Maurice Ravel
Biografie
Von Maurice Ravel lässt sich nur sehr schwer ein persönliches Porträt zeichnen, da der Künstler in privaten Dingen sehr verschlossen war. Doch es gab zwei elementare Ereignisse, die unmittelbar hintereinander unauslöschliche Spuren in Maurice Ravels Leben hinterließen und ihn schließlich aus der Bahn warfen: der Erste Weltkrieg, an dem der Komponist aktiv teilnahm, sowie der Tod seiner Mutter im Januar 1917, dem ihm am nächsten stehenden Menschen.
Kindheit und Jugend
Joseph-Maurice Ravel wird am 7. März 1875 als ältester Sohn des Ingenieurs und Erfinders Pierre-Joseph Ravel und seiner Frau Marie, einer spanischen Seefahrers-Tochter aus dem Baskenland, in Ciboure, Département Basses-Pyrénées, geboren. Wenige Monate nach der Geburt des Sohnes zieht die Familie in ein Haus in der Nähe des Montmartre in Paris.
Beide Elternteile fördern eine musikalische Entwicklung des Sohnes auf ihre Weise: der Vater eröffnet Maurice frühzeitig einen Zugang zur Schatztruhe der abendländischen Musik, die Mutter vermittelt dem Sohn die Welt der baskischen Volksmusik. Bereits im Alter von sieben Jahren erhält Maurice erstmals auch gezielten Musikunterricht, und zwar sowohl in der Praxis auf dem Klavier als auch in der Theorie. In dieser Zeit entstehen Ravels erste Kompositionen, u. a. für das Klavier geschriebene Variationen über Themen von Robert Schumann und Edvard Grieg. Ab 1888 erhält Maurice weiterführende pianistische Studien bei Émile Descombes, einem Lehrer des Pariser Konservatoriums. Dort lernt Maurice den gleichaltrigen spanischen Pianisten Ricardo Viñes (1875-1945) kennen, der in den folgenden Jahren nicht nur sein engster Freund, sondern vor allem sein künstlerischer und geistiger Mentor wird und mit seinem Freund auf "Schatzsuche" durch die Geschichte der Musik geht sowie Ravel die Welt der Literatur eröffnet.
Am Pariser Konservatorium
Nach einem Vorspiel am 4. November 1889 wird Maurice Ravel als Jungstudent am Konservatorium aufgenommen. Seine Lehrer sind Charles de Bériot (Klavier) und Émile Pessard (Harmonielehre), die von dem mangelnden Ehrgeiz ihres Schülers tief enttäuscht sind. Als auch bei den regelmäßig stattfindenden Prüfungen keine Erfolge zu verzeichnen sind, wird der Student Ravel 1895 vom Unterricht ausgeschlossen und verlässt wenig später das Konservatorium.
Statt dessen hatte sich das kompositorische Talent mehr und mehr Bahn gebrochen. Inspiriert von Komponisten wie Emanuel Chabrier (1841-1894) und Erik Satie (1866-1925), entstehen in dieser Zeit u. a. das Menuet antique für Klavier zu zwei Händen und die Habanera für zwei Klaviere (beide 1895). Sowohl Chabrier als auch Satie hat Ravel persönlich kennen gelernt, insbesondere zu dem letzteren entwickelt sich spontan eine von gegenseitigem Respekt getragene Künstlerfreundschaft.
1897 nimmt Maurice Ravel einen zweiten Anlauf am Pariser Konservatorium, und diesmal scheint er auf Lehrer gestoßen zu sein, die ihm schließlich doch noch das notwendige technische Rüstzeug vermitteln können wie André Gédalge (1856-1926) mit seiner undogmatischen Methode in den Fächern Kontrapunkt und Orchestration, und vor allem künstlerisch inspirieren wie Gabriel Fauré (1845-1924) im Fach Komposition.
Steiniger Weg zum Ruhm
Die ersten Begegnungen des Pariser Publikums mit Ravels Musik gestalten sich zu einem Fiasko: die zwei unter dem Titel Sites auriculaires (Hörlandschaften) zusammengefassten Werke für zwei Klaviere in spanischem Kolorit sprechen das konservative Publikum ebenso wenig an wie die Uraufführung der Ouvertüre Shéhérazade am 27. Mai 1899 unter der Leitung des Komponisten. Die Kritik zu diesem zweiten Konzert legt das Fundament für den sich wenig später entwickelnden Debussy-Ravel-Dualismus, vor allem jedoch erschüttern die hämischen und abfälligen Bemerkungen das künstlerische Selbstbewusstsein des jungen Musikers nachdrücklich.
Doch drei Jahre später beschert die Uraufführung der zwei Klavierwerke Pavane pour une infante défunte und Jeux d'eau am 5. April 1902 durch seinen Freund Ricardo Viñes dem Komponisten erstmals öffentliche Anerkennung und zwei Jahre später bedeutet die Premiere des Streichquartettes Quatuor à cordes am 5. März 1904 den endgültigen Durchbruch.
Ravel und Debussy

Aus heutiger Sicht gelten Maurice Ravel und Claude Debussy als Inbegriff der Musik des Impressionismus. Und doch haben beide Komponisten nicht nur wenig künstlerisch gemeinsam, sondern sich unabhängig voneinander vehement dagegen gewehrt, ihre Musik als impressionistisch kategorisiert zu sehen oder in irgendeine andere Art von Schublade gesteckt zu werden.
Das Verhältnis zwischen Ravel und dem zwölf Jahre jüngeren Debussy stellt sich heute ähnlich verzerrt dar wie die angebliche Feindschaft zwischen den beiden Walzerkönigen Lanner und Strauß. Auch hier ist es in erster Linie das Publikum, das sich in die zwei Lager der Debussyisten und Ravelisten spaltet und Stimmung gegen den jeweils anderen Komponisten macht. Zum Eklat kommt es schließlich, als auch die Presse auf diesen bereits fahrenden Propagandazug aufspringt. Im Kernpunkt drehen sich die Kritiken um die Frage, wer wen imitiert, wer zuerst den neuen Stil geprägt und damit das Anrecht darauf hat. Selbstverständlich hat die geistig-kulturelle Atmosphäre des Paris zu Beginn des 20. Jahrhunderts beide Komponisten geprägt und beeinflusst und dennoch haben sie sich jeweils individuell und voneinander unterschiedlich künstlerisch entwickelt. Darüber hinaus haben sich beide Komponisten gegenseitig inspiriert und beeinflusst.
Erster künstlerischer Wendepunkt
Einen künstlerischen Wendepunkt hin zu freieren, improvisationsähnlichen Formen markiert in Maurice Ravels Werk neben der Sonatine für Klavier das fünfsätzige Klavierwerk Miroirs (1904/05), das am 6. Januar 1906 ebenso erfolgreich uraufgeführt wird wie zwei Monate später die Sonatine.Endgültig gefestigt hat sich Ravels neue musikalische Richtung in den Liedern Histoires naturelles nach Gedichten von Jules Renard (1864-1910), die allerdings in ihrer Neuartigkeit bei der Uraufführung am 12. Januar 1907 einen ähnlichen Skandal provozieren wie ein Jahr zuvor Arnold Schönberg mit seiner "Kammersinfonie" und den Komponisten zur Gründung eines eigenen Forums für die Präsentation seiner und anderer zeitgenössischer Musik anregen. Das ist die Geburtsstunde der Société Musicale Indépendante, der als Präsident der noch allem Neuen gegenüber aufgeschlossene "grande compositeur" Gabriel Fauré vorsteht. Erstmalig einen Erfolg kann Ravel 1908 bei der Uraufführung der Rhapsodie espagnole verbuchen.
Eine konsequente Fortsetzung in dieser Richtung bedeutet ab 1911 Ravels Motto "keine Prinzipien". Damit weist der Komponist nicht nur auf seine Emanzipation von jeglichem Versuch der Einflussnahme hin, sondern gibt auch telegrammartig eine Vorschau auf sein zukünftiges Wirken, das ohne Einschränkung offen für alle Richtungen sein soll.

Inzwischen hat sich Ravels Ruf in Künstlerkreisen so weit verbreitet, das Serge Diaghilew (1872-1929) ihn im Juni 1909 zur Vertonung des Librettos von Daphnis und Chloé bittet. Obowohl sich die künstlerische Zusammenarbeit mit dem Librettisten Michail Fokine (1880-1942) aufgrund sprachlicher Probleme als schwierig erweist (das Libretto ist in russischer Sprache verfasst), gelingt Ravel mit diesem Ballett eines seiner Meisterwerke, auch wenn das Publikum der Pariser Uraufführung vom 5. August 1912 dies noch nicht zu würdigen weiß.
Kriegsjahre
Auch an Maurice Ravel geht der Erste Weltkrieg nicht spurlos vorüber, im Unterschied zu vielen Anderen entscheidet sich der Komponist jedoch bewusst zu einer aktiven Beteiligung am Krieg und zur Verteidigung der "Internationale(n) und (des) Friede(ns)". Nachdem er zunächst aufgrund seines Körpergewichtes (zwei Kilogramm zu leicht) abgelehnt worden ist, wird er im März 1915 als LKW-Fahrer eingezogen.
Eine Bauchfellentzündung bereitet Ravels Kriegs-"Abenteuer" im September 1916 ein unerwartetes Ende. Als der Komponist wenige Wochen später nach Paris zurückkehrt, ist seine Mutter schwer krank; sie stirbt nur wenige Monate später am 5. Januar 1917. Sowohl die Kriegserlebnisse als auch der Tod der Mutter sollten in Ravel für den Rest seines Lebens unauslöschliche Spuren hinterlassen.
Ein gebrochener Mann
Erst nach dem Tod seiner Mutter wird Maurice Ravel bewusst, wie sehr sich sein gesamtes Leben und Schaffen um seine Mutter gedreht hatte, wie sehr sie ihn durch ihre Gegenwart und Zuneigung inspirierte und ihm gleichzeitig Selbstbewusstsein vermittelte. Nach dem Tod von Marie Ravel ist nichts wie vorher: die Quellen des Komponisten Ravel trocknen zunehmend aus und versiegen schließlich fast vollständig, und der Mensch Ravel leidet seelisch, aber auch körperlich, vor allem unter unerträglichen Kopf- und Nervenschmerzen. Ende des Jahres 1917 vollendet Ravel den bereits drei Jahre zuvor begonnenen Klavierzyklus Le tombeau de Couperin (teilweise orchestriert 1919), eine Hommage an Couperin und die französische Musik des 18. Jahrhunderts. Die einzelnen Sätze dieses Werkes sind verschiedenen, im Krieg gefallenen Freunden gewidmet.
Von herausragender Bedeutung in dieser Zeit ist die Vollendung der Ballettoper L'Enfant et les sortilèges (Libretto: Colette). Das Werk wirkt wie ein künstlerisches Fazit des Komponisten Ravel, äußerst vielfarbig, vielgestaltig, einfallsreich und phantasievoll. Die Uraufführung am 21. März 1925 in Monte Carlo unter der Leitung von Victor de Sabata gestaltet sich noch einmal zu einem triumphalen Erfolg für den Komponisten.
Zweiter künstlerischer Wendepunkt
Trotz seiner zahlenmäßig geringen kompositorischen Ausbeute dieser Jahre stagniert der Künstler Ravel nicht. Bester Beweis dafür ist die zwischen 1920 und 1922 entstandene und dem 1918 verstorbenen Claude Debussy gewidmete Sonate für Violine und Violoncello. Das Werk steht in deutlichem Kontrast zu Ravels früheren Werken und ist vor allem durch eine "Askese der Mittel" gekennzeichnet.
Anfang der 1920er Jahre verschlechtert sich Ravels Gesundheitszustand zunehmend. Seinen Freunden und Bekannten zunächst noch weitgehend verborgen, gibt sich der mit einem realistischen Sinn ausgestattete Komponist selbst keinen Illusionen hin. Und obwohl ihm ein Arzt 1927 ein Jahr Arbeitsruhe verordnet, stürzt Ravel sich wie ein Ertrinkender in neue Aufgaben - wenn auch nicht immer mit Erfolg. Auffällig füllt in diesen Jahren auch eine bis dahin stets gemiedene internationale Konzerttätigkeit Ravels Leben an.

Trotz seiner zunehmenden gesundheitlichen Beeinträchtigung entstehen in den folgenden Jahren noch einige von Ravels bedeutendsten und bis heute bekanntesten Werken:
- die Orchesterfassung von Mussorgskijs Bilder einer Ausstellung (1922)
- die virtuose Konzertrhapsodie Tzigane für Violine und Orchester (1924)
- der avantgardistische Zyklus Chansons madécasses für Gesang, Flöte, Cello und Klavier nach Gedichten von Évariste de Parny
- der 1928 komponierte Boléro, der seither einen solchen Siegeszug durch die Konzertsäle der ganzen Welt angetreten hat, dass daneben das restliche vielschichtige und vielfarbige Œuvre des Komponisten oft zu verblassen droht
- das Konzert für die linke Hand und Orchester (1929/30)
- das Konzert für Klavier und Orchester (1929-1931)
- die Filmmusik Trois Chanson de Don Quichotte à Dulcinée
Im Oktober 1932 wird Ravel bei einem Verkehrsunfall leicht verletzt. Diese Verletzungen reichen aus, um den schon seit längerer Zeit labilen Gesundheitszustand endgültig aus dem Gleichgewicht zu bringen. In den folgenden fünf Jahren bis zu seinem Tod siecht Maurice Ravel langsam dahin, unfähig sich weiter künstlerisch auszudrücken. Maurice Ravel stirbt am 28. Dezember 1937 nach einer wenige Tage zuvor erfolgten Gehirnoperation. Zwei Tage später wird sein Leichnam auf dem Friedhof von Levallois bei Paris beigesetzt.
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Bibliografie:
- Theo Hirsbrunner: Maurice Ravel. Sein Leben - Sein Werk, Laaber-Verlag, Laaber 1989
- Michael Stegemann: Maurice Ravel (rororo monographie 538), Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek 1996









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