Montessori-Pädagogik
Die Biografie
Das Elternhaus: Die Ärztin und Pädagogin Maria Montessori wird am 31. August 1870 in Chiaravalle bei Ancona geboren. In ihrer frühen Kindheit zieht Maria mit ihren Eltern von ihrem Geburtsort nach Florenz. Mit fünf Jahren findet sie mit ihrer Familie ein Zuhause in Rom. Ihr Vater, ein Finanzbeamter, vertritt eher konservative Standpunkte, ihre Mutter dagegen hat eine fortschrittlichere Position. Der Vater stellt sich für seine Tochter eine gute Bildung vor, mit dem Ziel, dass sie den Beruf der Lehrerin ergreift. Eine durchaus typische Ausbildung für eine junge Frau der italienischen Mittelschicht in jener Zeit. Der Wunsch der jungen Maria, den Beruf der Ärztin zu ergreifen, stößt beim Vater auf großes Unverständnis. Bei ihrer Mutter findet Maria in Fragen der Berufsausbildung sowie für ihre Vorstellungen von der Emanzipation der Frauen viel Unterstützung.
Die Ausbildung: Die junge Maria Montessori ist sehr ehrgeizig und beginnt mit dem Studium der Biologie, der Mathematik, der Psychologie, der Philosophie und der Medizin. Mit sechsundzwanzig Jahren promoviert Maria Montessori als erste Frau in Italien in Medizin. Neben ihrer beruflichen Tätigkeit als Assistenzärztin an der psychiatrischen Universitätsklinik ist sie in der Frauenbewegung aktiv und fährt unter anderem zu Frauenkongressen nach Berlin und London. Darüber hinaus setzt sich die gläubige Katholikin für den sozialen Fortschritt ein. In diesen Rahmen fällt ihr Engagement für bessere Erziehungsverhältnisse für Kinder und auch gegen Kinderarbeit.
Die Ärztin: Zunächst arbeitet die junge Ärztin mit geistig behinderten Kindern und stößt dabei auf die Arbeit der Ärzte Jean-Marie G. Itard (1775-1838) und Edouard Séguin (1812-1880). Itard und sein Schüler hatten Materialien entwickelt, die die Behinderungen von Kindern kompensieren sollten und die eigene Initiative und Selbstbestätigung der Kinder fördern soll. Maria Montessori findet bei den Ärzten Anregungen für ihr Sinnesmaterial und entwickelt es weiter. Nach ihren Erfahrungen sind die Probleme der geistig behinderten Kinder mit pädagogischen Maßnahmen und nicht mit medizinischen Eingriffen zu beheben. Maria Montessori wird bald zu einer Expertin im Bereich "Geistige Behinderung bei Kindern" und übernimmt zum Ende des Jahrhunderts die Leitung des neu gegründeten heilpädagogischen Instituts in Rom.
Die Mutter: Mit ihren pädagogischen Methoden, die den Menschen in den Behinderten ansprechen, erzielt sie große Erfolge. Mitten in der Arbeit verlässt die junge Frau nach zwei Jahren das Institut. Sie ist von einem Kollegen schwanger. Nach einem Beschluss der beiden Familien, soll das jedoch geheim bleiben. Ihre Karriere soll nicht durch ein uneheliches Kind zerstört werden. Maria Montessori zieht sich aus der Öffentlichkeit zurück und bekommt ihr Kind. Auf Anraten ihrer Mutter gibt sie ihren Sohn Mario in Pflege aufs Land. Später besucht der Junge ein Internat. Erst nach dem Tode ihrer Mutter nimmt die Ärztin den inzwischen jugendlichen Mario zu sich.
Nach dieser Pause beginnt Maria Montessori mit einem Pädagogikstudium und eignet sich Grundkenntnisse in dem Bereich an. Sie erhält Lehraufträge und habilitierte sich 1904 in Anthropologie.
Die Pädagogin: Am 6. Januar 1907 wird in San Lorenzo, einem ärmlichen Arbeitervorort von Rom, das Casa dei Bambini (Kinderhaus) eröffnet. Maria Montessori übernimmt die pädagogische Leitung des Hauses. Hier werden etwa 40 Kinder im Vorschulalter beaufsichtigt, deren Eltern beide berufstätig sein müssen und tagsüber keine Zeit haben, sich um die Kinder zu kümmern. Mit dieser Einrichtung soll einer sozialen Verwahrlosung der Kinder vorgebeugt werden. Den Eltern entstehen durch das Kinderhaus keine Kosten, sie müssen sich jedoch an Auflagen bezüglich Kleidung, Sauberkeit, Pünktlichkeit und Achtung gegenüber der Erzieherin halten. Das Haus ist bei der Möblierung und den hygienischen Einrichtungen den Bedürfnissen der Kinder angepasst. Neben dem herkömmlichen Spielzeug wird den Kindern auch das von Itard und Séguin übernommene Material angeboten. Die Pädagogin glaubt, die damit erzielten Erfolge bei den behinderten Kindern auch auf gesunde übertragen zu können. Das Projekt und die erfolgreiche Arbeit von Maria Montessori fanden bald in Italien und über die Grenzen hinaus große Beachtung.
Die Pädagogin macht in diesem Rahmen die einschneidende Erfahrung, dass Kinder sich schon im Vorschulalter gut konzentrieren und sich auch aus eigenen Antrieb beschäftigen können. Bietet man Kindern die Möglichkeit, dann arbeiten sie aus eigenem Interesse, aus eigenem Antrieb und selbstständig. Maria Montessori folgert daraus, dass die Gestaltung der Umgebung, die Rolle der Erzieherinnen und das Arbeitsmaterial neu konzipiert werden müssen. Nach zwei Jahren endet ihre Arbeit in San Lorenzo.
In der nun folgenden Zeit setzt sich die Pädagogin mit großer Energie dafür ein, ihre Ideen bekannt zu machen. Sie veröffentlicht Bücher und Artikel und hält viele Vorträge. Außerdem bildet sie Erzieher nach ihrer Methode aus und bemüht sich, Strukturen für die Verbreitung von Montessori-Einrichtungen und Montessori-Materialien zu schaffen. Inhaltlich formt sie ihre Ideen zu einer Erziehungstheorie. Sie weitet ihre Überlegungen über das Vorschulalter hinaus aus und bezieht nun auch die Grundschulkinder in ihre Methoden mit ein. Um sich voll auf die Entwicklung der Montessori-Pädagogik und die Ausbreitung der Kinderhaus-Bewegung konzentrieren zu können, gibt sie ihre Professur und ihre immer noch bestehende kleine Arztpraxis auf.
Die Montessori-Bewegung: Im Zentrum der Philosophie von Maria Montessori steht das Kind als eigenständige Persönlichkeit, dem Hilfen zur Selbstentwicklung angeboten werden müssen. 1909 schreibt sie ihr erstes Buch: "Il metodo della applicato all' educazione infantile nelle casa dei bambini" ("Die Methode der wissenschaftlichen Pädagogik, angewandt in der Erziehung des Kindes in der Casa dei bambini", heute: "Die Entdeckung des Kindes"). Dieses Buch zeigt die Grundlagen der Methoden Maria Montessoris. Es beinhaltet eine Beschreibung der ersten Erfahrungen mit den Kinderhäusern, des eingesetzten Materials sowie der Aufgaben der Erzieherin. Auch im Zusammenhang mit dem Erscheinen dieses Buches breitet sich die Montessori-Bewegung schnell international aus. Die Autorin erlangt große Bekanntheit und erhält aus vielen politischen und weltanschaulichen Richtungen Zuspruch. Sie kann sich jedoch gegen die Einvernahme durch politische oder ideologische Organisationen erwehren, so dass es ihr mit der Unterstützung einiger guter Freundinnen und Mitarbeiter gelingt, ihre Unabhängigkeit zu wahren.
1916 zieht Maria Montessori, nachdem sie zunächst ihre Mutter und dann auch ihren Vater verloren hat, von Rom nach Barcelona. Dort gründet sie ein Montessori-Zentrum. Ihr Name ist inzwischen zu einem Markenzeichen geworden. Sie und ihre Mitarbeiter leben von dem Honorar für Vorträge, von den Teilnehmerbeiträgen bei Schulungen und von den Lizenzen, die sie für die Herstellung von Materialien erteilt, die unter ihrem Namen verkauft werden. Zur weiteren Unterstützung werden nun in vielen Ländern Montessori-Gesellschaften gegründet. Auch Mario Montessori steht seiner Mutter bei ihrer Arbeit zur Seite. 1929 wird schließlich die Association Montessori Internationale (AMI) gegründet.
Im Exil: Die politische Situation in Spanien wurde der unpolitischen Maria Montessori durch den spanischen Bürgerkrieg zu unruhig. Die inzwischen 66 Jahre alte Frau verlässt Barcelona und findet ein letztes Zuhause in dem Ort Nordwijk in den Niederlanden, wo sie sich mit ihrem Sohn Mario niederlässt.
Als sie 1939 in Indien einen Ausbildungskurs abhält, beginnt der Zweite Weltkrieg. Die Italienerin wird von der englischen Kolonialmacht bis zum Ende des Krieges festgehalten, ihr Sohn Mario sogar interniert. In dieser Zeit weitet sie ihre Theorie auch auf die Kinder vom Säuglingsalter bis zum dritten Lebensjahr aus. Nach Kriegsende kehrt die Pädagogin wieder nach Europa zurück.
Maria Montessori stirbt am 6. Mai 1952 in Nordwijk in den Niederlanden.
- Die Biografie
- Die Pädagogik Maria Montessoris
- Deutsche Montessori Gesellschaft e. V.
- Montessori-Schulen
Bibliografie:
- Horst K. Berg: Montessori - Mit Kindern das Leben suchen, Freiburg 2002
- Barbara Esser, Christiane Wilde: Montessori Schulen. Zu Grundlagen und pädagogischer Praxis, Frankfurt am Main 2002.
- Christine Hagemannn, Ingrid Börner: Montessori für Vorschulkinder, München 2000
- Helmut Heiland: Maria Montessori, Reinbek bei Hamburg 2003.
- Hildegard Holtstiege: Modell Montessori. Grundsätze und aktuelle Geltung der Montessori-Pädagogik, Freiburg 2000
- Sigurd Hebenstreit: Maria Montessori. Eine Einführung in ihr Leben und Werk, Freiburg 1999
- Marielle Seitz, Ursula Hallwachs: Montessori oder Waldorf? Ein Orientierungsbuch für Eltern und Pädagogen, München 2000









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