Masuren
Im Überblick
Als Masuren (ursprünglich Masurenland) bezeichnet man seit dem 19. Jahrhundert ein Gebiet im einstmals deutschen Ostpreußen, das seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges ein Teil Polens ist. Seinen Namen hat das Gebiet, das im Polnischen Mazury heißt, nach der einst Masurisch sprechenden Bevölkerung der Region.
Wechselvolle Geschichte
In alten Urkunden galt Masuren als Teil der Großen Wildnis, eines unerschlossenen riesigen Waldgebiets, das sich vom Baltikum bis nach Ostpreußen erstreckte. 1525 wurde der Ordensstaat, zu dem Masuren seit dem Mittelalter gehörte, protestantisch und in ein weltliches Herzogtum umgewandelt. In der späten Ordenszeit bzw. der frühen Zeit des Herzogtums Preußen wurden die bisher dünn besiedelten Teile im Osten mit Litauern und im Süden mit Masowiern (Masuren) besiedelt. Die Einführung der Reformation ließ trotz sprachlicher Verwandtschaft das Zugehörigkeitsgefühl der Masuren zu den katholisch gebliebenen Polen schwinden.
Eine genaue Abgrenzung Masurens ist kaum möglich, so dass die Größenangaben schwanken. Im Westen und Nordwesten geht Masuren in das Ermland über, im Süden und Südosten schließen sich Masowien und Podlachien an. Im Nordosten grenzt Masuren an das zu Russland gehörende Gebiet Kaliningrad.
Kennzeichnend für Masuren ist die flachwellige bis hügelige Oberflächengestalt der Landschaft mit mittleren Höhenlagen um 150 bis 200 m über dem Meeresniveau. Vereinzelt werden auch größere Höhen z. B. im Seesker Berg (Wzgórze Szeskie, 309 m) und in der Kernsdorfer Höhe (Dylewska Góra, 313 m) erreicht. Ein typisches Landschaftselement im Kernraum Masurens sind zahlreiche, teils verlandete Seen und Wasserläufe. Sie bilden die Masurische Seenplatte (Pojezierze Mazurskie).
Das nur dünn besiedelte Gebiet liegt in der Wojewodschaft Ermland-Masuren (Warmińsko-Mazurskie). Wirtschaftlich gehört Masuren auch heute noch zu den weniger weit entwickelten Regionen Polens.
Hügelige Moränenlandschaft
Während des Eiszeitalters war Masuren mehrfach von den Gletschern des nordischen Inlandeises bedeckt. Erhalten haben sich im Bild der Landschaft nur die Spuren der letzten Eisbedeckung, der Weichseleiszeit. Gewaltige Massen von mehr oder minder locker verbackenen Gesteinsbruchstücken ganz unterschiedlicher Größe, die die Gletscher bei ihrem Abschmelzen zurückließen, bedecken im größten Teil des Landes den Untergrund. Diese Ablagerungen, Moränen genannt, erreichen Mächtigkeiten von mehreren hundert Metern.
Typisch für das Jungmoränenland sind die großen Endmoränenzüge, die aus dem mitgeführten Gesteinsschutt dort entstanden sind, wo die Eismassen für längere Zeit halt machten. Gut zu erkennen sind die Endmoränen im Süden Masurens. Ihre größte Höhe erreichen sie in der Kernsdorfer Höhe (Dylewska Góra, 313 m), dem Seesker Berg (Wzgórze Szeskie, 309 m) und in den Goldbergen (Zlote Góry, 235 m). Diese Erhebungen sind Teil des Baltischen Höhenrückens.
Land der Seen
Eingebettet in die Hügellandschaft sind zahlreiche Seen, die ihre Entstehung gleichfalls der einstigen Eisbedeckung verdanken. Manche gehen auf verschüttete Eisreste zurück, die erst nach längerer Zeit abschmolzen (so genanntes Toteis) und dann eine Senke im Gelände zurückließen. Andere wiederum sind dadurch entstanden, dass die Ablagerungen des Eises flache Täler abriegelten und so ein Seebecken schufen. Auch die ausschürfende Kraft des Eises hat Hohlformen geschaffen, in denen sich Seen bildeten. Häufiger aber waren es Schmelzwässer, die unter dem Eis abflossen und langgezogene Rinnen formten.

Insgesamt gibt es in Masuren rund 2000 Seen - allerdings sind die meisten nicht einmal einen halben Quadratkilometer groß. Eingriffe des Menschen haben die natürliche Verlandung der Seen beschleunigt. Die zerlappten, von Inseln durchsetzten Wasserflächen werden häufig von schlammigen, schilfbestandenen Ufern gesäumt. Die zahlreichen Sumpfgebiete und Niedermoore sind teilweise durch Verlandung früherer Seen entstanden. Eine Rolle spielte aber auch der Anstieg des Meeresspiegels nach dem Abschmelzen des Eises, denn der geringer gewordene Höhenunterschied zwischen den Flüssen und dem Meer verringerte das Gefälle und damit auch den Abfluss des Wassers.
Untereinander sind viele Seen durch natürliche Wasserläufe oder künstlich geschaffene Kanäle verbunden. Der Masurische Kanal ist eine 1937/38 angelegte Binnenwasserstraße zwischen dem Mauersee und der Alle bei Allenburg in Ostpreußen. Der Kanal sollte Masuren über die Seen mit Königsberg, dem heute russischen Kaliningrad, verbinden, wurde aber infolge des Zweiten Weltkriegs und der nachfolgenden Grenzveränderungen nicht fertiggestellt.
Attraktive Tourismusregion
Masuren hat sich zu einer beliebten Touristenregion entwickelt. Das Land der Seen ist ein Paradies für Wassersportler. Still dahingleitende Segelboote, die vielerorts an Touristen vermietet werden, sind im Sommer überall auf den größeren Seen zu sehen. Doch oft sind es gerade die kleinen, verschwiegenen und stillen Seen, die mit ihrem Reichtum an Wasservögeln und Amphibien den Naturfreund bezaubern.

Für Touristen bieten die zahlreichen Kanäle die Möglichkeit, die landschaftlich schönsten Regionen Masurens auf Rundfahrten mit Ausflugsbooten kennenzulernen. Beliebt sind auch Touren mit Paddelbooten, die vielerorts gemietet werden können. Wirtschaftliche Bedeutung haben die Seen aber nicht nur für den Tourismus, sondern auch für die Binnenfischerei. Stinte und Brassen gehören zu den bekannten Fischarten, die hier ins Netz gehen.
Größter See Masurens ist der Spirdingsee (Jezioro Śniardwy), der eine Fläche von 114 Quadratkilometern einnimmt und damit der größte See Polens ist. Wie die meisten Seen der Seenplatte ist er nur wenige Meter tief (im Mittel 6,5 m, an der tiefsten Stelle 23 m).
Der Mauersee (Jezioro Mamry) ist mit 104 Quadratkilometern der zweitgrößte See der Masurischen Seenplatte. Er ist bis zu 38 m tief. Im Süden ist der See mit dem 26 Quadratkilometer großen Löwentinsee (Jezioro Niegocin) und dem Niedersee (Jezioro Ruciane) verbunden.
Viele der masurischen Seen sind Brut- und Rastplätze sonst selten gewordener Vogelarten. Einige, wie der Lucknainen-See (Jezioro Łuknajno) östlich von Nikolaiken, einst Teil des Spirdingsees und durch Verlandung von ihm getrennt, wurden von der UNESCO zu Biosphärenreservaten erklärt. Störche und Höckerschwäne gehören vielerorts zum gewohnten Bild der Seenlandschaft.
Raues Klima
Im Süden Masurens südlich der Seenplatte ziehen sich sandige Ablagerungen einstiger Schmelzwasser hin. Dieses Sandergebiet wird von den Tälern der Nebenflüsse des Bober, des Narew und der Weichsel durchschnitten. Die Böden sind für den Ackerbau kaum geeignet, so dass sich Landwirtschaft nicht lohnt und das Land weitgehend dem Wald überlassen bleibt. Die Johannisburger Heide ist mit einer Fläche von fast 1000 Quadratkilometern das größte zusammenhängende Waldgebiet Polens. Ein bekanntes Waldgebiet ist auch die Rominter Heide im Nordosten Masurens.
Aufgrund der Lage am nordöstlichen Rand Mitteleuropas weist Masuren ein raues Klima auf. Die Jahresdurchschnittstemperatur liegt unter 6 °C, und im Winter können Temperaturen unter -15 °C auftreten. Nach Osten hin sinken die Mittelwerte der Temperatur ab; die Klimastation Olecko (früher Marggrabowa bzw. Treuburg) im Süden der Seesker Höhe verzeichnet die niedrigsten Temperaturen Masurens. Die Niederschlagsmengen liegen im Mittel weithin bei 550 bis 650 mm jährlich und überschreiten nur auf der Seesker Höhe 700 mm.
Die Vegetationszeit ist entsprechend den rauen klimatischen Verhältnissen kurz, so dass sich der Anbau auf Winterroggen, Kartoffeln und Buchweizen beschränkt. Generell gilt, dass der Norden Masurens etwas bessere Bodenverhältnisse aufweist und deshalb stärker landwirtschaftlich genutzt wird.
Dörfer und Städte Masurens
Die Bevölkerung Masurens lebt überwiegend in Dörfern und kleinen Städten. Es gibt nur wenige Städte mit mehr als 50 000 Einwohnern.
Elbląg
Elbląg hieß früher Elbing und liegt am Fluss Elbląg nahe der Nogat, dem östlichen Mündungsarm der Weichsel. Die Stadt gehört aufgrund ihrer Lage zwar nicht mehr zu Masuren, wohl aber aufgrund ihres Einzugsbereichs.
Die Siedlung wurde um 1237 von deutschen Siedlern gegründet, erhielt 1246 Stadtrecht und wurde gegen Ende des 13. Jahrhunderts Mitglied der Hanse. 1580 war die Stadt der wichtigste ostpreußische Hafen für den Handel mit England. Durch Verlandung der Weichselmündung wurde Elbląg vom Meer abgeschnitten. Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs wurde ein großer Teil der Stadt durch abziehende deutsche Truppen zerstört.
Die Stadt war schon vor dem Ersten Weltkrieg als Standort von Metall verarbeitender Industrie, Maschinen- und Schiffbau bekannt. Größter Betrieb waren die Schichauwerke. Die heutigen Schwerpunkte des Wirtschaftslebens sind Erzeugung und Verarbeitung von Eisen, Maschinenbau, Sägewerke, Brauerei und Landwirtschaft. Der 159 km lange Elblągkanal, der 1872 fertiggestellt worden ist, verbindet Elbląg mit dem Binnenhafen von Ostróda im Süden. Auch für den Eisenbahnverkehr ist Elbląg ein wichtiger Knotenpunkt. Im benachbarten Zamech unterhält die Technische Universität von Danzig eine Zweigstelle. Heute hat die Stadt rund 125 000 Einwohner.
Olsztyn
Olsztyn, mit seinen 173 000 Einwohnern die größte Stadt Masurens, ist in Deutschland unter dem alten Namen Allenstein bekannt. Es ist die Hauptstadt der Wojewodschaft Warmińsko-Mazurskie und liegt am Fluss Łyna (Alle) im masurischen Seengebiet. Die Stadt ist ein regionales Handelszentrum sowie ein kulturelles und wirtschaftliches Zentrum Masurens und des Ermlandes mit wichtigen Bahn- und Straßenverbindungen und einer Universität. Das Warmia- und Mazury Museum widmet sich der Geschichte und Kultur des Ermlandes und Masurens.

1334 errichtete der Deutsche Ritterorden eine eindrucksvolle Burg. Die Burgsiedlung erhielt 1353 das Stadtrecht, doch blieb Allenstein lange Zeit hinter anderen Städten Masurens zurück. 1466 kam die Stadt und ihr Umland gemäß dem Zweiten Thorner Frieden unter polnische Oberhoheit, bis das Gebiet 1772 an Preußen fiel. Ab 1902 war die Stadt Sitz eines preußischen Regierungspräsidiums.
Nach dem Zweiten Weltkrieg, der in der Stadt schwere Zerstörungen hinterlassen hat, wechselte die politische Zugehörigkeit erneut und aus dem deutschen Allenstein wurde das polnische Olsztyn. Die gotische Burg des ermländischen Domkapitels und Teile der Stadtmauern blieben bis heute erhalten, darunter das aus Backstein errichtete Hohe Tor aus dem Ende des 14. Jahrhunderts. Zu den historisch bedeutsamen Backsteinbauten der Stadt gehört auch die spätgotische Jakobskirche, deren mächtiger 60 m hohe Turm erst 1596 fertiggestellt wurde. Zu den besonderen Industriezweigen gehört die Herstellung von Autoreifen und Landmaschinen.
Weitere Ortschaften
Die übrigen Städte Masurens wie Osterode (Ostróda), Lötzen (Giżycko), Rastenburg (Kętrzyn) und Lyck (Ełk) sind Klein- oder Mittelstädte mit begrenztem Einzugsbereich. Zu den wichtigsten Zentren des Tourismus gehören Orte wie Nikolaiken (Mikołajki), Angerburg (Węgorzewo) und der Wallfahrtsort Heiligelinde (Święta Lipka).
Bibliografie:
- Grażyna und Wolfgang Kling: Polen - Ostsee und Masuren, Frankfurt am Main 2007
- Masuren 2008. Im Land der 5000 Flüsse und Seen, München 2007
- Tomasz Torbus: Masuren. Mit Danzig und Marienburg, Ostfildern, 3. Auflage 2006









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