehung der Zeit. Sie lernte die Sprachen Latein, Italienisch, Spanisch und Französisch sowie Deutsch, das sie zeitlebens mit einem wienerischem Akzent sprach und schrieb. Auch gehörte zu ihrer Ausbildung neben Mathematik, Geschichte und Religion das Tanzen und Reiten, weibliche Handarbeiten, Musik, Gesang und das Vortragen von Gedichten.

Maria Theresia, die gerne am Spieltisch auch höhere Geldsummen riskierte, lernte früh ihren zukünftigen Gatten kennen und lieben, der als Jagdgefährte zugleich die Sympathie ihres Vaters besaß. Sie heiratete 1736 Herzog Franz Stephan von Lothringen, der in der Folge des Polnischen Thronfolgekrieges (1733-1735) und des Wiener Präliminarfriedens sein Stammland an Frankreich abtreten und gegen das Großherzogtum Toskana (seit 1737) tauschen musste. Der glücklichen Ehe entstammten 16 Kinder, von denen sechs im Kindesalter starben, zehn ihre Mutter überlebten und einige wichtige historische Persönlichkeiten wurden. Neben dem Mitregenten und Nachfolger, Joseph II., wurden auch Großherzog Leopold II. von Toskana (1790-1792 auch Kaiser), Ferdinand, der Gründer des Hauses Österreich-Este (Modena), und Maximilian Franz, der letzte Kurfürst von Köln, herausragende Herrscher. Ihre Tochter Maria Karolina wurde die energische Königin von Neapel-Sizilien, ihre Lieblingstochter Marie Christine Generalstatthalterin der Österreichischen Niederlande. Ihre unglückliche, aber tapfere Tochter Marie Antoinette endete als Gemahlin Ludwigs XVI. während der Französischen Revolution unter der Guillotine.

Zwar hatte Karl VI., der letzte Habsburger im Mannesstamm, 1713 in der Pragmatischen Sanktion die Thronfolge und die Unteilbarkeit des Reiches als unwiderruflichen Staatserlass festgeschrieben und sich somit die weibliche Erbfolge im "Hause Österreich" von fast allen Staaten Europas anerkennen lassen. Jedoch hatte er gehofft, dass die auf den Erstgeborenen eingeschränkte Thronfolge nicht an seine älteste Tochter fällt, sondern noch ein Sohn und Kronprinz geboren wird.
Daher war Maria Theresia bei dem plötzlichen Tod ihres Vaters 1740 nicht auf die Aufgaben einer Herrscherin und die Regierungsgeschäfte vorbereitet. Die Jugend und Unerfahrenheit der erst 23-jährigen Erbin sowie der Reichtum einiger ihrer Länder reizte die Habgier ihrer Gegner, zu denen die Mächte Bayern, Spanien und Preußen zählten und denen sich noch Sachsen, Frankreich und Neapel anschlossen. Nach ihren Plänen sollte sich der Machtbereich Maria Theresias auf Niederösterreich und Ungarn verkleinern. Die Hilfe Englands, Sardiniens und Hollands, vor allem aber die feste Entschlossenheit, ihre Thronfolge und ihr Erbe zu verteidigen, beschränkten den Territorialverlust des Österreichischen Erbfolgekriegs, der durch den Frieden von Aachen (1748) und die Anerkennung der Erbfolge Maria Theresias beendet wurde, auf Schlesien und einige oberitalienische Gebiete. Auch half der jungen Königin von Ungarn (seit 1741) die spontane Unterstützung durch die ungarischen Stände auf dem Reichstag zu Pressburg (1741), die sie trotz deren widerstrebenden Haltung zu überzeugen wusste.
Maria Theresia sicherte ihre und der Habsburger Macht jedoch nicht nur durch ihre Regentschaft als Königin von Ungarn und Böhmen, sondern auch als Gemahlin Franz Stephans, der schon 1745 den Männern vorbehaltenen römisch-deutschen Kaiserthron als Franz I. (Stephan) einnehmen konnte. Aufgrund dieser Ehe wurde das Geschlecht mit dem Namen "Habsburg-Lothringen" weitergeführt, und Maria Theresia erhielt ihm und sich den Kaisertitel. Allerdings lehnte sie eine Krönung zur Kaiserin ab, weil ihr die ererbten Kronen von Ungarn und Böhmen wertvoller erschienen.
Eine Rückeroberung Schlesiens suchte Maria Theresia auf der Grundlage der "Umkehr der Bündnisse" ("Changement des alliances") zu verwirklichen. Diese von Wenzel Anton Kaunitz-Rietberg entwickelte Konzeption führte im Mai 1756 zum Abschluss einer Defensivallianz mit Frankreich (Vertrag von Versailles). Doch kam Friedrich II. von Preußen, auf der Grundlage der "Balance of Power" jetzt unterstützt von England, durch einen erneuten Angriff - diesmal auf Sachsen - zuvor. Allerdings brachte der Siebenjährige Krieg, der 1763 mit dem Frieden von Hubertusburg (1763) ein Ende fand, keine territorialen Korrekturen. Letztendlich verlor Österreich in den als Schlesische Kriege zusammengefassten Angriffen Friedrichs des Großen (1740-1742, 1744, 1756-1763) fast ganz Schlesien (bis zur Oppa) und die Grafschaft Glatz an Preußen.
Mit dem Tod von Maria Theresias Gemahl 1765, übernahm deren Sohn Joseph II. die Kaiserwürde und wurde Mitregent in den habsburgischen Ländern. Augrund der Unterschiede zwischen Mutter und Sohn sowohl im persönlichen Wesen als auch im politischen Denken veränderte sich die Staatsführung. So beteiligte sich Österreich gegen den Willen Maria Theresias an der ersten polnischen Teilung, die von Joseph II. und ihrem Staatskanzler Kaunitz mit Preußen und Russland bewerkstelligt wurde, und erwarb Galizien und Lodomerien (1772). Die Vermittlung eines Friedens zwischen Russland und der Türkei brachte Österreich 1755 die Bukowina ein.
Den von Joseph II. angestrengten Bayerischen Erbfolgekrieg zum Erwerb Bayerns beendete seine Mutter, die jeden Eroberungskrieg ablehnte, hinter seinem Rücken durch den Frieden von Teschen (1779), erwarb jedoch zusätzlich das Innviertel. Notwendigerweise war Maria Theresia bis zum Dresdener Frieden 1745 außenpolitisch engagiert und stark gebunden. Sie hatte - wie sie selbst rückblickend schrieb - "herzhaft agieret, alles hazardieret und alle Kräfte angespannt". Nach diesen bedrohlichen und riskanten Unternehmungen wandte sie ihre "Gedenkensart allein auf das Innerliche deren Länder". Mit dem großen Werk der "Theresianischen Staatsreform" erneuerte die Kaiserin in der Innenpolitik den nur von der Dynastie zusammengehaltenen Länderkomplex der Monarchie Österreich.
Das Ziel im Sinne des aufgeklärten Absolutismus war ein einheitlich regierter Gesamtstaat sowie ein Rechts- und Wohlfahrtsstaat, in dem "die vorhandenen, aber größtenteils brachliegenden materiellen und menschlichen Ressourcen effizienter organisiert, eingesetzt und vermehrt werden" (G. Klingenstein) sollten.
Eine erste Reformperiode bis 1749 schuf eine erstmals für das gesamte Reich zuständige Militärverwaltung. Dazu wurde der Wiener Hofkriegsrat (1745) neu organisiert und eine gesamtstaatliche Armee geschaffen, die auch die Regimenter der Militärgrenze einbezog. Militärpolitisch gewichtig war die Aufstellung eines 108000 Mann starken stehenden Heeres. Auch die bürokratischen Strukturen wurden umgebaut. Zur Leitung der Außenpolitik wurde die Hof- und Staatskanzlei gegründet. Mit der wichtigen, von Graf Friedrich Wilhelm von Haugwitz geleiteten Staatsreform von 1749, wurde die neue Zentralbehörde geschaffen, die "als Directorium in publicis et cameralibus" bezeichnet wurde. In der Folge wurde administrativ endgültig die politische und die Finanzverwaltung von der Justiz getrennt und die Verwaltung somit verbessert und enorm gestärkt. Der die Länderregierungen beherrschende ständisch-feudale Partikularismus wurde als überkommener Einfluss von Teilmächten aufgelöst und verfassungsrechtlich durch die endgültige Vereinigung der österreichichen Erbländer mit der böhmischen Ländergruppe erneuert. Die Länderregierungen wurden durch einen neuen Obrigkeitsstaat ersetzt, der bürgernah in die drei Instanzen der Zentral-, Mittel- und Kreisbehörden gegliedert war. "Auf diesem für das Staatsleben zentralen Gebiet ebenso wie auf vielen anderen sind unter Maria Theresia Grundlagen geschaffen worden, die für Österreich bis zum Zerfall der Monarchie - ja in mancher Hinsicht noch darüber hinaus in allen 'Nachfolgestaaten' bis zur Gegenwart - maßgeblich geblieben sind" (A. Wandruszka).
Auch die in den Ländern unterschiedlichen Rechtsordnungen wurden durch die 1749/1753 begonnene Reform der Justiz vereinheitlicht. Allerdings waren auch das neue Zivilgesetzbuch (Codex Theresianus) und das 1770 eingeführte Strafgesetzbuch (Constitutio criminalis oder Nemesis Theresiana) von konservativen Aspekten bestimmt. Erst 1776 kam es auf Antrag des Staatsrates Joseph von Sonnenfels zur Abschaffung der Folter und zur Einschränkung der Todesstrafe. In der Kirchenpolitik bestanden weiterhin durch das Ziel der Glaubenseinheit in den böhmisch-österreichischen Erblanden häufig intolerante Maßnahmen gegen Juden und Protestanten.
Das Staatswohl bewegte Maria Theresia andererseits auch zu einer grundlegenden Reform im kirchlich-religiösen Bereich. Ihr Reformkatholizismus definierte das Verhältnis zwischen Staat und Kirche neu. Die Kirche wurde dem theresianischen Staat untergeordnet und einer behördlichen Kontrolle unterworfen. Auch wurde die Steuerfreiheit des Klerus abgeschafft. Orden und Klöster, die nicht für das Gemeinwohl tätig waren, wurden aufgehoben. Die barocke Volksfrömmigkeit wurde gewaltig eingeschränkt, indem sowohl Feiertage als auch Wallfahrten versagt wurden. Dagegen wurde durch die Gründung neuer Diözesen die Seelsorge verbessert.
Durch die Schulreform bekamen die Minderheiten - u. a. die Banater Serben und die Rumänen - erstmals ein nationales Schulwesen mit muttersprachlichem Unterricht. Im Jahre 1774 gründete Maria Theresia in den Erbländern, 1777 in Ungarn und Kroatien das Volksschulwesen. Auch reformierte sie die Wiener Universität. Auf ihre Vorstellungen hin entstanden als wichtige zentrale Bildungseinrichtungen für die ganze Habsburgermonarchie nicht nur die Militärakademie (1752) für das Heer und die Orientalische Akademie (1754) für die Diplomaten, sondern auch das Wiener Theresianum für Aristokratie und Bürgertum ihrer Länder.

Im Verlauf des Siebenjährigen Krieges wurde 1760/61 durch den Staatskanzler Kaunitz der Staatsrat gegründet, der allen Behörden übergeordnet war und das erste gesamtstaatliche Beratungsgremium der Habsburger - auch für ungarische Angelegenheiten - darstellte. Die Verhältnisse Ungarns hat Maria Theresia außerdem mit ihren ökonomischen und sozialen Reformen geprägt. Sie hat aufgrund ihrer Urbarialregulierung das Verhältnis der Bauern zu ihren Grundherren neu geregelt und das bäuerliche Schicksal entscheidend verbessert. Dabei spielten wirtschaftliche und fiskalische Zielsetzungen, die die Produktion ausweiten und das Steueraufkommen erhöhen sollten, eine maßgebliche Rolle. Zunächst wurde die Urbarialregulierung in Slawonien (1756) eingeführt, dann in ganz Ungarn (außer Siebenbürgen) zwischen 1767 und 1774, schließlich 1778 auf Steiermark und Kärnten, 1780 auf Kroatien und das Banat, 1782 auf Krain übertragen.
Auch trug zum wirtschaftlichen und kulturellen Aufschwung Ungarns das von Maria Theresia schon ab 1745 angestrengte Ansiedlungswerk deutscher Bauern bei. Sie wurden vor allem zwischen 1763 und 1773 im südungarischen Raum, insbesonders in der Batschka und im Banat (allein hier über 50000 Menschen), angesiedelt. Nach Siebenbürgen, das 1765 zum Großfürstentum erhoben wurde, kamen hauptsächlich Protestanten aus den Erbländern.
Neben der Agrarreform richtete sich auch die Förderung der Städte und des städtischen Gewerbes gegen die Vorherrschaft des ungarischen Adels. Allerdings bewirkte die unterschiedliche Wirtschaftspolitik Maria Theresias eine bessere Entfaltung des Bürgertums in der westlichen Reichshälfte. "Die zolltarifliche Begünstigung der Industrieprodukte aus dem Westen des Reiches hat den Aufbau einer ungarischen Industrie wesentlich erschwert und ganz gegen alle Absicht des Wiener Hofes erheblich zur Erstarrung der ungarischen Feudalstruktur beigetragen, da diese von keinem aufstrebenden Bürgertum in Frage gestellt werden konnte" (G. Seewann).
Die Persönlichkeit Maria Theresias, deren Wahlspruch "Durch Gerechtigkeit und Milde" ("Justitia et clementia") lautete, wurde durch tiefe Frömmigkeit und ihr schlichtes und verbürgerlichtes Familienleben, in dem gesungen und musiziert wurde, geprägt. Allerdings neigte ihre Religiösität ("jansenistischer Rigorismus") auch zu Übertreibungen, wie die Einsetzung einer in Wien gefürchteten "Keuschheitskommission" und die Forderung an ihre Kinder, in ihren Residenzen keine Darstellungen von "Nuditäten" zu erlauben, zeigen.
Die Herrschaft der Kaiserin wurde von ihrem landesmütterlichen Wesen und ihrem volksnahen Regierungsstil bestimmt. Dabei konnte sie sich auf außergewöhnlich fähige Mitarbeiter und ihre eigene Bereitschaft zur Bewältigung einer ungeheueren Arbeitslast stützen. Nach vierzigjähriger Herrschaft starb Maria Theresia am 29. November 1780 in Wien und wurde am 4. Dezember des Jahres in der Kapuzinergruft beigesetzt.
- Maria Theresia
Bibliografie:
- Maria Theresia. In: Menschen, die Geschichte machten. Biographisch-historisches Lexikon (= Weltgeschichte), hrsg. von Heinrich Pleticha, Gütersloh 1990, S. 210-21
- Maria Theresia. In: Biographisches Wörterbuch zur deutschen Geschichte, Bd. 2, München 1974, Sp. 1793-1796
- Grete Klingenstein: Maria Theresia. In: Die Habsburger: ein biographisches Lexikon, hrsg. von Brigitte Hamann, München 1988, S. 340-344
- Adam Wandruszka: Maria Theresia. In: Neue Deutsche Biographie, Bd. 16, Berlin 1990, S. 176-180
- Eine Stammtafel zu den genealogischen Daten der Kaiser von Österreich aus dem Haus Habsburg-Lothringen seit der Zeit von Franz I. und Maria Theresia. In: Europäische Stammtafeln. Stammtafeln zur Geschichte der europäischen Staaten: Neue Folge, Bd. 1, hrsg. von Detlev Schwennicke, Marburg 1980, Tafel 17
- Alfred von Arneth: Geschichte Maria Theresias, 10 Bände, Wien 1863-1879, Neudruck: 1971
- Peter Berglar: Maria Theresia (= rororo monographien, Band 286), Reinbek 1980
- Edwin Dillman: Maria Theresia, München 2000.
- Gertrud Fussenegger: Maria Theresia, München 1994.
- Franz Herre: Maria Theresia. Die große Habsburgerin, Köln 1994
- Victor L. Tapié: Maria Theresia. Die Kaiserin und ihr Reich, Graz (3. Auflage) 1996









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