Modest Mussorgskij | http://www.wissen.de/thema/modest-mussorgskij
Total votes: 128
  • Send to friend
  • Diese Seite drucken
THEMEN

Modest Mussorgskij

Leben und Werk

Die Daten in der folgenden Biografie beziehen sich der Einfachheit halber auf den Gregorianischen Kalender, der dem bis 1917 gültigen Julianischen Kalender im 19. Jahrhundert um 12 Tage voraus ist (im 20. Jahrhundert um noch einen weiteren Tag).

Kindheit und Jugend

Bild
Modest Petrowitsch Mussorgskij, russ. Komponist (18391881)

Modest Petrowitsch Mussorgskij wird am 21. März 1839 in Karewo, einem kleinen Dorf im Gouvernement Pskow nahe der litauischen Grenze, als zweiter Sohn des Gutsbesitzers Pjotr Alexejewitsch Mussorgskij und seiner Frau Julia Iwanowna geboren. Ähnlich wie bei Pjotr Iljitsch Tschaikowkij besteht von Kindesbeinen an eine starke Bindung zur Mutter und ihr früher Tod im Jahr 1865 sollte auch bei Modest eine schmerzhafte Lücke hinterlassen. Ohne dass sich zu dieser Zeit eine besondere musikalische Begabung ihres Ältesten zeigt, bildet Klavierunterricht für beide Kinder von klein auf einen selbstverständlichen Teil der Erziehung. Grundlegende Kenntnisse vermitteln hier zunächst Mutter Julia Mussorgskij und wenig später eine deutsche Gouvernante.

Ab 1849 besucht Modest die Peter-Paul-Schule in St. Petersburg. Auch dort bleibt das Klavier regelmäßiger Bestandteil seines Alltags. Sein neuer Lehrer wird Anton Herke, Schüler des bekannten Pianisten Adolph von Henselt (1814-1889), der den jungen Musiker entscheidend fördert und 1852 die Veröffentlichung seiner ersten Komposition Porte-enseigne-Polka veranlasst. 1851 wechselt Modest mit dem Ziel einer militärischen Karriere auf die Gardejunkerschule, wo trotz strenger Disziplin Zeit für ausgelassene Trinkgelage bleibt.1856 wird Modest Gardeoffizier im Preobraschenskij-Regiment und avanciert zum begehrten Junggesellen, der außerhalb des Dienstes die Damenwelt mit seiner eleganten Erscheinung bezaubert und in den Salons als temperamentvoller Pianist glänzt.

1857 begegnet Modest Mussorgskij dem 26 Jahre älteren Komponisten Alexander S. Dargomyschkij (1813-1869) während einer seiner musikalischen Soireen. Dargomyschskij gilt als Begründer einer zu dieser Zeit noch wenig populären neuen musikalischen Richtung, die sich auf die eigenen kulturellen Wurzeln besinnt und vom russischen Volkslied ausgeht. Diesen Weg wird wenig später eine Gruppe von Komponisten, die als das so genannte Mächtige Häuflein in die Musikgeschichte eingehen sollte, fortsetzen. Zu einem ihrer ersten und bedeutendsten Vertreter sollte sich schon bald Modest Mussorgskij entwickeln.

Die erste Begegnung mit Dargomyschskijs Musik ist für den jungen Mussorgskij  zu einer Zeit, da Italien in der Musikwelt im wahrsten Sinne des Wortes tonangebend ist  nicht nur der Eintritt in eine völlig unbekannte und neue musikalische Welt, sondern entscheidet vor allem auch schicksalhaft über sein weiteres Leben. In den gleich gesinnten und beinahe gleichaltrigen Komponisten Milij A. Balakirew (1837-1910) und César Cui (1835-1918) findet Modest schon bald musikalische Weggenossen. Insbesondere Balakirew wird dem bis dahin völlig einseitig Gebildeten  wenngleich auch mit recht unorthodoxen, wenig systematischen Methoden, die weniger eine fundierte, an den Traditionen orientierte Unterweisung als weitestmögliche künstlerische Freiheit favorisiert  musiktheoretische Grundlagen vermitteln sowie seinen musikgeschichtlichen Horizont erweitern. Einen nicht weniger bedeutsamen Einfluss nimmt auf die allen Anregungen offene künstlerische Seele Modest Mussorgskijs die Begegnung mit dem fünfzehn Jahre älteren Kunstkritiker und Archäologen Wladimir W. Stassow (1824-1906). Kompositorische liegen aus dieser Zeit legen mehrere Klavierwerke wie das Souvenir de France, zwei verschollene Klaviersonaten sowie einige Lieder wie Sternlein, sag mir an vor. Mehr instinktiv als in der sicheren Überzeugung einer erfolgreichen künstlerischen Karriere trifft Modest Mussorgskij 1858 die Entscheidung, aus dem Militärdienst auszuscheiden und sich fortan nur noch der Musik zu widmen.

Komponist in staatlichen Diensten

Die neu gewonnene Freiheit ist für Modest Mussorgskij nicht zuletzt auch geistiger Natur und in den nächsten Jahren entwickelt er sich zunehmend zu einer nicht nur musikalisch eigenständigen Persönlichkeit  die sich deutlich auch von dem bisherigen Lehrer Balakirew emanzipieren sollte -, sondern zeigt auch einen wachen und aufnahmebereiten Intellekt, der die zeitgenössischen Entwicklungen mit Interesse verfolgt und kommentiert. Ebenso positiv wie er der 1861 wirksam werdenden Aufhebung der Leibeigenschaft durch Zar Alexander II. gegenübersteht (auch wenn sie für die wirtschaftliche Situation der eigenen Familie eher von Nachteil ist) verurteilt er das prinzipiell begrüßenswerte Engagement Anton G. Rubinsteins für die Gründung des ersten nationalen Musikkonservatoriums im Jahr 1862 in St. Petersburg angesichts dessen westlicher Orientierung bei der Auswahl des Lehrpersonals mit scharfer Zunge. Diese Einstellung schließt auch eine leidenschaftliche und mit Polemik gespickte Verurteilung fast aller deutscher Musik mit ein.

Zunächst noch finanziell unabhängig, zwingen die seit der Aufhebung der Leibeigenschaft veränderten familiären Verhältnisse Modest Mussorgskij 1863 zu neuen "Frondiensten", diesmal allerdings nicht mit militärischer Disziplin, sondern als ziviler Beamter im Verkehrsministerium. Auch das Eingehen einer Wohngemeinschaft  vielleicht die Geburtsstunde der "WG" und nicht zuletzt praktische Umsetzung einer der zahlreichen Visionen des revolutionären Schriftstellers Nikolaj G. Tschernyschewskij (1828-1889)  mit fünf anderen, intellektuell gleich gesinnten jungen Beamten dürfte den aktuellen wirtschaftlichen Bedingungen Rechnung getragen haben. Zeugnis vor allem seines fortschrittlichen Denkens legt zu dieser Zeit die unvollendet gebliebene Oper Salambo nach dem Roman von Gustave Flaubert ab, in der das Volk aus seinem geschichtlich passiven Zuschauerdasein befreit wird und eine aktive, handlungsbestimmende Rolle zugewiesen bekommt, durch die es erstmals Verantwortung übernimmt. Bedeutendste Zeugnisse aus der Phase von 1863-1868 sind jedoch vor allem zahlreiche Lieder wie Schöne Sawischna, Die Elster oder Das Waisekind  dramatische Miniaturen, die bereits auf den genialen Opernkomponisten Mussorgskij hinweisen. Darüber hinaus entstehen zunächst noch unter dem Titel Die Johannisnacht auf dem Kahlen Berg die Urfassung zu einem der bis heute bekanntesten Werke des Komponisten (die symphonische Dichtung Die Nacht auf dem Kahlen Berge) sowie das Chorwerk Die Niederlage des Sennacherib nach einem Gedicht von Lord Byron, das am 18. März 1867 von Milij Balakirew uraufgeführt wird. Zu dieser Zeit wird die Komponistengruppe des Mächtigen Häufleins (Balakirew, Cui, Mussorgskij) um zwei neue Mitglieder erweitert: Alexander P. Borodin und Nikolaj A. Rimskij-Korsakow; zu letzterem entwickelt sich schon bald eine enge Freundschaft.

Der Opernkomponist

Nach seinem Ausscheiden aus dem Verkehrsministerium übernimmt Modest Mussorgskij im Dezember 1868 eine neue, diesmal eher untergeordnete Beamtenstelle im Forstdepartement des Ministeriums für Landwirtschaft, die der gewissenhafte Mussorgskij jedoch mit großem Pflichtbewusstsein erfüllt.

Angeregt durch das kompositorische Schaffen Alexander Dargomyschkys bginnt sich Modest Mussorgskij ab 1868 zunehmend mit der Gattung Oper zu beschäftigen. Sein erstes Projekt wird die Vertonung von Nikolaj W. Gogols Komödie Die Heirat, zu der im Sommer 1868 innerhalb weniger Wochen vier Szenen des ersten Aktes entstehen. Bemerkenswert ist dabei die Tatsache, dass Mussorgskij die Originalverse Gogols ohne eine entsprechende Umarbeitung in ein bühnenwirksames Libretto direkt übernimmt. Zwar erkennt der Komponist schon bald, dass sich das ehrgeizige Unternehmen nicht zufrieden stellend realisieren lässt, die bei dieser Arbeit gemachten Erfahrungen sollten jedoch für sein zukünftiges Opernschaffen von entscheidender Bedeutung sein und bereits sein nächstes, im Herbst desselben Jahres in Angriff genommenes Projekt Boris Godunow entscheidend beeinflussen. Nachdem das Werk 1871 am Mariinskij-Theater abgelehnt wird, macht sich Mussorgskij unverzüglich an eine Überarbeitung. Doch auch danach sollte es noch drei weitere Jahre dauern, bevor die Oper mit großem Erfolg am 27. Januar 1874 in St. Petersburg das Licht der Bühnenwelt erblickt. Modest Mussorgskij erreicht mit dieser Musik einerseits einen Höhepunkt seiner eigenen kompositorischen Entwicklung und begründet gleichzeitig eine neue Ära in der Geschichte der russischen Musik, die ihm jedoch auch die unverhohlene Missbilligung traditioneller Komponisten wie Pjotr Tschaikowskij einträgt.

Frühes Endes eines alkoholkranken Genies

Mit dem Erfolg der Oper "Boris Godunow" und den auch von einem in völlig anderen künstlerischen Traditionen stehenden Komponisten wie Franz Liszt geschätztem Liedzyklus Die Kinderstube steht Modest Mussorgskij die musikalische Welt offen. Angesichts der prekären finanziellen Verhältnisse bietet der immer noch lebhaften Anteil an der künstlerischen Entwicklung Mussorgskijs nehmende Wladimir Stassow eine Reise ins westliche Weimar auf seine Kosten an. Doch Modest Mussorgskij sollte dieses Angebot ebenso wenig annehmen wie er die immer noch lebendig sprudelnde Quelle der schöpferischen Inspiration positiv für sich nutzen kann.

Bild
Teil der Promenade aus “Bilder einer Ausstellung“ von M. Mussorgskij in der instrumentierten Fassung von M. Ravel; darunter in der ursprünglichen Fassung für Klavier

Zunehmend beginnt der Komponist in diesen Jahren, dem Alkohol zuzusprechen und die abendliche Flasche Cognac wird zu seinem allnächtlichen Begleiter. Bald sind die Auswirkungen physisch und psychisch gleichermaßen unübersehbar. In diesem bereits labilen Zustand trifft Modest Mussorgskij der Tod seines Freundes, des Malers Viktor A. Hartmann, am 23. Juli 1873 besonders schmerzhaft. Eine wenig später von Stassow organisierte Gedenkausstellung des Künstlers, bei der 400 Bilder gezeigt werden, inspiriert Modest Mussorgskij zu einem akustischen Denkmal für den Freund in dem Klavierzyklus Bilder einer Ausstellung.

Die Gründe für Modest Mussorgskijs Hang zum Alkohol sind vielfältiger Natur und lassen sich bis in seine Militärzeit zurückverfolgen, wo ausschweifende Trinkgelage zum Alltag gehörten. Der frühe Tod seiner geliebten Mutter im Jahr 1865 lässt ihn dann erstmals auch aus Schmerz und Trauer zur Flasche greifen und in den 1870er Jahren bleibt Freund Alkohol angesichts seiner zunehmenden künstlerischen Vereinsamung sein einziger Verbündeter  von den musikalischen Mitstreitern und Visionären einer neuen und nationalen russischen Musik trennen ihn, den Revolutionärsten unter den Mitgliedern des Mächtigen Häufleins, inzwischen Welten. Zunehmend beginnt sich durch die mit Bitterkeit empfundene Entfremdung von seinen einstigen Weggefährten sowie vermutlich auch unter dem wachsenden Einfluss des Alkohols seine Persönlichkeit zu verändern und Modest Mussorgskij wird immer mehr zu einem Sonderling und Außenseiter. Einzige Bezugsperson bleibt in dieser Zeit Ludmilla Schestakowa, die 23 Jahre ältere Schwester des Komponisten Michail Glinka, mit der Mussorgskij seit 1866 eine enge Freundschaft verbindet und der gegenüber er eine ähnlich bedingungslose Offenheit bezeugte wie Tschaikowskij gegenüber seiner Mäzenin Nadeshda von Meck.

Trotzdem sollte die Gattung Oper den immer mehr im Alkoholrausch verfallenden Komponisten in den letzten verbleibenden Jahren seines Lebens nicht mehr loslassen und noch einige unvergängliche Meisterwerke hervorbringen. Gemeinsam mit den Weggefährten Rimskij-Korsakow, Borodin und Cui entsteht 1872 die Ballettoper Mlada, die ebenso unvollendet bleibt wie das im selben Jahr begonnene musikalische Volksdrama Chowanschtschina, zu dem der Komponist selbst das  nicht immer gelungene  Libretto verfasst und das erst 1880, ein Jahr vor dem Tod des Komponisten, vollendet wird. Rimskij-Korsakow sollte die Vervollständigung des Werkes nach dem Tod des Komponisten vornehmen, dabei jedoch gravierende Eingriffe in Mussorgskijs originale Partitur und an der Tonsprache vornehmen. Es sollte schließlich Dimitrij Schostakowitschs Verdienst bleiben sein, der Oper acht Jahrzehnte nach ihrer Entstehung im Jahr 1958 eine adäquate Endfassung zu verleihen, in der sie inzwischen zunehmend die Opernbühnen der Welt erobert.

Während die Arbeit am Boris Godunow noch zügig vonstatten gegangen war, treten  vermutlich durch den regelmäßigen Alkoholgenuss  zunehmend schöpferische Pausen ein. So zieht sich die Komposition der Oper "Chowanschtschina" über acht Jahre hin und bleibt letztendlich doch als Fragment bestehen. Während dieser Zeit beschäftig sich Mussorgskij gleichzeitig mit Plänen für die komische Oper Der Jahrmarkt von Sorotschinzy nach einer Erzählung von Gogol, an der er bis zu seinem Tode weiter arbeiten wird und die ebenso unvollendet bleiben wird. Einen unerwarteten Höhepunkt dieser letzten Jahre stellt eine Konzertreise als Begleiter der Altistin Darja Leonowa in die Ukraine dar, während der nicht nur die künstlerischen Erfolge, sondern vor allem auch die vielfältigen Natureindrücke den Komponisten begeistern und ihn kurzfristig aus seinem apathisch-depressiven Zustand befreien.

Im Dezember 1879 trifft Modest Mussorgskij eine folgenschwere Entscheidung: Er kündigt endgültig seinen Dienst als Beamter und beraubt sich damit in seiner sowieso schon prekären finanziellen Situation seiner einzigen Einkommensquelle. Es dauert denn auch nur wenige Wochen, bis der Komponist vor dem endgültigen Nichts steht. Im Februar 1881 erleidet er einen Schlaganfall und wird in das Nikolaj-Militärkrankenhaus eingewiesen, wo er am 28. März u.a. an Leberzirrhose stirbt. Wenige Tage später wird Modest Mussorgskij auf dem Friedhof des Alexander Newskij Klosters in St. Petersburg bestattet.

  1. Leben und Werk
  2. Künstlerische Würdigung

Bibliografie:

  • Boris Assafjew u. a.: Modest Mussorgsky  Zugänge zu Leben und Werk. Würdigungen  Kritiken  Selbstdarstellungen  Polemiken, Ernst Kuhn Verlag, Berlin 1995
  • Carl Emerson: The life of Musorgsky, Cambridge Univerity Perss, Cambridge 1999
  • Hans Christoph Worbs: Modest P. Mussorgsky (rororo monographie 274), Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek 1976
Total votes: 128
  • Send to friend
  • Diese Seite drucken

Post new comment


0 Kommentare

Filtered HTML

  • Internet- und E-Mail-Adressen werden automatisch umgewandelt.
  • Zulässige HTML-Tags: <a> <em> <strong> <cite> <blockquote> <code> <ul> <ol> <li> <dl> <dt> <dd>
  • HTML - Zeilenumbrüche und Absätze werden automatisch erzeugt.

Plain text

  • Keine HTML-Tags erlaubt.
  • Internet- und E-Mail-Adressen werden automatisch umgewandelt.
  • HTML - Zeilenumbrüche und Absätze werden automatisch erzeugt.
CAPTCHA
This question is for testing whether you are a human visitor and to prevent automated spam submissions.