Total votes: 5
  • Send to friend
  • Diese Seite drucken
THEMEN

Muslimische Architektur in Spanien

Der fast 800 Jahre bestehende intensive Kontakt mit der muslimischen Kultur führte in Spanien zu einer von den übrigen europäischen Ländern abweichenden kulturellen und politischen Entwicklung. Nachdem 711 fast ganz Spanien arabisch geworden war, bildete sich der heutige Staat in den Jahrhunderten der Reconquista, der christlichen Rückeroberung, heraus. Mit der Heirat der kastilischen Königin Isabella I. mit König Ferdinand II. von Aragón im Jahr 1469 wurde das Ende der Koexistenz von Christentum, Judentum und Islam eingeläutet: 1492 war mit der Eroberung Granadas die islamische Herrschaft in Spanien beendet. Ihre kulturellen Einflüsse wirkten jedoch bis in die Gegenwart fort.

Historischer Überblick

Die islamische Eroberung 711 bis 756

Zu Beginn des 8. Jahrhunderts war die Iberische Halbinsel von Westgoten beherrscht, die im Zuge der Völkerwanderung Anfang des 5. Jahrhunderts nach Spanien gekommen waren. Soziale Spannungen und die Rivalitäten innerhalb der dünnen Oberschicht führten allmählich jedoch zu einer Schwächung des Westgotenreichs. Immer wieder riefen die konkurrierenden Clans auswärtige Mächte zu Hilfe, um auf den Thron zu kommen, so Anfang des 8. Jahrhunderts die Muslime aus Nordafrika.

Diese setzten 711 nach Spanien über und konnten das Land bis etwa 716 ohne nennenswerten Widerstand fast vollständig erobern. Bis etwa 751 unternahmen die Muslime außerdem mehrfach Vorstöße nach Frankreich. Nur in einigen unzugänglichen Regionen in Asturien, Galicien und Altkastilien konnten sich christliche Herrschaften halten. In der Folgezeit verlief die unscharfe Grenze am Lauf des Duero im Norden und den Pyrenäen im Osten.

Emirat und Kalifat Córdoba 756 bis 1031

Nachdem zunächst einzelne lokale islamische Herrschaften entstanden waren, die sich zum Teil heftig bekämpften, gelang es 756 dem Omaijaden Abd Ar Rahman I., in Córdoba ein zentrales Emirat zu errichten. Im Jahr 929 vollzog Abd Ar Rahman III. mit der Einrichtung eines Kalifats auch die formale Selbstständigkeit vom Kalifen in Bagdad. In der Folgezeit wurde Marokko in das Cordobeser Kalifat einverleibt; die islamische Herrschaft in Spanien erreichte ihre größte Ausdehnung.

Eine effektive Landwirtschaft auf der Grundlage intensiver Bewässerung, eine straffe Verwaltung, ein auf Ausgleich gerichtetes Sozialsystem sowie eine weit gehende religiöse Toleranz gegenüber Christen und Juden schufen die Voraussetzungen für eine Blütezeit islamisch-spanischer Kultur, deren augenfälligstes Beispiel die Freitagsmoschee in Córdoba, die Mezquita, ist.

Unter den Nachfolgern Abd Ar Rahmans III. begann der Niedergang der omaijadischen Dynastie; die eigentliche Herrschaft lag in den Händen der Verwalter, während die Autonomiebestrebungen in den einzelnen Regionen wuchsen. 1031 schließlich zerfiel das Kalifat in Córdoba in kleinere selbstständige Stadtstaaten oder Fürstentümer.

Die Zeit der Fürstentümer (Taifas) 1031 bis 1090

Unter den mehr oder weniger selbstständigen Taifas verfügten besonders die von Zaragoza im Nordosten, Toledo im Zentrum und Sevilla im Süden über größere Regionen und deshalb mehr Macht. Córdoba dagegen hatte seine Bedeutung weitgehend verloren. Während die Paläste in Toledo und Sevilla verloren sind, gibt die Aljafería in Zaragoza noch heute einen Eindruck von der Baukunst der Taifazeit.

Die Schwäche der islamischen Reiche beflügelte die Reconquista, die im 11. und 12. Jahrhundert erhebliche Fortschritte machen konnte. Bereits 1085 eroberte Alfons VI. von Kastilien und León Toledo und machte die reiche Stadt zwei Jahre später zu seiner Residenz.

Die Almoraviden und Almohaden 1090 bis 1248

Der Fall Toledos an die Christen war der Anlass, die in Marokko herrschenden Almoraviden, eine Berberdynastie, zu Hilfe zu rufen. Diese konnten die Christen teilweise zurückdrängen und schlossen das islamische Spanien ihrem Herrschaftsgebiet an. Im 12. Jahrhundert wurden die Almoraviden von den Almohaden, Berbern aus dem Hohen Atlas, verdrängt, die 1161 in Spanien einfielen und es zur Provinz des Almohadenreichs machten.

Neben der Hauptstadt des maurischen Reichs, Marrakesch, wurde Sevilla bevorzugte Residenzstadt. Der Glockenturm der Sevillaner Kathedrale, die Giralda, ist einer der beeindruckendsten Minarette der almohadischen Zeit.

Die christliche Reconquista schritt jedoch nach einer entscheidenden Niederlage der Muslime 1212 weiter voran. Nach dem Fall von Córdoba 1236 und der Einnahme Sevillas durch Ferdinand III. von Kastilien und León 1248 war die almohadische Herrschaft beendet. Einzig im Südosten der Iberischen Halbinsel gab es mit Granada im Zentrum noch ein islamisches Reich.

Letzte Blüte in Granada 1237 bis 1492

Während des Zusammenbruchs der almohadischen Herrschaft in Spanien konnten sich die Nasriden in Granada festsetzen. Auf der Grundlage weitreichender Handelsbeziehungen, einer intensiven Landwirtschaft und eines Ausgleichs sowohl mit Kastilien als auch mit Marokko entwickelte sich in Granada mit den Palästen der Alhambra noch einmal ein Höhepunkt islamisch-spanischer Architektur und Kultur.

Nach der Vereinigung der beiden christlichen Reiche Kastilien-León und Aragón waren jedoch die Tage des Islam auf spanischem Boden gezählt: 1492 musste Granada kapitulieren - im selben Jahr, als Christoph Kolumbus für Spanien eine neue Welt entdeckte.

Charakteristika

Die islamisch-spanische Kunst entstand aus dem Wechselspiel zwischen westgotischen, römisch-iberischen, byzantischen und arabischen Elementen. Sie blieb in Spanien nicht isoliert: Christliche und islamische Kultur beeinflussten sich gegenseitig, wie das häufig rein islamische Dekor christlicher Kirchen und Paläste zeigt. Dieser Mudéjarstil, das heißt die Verwendung islamischer Formen in christlichem Zusammenhang, wirkte noch bis in die Gegenwart fort. Doch der kulturelle Austausch funktionierte nicht nur Richtung Norden, sondern auch mit dem maurischen Reich im Süden jenseits der Meerenge von Gibraltar.

Ornament

Da die figürliche Darstellung wegen des Bilderverbots des Islam weitgehend vermieden wurde, bildeten aus Flechtband-, Netzwerk-, Linien-, Stern- und Pflanzenmustern oder aus der kufischen Schrift entwickelte Flächenornamente oder Ornamentbänder die vorherrschenden Schmuckformen.

Bogenformen

Die Hufeisenbögen, die schon im westgotischen Sakralbau Verwendung fanden, wurden vielfach variiert. So entstanden der spitze oder gekielte Hufeisenbogen, Vielpass- und Fächerbogen, die häufig auch zu Systemen sich kreuzender Bögen verbunden wurden. Häufig sind diese Bögen mit einer rechteckigen Umrahmung versehen, dem Alfiz, dessen Zwickel meist reich reliefiert sind.

Mukarnas

Bögen, Kuppeln und Kapitelle wurden häufig mit Mukarnas aus Stuck oder Holz geschmückt, einem wabenähnlichen Dekormotiv, das aus vielen nischenartigen Teilen zusammengesetzt ist. Bei großen Stalaktitenkuppeln kulminieren die Mukarnas häufig in einem Achteckstern, der durch seitliches Licht beleuchtet wird.

Ziegel und Kacheln

Für viele islamische Bauten charakteristisch sind die bunten, häufig grün glasierten Dachziegel, die manchmal zu Gittermustern verlegt wurden. Auch als Wandschmuck in den Innenräumen waren bunte Ziegel, sog. Azulejos, äußerst beliebt. Meist wurde der untere Teil der Wände mit den reich ornamentierten Kacheln gefliest, wobei ein Ornamentband den Abschluss bildete. Oberhalb dieser Sockel sind die Wände entweder glatt verputzt oder mit Stuckornamentik (Yesería) geschmückt. Holz wurde in der Regel nur für die oft mit reichem Schnitzwerk geschmückten Decken verwandt.

Grundrisstypen

Für das private Wohnhaus in den Städten war das Innenhofhaus der Standard. Um den rechteckigen oder quadratischen Innenhof (Patio), unter dem sich oft ein Wasserreservoir befand, waren meist Arkadengalerien angelegt. Größere Häuser oder Paläste besaßen mehrere Innenhöfe, in denen auch Gärten mit Wasserbecken angelegt waren. Nach außen hin zeigten sich die Häuser äußerst schlicht, der Baudekor entfaltete sich in den Innenräumen.

Bild
Grafische Darstellung der Mezquita in Córdoba

Bei den Moscheen war der basilikale Typus vorherrschend. Die nebeneinander liegenden Schiffe liefen zumeist auf ein Querschiff zu, das der Gebetsnische, dem Mihrab, vorgelagert war, sodass sich ein T-Grundriss ergab. Die Schiffe waren unter Satteldächern meist flach gedeckt, in der Regel waren nur der Mihrab und der dem Herrscher vorbehaltene Raum davor (Maksura) überkuppelt.

Beispiele islamisch-spanischer Architektur

Die Mezquita in Córdoba

Die Hauptmoschee von Córdoba, die Mezquita, gehört zu den großartigsten Leistungen der islamisch-spanischen Architektur und ist ein Höhepunkt der Omaijadenkunst. Der Gründungsbau entstand ab 785 unter Emir Abd Ar Rahman I. in nur etwa einem Jahr. Diese kurze Bauzeit wurde möglich, weil viele römische und westgotische Spolien, also Reste aus alten Bauwerken, wieder verwendet wurden und die islamischen Kriegszüge nach Südfrankreich große Beute erbracht hatten.

Für Abd Ar Rahman I., der 756 in Córdoba ein de facto unabhängiges Emirat errichtet hatte, bedeutete der Bau der neuen Moschee eine Möglichkeit der Repräsentation. Die Freitagsmoschee, in der sich alle männlichen Gläubigen einer Stadt freitags zum Gottesdienst versammeln, bei dem der Herrscher als politischer und religiöser Führer der Gemeinde oder sein Vertreter eine Predigt hält, ist der wichtigste Sakralbau einer islamischen Stadt.

Die Cordobeser Moschee folgt dem Typ der Hofmoschee mit einem mehrschiffigen Betsaal und einem vorgelagerten Arkadenhof. Anders als christliche Kirchen haben Moscheen kein Zentrum wie den Altar, wichtig ist allein die grundsätzliche Ausrichtung nach Mekka (Kibla). So gibt der scheinbar endlose Säulenwald der Mezquita dem Auge keine feste Richtung vor, sondern symbolisiert die Unendlichkeit Gottes, die nicht personifizierbar ist, und die Gleichheit aller Gläubigen.

Der Gründungsbau von 785 umfasste elf senkrecht zur Kiblawand stehende Schiffe mit zwölf Jochen, wobei das Mittelschiff, das auf die Gebetsnische (Mihrab) zulief, breiter war. Der 37 m lange Betsaal und der vorgelagerte Hof bedeckten eine nahezu quadratische Fläche von insgesamt 74 m Seitenlänge. Von den vier Eingängen ist heute noch das Tor der Minister, die Puerta de San Esteban, erhalten. Der Dekor des Hufeisenbogens mit abwechselnd Ziegel und hellem Sandstein als Keilsteine wurde beispielgebend für die späteren Tore.

Die zweigeschossige Bogenstellung im Innern des Gebetssaals erlaubte es, trotz der relativ niedrigen römischen und westgotischen Säulen, die wiederverwandt wurden, einen etwa 9,5 m hohen Innenraum zu erzielen. Auch hier wurden für sowohl für die unteren Hufeisen- als auch für die oberen Halbkreisbögen alternierend roter Ziegel und heller Sandstein verwendet. Flache Holzdecken schlossen die einzelnen Schiffe ab, die jeweils eigene Satteldächer hatten. Die heute vorzufindenden hellen Gewölbe stammen zumeist aus dem 18. Jahrhundert.

Unter Abd Ar Rahman II., der 822 bis 852 regierte, wurde die Freitagsmoschee das erste Mal erweitert. Die Kiblawand wurde um acht Joche nach Süden verschoben, so dass der Betsaal eine Länge von 64 m erreichte. Die zweigeschossige Bogenstellung und die farbige Fassung des Gründungsbaus wurden bei dieser wie bei den folgenden Erweiterungen beibehalten.

Mitte des 10. Jahrhunderts ließ Abd Ar Rahman III. die Nordmauer der Moschee verstärken, den Vorhof vergrößern und mit Arkaden einfassen sowie ein Minarett errichten, den Kern des heutigen Glockenturms.

Sein Nachfolger Al Hakam II. nahm 962 bis 966 eine umfangreiche Erweiterung des Betsaals vor. Die Kiblawand wurde um zwölf weitere Joche nach Süden verschoben, sodass der Betsaal eine Länge von knapp 104 m erreichte. Der neue Mihrab mit siebeneckigem Grundriss wurde mit einer muschelförmigen Kuppel gedeckt. Der Raum davor wurde durch ein System sich kreuzender Vielpassbögen und Rippenkuppeln besonders hervorgehoben (heute Capilla de Villaviciosa). Die Gebetsnische, der Mihrab, bildet den Höhepunkt des Bauwerks: Marmor und Goldmosaik in vielfältiger Ornamentik schmücken den Hufeisenbogen und den ihn umfassenden Alfiz.

Um 978/79 wurde die Moschee von Al Mansur, dem mächtigen Minister von Hischam II., ein letztes Mal erweitert. Wegen des Flusses Guadalquivir war eine erneute Vergrößerung nach Süden nicht mehr möglich, sodass im Osten der Moschee acht neue Schiffe über die ganze Länge errichtet wurden und der Bau nun eine Fläche von rd. 178 x 128 m bedeckt. Der Mihrab wurde an der alten Stelle belassen - die Erweiterung von Al Mansur erhielt dadurch einen untergeordneten Charakter.

Durch das Vermauern der offenen Nordwand des Betsaals und vor allem durch den Einbau der christlichen Kathedrale im 16. Jahrhundert wurde der ursprüngliche Eindruck des schier endlosen Säulenwalds und der Weite des Raums erheblich beeinträchtigt. Von den einst 1409 Säulen sind mehr als 850 erhalten geblieben.

Die Aljafería in Zaragoza

Die Zeit der kleinen Fürstentümer (Taifas) nach dem Zusammenbruch des Kalifats von Córdoba führte zu einer kulturellen Blüte in zahlreichen kleineren Städten. Wegen der unruhigen politischen Lage wurden viele Festungen erbaut bzw. verstärkt und die Städte erhielten Umfassungsmauern. Von den Palästen der Taifa-Zeit ist die Aljafería in Zaragoza eines der prächtigsten Beispiele. Sie wurde in der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts von Abu Jafar al-Muktadir am Ebroufer errichtet.

Die Anlage ist von einer dicken Mauer aus Werkstein, die mit Rundtürmen befestigt ist, umgeben. Im Norden erstrecken sich die Empfangsräume, im Süden die Wohnräume. Der Hof dazwischen ist mit Gartenanlagen und Wasserbecken geschmückt. An den Empfangstrakt schließt sich im Osten eine kleine Moschee mit einem oktogonalen Grundriss - eine Anspielung an den Felsendom in Jerusalem - an. Während die Gestaltung des Mihrab eng dem Vorbild der Mezquita in Córdoba folgt, zeigen die den Wänden des Betraums vorgeblendeten Arkaden neue Dekorformen: Rundpässe und rechtwinklige Bogeneinschnitte verbinden sich hier zu einem Schmuckelement, das in der Folgezeit vielfältig abgewandelt immer wieder Verwendung fand.

Dieses Motiv der gemischtlinigen Bögen wurde auch bei den anderen Gebäudeteilen der Aljafería durch sich kreuzende und verflechtende Rund- Hufeisen- und gekielte Hufeisenbögen zu höchster Komplexität gesteigert. Nachdem Zaragoza 1118 im Zuge der Reconquista christlich geworden war, wurde die Aljafería nur unwesentlich umgestaltet. Erst im 19. Jahrhundert wurden umfassende Veränderungen vorgenommen, die jedoch durch die Restaurationen des 20. Jahrhundert wieder rückgängig gemacht wurden.

Die Alhambra von Granada

In der maurischen Kunst Spaniens, die im nasridischen Palast ihren Höhe- und Endpunkt fand, wurden Mukarnas- und Stucktechnik verfeinert und der Wandschmuck mit Azulejos und aufgemalten farbigen geometrischen Mustern eingeführt. Typisch wurde der sog. Lambrequinbogen, dessen vielfältige Auskerbungen wie mit der Laubsäge gearbeitet erscheinen.

Bereits seit dem 9. Jahrhundert gab es Festungs- und Palastbauten auf dem Sabika-Hügel oberhalb von Granada, einem Ausläufer der Sierra Nevada. Doch erst mit der Errichtung der nasridischen Herrschaft ab 1237 begann die Ausgestaltung der Palaststadt in der heutigen Form. Gegen Ende des 13. Jahrhunderts waren vermutlich die rd. 2200 m langen, rötlichen Umfassungsmauern aus Stampflehm, die Renovierung und Verstärkung der Alcazaba - der Burg aus dem 11. Jahrhundert im Westen -, die Verbindung zum Außenfort der Torres Bermejas aus dem 8./9. Jahrhundert im Südwesten sowie die Wasserversorgung vollendet. Innerhalb der Mauern befanden sich neben den eigentlichen Palastanlagen Werkstätten, Läden und Wohnungen, Moscheen, Bäder, Kasernen und Gärten.

Die heute erhaltenen Palastbauten entstanden im Wesentlichen in den Regierungszeiten von Jusuf I. (1333-54) und Muhammad V. (1354-59 und 1362-91). Sie lassen sich in fünf Bereiche unterteilen: Meschuar-Komplex, Cuarto Dorado, Comares-Komplex mit Myrtenhof, der berühmte Löwenhof sowie der Bäder- und Daraxa-Komplex.

Der Meschuar wurde vermutlich im 13. Jahrhundert errichtet und diente als Audienz- oder Beratungssaal. Von diesem in christlicher Zeit durch Umbauten veränderten Raum gelangt man über einen Innenhof zum Cuarto Dorado, dem unter Muhammad V. erbauten Goldenen Raum. Die Südfassade mit ihren filigranen Stuckaturen, den Türumrahmungen und Sockeln aus Azulejos bildet einen Höhepunkt nasridischen Dekors. Ein Mukarnasfries schließt den Wandschmuck oben ab, der durch eine weit vorkragende Holzdecke geschützt wird. Allein die Inschriften verweisen darauf, dass an dieser Stelle der eigentliche Palastbereich des Herrschers beginnt. Anders als bei christlichen Palästen sind die Gemächer nicht in Fluchten angeordnet, sondern um Innenhöfe gruppiert, zu denen verwinkelte Gänge mit unterschiedlichen reizvollen Perspektiven führen.

So gelangt man vom Cuarto Dorado durch mehrere Räume zum Comares-Komplex mit dem Myrtenhof, dem Zentrum des unter Jusuf I. erbauten Palastes. Die 45 m hohe Torre Comares im Norden beherbergt den sog. Botschaftersaal (Sala de los Embajadores), der von einer Zedernholzdecke mit einem vielteiligen Sterndekor überwölbt ist und Jusuf I. als Thronsaal diente. Ihm quer vorgelagert ist die Sala de la Barca, die sich durch sieben Bögen zum Myrtenhof (Patio de los Arrayanes) öffnet. In der lang gestreckten, von Myrtenhecken eingefassten Wasserfläche des Hofs spiegeln sich die filigranen Stuckaturen der Arkaden und Portalumrahmungen.

Im Süden des Myrtenhofs schließt sich quer dazu stehend der Komplex des Löwenhofs (Patio de los Leones) an, Mittelpunkt des Palastes von Muhammad V. Der rechteckige Hof ist von Arkaden gesäumt, die im Osten und Westen jeweils zu Pavillons hervorspringen. In der Mitte des ursprünglich bewachsenen Patio befindet sich ein Brunnen mit Löwenskulpturen, die vermutlich aus dem 14. Jahrhundert stammen, von anderen Forschern auf das 11. Jahrhundert datiert werden. Der gesamte Hof ist von reich dekorierten Sälen mit Mukarnaskuppeln umgeben: im Westen von der Sala de los Mocárabes, im Süden der Sala de los Abencerrajes, im Osten dem vielfach unterteilten Königssaal (Sala de los Reyes), der für den Islam ungewöhnlicherweise mit figürlichen Deckengemälden geschmückt ist, und im Norden dem Saal der zwei Schwestern (Sala de las dos Hermanas).

Die Sala de las dos Hermanas gewährt Zugang zum Daraxa-Komplex, der sich um einen kleinen Garten (Patio de Lindaraja) gruppiert. Dieser Bereich wurde im 16. Jahrhundert völlig umgestaltet, nur die Badeanlagen aus nasridischer Zeit sind erhalten geblieben. Der gesamte Teil südlich des Myrten- und des Löwenhofs fiel im 16. Jahrhundert dem unvollendet gebliebenen Renaissancepalast von König Karl I. (Kaiser Karl V.) zum Opfer.

Östlich dieses Gebäudekomplexes befindet sich der Partalpalast, der vermutlich unter Muhammad III. (1302-1309) errichtet wurde und damit der älteste erhaltene Palast der Alhambra ist. Auf einem Hang oberhalb der Alhambra im Osten liegt das Lustschloss Generalife mit mehreren Gartenanlagen und Wasserspielen. Es stammt vermutlich aus dem ersten Drittel des 14. Jahrhunderts.

Der Alcázar von Sevilla

Die königlichen Palastbauten des kastilischen Königs Pedro I., der Grausame, der 1349 bis 1369 in Sevilla residierte, sind ein bedeutendes Beispiel dafür, wie sehr islamische Kunst und Kultur auch von christlichen Herrschern geschätzt wurden. Bis ins 20. Jahrhundert hinein wirkte dieser Mudéjarstil - als urspanischer Nationalstil aufgefasst - fort. Unter Mudéjar wurden zunächst die Muslime verstanden, die unter christlicher Herrschaft in Spanien lebten. Im 19. Jahrhundert wurde diese Bezeichnung allgemein auf islamische Dekor- und Bauformen ausgeweitet, die im christlichen Spanien verbreitet waren.

Bis auf wenige aus islamischer Zeit erhaltene Gebäudeteile sind die Alcázares Reales in Sevilla im Mudéjarstil errichtet. Seit dem 9. Jahrhundert befand sich gegenüber der Freitagsmoschee (von der heute nur der Glockenturm, die Giralda, und die Umfriedung des Orangenhofs erhalten sind) die Residenz der islamischen Herrscher, an die sich umfangreiche Gartenanlagen anschlossen. Zwischen 1350 und 1369 wurde dieser Alcázar von granadinischen Handwerkern im Stil der nasridischen Alhambra umgestaltet und erweitert. Weitere Umbauten wurden im 15. und 16. Jahrhundert von den Katholischen Königen und ihren Nachfolgern vorgenommen.

Das Eingangsportal des Palastkomplexes aus dem 14. Jahrhundert ist ein Meisterwerk der Dekorationskunst im Mudéjarstil: Azulejos mit geometrischen Mustern, der eigentlichen Fassade vorgeblendete gemischtlinige Bögen und kufische Schriftbänder verweisen auf die islamischen Kunsthandwerker, die gotische Schmuckschrift und das Wappen von Pedro I. auf den christlichen Auftraggeber.

Ein schmaler Gang führt vom Eingang zum zentralen Patio de las Doncellas, in dessen islamischen Dekor die Wappen von Kastilien und León eingearbeitet sind. Von hier aus ist der repräsentativste Raum des Palastes, der Salón de Embajadores, zugänglich, dessen Wände oberhalb der Azulejossockel mit fein ziselierten Stuckornamenten geschmückt sind.

Der Patio del Yeso dagegen stammt ebenso wie Teile der Umfassungsmauer aus almohadischer Zeit. Der lange, rechteckige Gartenhof ist von einem Kanal durchzogen, zu dem sich an der einen Längsseite ein siebenbogiger Portikus öffnet. An der einen Schmalseite bietet eine dreibögige Arkade Zugang zu einem Kuppelsaal, der jedoch in christlicher Zeit umgestaltet wurde.

Bibliografie:

  • Georg Bossong: Das maurische Spanien. Geschichte und Kultur, München 2007
  • Marianne Barrucand und Achim Bednorz: Maurische Architektur in Andalusien, Köln 1992
  • Titus Burckhardt: Die maurische Kultur in Spanien, München 1980
  • Arnold Hottinger: Die Mauren. Arabische Kultur in Spanien, München 1995
Total votes: 5
  • Send to friend
  • Diese Seite drucken

Post new comment


0 Kommentare

Filtered HTML

  • Internet- und E-Mail-Adressen werden automatisch umgewandelt.
  • Zulässige HTML-Tags: <a> <em> <strong> <cite> <blockquote> <code> <ul> <ol> <li> <dl> <dt> <dd>
  • HTML - Zeilenumbrüche und Absätze werden automatisch erzeugt.

Plain text

  • Keine HTML-Tags erlaubt.
  • Internet- und E-Mail-Adressen werden automatisch umgewandelt.
  • HTML - Zeilenumbrüche und Absätze werden automatisch erzeugt.
CAPTCHA
This question is for testing whether you are a human visitor and to prevent automated spam submissions.