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THEMEN

Marokko (al-Mag.hrib, Maroc)

Phönikier und Karthager (bis 146 v. Chr.)

Das Gebiet des heutigen Marokko war bereits lange vor Einflussnahme der Phönikier besiedelt. Die nordafrikanische Urbevölkerung (seit ca. 500.000) und zentralsaharische Stämme, die ab ca. 6000 infolge zunehmender Trockenheit der Sahara nach Norden wanderten, waren die ethnischen Vorfahren der Berber, die seit 3000 die Maghreb-Staaten besiedelten. Als die Phönikier ca. 1100 v. Chr. mit Rusadir (Melilla) und Liks (Lixus) ihre ersten Handelsstützpunkte in Marokko anlegten, bewohnten und kontrollierten selbständige Berberstämme das Land. Der phönikische Einfluss blieb auf die Küstenorte beschränkt, die allerdings im weit verzweigten Handelsnetz der seefahrenden Kaufleute eine bedeutende Rolle einnahmen. Sie wurden ab dem 5. Jh. von der phönikischen Pflanzstadt Karthago aus übernommen und ausgebaut. Bis zur Zerstörung Karthagos durch die Römer im 3. Punischen Krieg (149-146), mit der Rom die Oberhoheit in Nordafrika übernahm, gründeten die Karthager weitere Siedlungen entlang der Küste Marokkos. Das Landesinnere dominierten unterdessen verschiedene unabhängige Berberreiche, die aus dem vermutlich im 4. Jh. entstandenen Königreich Mauretanien hervorgegangen waren.

Römer und Araber (146 v. Chr.-789 n. Chr.)

Der Einfluss des Römischen Reiches in Marokko verstärkte sich, als die nordafrikanischen Provinzen unter Kaiser Augustus (27 v. Chr.-14 n. Chr.) vereinigt wurden. Die Verwaltung über das gewaltige Reich Mauretania, das von der Grenze Tunesiens bis Nordmarokko reichte, wurde dem Berberkönig Juba II. (25 v. Chr.-23 n. Chr.) übertragen. Aus Angst vor Machtausweitung der Berber ließ Kaiser Caligula 40 n. Chr. König Ptolemaios (23-40) ermorden. Nach der Niederschlagung eines Berberaufstandes wurde Mauretania 42 annektiert und in zwei Provinzen unterteilt. Nordmarokko gehörte fortan als Provinz Mauretania Tingitana zum römischen Herrschaftsbereich.

Vor allem in den unzugänglichen Regionen des Atlasgebirges blieb der Einfluss der Berberstämme jedoch bestimmend. Wiederholte Aufstände seit Anfang des 3. Jhs. unterhöhlten die ohnehin angeschlagene römische Autorität und zwangen die Römer 285 schließlich, sich auf die Stadt Tingis zurückzuziehen. Mauretania Tingitana zerfiel in zahlreiche Berberreiche. Weder die Wandalen, die 429 in Tanger einfielen und bis zum Tode ihres Königs Geiserich (428-477) Tanger und Ceuta kontrollierten, noch die Byzantiner vermochten die Berberstämme vollständig zu unterwerfen. Zwar gehörte Nordmarokko seit 533 zum Byzantinischen Reich, tatsächlich jedoch beschränkte sich dessen Einfluss auf die marokkanischen Küstenstädte.

Auch die muslimischen Araber, die seit Ende des 7. Jhs. in mehreren Wellen versuchten, Marokko zu unterwerfen, erreichten keine vollständige politische Kontrolle. Allerdings begann mit dem Eroberungszug des Araberführers Moussa Ibn Noceir 711 und der folgenden Einverleibung Marokkos in das Reich der Omaijaden die Islamisierung. Nach einen Aufstand schiitischer Berber 742 war Marokko für kurze Zeit unabhängig, bis 772 die in Bagdad residierenden Abbasiden das Land erneut unterwarfen.

Wechselnde Herrscherdynastien (789-1666)

Nach Abschüttelung der Abbasidenherrschaft bildete sich unter Idris I. (789-791) das erste größere marokkanische Reich. Nach Thronfolgestreitigkeiten wurde das Idrisidenreich ab dem 10. Jh. Schauplatz weit reichender Konflikte innerhalb des Islam. Um 920 kam es zu langwierigen Kämpfen zwischen den schiitisch beeinflussten tunesischen Fatimiden und den spanischen Omaijaden. Im Schatten des Machtkampfes konstituierten sich wiederum mehrere unabhängige Berberreiche. Derart fragmentiert hatte das Land dem Mitte des 11. Jhs. einfallenden arabischen Nomadenstamm der Beni Hilal nichts entgegenzusetzen. Weite Teile des Landes wurden geplündert und verwüstet. Im Süden etablierten sich die aus Mauretanien eingewanderten Almoraviden, die Marokko unter dem Banner des "Heiligen Krieges", des Dschihad, 1061-1079 erstmals einer einheitlichen Herrschaft unterwarfen. Unter den sunnitischen Almohaden (1147-1269), die die Dynastie der Almoraviden ablösten, erreichte es seine größte Ausdehnung. Mit der Hauptstadt Marrakesch war Marokko fortan das Kernland des islamischen Nordwestafrika.

1269 beendeten die Meriniden, ein kriegerischer Berberstamm, die Herrschaft der Almohaden, übernahmen den Kalifen-Titel und kontrollierten von Fès aus das gesamte Land. Unter ihrer Herrschaft entwickelte sich die neue Hauptstadt zum Zentrum des westlichen Islam, Marokko erlebte eine Zeit kultureller Blüte. Die Meriniden-Dynastie geriet durch die portugiesische Eroberung Ceutas 1415 und dem Tod Sultan Abu Inans 1420 in eine schwere Krise. Unter den Wattasiden, die die Meriniden 1472 ablösten, verstärkte sich der Einfluss Portugals und Spaniens, die Stützpunkte an der Küste errichteten. Erst die Saadier (1554-1666), die sich als "Scherifen" (Nachfolger Mohammeds) bezeichneten und erstmals eine arabische Dynastie in Marokko begründeten, drängten die Europäer zurück.

Herrschaft der Alawiten (1666-1912)

Die scherifische Dynastie der Alawiten löste 1666 nach Eroberungszügen die Saadier ab. Unter ihrem Herrscher Ismail (1672-1727) kam es zur Bildung einer zentralistischen Regierung nach dem Vorbild des Osmanischen Reiches. In den folgenden Jahrhunderten erlebte Marokko eine wechselvolle Entwicklung, die vom Gegensatz zwischen der Zentralregierung und dem Einfluss unabhängiger Berberstämme geprägt war. Diese gesetzlich festgeschrie- bene Zweiteilung manifestierte sich räumlich im Gebiet des "Bled al-Makhzen" (Land der Regierung), das im Wesentlichen atlantische Becken- und Hügelländer umschließt und steuerlich erfasst war, und dem Gebiet des "Bled es-Siba" (Land der Gesetzlosen), zu dem die Gebirgsregionen von Rif und Atlas gehörten und das weitgehend von autonomen Berberstämmen kontrolliert blieb.

Im 19. Jh. verstärkte sich der europäische Einfluss in Marokko. Kriege wurden sowohl mit Frankreich, das 1830 Algerien besetzt hatte, als auch mit Spanien geführt, dessen Besitzungen, Ceuta und Melilla, die marokkanische Armee 1859 angriff. Ende des 19. Jhs. schließlich, begünstigt durch Instabilität nach politischen Unruhen und sozialen Missständen, intensivierte Frankreich seinen Einfluss. Einem französisch-marokkanischen Handelsabkommen 1892 folgte 1904 die britisch-französische Verständigung über die kolonialen Einflusssphären in der Entente Cordiale, in der sich Frankreich die Vormachtstellung in Marokko sicherte.

Als Frankreich 1904 das östliche Grenzgebiet besetzte, kam es 1905 zur 1. Marokkokrise mit der aufstrebenden Kolonialmacht Deutschland, das seine Interessen in Nordafrika gefährdet sah. Nach der 2. Marokkokrise 1911, ausgelöst durch Entsendung des deutschen Kanonenbootes "Panther" nach Agadir, musste das Deutsche Reich die französische Hegemonie über Marokko anerkennen. Wachsende internationale Verbindlichkeiten, insbesondere gegenüber dem größten Kreditgeber Frankreich, und innenpolitische Destabilisierung durch aufständische Berber zwangen Sultan Hafid (1908-1912) schließlich zur Unterzeichnung von Protektoratsverträgen, die Marokko trotz formaler Souveränität 1912 auf den Status einer Kolonie herabdrückten. Der Norden und der Süden kamen unter spanische Verwaltung, während Frankreich sich im Vertrag von Fès den an Bodenschätzen reichem, großen Mittelteil sicherte. Die Stadt Tanger, wurde zunächst von Frankreich und Spanien gemeinsam verwaltet und 1923 internationalisiert.

Französisches Protektorat (1912-1956)

Der erste französische Generalresident Marschall Louis Hubert Lyauty (1912-1925) veranlasste die Erschließung des Landesinnern, die allerdings über Jahrzehnte von ständigen Konflikten mit Berberstämmen überschattet war. Auch die autoritäre Befriedungspolitik der Kolonialmächte konnte den Einfluss der Berber lange nicht brechen. Der Konflikt eskalierte 1921 mit dem Aufstand der Rifkabylen unter dem Berberfürsten Abd al-Krim (*1882, 1963), der im Mai 1926 durch französische Truppen niedergeschlagen wurde. In den folgenden Jahren versuchte Frankreich, durch gezielte Einwanderungspolitik mit der Ansiedlung von französischen "Colons" seinen Einfluss zu stabilisieren.

Das Gegenteil jedoch geschah. 1934 gründeten marokkanische Intellektuelle das Comité dAction Marocain, das als moderne Nationalbewegung in Opposition zur Kolonialmacht stand. Sultan Mohammed V. (1927-1961) schloss sich der Bewegung an und suchte während des Zweiten Weltkrieges den Beistand der USA. Unterstützt von der 1943 gegründeten Istiqlal-Partei (arab. Istiqlal = Unabhängigkeit) forderte er 1947 die Unabhängigkeit von Frankreich. Die Kolonialmacht reagierte zunächst kompromisslos und verwies Mohammed V. 1953 des Landes. Unter dem Einfluss des Algerienaufstandes seit 1954 gab Frankreich jedoch seine unnachgiebige Haltung auf. Am 2.3.1956 entließ es Marokko in die Unabhängigkeit. Am 2.4.1956 verzichtete Spanien auf sein nördliches Herrschaftsgebiet, 1958 auch auf den Süden. Nur die Hafenstädte Ceuta und Melilla blieben spanisch.

Das unabhängige Marokko (seit 1956)

Der Rückzug der Protektoratsmächte provozierte eine schwere wirtschaftliche Krise. Mohammed V., der 1957 den Königstitel annahm, war gezwungen, die Handelsbeziehungen zu Frankreich erneut zu intensivieren. Sein Sohn Hassan II. (seit 1961) erließ zwar 1962 die erste Verfassung des Landes, löste aber nach Unruhen 1965 das 1963 gewählte Parlament auf und verfolgte bis in die 70er-Jahre hinein einen autoritären Kurs. Konflikte mit der reformorientierten Opposition waren die Folge.

Expansionistische Bestrebungen in der Außenpolitik führten 1963 zum Grenzkrieg mit Algerien. In den 70er-Jahren gerieten Konflikte um die Ansprüche auf das von Spanien beherrschte Gebiet der Westsahara in den Mittelpunkt marokkanischer Politik. Nachdem Hassan II. 1975 einen "Friedensmarsch" von 350.000 Menschen in das Grenzgebiet initiiert hatte ("Grüner Marsch"), verzichtete Spanien zugunsten von Marokko und Mauretanien auf die Westsahara. Bis zur Unterzeichnung eines von der UNO vermittelten Friedensplanes 1988 verschlang der militärische Konflikt mit der Befreiungsbewegung der Westsahara, Frente Polisario, Milliarden. Ein für 1995 geplantes Referendum über die Unabhängigkeit oder das Verbleiben der Westsahara bei Marokko fand jedoch nicht statt. Mit der Beteiligung Marokkos an der 1989 gegründeten Maghreb-Union entspannten sich die Beziehungen zu den Nachbarstaaten Algerien und Libyen.

Innenpolitisch setzte Hassan II. seit 1972 mit einer neuen Verfassung zur konstitutionellen Monarchie auf eine vorsichtige Liberalisierung. Nach seinem Tod 1999 wurde der älteste Sohn Sidi Mohammed als Mohammed VI. neuer König. 2002 kam es wegen der Besetzung der Mittelmeer-Insel Perejil durch marokkanische Polizisten zu einem außenpolitischen Konflikt mit Spanien. Anschläge islamischer Fundamentalisten 2003 belasteten den innenpolitischen Modernisierungsprozess. Von den Vereinten Nationen vermittelte Gespräche zwischen Marokko und der Polisario über die Westsahara-Frage blieben 2007 ohne Ergebnis. Vor dem Hintergrund der politischen Umwälzungen in Ägypten und Tunesien kam es im Februar 2011 auch in Marokko zu Demonstrationen für einen demokratischen Wandel. Die in der Bewegung des 20. Februars zusammengeschlossene Opposition forderte eine Verbesserung der politischen Partizipation der Bevölkerung. Ausschreitungen im Anschluss an friedliche Protestkundgebungen forderten Tote und Verletzte. Der König reagierte auf den Protest mit konstitutionellen Reformen (u. a. Stärkung der Macht von Parlament und Regierungschef), die von der Bevölkerung am 1. 7. 2011 in einem Verfassungsreferendum mit 98,5 % der Stimmen gebilligt wurden.

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